Rollendes Revival Das total durchgedrehte Ding

Rollendes Revival: Das total durchgedrehte Ding Fotos
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Echte Kerle stürzten sich mit ihm früher kopfüber Hänge hinab, heute stehlen seine Pirouetten bei "Holiday on Ice" den Skatern die Show: Kein Sportgerät hat so eine turbulente Vergangenheit wie das Rhönrad. Gerlind Vollmer über die Historie des skurrilen Rollerreifens - und seine überraschende Renaissance. Von

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Adalbert von Rekowski zieht sein Feinripp-Sporthemd glatt und richtet sein Rhönrad korrekt an der weißen Linie vor ihm auf dem Sportplatz aus. Es ist der 14. August 1933. Rekowski holt tief Luft. Der Reichsbahner vom Turn- und Sportverein Berlin holt Schwung, der Startschuss fällt. Rekowski wirft seinen Körper von rechts nach links in das Rad, das rasant Fahrt aufnimmt. Nach unglaublichen 22,2 Sekunden erreicht Rekowski die 100-Meter-Marke - Rekord.

75 Jahre später, wieder Berlin, diesmal eine Turnhalle. Konzentriert steht Rebecca Gatzer mit gespreizten Füßen in 2,20 Meter Höhe oben auf dem Rhönrad. Vorsichtig tariert sie das Riesengerät mit einer kaum merkbaren Hüftbewegung aus. Die Musik setzt ein, Rebecca wirft den rechten Arm in die Höhe, der linke schnellt zur Seite. Geschmeidig wie eine Katze rollt sich die 18-jährige zusammen, wickelt ihren Körper um eine Querstrebe des Rades, taucht in das Innere und hängt schon kopfüber. Eine Bewegung in der Schulter, ein Druck mit den Händen, das Rad dreht sich weiter und bringt sie zurück in eine aufrechte Position. Mit einem Lächeln beendet sie ihre Musikkür - Applaus.

Vorbei die Zeiten, als sich Recken wie Rekowski in den Geschwindigkeitsrausch drehten oder beim "Bergab-Mutfahren" kopfüber Hänge hinabstürzten. Die archaisch anmutenden, mannshohen rohen Eisenfelgen haben seit Jahrzehnten ausgedient, beschichtete Stahlreifen ermöglichen heute schnelle und dynamische Übungen - Voraussetzung für eine echte Renaissance des ungewöhnlichen Sports in den vergangenen Jahren: Rund 15.000 Frauen, Männer und vor allem Kinder steigen in Deutschland regelmäßig ins Rhönrad. Seit Mitte der Neunziger gibt es Europa- und Weltmeisterschaften, der mehrfache Welt-Champion Wolfgang Bientzle aus Chicago kann sogar als Profi von seinem Sport leben, und bei "Holiday on Ice" sind Rhönradartisten mit Spikes an ihren Sportgeräten eine der Attraktionen.

"Mussterriege" auf US-Tournee

All das hätte Otto Feick gefreut. Der Eisenbahnschlosser aus Schönau an der Brend hatte 1925 ein "Turn- und Sportgerät in Reifenform zu Turnzwecken" zum Patent angemeldet. Doch die konservativen deutschen Turnvereine konnten mit dem beweglichen "Turnmöbel" nichts anfangen - und Feick versucht sein Glück im Ausland. Er schafft es, die Turngemeinde Würzburg von seinem Gerät zu überzeugen. Mit einer "Musterriege" - heute würde man wohl von einer Showtruppe sprechen - reist Erfinder Feick zwischen 1928 und 1929 durch die Welt; Auftritte in Frankreich, Spanien, Italien, Skandinavien, England und den USA begeistern das Publikum.

In Deutschland entdeckten derweil die Nazis, wie eindrucksvoll in Reih und Glied rollende Rhönräder daherkommen können - nicht ganz unbeteiligt daran war wohl auch Rekord-Roller Adalbert von Rekowski, dem gute Verbindungen zu NS-Größen nachgesagt wurden. Er soll es gewesen sein, der Rhönrad-Schauvorführungen auf die Reichsparteitage nach Nürnberg brachte.

Richtig bekannt wurde Rhönradturnen dann durch eine Großvorführung im Umfeld der Olympischen Spiele von 1936. Seit diesem Massenauftritt mit 120 Rädern im Berliner Olympiastadion kämpfen Rhönradturner mit dem Stigma des "Nazi-Sports". Dabei war der engagierte Gewerkschafter Feick wohl alles andere als begeistert von der Vereinnahmung; er soll sich, so heißt es, dagegen sogar zur Wehr gesetzt haben.

Mit Schmeling an der Reling

Jedenfalls bemühte Feick sich verstärkt, im Ausland Fuß zu fassen: 1937 ging seine Truppe ein zweites Mal auf USA-Tour. Wohl auf dem Dampfer nach New York lernte Feick die Box-Legende Max Schmeling kennen, der im Dezember 1937 einen Kampf im New Yorker Madison Square Garden hatte (bei dem er den Amerikaner Harry Thomas in der achten Runde K.o. schlug). Die beiden Sportler müssen sich gut verstanden haben, denn in einem handschriftlichen Gruß an Feick wünschte Schmeling "Ihnen und den anderen Mitgliedern der Musterriege Hals- und Beinbruch in den U.S.A.".

Spaß hatte die Truppe offenbar auch unterwegs. "Der Otto Feick, das war einer", erinnerte sich Josef Brandt, 1930 allererster Rhönrad-Weltmeister und bald darauf zu Feicks Riege gestoßen, Jahrzehnte später, "der ist immer zu den Mädels in die Kabine."

Der zweite Weltkrieg beendete die kurze Karriere des rollenden Riesenreifens. Feicks einziger Sohn Fritz fällt, seine Rhönrad-Fabrikation muss er nach gut 20.000 produzierten Rhönrädern schließen. Nach 1945 ist sein Turngerät als "deutsches Rad" in Verruf und Feick selbst mit 55 Jahren ein gebrochener Mann. Als beschämend empfindet er Besuche besorgter Sportkameraden, die ihn mit Lebensmitteln bedenken. Otto Feick stirbt 1959, verarmt und enttäuscht - die Rückkehr des Rhönrads hat er nicht mehr erlebt.

Rhönräder im Unterholz

Der Weg dahin war lang und mühsam. "Die Räder haben wir überall zusammengesucht", erinnert sich die heute 85jährige Elfriede Jaeckel, "aus Teichen und aus Wäldern". Die Bindungen für das Rhönrad fertigte Vater Jaeckel aus ein paar alten Wehrmachtskoppeln. Trainiert wurde auf einem Parkplatz, der gleichzeitig Endstation der Buslinie 10 war; alle Viertelstunde war Zwangspause - immer wenn der Bus kam.

Auch in der DDR wurden Rhönräder aus allen Ecken und Enden zusammengesucht. 1956 gab es in Görlitz die ersten DDR-Meisterschaften. Der Mauerbau 1961 schnitt die DDR-Turner von der Entwicklung im Westen ab - und von Gerätenachschub: "Unsere Räder waren verbeult, nicht genormt, eins breiter, eins schmaler," erinnert sich der ehemalige DDR-Meister Jörg Winkler, heute passionierter Rhönrad-Archivar: "Neue zu kaufen ging nicht. Das Patent war im Westen, niemand in der DDR baute Rhönräder."

In den Achtzigern wird die Materiallage in der DDR prekär - da gelingt Winkler und seinem Trainer Jürgen Lassig einen wahrere Coup: Überwuchert von Gestrüpp finden sie auf dem Gelände eines ehemaligen Reichsbahnsportvereins in der Nähe von Stendal zehn Uralt-Rhönräder. Mit Axt und Säge befreit, sandgestrahlt und neu lackiert sind sie bald wieder brauchbar. Die renovierten Räder bekommen Sportsfreunde in Strausberg bei Berlin - eine Hilfe, die sich gelohnt hat: heute wird in Strausberg auf hohem Niveau geturnt, der dortige Verein stellt sogar einen mehrfachen Jugendweltmeister.

Revival der rollenden Riesenreifen

Inzwischen sind auch die deutschen Rhönradler wiedervereint, und seit Mitte der neunziger Jahre hat der Sport einen ungeahnten Aufschwung genommen: Professionelles Training, Kaderschulungen, neue Wertungsbestimmungen. Rhönradturnen ist ein Leistungssport geworden, rund 1000 Athleten nehmen regelmäßig an nationalen Wettkämpfen teil. So wie Rebecca Gatzer, die mindestens drei bis vier Mal in der Woche trainiert Noch ist ihr neue Kür nicht ganz fertig, einige Übergänge und der letzte Schliff fehlen noch. Alles soll leicht und spielerisch aussehen - die Rhönradturner von heute drehen lieber Pirouetten, als sich Hänge hinabzustürzen oder Geschwindigkeitsrekorden hinterher zu rollen.

Die Bestmarke von Adalbert von Rekowski von 1933 jedenfalls ist immer noch ungebrochen.

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