Playboy Rolf Eden "Meine Freundin ist eigentlich zu alt. Die ist 30"

Seine Klubs am Ku'damm begeisterten West-Berlin, seine Frauengeschichten machten ihn zum Liebling der Klatschpresse: Rolf Eden stand im Dauerfeuer der Medien - und blieb doch ein Mysterium. Besuch bei Deutschlands letztem Playboy.

HC Plambeck

Von


Knistern. Rascheln. Hinter durchsichtigem Pergamentpapier die nächsten Bilder. Die Finger streichen sanft über die Seiten, die in den Jahrzehnten vergilbt sind. Kojak starrt von einem schwarz-weißen Foto. In offenem, wild gemustertem Hemd. Vor einer wild gemusterten Tapete. Daneben in geschwungenen Buchstaben: "Best wishes, Rolf. Telly Savalas".

Die Hand zittert, tastet weiter über das Buch. Beinahe zärtlich schlägt sie die nächste Seite auf. "Immer munter im Eden", hat Schauspielerin Helga Sommerfeld geschrieben. Auf 1966 ist ihr Eintrag datiert. Ein paar Seiten später, 1967, wirre Linien, die wohl Worte sein sollen. Und der Name Kinski. Er, rauchend, prangt daneben.

Rolf Eden, Deutschlands letzter Playboy, blättert durch die Vergangenheit. Das Album liegt vor ihm auf dem Marmortisch, neben dem Kamin aus Marmor. Auf Dutzenden Seiten deckt es gerade mal die Jahre 1966 und 67 im "Old Eden" ab. In Edens Klubs lagen die Bücher aus. Und die Prominenten, die dort wild feierten, würdigten den Besitzer mit Fotos, Autogrammkarten und Grußworten.

Fotostrecke

17  Bilder
Berliner Original: The Big Eden

Macher, Musiker, Lachnummer. Wer Rolf Eden ist, darüber rätselt Deutschland seit mehr als 50 Jahren. Für die einen ist er ein sexistischer Dinosaurier. Für die anderen eine Art deutscher James Bond, der im Smoking mit dem Aston Martin ins Casino rast und dort alles auf Rot setzt. 2011 hat Peter Dörfler ihn mit seiner Dokumentation "The Big Eden" und der 2012 gemeinsam verfassten Biografie "Immer nur Glück gehabt" aus den Boulevardblättern ins Feuilleton gehievt. "Bild", "Zeit", SPIEGEL - egal ob sie ihn verachtet haben oder bewundert, gesprochen haben sie alle über ihn, den Altherren-Vampir, der jungen Frauen die Lebenskraft auslutscht.

"Ich bin ein Nachtmensch", sagt Rolf Eden und knabbert an einem Keks. Es ist früher Nachmittag, Eden sitzt im Wohnzimmer seiner Villa in Dahlem. Gestreiftes Hemd, lilafarbener Pullover. Der weiße Bademantel hängt über die nackten Beine hinab. Die Nacht zuvor war er unterwegs, sagt er. "Erst in der Paris Bar, dann noch in einem sehr schönen Klub. Ich komm gleich auf den Namen."

Der Bademantel umhüllt ihn, wie der Flaum ein Küken. In diesen Tagen wird Rolf Eden 85. Auf den Bildern aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern, die ihn umgeben, strahlt er eine überschwängliche Lebensfreude aus. Der Mann, der heute mit eingesunkenen Schultern in seiner Villa sitzt, sieht müde aus. Der große Eden ist klein geworden. Und die vielen Edens um ihn herum, seine lachenden auf Zelluloid gebannten Abbilder aus einem anderen Jahrtausend, machen ihn nur noch kleiner.

"Berlin ist die schönste Stadt der Welt für mich", sagt er und greift behutsam in die kleine Porzellanschale mit den Keksen. "Fantastische Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Das Allerwichtigste sind aber die hübschen Frauen."

Die Wanderjahre des Rolf Eden

In der schönsten Stadt der Welt wurde Eden 1930 als Rolf Sigmund Sostheim geboren. Seine jüdischen Eltern beschlossen, Berlin zu verlassen, als Hitler die Macht ergriff. 1933 wanderte die Familie nach Palästina aus. In Haifa gründete sie das Hotel Eden. Und bereits hier, in der eher verschlafenen Küstenstadt, wurde Eden zum Entertainer. "Ich bekam meine erste Mundharmonika und spielte bald viele israelische und auch russische Lieder. Musik mache ich bis heute", sagt Eden und deutet auf das Akkordeon. Es steht unter einem Schrein aus Zeitungsausschnitten und alten Werbeflyern für seine Klubs. "Wir wurden schon als Kinder viel engagiert. Wir spielten im Picadilly und im El Dorado. Da haben wir gut Geld verdient."

Trotzdem konnte der junge Eden es nicht erwarten, Haifa den Rücken zu kehren. Mit 18 zog er nach Tel Aviv. Und wurde im frisch gegründeten Staat Israel zum Militär eingezogen. Statt in einem normalen Regiment meldete er sich für den Dienst in der Palmach - der Spezialeinheit des späteren Ministerpräsidenten Jizchak Rabin. "Wir fuhren Lastwagen mit Hilfsgütern nach Jerusalem. Und wir waren in allen möglichen Kämpfen", sagt Eden. "Bis zu dem einen, bei dem sie alle anderen umgebracht haben. Und ich war der Einzige, der noch lebte. Weil ich ohnmächtig geworden bin und die Araber dachten, ich wäre auch tot." Eden lacht. Oft ist dieses Lachen ein Schlusspunkt. Hahaha, nächstes Thema bitte.

Neben ihm auf der Anrichte, umgeben von Familienbildern und Tablettendöschen, steht ein Foto mit seiner Einheit, aufgenommen kurz vor dem verheerenden Kampf. Immer wieder streicht sich Rolf Eden über die dürren Arme, als könne er so den Schrecken abstreifen.

Holocaust, Verlust, Krieg - über die Dunkelheit will Eden nicht sprechen. Lieber über die Liebe. Seine erste und einzige Ehefrau lernte er im Armeecamp kennen. "Dori war ein wenig älter als ich. Die hatte ja schon im Weltkrieg für die Engländer gekämpft", sagt Eden. "Sie war Krankenschwester, mit ihr habe ich im Camp mein erstes Kind gemacht. Das habe ich bis heute - ist über 60." Rolf Eden lacht.

Gehalten hat ihn das nicht in Israel. Fragen nach der Familie perlen an Eden ab. "Fiel mir überhaupt nicht schwer wegzugehen." Schulterzucken. Unverständnis. Noch einen Keks.

Tel Aviv - Paris - Berlin

Für seinen Traum einer Musikerkarriere verließ er "die Dori" und seine Tochter Irit und ging 1954 nach Paris. Er kellnerte, arbeitete in Bars. Aber einen Durchbruch gab es für den Aufreißer aus Israel auf dem Montparnasse nicht. Nur Frauen, immer wieder neue Frauen. Bis er 1957 in einer Zeitung las, dass gebürtige Berliner bei ihrer Rückkehr 6000 Mark bekommen. Eden saß im nächsten Zug in die Stadt. Mit dem Startgeld eröffnete er seinen ersten Klub - den "Eden Saloon".

"Wir hatten Musikboxen und DJs, das war eine Sensation für die Zeit." Stars gingen bei ihm ein und aus. Die Rolling Stones pinkelten ihm in den Rolls Royce, James Brown legte Platten auf, er sang mit Ella Fitzgerald. Auch außerhalb seiner Klubs suchte er das Rampenlicht. Als Darsteller in Filmen wie "Das Testament des Dr. Mabuse" und Schmuddelstreifen wie "Josefine, das liebestolle Kätzchen". Das Westberlin der Nachkriegszeit, Rolf Eden ist sein Destillat. Wenn er über seine Jahre in der Hauptstadt spricht, über den Erfolg, den er mit seinen sechs Klubs hatte, dann leuchtet etwas in ihm auf. Genauso wie bei den Geschichten über seine Eroberungen, deren Namen er häufig verschweigt.

"Ich bin ein Gentleman", sagt Eden und schiebt die Werbeprospekte beiseite, die das Klavier bedecken. Es strahlt so weiß wie sein Bademantel. Klavier hat er damals auch gespielt, in seinen Klubs. Hier, zwischen all den Erinnerungen und Bildern, ist es ein Ablenkungsmanöver für die "Damen". Ein Knopfdruck, und das Klavier spielt weiter - elektronisch. Dann hat Rolf Eden die Hände frei.

Vorsichtig rückt sich Eden auf dem Bänkchen zurecht. Die bloßen Füße suchen, tasten, bis sie die Pedale gefunden haben. Die rechte Hand plinkert ein paar Mal über die Tasten, findet Halt, beginnt zu spielen. "Die Damen mögen das", sagt Rolf Eden über die Schulter.

Für Eden sind alle Frauen "Damen". Ob sie nun 20 oder 70 sind. "Meine Freundin, die Brigit, ist eigentlich schon zu alt. Die ist 30. Aber die ist so süß, die kann bei mir bleiben." Ein Lächeln zieht sich durch Rolf Edens Gesicht. Durch den ersten Stock der Villa klingen Schritte. Brigit, mit der Eden seit fünf Jahren zusammen ist, heißt eigentlich Alina. Aber Eden will, dass sie Brigit heißt. Sie sieht schließlich Brigitte Bardot so ähnlich.

"Die ist so fantastisch. Wenn ich ein Mädel nach Hause bringe, dann hilft die mir noch, sie auszuziehen."

Des Kaisers neue Kleider

Was wahr ist an diesen Geschichten, weiß außer Eden niemand so genau. Die Kunstfigur, als die er sich über Jahrzehnte erschaffen hat, überstrahlt jede Realität. "Nach dem Tod ist nichts mehr", sagt Eden. "Aber bis dahin sollen die Leute über mich sprechen und sich den Kopf über meine Person zerbrechen."

Mit unsicherem Schritt geht Rolf Eden im Bademantel durch seine Wohnung. Vorbei an den gemalten Porträts im Flur. Eins zeigt ihn als römischen Kaiser, umgeben von nackten Gespielinnen. Was von ihm übrig bleiben soll? Vielleicht das Wort "abschleppen". "Hab ich erfunden, so 50 Jahre ist das her", sagt Eden. Einen Song hat er dazu auch parat - den Abschlepp-Twist. Leise beginnt Eden zu singen:

"Geld ist nicht wichtig, aber geil muss sie sein, schön muss sie sein, schön muss sie sein. Fehler kann sie haben, aber sch-sch-sch-sch-schön muss sie sein, schön muss sie sein nur für mich." Seine Stimme ist dünn, wie eine Seite Pergamentpapier in einem alten Fotoalbum.

"Und wenn sie küssen kann, wuahahaha, so r-r-r-r-richtig küssen kann, dann schaff ich alles an, was dieser Frau gefällt." Die Edens auf den Fotos um ihn herum lächeln.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
J. Kamb, 05.02.2015
1.
Reich und armselig zugleich.
Robert Bauer, 05.02.2015
2. Ein schräger Vogel
aber mit Stil:-).
Manuel Lisa, 05.02.2015
3. Der Mann
hatte ein bewegtes Leben, Respekt, die Nummer muss man erst mal durchziehen! Und was seine Frauen angeht...solange die sich das geben, warum auch immer, denn isses halt so!!!
kay neumann, 05.02.2015
4. Immer nur Glück gehabt?
Wenn man so wenig begriffen hat über das Leben, die Liebe und das Alt-Werden, dann ist das nicht glücklich, sondern nur grenzenlos traurig.
Phil Bo, 05.02.2015
5. Was heist armselig
ERfolgreich...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.