Rollender Summer of Love Einer für Hippies und Handwerker

Rollender Summer of Love: Einer für Hippies und Handwerker Fotos

Wenige Autos haben eine so treue Anhängerschaft wie der VW-Bulli. Der Kleinbus begann 1947 als Transporter und wurde zu einem von Rockbands besungenen Freizeitmobil. Er mobilisierte Generationen von Handwerkern, Urlaubern und Hippies. Bis heute ist er ein Lebensgefühl auf vier Rädern. Von Jürgen Pander

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"Well, I'm gonna find a home on wheels" heißt es im Stück "Going mobile" der britischen Rockband The Who. "Der VW Bus, über den ich in diesem Song schrieb, war das rollende Hippie-Heim - wir alle liebten ihn", sagt Pete Townshend, Gitarrist und einer von zwei Überlebenden der Originalbesetzung von The Who. Die vor einem Jahr neu formierte Band wird - mit Townshend und Sänger Roger Daltrey - zur großen Party der VW-Bulli-Gemeinde auf dem Messegelände in Hannover aufspielen. Ein exklusives Konzert für alle, die mit ihren Bussen zur Geburtstagsparty des Multimobils anreisen werden.

So weit hat es ein Auto gebracht, dessen Geschichte in einem kleinen Notizblock begann. 1947 strichelte der Niederländer Ben Pon ein kastenförmiges Vehikel in sein Ringbuch. Die Idee hatte der Autohändler bei einem Besuch des VW-Werksgeländes in Wolfsburg gehabt, wo er von der Belegschaft selbst fabrizierte Lastwägelchen auf Käfer-Basis gesehen hatte.

Zwei Jahre später ging Pons Entwurf tatsächlich als VW Typ 29 in Serie. Der VW-Bus war geboren, ein pragmatischer Transporter mit selbsttragender Karosserie, luftgekühltem Heckmotor (mit 26 PS Leistung) und einer Länge von 4,15 Meter. Das Auto konnte 750 Kilogramm Nutzlast transportieren, schaffte 75 km/h und verbrauchte ungefähr 8 Liter Benzin je 100 Kilometer. Von der ersten Generation mit der geteilten Frontscheibe, die heute T1 genannt wird, wurden bis 1968 mehr als 1,8 Millionen Exemplare gebaut. Es folgte T2 (durchgehende Frontscheibe), T3 (kantige Karosserie), T4 (Ende der Heckmotor-Ära). Inzwischen wird im VW-Nutzfahrzeug-Werk in Hannover die fünfte Generation, kurz T5, gebaut - insgesamt mehr als zehn Millionen Exemplare unterschiedlichster Bulli-Bauart wurden bislang gefertigt. Bulli oder VW-Bus allerdings wurden die Fahrzeuge nie offiziell genannt, stattdessen spricht das VW-Marketing heute spröde vom Multivan.

Bekannt und berühmt wurde der Wagen, weil er zunächst in Deutschland das Wirtschaftswunder mit ins Rollen brachte - und zwar als Transportvehikel für Bahn und Post ebenso wie für Tausende von Spediteuren, Handwerkern oder Großhändlern. Außerdem trat das Auto auch - mit Seitenfenstern - als Kleinbus in Aktion. Seit 1955 gab es den Bus sogar als speziell ausstaffiertes Freizeitfahrzeug mit Panoramafenstern im Dach. Samba hieß das Ferien- und Campingmodell, das wenigstens einen Hauch von Copacabana-Flair in den Harz, die Eifel oder das bayerische Voralpenland bringen sollte.

Summer of Love im hinteren Abteil

Seinen internationalen Durchbruch erlebte der Bulli in der Hippie-Ära - zunächst in Kalifornien. Der Summer of Love spielte sich häufig in ebenso phantasievoll wie farbenfroh bemalten Bullis ab. Bands gingen mit dem Kleinbus auf Tournee, Fans reisten in den gleichen Wagen ihren Idolen hinterher. Um diese Zeit einzufangen, hat VW The Who nach Hannover eingeladen - und als Vorgruppe die Braunschweiger Band Sweety Glitter and the Sweethearts verpflichtet.

Drei Tage lang soll auf 108.000 Quadratmetern eine Bulli-Welt entstehen - mit Gästen und ihren VW-Bussen aus aller Welt. "Wir wollen das Thema Bulli auch künftig stärker wieder aufleben lassen", sagt Stephan Schaller, Sprecher des Markenvorstands von VW Nutzfahrzeuge. Wird auch Zeit: In der Vergangenheit haben die Wolfsburger das Bulli-Erbe wie bereits den Kult um den GTI sträflich vernachlässigt. Die drei Tage von Hannover - mit einem Konvoi historischer Fahrzeuge, der Open-Air-Aufführung des Bulli-Films "Little Miss Sunshine", und den schon erwähnten Bands und sollen die treue Fangemeinde mit dem bislang kaltherzigen Hersteller versöhnen.

Die Bulli-Liebhaber sind zum Teil schon seit Jahrzehnten organisiert, ganz ohne Zutun von VW. Es gibt zahlreiche Clubs und Gemeinschaften wie die VW Bus Freunde Recklinghausen oder die Bulli Boys aus Kanada. Es gibt sogar ein privates Bulliregister, dessen Betreiber Arne Reckermann es sich zum Ziel gemacht hat, alle Modelle der ersten Generation zu erfassen( www.bullikartei.de).

Ein Bulli-Fan wird aus Australien anreisen

Das Jubiläumstreffen in Hannover, so viel zeichnet sich bereits ab, dürfte ein Erfolg werden. "Die Nachfrage ist gigantisch, wir werden praktisch überrollt von Bullis", sagt Sprecherin Silke Schumacher. Längst sind die 3700 Stellplätze auf dem Gelände vergeben. Mit den Bullis haben sich bis jetzt bereits mehr als 8300 Fans angemeldet.

Ein Teilnehmer wird sogar aus Australien erwartet. "Der dürfte dann den Preis für die weiteste Anreise gewinnen", sagt Schumacher. 25 Euro kosten der Bulli-Parkplatz und die Teilnahme von bis zu vier Personen an allen Angeboten sowie am für Bulli-Fahrer exklusiven Konzert von The Who. Pete Townshend verspricht: "Wir werden Hannover rocken."

Jürgen Pander

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 26.09.2007

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