Rosemary Kennedy "Was haben wir dir angetan?"

Joseph Kennedy wollte aus seinen neun Kindern Gewinner machen - doch die älteste Tochter Rosemary hatte Lernschwierigkeiten und enttäuschte ihn. 1941 ließ er sie am Gehirn operieren und dann weit weg bei Nonnen unterbringen.

Corbis

Singen sollte sie. Verse aufsagen. Zählen. Alles Mögliche ließ sich Dr. Walter Freeman einfallen, um die Patientin davon abzulenken, was mit ihrem Kopf geschah. Gerade hatte sein Kollege James Watts zwei Löcher in Rosemary Kennedys Schädel gebohrt. Eins links, eins rechts, jeweils in der Nähe der Schläfen, rund zweieinhalb Zentimeter groß. Ihre Haare, auf die sie immer stolz gewesen war, hatten Krankenschwestern abrasiert.

Jetzt führte Watts einen Metallspatel in den Kopf der 23-jährigen ein. Weiter und weiter. Bis er schließlich die Verbindung zwischen Rosemarys Frontallappen und ihrem Zwischenhirn durchtrennte. Wenig später wechselte Watts zu der anderen Schädelöffnung und wiederholte die Prozedur. Langsam wurden die Worte der jungen Frau immer unzusammenhängender. Bis sie schließlich verstummte.

Ihr eigener Vater Joseph P. Kennedy hatte Rosemary im November 1941 in das George Washington University Hospital in Washington, D.C. zur hochriskanten Lobotomie einliefern lassen. Sie hatte seit ihrer Kindheit unter Lernschwächen gelitten, in letzter Zeit neigte Rosemary zu gewaltsamen Ausbrüchen. Die Operation sollte sie heilen.

Mythos und Schicksalsfigur

Als die beiden Scharlatane Freeman und Watts die Patientin allerdings einige Stunden nach dem Eingriff untersuchten, waren sie schockiert. Rosemary Kennedy hatte schwerste Schäden davongetragen. Laufen, Sprechen, einfachste Tätigkeiten waren ihr unmöglich geworden. Den Rest ihres Lebens sollte die einst für ihr strahlendes Lächeln bekannte Frau mit schwersten Behinderungen in Pflegeheimen verbringen.

"Sie schien unfähig zu sein"

Bereits ihre Geburt war von Unfähigkeit und Gewissenlosigkeit überschattet. Als ihre Mutter Rose Kennedy am 13. September 1918 in den Wehen lag, musste sie auf Anweisung der Hebamme die Beine zusammenpressen - weil der Arzt noch nicht eingetroffen war, traute sich die Geburtshelferin nicht, das Kind zur Welt zu bringen. Als die Wehen das Baby trotzdem unaufhaltsam voranschoben, fasste die Hebamme seinen Kopf und presste den kleinen Körper zurück in die Mutter. Zwei Stunden lang, bis der Mediziner endlich eintraf.

"Ein anmutiges Mädchen" sei geboren, verkündete eine Geburtsanzeige im "Boston Globe". Doch der Säugling war anders als seine älteren Brüder Joseph Patrick, Jr. und John Fitzgerald. "Sie war langsam in allem", erinnerte sich Rose Kennedy später in ihren Memoiren. "Und sie schien unfähig zu sein, zu lernen, wie man manche Dinge tut."

Fotostrecke

12  Bilder
Rosemary Kennedy: Armes, reiches Mädchen

Einen entscheidenden Mangel an Sauerstoff könnte der Säugling durch die Verzögerungsmaßnahmen bei der Geburt erlitten haben, schreiben die Autorinnen Kate Clifford Larson und Elizabeth Koehler-Pentacoff, die gerade zwei Bücher über Rosemary Kennedy veröffentlicht haben. Im bald auf neun Kinder angewachsenen Kennedy-Klan war Rosemary damit zur Außenseiterin verdammt.

Mit Cleverness und Skrupellosigkeit hatte Joseph "Joe" Kennedy ein Finanzimperium begründet und hegte später politische Ambitionen. Für die Öffentlichkeit hatten seine Kinder ein makelloses Erscheinungsbild abzugeben - sportlich, intelligent und gutaussehend. Jeden Samstag mussten die Kleinen zum Wiegen antreten. Auf keinen Fall sollten sie "ausgemergelt", "fett" oder "formlos" sein. Mahlzeiten arteten zu Unterrichtsstunden aus, in denen Religion oder Geschichte gepaukt wurde. "Sie lernten, Gewinner zu sein", fasste Rose Kennedy zusammen.

Versuchskaninchen

Bis auf ihre älteste Tochter. Hoffnungslos war das Kind selbst seinen jüngeren Geschwistern unterlegen. Seine Mutter, die in das kleine Mädchen mit den vielen Sommersprossen vernarrt war, zog die besten Ärzte des Landes zu Rate: "Geistig behindert" lautete das Urteil. Mit zehn Jahren schickten die Kennedys Rosemary deshalb auf eine Schule in Pennsylvania, die sich auf Kinder mit Lernschwierigkeiten spezialisiert hatte. Es sollte die erste von fünf Lehranstalten sein, die sie in den nächsten Jahren besuchte.

Ihre Briefe, auch im Teenageralter voller Fehler und unsicherer Handschrift, zeigen ein verunsichertes Kind, das mit aller Kraft um die Anerkennung seiner Eltern rang. "Ich hasse es, dich in irgendeiner Form zu enttäuschen", schrieb Rosemary 1934 an ihren Vater. Mittlerweile griff dieser zu obskuren Heilmethoden. Ein Arzt verabreichte der Minderjährigen Spritzen, um ein angebliches "hormonelles Ungleichgewicht" auszugleichen.

Rosemary Kennedy (r.) auf der "SS Manhattan". Neben ihr steht ihre Schwester Eunice.
Corbis

Rosemary Kennedy (r.) auf der "SS Manhattan". Neben ihr steht ihre Schwester Eunice.

Trotz der ständigen Schulwechsel wuchs Rosemary Kennedy zu einer lebenslustigen Frau heran, die gerne mit ihren Freunden herumzog. Die schönste Zeit ihres Lebens stand ihr außerdem noch bevor. 1937 wurde ihr Vater zum amerikanischen Botschafter in London berufen. Im Mai 1938 debütierten die Schwestern Kathleen und Rosemary am königlichen Hof. Rosemary zog alle Blicke auf sich - gekleidet in ein weißes Kleid mit silbernen Pailletten und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Auch fand Rosemary hier endlich eine Beschäftigung, die sie glücklich machte - sie arbeitete mit Kindern und machte eine Ausbildung zur Hilfslehrerin. 1940 musste sie wegen der deutschen Luftangriffe allerdings in die USA zurückkehren. "Ich werde viel weinen", schrieb sie vor dem Abschied.

Plötzlich verschwunden

Auflehnung und gewaltsame Ausbrüche waren die Folge. Als die Familie im Sommer auf ihrem Stammsitz in Hyannis Port weilte, attackierte Rosemary ihren Großvater, trat und schlug um sich. Bald erreichten Joseph Kennedy weitere alarmierende Nachrichten von seiner Tochter - in der Nacht zog sie um die Häuser.

In panischer Furcht, dass seine Tochter schwanger werden und damit die Familie bloßstellen könnte, stieß Kennedy auf Dr. Walter Freeman, der mit seiner präfrontalen Lobotomie so gut wie jede geistige Erkrankung zu heilen können glaubte. Die American Medical Association warnte ausdrücklich vor diesem Eingriff.

Doch in der Welt des Patriarchen, in der allein Erfolg zählte, hatte Rücksichtnahme keinen Platz. "Kennedys weinen nicht!", lautete das Credo, das er seinen Kindern einimpfte.

Im Herbst 1941 ließ Joseph Kennedy die Ärzte den Schädel seines Kindes öffnen - ohne die übrigen Familienmitglieder einzuweihen. Die verstümmelte Rosemary verschwand aus dem Familienkreis. Bis heute ist unklar, wie der Vater ihr Verschwinden erklärte. Rosemary sei "in den Mittleren Westen gegangen und Lehrerin geworden", wurde der dreizehnjährigen Schwester Jean weisgemacht.

Abgeschoben nach Wisconsin

Tatsächlich fristete die Schwerverletzte ihr Leben in einer psychiatrischen Klinik in der Nähe von New York, wo sie mühsam wieder das Laufen, Essen und Kommunizieren erlernen musste. 1948 ließ sie ihr Vater nach Wisconsin in eine von Franziskanerinnen betriebene Einrichtung verlegen. Weil ihr Bruder John F. Kennedy erste politische Ämter bekleidete, wollte das Familienoberhaupt sie in sicherer Entfernung wissen.

Fast 60 Jahre kümmerten sich die Schwestern um Rosemary Kennedy. Trotz ihrer körperlichen Einschränkungen schwamm sie leidenschaftlich gerne, ging spazieren oder hörte Musik. Nachdem Joseph Kennedy 1961 einen schweren Schlaganfall erlitten hatte, nahm Rose Kennedy wieder Kontakt zu ihrer Tochter auf. Niemals hatte sie ihrem Mann die misslungene Operation vergeben.

Anzeige
Anzeige

Die erste Begegnung endete gewaltsam. Als Rosemary ihre Mutter zum ersten Mal seit Jahren wieder sah, rannte sie auf Rose Kennedy zu - und schlug mit Fäusten auf sie ein. Ihre Mutter war in ihrer schwersten Zeit nicht für sie da gewesen, vermutet die Autorin Koehler-Pentacoff als Grund für diesen Ausbruch. Später verbesserte sich die Beziehung. Rosemary reiste mehrmals im Jahr zu ihrer Familie. Bereits Tage vor ihrer Ankunft verfiel Rose Kennedy stets in Traurigkeit. Bei einer Begegnung flüsterte sie: "Oh, Rosie, was haben wir dir angetan?"

Rosemary Kennedy starb am 7. Januar 2005. Anders als bei ihrer Lobotomie war sie diesmal nicht allein. Ihre überlebenden Geschwister Eunice, Jean, Patricia und Edward waren bei ihr.



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hans Simon, 21.10.2015
1. Da...
...verschlägt es einem die Sprache! Unfassbar!
Jens Habermann, 21.10.2015
2. Unfassbar
Wie schrecklich! Wie kann man damit leben, sein eigenes Kind verstümmelt haben zu lassen! Ganz schrecklich.
T. Binder, 21.10.2015
3.
Rosemary Kennedy hat mich auch sehr bewegt. Besonders unfassbar, dass das in modernen Zeiten passiert ist. Nach allem was ich gelesen habe hätte Joseph P. Kennedy auch in Hitlerdeutschland eine schöne Karriere durchlaufen, mit seinen sehr kompatiblen Einstellungen und Ansichten.
Daniel Lechner, 21.10.2015
4. Beispiel
Das sollte ein Mahnendes Beispiel sein, für all jene, die auch heute noch obskuren Scharlatanen und ihren "Heilmethoden" vertrauen.
Peter Steidel, 21.10.2015
5.
Wie kann man seinem eigenen Kind so etwas antun? Wie kaltherzig und erbarmungslos muss Vater Kennedy gewesen sein? Sie danach auch noch abzuschieben, ist wohl das Schäbigste, was er tun konnte. Und eine Mutter die dabei auch noch zusieht ... Liebe und Geborgenheit scheinen in dieser Familie Fremdworte gewesen zu sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.