Frauen in Rüstungsfabriken Feminismus am Fließband

Frauen in Rüstungsfabriken: Feminismus am Fließband Fotos

Amerikas Geheimwaffe im Zweiten Weltkrieg hieß Rosie. Ab 1942 arbeiteten Millionen Frauen in der amerikanischen Rüstungsindustrie. Inspiriert wurden sie von "Rosie the Riveter", einer Propagandafigur der US-Regierung. einestages stellt die echte Rosie vor - und zeigt die Heldinnen in den Fabriken. Von Johanna Lutteroth

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 6 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.0 (8 Bewertungen)

Stolz sitzt sie da, das Haupt erhoben. Auf ihrer Stirn klebt eine Schutzbrille, die das rote Haar bändigt. Ihre Lippen sind dezent geschminkt. Doch trotz allem könnte man sie fast für einen Mann halten. Ihr Körper ist ein vor Kraft strotzendes Muskelpaket, das in einem Blaumann steckt. Auf ihrem Schoß liegt eine monströse Nietpistole. Ganz offensichtlich arbeitet sie in einer Fabrik und hat gerade Frühstückspause. In ihrer linken Hand hält sie ein Sandwich, ihre rechte ruht auf einer Brotdose, die ihren Namen verrät: Rosie.

Rosie, die am 29. Mai 1943 das Titelblatt der "Saturday Evening Post" zierte, sorgte landesweit für Aufregung. Eine Frau in einem Männerjob? Das passte so gar nicht in das Rollenverständnis der Amerikaner. Frauen gehörten nach Hause an den Herd, nicht in die Fabrik. Doch Rosie belehrte sie eines Besseren. Ihr Fuß ruht auf einer Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf". Die Botschaft ist klar: Wenn wir unser Rollenbild nicht über Bord werfen, werden wir Nazi-Deutschland nie besiegen. In der Rüstungsindustrie wird jede helfende Hand gebraucht!

Normann Rockwell, der damals zu einem der bekanntesten Illustratoren in den USA gehörte, hatte eine nationale Ikone geschaffen. "Rosie the Riveter" - Rosie die Nieterin - kannte die Nation zwar schon aus einem Lied, das seit Anfang 1943 auf allen Radiosendern lief. Es beschrieb das Leben einer fleißigen Fabrikarbeiterin, die ihr Leben der Kriegsproduktion gewidmet hatte. Doch Rockwell war es, der ihr ein Gesicht gab und sie zu einer kraftvollen Heldin an der Heimatfront stilisierte, mit der sich die arbeitenden Frauen identifizieren konnten.

Groß angelegte Propaganda-Kampagne

Rockwell kreierte Rosie nicht nur aus Bewunderung für diese Frauen - sein Werk war auch Teil einer großen Propagandakampagne: Bereits 1942 zeichnete sich ab, dass es nicht genug Männer gab, um die Kriegsproduktion zu bewältigen. Die Wirtschaft brauchte zwei Millionen zusätzliche Arbeiter. Arbeiterinnen waren die einzige Möglichkeit, diesen ungeheuren Bedarf zu decken. Doch weder Unternehmer noch Frauen konnten sich mit diesem Gedanken anfreunden, zu tief verwurzelt war das traditionelle Rollenverständnis.

Um die Frauen trotzdem an die Werkbank zu bekommen, startete die US-Regierungsbehörde OWI (das "Office of War Information") 1942 die breit angelegte Kampagne "Women in War-Jobs". Sie stellte die Arbeit in den Fabriken nicht als Tabubruch, sondern als nationale Pflicht dar. Slogans wie "Je mehr Frauen arbeiten, desto schneller gewinnen wir!" oder "Es gibt viel Arbeit und einen Krieg zu gewinnen" sollten die Bedenken der Frauen zerstreuen.

Andere Anzeigen waren darauf ausgerichtet, Sorgen und Ängste aus der Welt zu schaffen. Viele Frauen befürchteten beispielsweise, ihre Männer könnten etwas dagegen haben, wenn sie den Blaumann anlegen. Also wurde 1944 eine Anzeige folgenden Inhalts geschaltet: "Ich bin stolz… mein Mann will, dass ich meinen Teil beitrage." Andere trauten sich einen Job in den Fabriken schlicht nicht zu. Auch diese Bedenken wurden ausgeräumt: "Können Sie einen elektrischen Mixer bedienen? Dann können Sie auch lernen, mit einem Bohrer umzugehen."

Fabrikarbeiterinnen? Hübsch, verführerisch, stilvoll!

In sämtlichen Magazinen - darunter "National Geographic", "Fortune" und "Life" - erschienen darüber hinaus regelmäßig vom OWI gesteuerte Geschichten über Fabrikarbeiterinnen. Sie priesen die grandiose Leistung und ihre Fähigkeiten. Dazu gab es haufenweise Fotos junger Damen, die mit rot lackierten Fingernägeln und frisch ondulierten Haaren Bohrer oder Nietpistolen schwingen. Bewusst wurden sie als hübsch, verführerisch und stilvoll dargestellt. Den Frauen sollte die Angst vor den schmutzigen "Blaumann-Jobs" genommen werden.

Mit der Realität hatte das allerdings nicht viel zu tun. Die wahren Rosies sicherten ihr Haar unter bunten Tüchern, die sie auf dem Kopf verknoteten, sie trugen bei der Arbeit Handschuhe und kamen schmutzig und verschwitzt nach Hause. Kein Wunder: Sie standen stundenlang mitten in den Skeletten der Flugzeuge oder Schiffrümpfe und bohrten unter Getöse Löcher in Stahl, nieteten oder schweißten Metallteile zusammen.

Vielen tönte noch nach der Arbeit das ständige Hämmern, Pfeifen und Zischen in den Ohren. "Meiner Mutter setzte der Lärm unglaublich zu. Sie kam jeden Tag mit Kopfschmerzen nach Hause", erzählt Sam Sagmiller, Sohn einer Rosie, in den Erinnerungen an seine Mutter. Die Schweißerinnen wiederum hatten andere Probleme: "Meine Augen litten unter dem ständigen Rauch und den Funken", erinnert sich Helyn Potter. "Ich gab deshalb das Schweißen auf und arbeitete als Nieterin." Die Schweißerin Susan Page wurde sogar mehrere Male so stark geblendet, dass sie für Stunden erblindete - aber: "Trotzdem liebte ich es. Endlich konnte ich etwas tun, das meinen Bruder und die Anderen heimholen würde."

Die "echten" Rosies

Die Kampagne war ein voller Erfolg. In den Fabriken zu arbeiten, war kein Makel mehr. Die Frauen waren stolz, zu den "Rosies" zu gehören. Innerhalb weniger Monate waren die zwei Millionen fehlenden Arbeiterinnen rekrutiert. Insgesamt legte die Zahl der Frauen mit Jobs in den Kriegsjahren um 50 Prozent zu. Es war allerdings nicht nur der Patriotismus, der sie an die Werkbank trieb, sondern auch das Geld. Sie bekamen im Schnitt 32 Doller pro Woche. Das war zwar immer noch weniger als man Männern zahlte, aber deutlich mehr, als eine Verkäuferin verdiente. Und einige von ihnen wurden dabei sogar berühmt.

Mit der Zeit gruben die Medien eine "echte Rosie" nach der anderen aus. Die berühmteste unter ihnen war Rose Will Monroe. Der Schauspieler Walter Pidgeon hatte die junge, dunkelblonde Frau in einem Ford-Werk in Ypsilanti in Michigan entdeckt, wo sie Flugzeuge zusammennietete. Monroe passte perfekt ins Bild: Sie war jung, hübsch, Nieterin - und hieß Rose. Er drehte einen Propagandafilm für Kriegsanleihen mit ihr. Monatelang war sie in den Kinos zu sehen, weshalb viele ihr Gesicht mit Rosie the Riveter verbanden.

Nach dem Krieg taten sich vielen Rosies schwer, in ihr altes, häusliches Leben zurückzukehren. "Die Frauen merkten, dass sie mehr aus sich machen konnten", erinnert sich Sybil Lewis, die in Burbank als Nieterin beim Flugzeughersteller Lockheed gearbeitet hatte und ebenfalls keine Lust hatte, ihre neu gewonnen Freiheiten aufzugeben. Und Inez Sauer, die bei Boeing arbeitete, resümierte: "Ich fand bei Boeing eine ungekannte Freiheit und Unabhängigkeit. Der Krieg veränderte mein Leben. Ich wollte nicht mehr nur Hausfrau sein."

Trotzdem räumten die Frauen nach dem Krieg das Feld. Auch das verstanden sie als ihre patriotische Pflicht. Sie wollten den Männern, die aus dem Krieg heimgekehrt waren, nicht die Jobs wegnehmen. Obwohl die Frauen ihre Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatten, ließ die Emanzipation noch Jahrzehnte auf sich warten. Der Mythos Rosie the Riveter jedoch lebt bis heute weiter, als Symbol für starke Frauen und den Feminismus.

Artikel bewerten
3.0 (8 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Volker Altmann 18.12.2012
Sehr geehrte Frau Lutteroth, was bitte hat das Ersetzen von männlicher Arbeitskraft aus einer Zwangslage heraus mit Feminismus zu tun? Patriotismus mag angehen, der war und ist in den USA im Übermaß vorhanden. Aber der Patriotismus der Amerikaner hat dann auch dafür gesorgt, dass die Heldinnen wieder an den Herd gehen durften nach getaner Arbeit. Weil sie den Männern nicht die Arbeit wegnehmen wollten? Was ist das für eine Logik im Sinne des Feminismus: Der Mann bringt das Geld ins Haus, Frauen gehören in die Küche? Einer allseits bekannten ehemaligen Nachrichtensprecherin der ARD hat diese Theorie ihre Karriere gekostet. Und einer Frau Schwarzer muss doch beim Lesen ihres Berichts die Galle überlaufen. Der Status ?Heldinnen? mag da ein buntes Trostpflaster sein ? aber dem Feminismus dienlich war dieser patriotische Einsatz ganz offenbar nicht. Frei nach dem Sprichwort: Die Heldinnen haben gedient, die Heldinnen können gehen. Und bestimmt haben das die Männer.
2.
Michael Labs 18.12.2012
Männer, die arbeiten, sind Arbeiter. Frauen, die arbeiten, sind Heldinnen. An dieser verqueren Einstellung hat sich bis heute nichts geändert.
3.
Marco Wirth 18.12.2012
Ich finde das richtig, und das sollte auch in Zukunft noch weiter gefördert werden. Es kann nicht sein, dass Frauen sich nur um den Haushalt kümmern, um den inneren Zusammenhalt der Familie, hinter ihren Männer stehen, das Kind aufwachsen sehen, und das Leben atmen. Gerade in schweren wirtschaftlichen Zeiten muss sich auch die Frau beteiligen. Und wenn sie am Fließband steht, dann ist das ihr Job.
4.
Josef Tura 18.12.2012
Der Regisseur Jonathan Demme ("Schweigen der Lämmer") hat diesen Frauen 1984 ein Denkmal gesetzt: "Swing Shift" hieß der Film nach einem Drehbuch von Nancy Dowd, in dem das Ehepaar Goldie Hawn und Kurt Russell die Hauptrollen spielte. Der Film macht recht deutlich, daß die Rückkehr der Frauen an den Herd damals durchaus ein Problem war, für alle Beteiligten. Zyniker würden sagen: der Krieg ist der Vater aller Dinge, also verdanken wir ihm auch die Emanzipation der Frauen. Das gilt übrigens auch für die deutschen Frauen, die sich und die Kinder allein durch den Krieg gebracht und nun zunehmend keine Lust mehr hatten, sich in die Heimchen-am-Herd-Rolle zu fügen. Wenn man sich allerdings die deutschen 50er-Jahre-Werbespots anschaut mit ihrer "Schatz-was gibts-zum Essen"-Attitüde, dann weiß man, weshalb das alles bei uns noch etwas länger dauerte...
5.
Volker Altmann 18.12.2012
Herr Tura, war das nur bei uns so? Die USA waren in den Fünfzigern wohl auch kein Ort, an dem sich Frauenrechtlerinnen besonders anerkannt gefühlt haben dürften. Auch in den USA wurde gerne das Bild von der emsigen Hüterin des Heimes propagiert. Frauen in den Vorstandsetagen hatten da genau so Seltenheitswert wie bei uns. Und auf die erste US-Präsidentin gilt es noch heute zu warten. Was aber offensichtlich nicht viele US-Bürger zu stören scheint, nur äußerst selten vernimmt man dazu eine Bemerkung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen