Rosenmontag "M'r könne wieder lache!"

Rosenmontag: "M'r könne wieder lache!" Fotos
AP

Hitler scheidet die NPD aus, Merkel kriecht Uncle Sam aus dem Allerwertesten: Alljährlich loten die Jecken der Republik bei den Rosenmontagsumzügen die Grenzen des guten Geschmacks aus - und nehmen dabei die politische Kaste kritisch aufs Korn. Das war nicht immer so. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.1 (442 Bewertungen)


Sie haben Bilder von alten, neuen, zum Schreien komischen oder einfach nur skurrilen Karnevalswagen? Dann laden Sie Ihre Fotos bei einestages hoch und teilen Sie diese mit anderen! Einfach hier klicken.

Ob Jacques Tilly es noch rechtzeitig vor Rosenmontag geschafft hat, einen zur Gänze entblößten Societé-Générale-Chef zu zimmern? Und was ist mit der "Heil-Hitler!" brüllenden D-Prominenz aus dem deutschen Prekariats-Dschungel? Oder dem mit einem Eisbär kopulierenden XXL-Teutonen? Jahr für Jahr denkt sich der jecke Wagenbaumeister aus Düsseldorf, einer der frechsten im ganzen Land, neue Gemeinheiten aus, um die überregionalen Fernseh-Teams und mit ihnen die ganze Republik zu belustigen, zu schockieren, aufzuregen.

Jahr für Jahr arbeiten sich die Rosenmontagsumzüge entlang des Rhein an der politischen Kaste ab, spießen auf, was aufzuspießen geht und jonglieren nicht selten hart an der Grenze zur Geschmacklosigkeit mit den aktuellen Themen - getreu dem zehnten Gebot des Kölner Karnevals, eine "Spiegelfunktion" zu sein: "gesellschaftskritisch, werteorientiert und unabhängig". Wobei das mit der Unabhängigkeit, zumal der politischen bei weitem nicht immer so war.

Die ersten Rosenmontagsumzüge Anfang des 19. Jahrhunderts hatten es nämlich noch nicht auf die Obrigkeit abgesehen - das Gegenteil war der Fall. Huldigung des Prinzen Karneval durch das Bürgertum, "auf dass der Zug in aller Pracht, jedem große Freude macht" - darum ging es in Mainz, aber auch in den anderen rheinischen Hochburgen. Kaum wagte es einer, mal die Regierung aufs Korn zu nehmen, schalteten sich sofort die Behörden ein. So etwa 1845 in Wiesbaden, als ein erboster Handwerker die Jecken denunzierte, weil diese die Landesmutter wegen ihrer russischen Herkunft verspottet hatten.

"Heil Hitler und Alaaf"

Prompt hielt der Innenminister die Mainzer Polizei dazu an, dem Rosenmontagszug künftig mehr "amtliche Tätigkeit und Wachsamkeit" zu widmen. Konforme Jecken waren erwünscht, alle anderen hatten gefälligst stillzuhalten. Karneval nicht als sanktionsfreie Insel bissigen Spotts, sondern als Möglichkeit bürgerlicher Selbstinszenierung.

Im Dritten Reich musste die Obrigkeit gar nicht erst aktiv werden - die Jecken schalteten sich munter von selbst gleich, nur wenige übten Widerstand: ein heikles Thema, das die Karnevalisten erst seit den 1990er Jahren langsam zulassen. "Heil Hitler und Alaaf" tönte es durch die Gassen, der Hitler-Gruß und das Horst-Wessel-Lied gehörten ebenso zu den Karnevalssitzungen wie die Übereinkunft, Parteigrößen in den Büttenreden nicht zu verhohnepipeln. Unter dem Motto "Es wird' weiter gesäubert" dienten sich 1934 die Lenker einer gigantische Kehrmaschine auf dem Wagen eines Mainzer Rosenmontagszugs der nationalsozialistischen Propaganda an. Motto des Umzugs in diesem Jahr: "M'r könne wieder lache!"

Noch unverhohlener trat die braune Linientreue in Mainz zwei Jahre später ans Licht: 1936 fuhr ein Motivwagen mit, der das Konzentrationslager Dachau zeigte - versehen mit dem Spruch "Die Moral von der Geschicht': Halt Dein Maul und meckre nicht!" Doch auch in den anderen deutschen Städten hielt der zweifelhafte Nazi-Humor Einzug. Etwa in Kaiserslautern, als die Bevölkerung 1935 mit antijüdischen Masken durch die Straßen lief - im gleichen Jahr lautete das Motto eines Wagens beim Fastnachtsumzug in Marburg: "Auf nach Palästina", mit als Juden verkleideten Narren auf dem Wagen.

"Wir sind zwar keine Menschenfresser"

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mussten die Karnevalisten ihre Kostüme erst einmal einmotten. Doch schon bald nach der Kapitulation juckte es die ersten Jecken wieder in den Fingern. "Et muss wiedder jet ze laache jevve", fanden ein paar junge Kölner im Oktober 1945. Doch Oberkarnevalist Thomas Liessem hatte dafür ebenso wenig Verständnis wie die US-Militärregierung, die das bunte Treiben bis 1949 verbot.

Was manche gänzlich Unerschrockenen nicht davon abhielt, das Ritual trotzdem zu zelebrieren - und sei es in Rollstühlen oder auf Krücken, angeführt "von einem jungen Beinamputierten mit unverwüstlichem Humor", wie eine Kölner Zeitungsnotiz aus der unmittelbaren Nachkriegszeit berichtete. Ab 1949 durften die Kölner wieder offiziell ihrem Spaß an der Freud' frönen; unter dem Motto "Meer sin widder do un dun war meer künne" sprangen die Jecken durch die Gassen der Karnevalshauptstadt. Noch spielte die Verarbeitung des Dritten Reiches keinerlei Rolle bei den Rosenmontagsumzügen.

Ins Visier des Spottes gerieten vielmehr die Besatzungsmächte, etwa in dem Karnevalshit "Trizonesien", der die Deutschen zum Opfervolk der internationalen Diplomaten stilisierte und getreu der Zeile "Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser" von jeglicher Schuld reinzuwaschen versuchte.

"Kamelle statt Bomben"

Seither heißt es Jahr für Jahr "Helau und Alaaf", unermüdlich ziehen geschmückte Wagen durch die Narrenhochburgen - mit einer Ausnahme: Anlässlich des zweiten Golfkrieges hielten es die Jecken-Funktionäre für angebracht, die offiziellen Züge abzusagen. Stattdessen machten sich in der Domhauptstadt kölsche Kriegsgegner auf den Weg und skandierten "Kamelle statt Bomben". Der Geisterzug, erstmals 1860 am Karnevalssamstag zelebriert, feierte seine Renaissance - und weist seither, deutlich schärfer als sein offizielles Pendant, auf soziale, politische und gesellschaftliche Probleme hin. Dieses Jahr spießt der alternative "Zoch vor dem Zoch" in Köln etwa die globale Erderwärmung auf, während der Rosenmontagsumzug sich eher brav, mit "Jeschenke för Kölle - und Kulturkamelle", des Themas Kunst, Kultur und Karneval in Köln annimmt.

Unpolitisch sind die offiziellen Kölner Jecken darum noch lange nicht, nur eben lokalpatriotischer orientiert. Ob die Bundesgartenschau in Köln (1957), die Eröffnung des Eros-Center an der Hornstraße (1972) oder die Kommunalreform (1975): Pate für das Rosenmontagsmotto stehen meist innerstädtische Ereignisse. Trotzdem reden sich die Karnevalisten in zahlreichen Sitzungen auch über die große Politik die Köpfe heiß - so etwa im Karnevalszyklus nach dem 11. September 2001 über die Frage, ob Osama-Bin-Laden-Masken nun auf den Wagen erlaubt seien oder nicht.

"Njet!", hieß schließlich die Weisung aus dem Kölner Festkomitee, Osama darf nicht mitfahren. Der damals oberste Narr und Chef des "Bund deutscher Karneval", Franz Wolf, ging sogar noch weiter und forderte Gesetze, damit die Polizei geschmacklos Vermummte abführen könne. Basta, aus, Schluss mit lustig.

Bis an die Zähne bewaffnete Mullahs

Es ist nicht so, dass die Politiker in Köln und anderswo nicht auch ihr Fett abbekommen - in punkto Respektlosigkeit und Tabuverletzung macht den Düsseldorfern jedoch so schnell keiner was vor. Das liegt unter anderem am obersten Wagenbaumeister Tilly, der in den vergangenen Jahren die Hälfte der rund 70 Motivwagen kreierte. Während andere Jecken das Thema Islam nach dem blutigen Karikaturenstreit 2006 mieden, dachte er gar nicht daran und ließ in einem seiner Motive die Meinungsfreiheit, vom Krummsäbel erdolcht, von den Narren zu Grabe tragen - wobei nicht nur die Intoleranz der Muslime, sondern auch die Selbstzensur seiner Landsmänner geißelte.

Sicher war dies auch ein Seitenhieb auf die selbstauferlegten Tabus der jecken Konkurrenz am Rhein. "Es gibt vier Tabuthemen im Kölner Karneval: Keine Witze über Minderheiten, religiöse Gemeinschaften, den Bundespräsidenten und den Krieg", formulierte es einmal der ehemalige Zugleiter des Kölner Rosenmontagsumzugs, Alexander Freiherr von Chiari. Tilly pfiff darauf - und wurde prompt zurückgepfiffen von den obersten Narren der Landeshauptstadt, die verhinderten, dass er so weit ging, wie er gern gegangen wäre.

Auch in anderen Jahren reizte es den kreativen Kopf des Düsseldorfer Karnevals zur Grenzüberschreitung. So ließ er im Jahr 2005 den Kölner Kardinal Meissner eine Frau auf dem Scheiterhaufen anzünden, weil diese sich dazu bekannte: "Ich habe abgetrieben!" Auch im vergangenen Jahr brachen die Düsseldorfer ein Tabu - mit einem gebückt und mit heruntergelassenen Hosen dastehenden Hitler, der einen braunen Klumpen mit der Aufschrift "NPD" ausschied. Ein anderer Wagen aus der Landeshauptstadt zeigte zwei identisch aussehende, bis an die Zähne bewaffnete Mullahs - einer trug die Aufschrift "Klischee", der andere die Aufschrift "Wirklichkeit". Prompt schimpfte der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime mit den provokanten Jecken aus Düsseldorf.

An welchen Tabus in diesem Jahr gerührt wird, ist noch nicht raus. Immerhin: Acht der elf Mottowagen, deren Themen bestgehütetes Geheimnis der Stadt sind, wurden vom Comitee Düsseldorfer Carneval bereits abgenickt. Man darf gespannt sein. Sicher ist nur: Es werden Körperflüssigkeiten fließen - und jede Menge Tränen, des Zorns wie der Freude. Freuen wir uns drauf.

Artikel bewerten
3.1 (442 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH