Fotodokumentation Rostock 1988 Meine Heimat, schonungslos

Die Bilder wirken wie Aufnahmen einer zerbombten Stadt, sie zeigen Rostock kurz vor dem Ende der DDR. 1988 fotografierte Siegfried Wittenburg heimlich die heruntergekommenen Bauten seiner Heimat. Als Dokumentation des Verfalls - und Kritik am Staat.

Siegfried Wittenburg

September 1988. Der Städteexpress "Stolteraa" von Berlin-Lichtenberg nach Rostock gleitet durch die Landschaft. Blicke ich durch das Abteilfenster, blinken Seen zwischen den Feldern. In der Mitropa gibt es das beliebte Berliner Pilsener vom VEB Getränkekombinat Berlin. Vollbier Spezial, EVP 1,28 Mark für 0,5 Liter. Ich kehre mit einem Erfolg in meine Heimatstadt zurück: Die Aufnahmekommission des Verbandes Bildender Künstler der DDR hat meinem Antrag zur Aufnahme zugestimmt. Fortan darf ich auch ohne ein abgeschlossenes Studium als "Fotografiker" tätig sein. Es ist der zweite Beruf, den ich gern ausüben würde. In meinem ersten bin ich Techniker in einer Universitätsklinik. Das ist ein nützlicher und angesehener Beruf, ich verdiene regelmäßig und durchschnittlich gut, sehe allerdings keine weiteren Perspektiven in meinem Leben. Doch weiß ich noch nicht, wer meine Auftraggeber und Kunden sein werden. Kann ja noch kommen, denke ich. Irgendwie.

Der Städteexpress rumpelt durch Kleingärten und verschlissene Industrieanlagen in den Hauptbahnhof meiner Heimatstadt. Ich steige um in die S-Bahn in Richtung Warnemünde. Die Transportpolizei geht durch die Bahn, und graue Wohngebäude ziehen vorüber, bis ich in Rostock-Evershagen aussteige und im frischen Ostseewind in die Plattenbausiedlung Rostock-Schmarl gehe. Im dritten Stock wohne ich mit meiner Familie. Über 120.000 weitere Menschen wohnen hier im Nordwesten, die Hälfte der Einwohner Rostocks. Sie haben Fernheizung, Bad und fließendes warmes Wasser, billig und scheinbar unerschöpflich. Doch mein Frohlocken hält sich in Grenzen.

Die Aufnahmekommission hat mir als Fotografiker noch eine Aufgabe erteilt: In zwei Jahren soll ich eine weitere Arbeit vorlegen, die meine Kunst unter Beweis stellt, um endgültig Mitglied zu werden. Ansonsten würde mir der Beruf wieder aberkannt.

Ich zermartere mir den Kopf, mit welcher Arbeit ich die Kommission sowohl formal als auch inhaltlich überzeugen könne, ohne die unsichtbare Grenze zur Regimekritik zu überschreiten. Denn wohin ich auch blicke, der Verfall wird immer deutlicher. Die Menschen stellen Anträge zur endgültigen Ausreise aus der DDR und verlassen bereits in Scharen ihre Heimat in Richtung Westen. Ich spüre einen nahen Untergang und habe keine Vorstellungen, wie sich dieser vollziehen wird. Alles, was ich erblicke, hat wohl keine Zukunft mehr.

Ich fahre ins Stadtzentrum. Vor den historischen Giebeln am Boulevard komme ich mit einem Besucher aus Cottbus ins Gespräch. "Bei euch hier sieht es ja noch gut aus", sagt er. "Kommen Sie doch mal zu uns in den Süden." Ich weiß bereits, wovon er spricht, und entgegne: "Werfen Sie doch mal nur einen Blick in die Seitenstraßen. Gehen Sie doch einmal dorthin, wo diese einst stolze Hansestadt schon 770 Jahre alt ist."

Exkursion vor die Haustür

Das ist die Eingebung! Ich beschließe, den historischen Stadtkern meiner Heimatstadt zu fotografieren. Schonungslos. So, wie er ist. Ein sehr feinkörniger Film muss es sein, um große Formate herstellen zu können. Ich kaufe mir eine Packung Rollfilme ORWO NP 15 aus dem VEB Filmkombinat Wolfen, den feinsten Film, den es gibt. Andere Filme als ORWO gibt es nicht. Ich brauche eine Mittelformatkamera und frage im Industrieladen des VEB Carl Zeiss Jena danach. Es gibt keine Mittelformatkameras. Wann wieder Ware kommt, kann mir die Verkäuferin nicht sagen. Aber es gibt gerade Stative, sagt sie mir. So kaufe ich ein recht wackliges Stativ. Es ist scheinbar das einzige Modell "Made in GDR".

Ein Bekannter empfiehlt mir eine russische Mittelformatkamera, eine KIEV 88. Er macht sie mir schmackhaft. "Es ist die Hasselblad des Ostens." Ich kaufe sie für viel Geld. Doch der Verschluss erweist sich als unzuverlässig, und die Objektive haben die Qualität von Milchflaschenböden. Ich ärgere mich über die bereits angefertigten Aufnahmen und mache den Kauf rückgängig.

Wieder fahre ich mit dem Städteexpress nach Berlin-Lichtenberg. Im Zeiss-Laden am Alexanderplatz kaufe ich eine Pentacon Six TL mit Objektiven und einer Tasche für sehr viel Geld. Die Aufnahmen gelingen, bis auf die Macken beim Filmtransport. "Das ist typisch für die Kamera", sagt mir ein Fachmann. "Probleme mit dem Filmtransport hatte sie schon immer." Auch die Filmentwicklung im Bad und in der Dose gelingt nicht. Ich mag die Filme nicht dem "volkseigenen" Großlabor anvertrauen, dem einzigen, das es gibt. So übe ich mit den Entwicklungsdosen so lange, bis es mir gelingt, die letzten Nuancen technisch perfekt herauszukitzeln. Die Filme entwickle ich nachts, nachdem mein neugeborener Sohn von mir gebadet und von meiner Frau gestillt ist und schlummert.

Mit gemischten Gefühlen

Ich fühle mich anfangs dem Staat gegenüber hinterhältig. Seit meiner Kindheit erwartet er von mir, dass ich für ihn zum Jubeln gehe. Nun gehe ich los und nutze staatliche Subventionen, um ihn an den Pranger zu stellen. Mein Plan ist es, mein Lebensumfeld zu fotografieren - ohne einen einzigen Sonnenstrahl, der den Fotografien womöglich ungewollt Glanz verleihen würde. Die Wut soll sichtbar werden. Ich wähle graues Wetter, wenn möglich Regenschauer. Die ersten Bilder, die ich auswerte, sind dokumentarisch genau, doch es fehlt die künstlerische Idee, der Aha-Effekt für die Aufnahmekommission.

Ich wandere durch drei historisch zusammengewachsene Stadtteile, teilweise vom Krieg zerstört und nun erneut im Stadium des Verfalls. "Ruinen schaffen ohne Waffen", witzelt der Volksmund. Die Altstadt wirkt wie eine Geisterstadt, in der nur wenige Passanten ihrer Wege gehen. Ich wähle eine Belichtungszeit, die dies zum Ausdruck bringt. In 1/15 oder 1/8 Sekunde werden die Passanten nur noch verschwommen dargestellt. Keineswegs möchte ich die Fotos in irgendeiner Weise manipulieren. Die Abgebildeten sind völlig authentisch. Das einzige Zugeständnis, das ich mir einmal nach langem Warten erlaube, ist, dass ich selbst durch das Bild laufe. Ich meine, ebenfalls authentisch zu sein.

Aber was ist, wenn mich jemand beobachtet, während ich so offensichtlich Dinge fotografiere, was sonst nur Besucher aus dem Westen mit kleinen Kameras aus Japan tun? Ja, ich habe ein ungutes Gefühl, dass womöglich ein grauer Lada neben mir hält, auffällig unauffällig gekleidete Männer aussteigen und mich zur Klärung eines Sachverhalts auffordern.

Regelmäßig werde ich zu den Treffen der Mitglieder des Verbandes eingeladen. Dort werden aktuell-politische Themen behandelt, jemand liest aus dem SED-Zentralorgan "Neues Deutschland" vor, und ich fühle mich wie im volkseigenen Betrieb bei der Schule der sozialistischen Arbeit. Wie ein unmündiges Kind. Der Verbandsekretär sagt zu mir: "Wenn du mal einen Auftrag brauchst, sage Bescheid. Ich bin alle zwei Wochen bei der SED-Bezirksleitung und werde das regeln." Ich habe nicht die leiseste Ahnung, welche Honorare für Abbildungen gezahlt werden, die die sozialistische Menschengemeinschaft auf dem Weg zum gesetzmäßigen Sieg über den Kapitalismus darstellen.

Der freie Fall

Die Vorbereitungen zur Bezirkskunstausstellung beginnen. Ich entschließe mich, zehn großformatige Fotografien zum Thema "Altstadtimpressionen" zu präsentieren. Die Jagd nach Fotopapier beginnt. Ich darf jetzt im VEB Chemiehandel einkaufen und ergattere je zwei Packungen ORWO BN111 und BH111, glänzendes, kartonstarkes Fotopapier 40 x 50 cm. Es ist das größte Format, das ich selbst verarbeiten kann. Die Vergrößerungen stelle ich mit dem Opemus 5, einem Gerät von Meopta aus der CSSR, an mehreren Wochenenden in den Räumen des Kulturhauses der VEB Warnowwerft Warnemünde her.

Während meines mehrere Monate andauernden Projektes gerät der Staat aus den Fugen, erlebt seinen 40. Jahrestag mit Ach und Krach, und es beginnt der freie Fall. Die Eröffnung der Bezirkskunstausstellung in der Rostocker Kunsthalle ist für Anfang November 1989 geplant. Laut Protokoll soll der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung sie eröffnen. Doch nur wenige Tage vor diesem Termin wird er während einer Dialogveranstaltung, die die SED zu ihrer Selbstrettung veranstaltet, entmachtet. Zur Eröffnung stammelt er nur einige Phrasen und es erfolgt ein Schnelldurchgang durch die Exposition. Kurz sieht er sich meine Fotografien an und geht wortlos weiter. Ich ärgere mich, weil ich meine beabsichtigte Wirkung nur um kurze Zeit verfehlt sehe.

Wenige Tage später fällt die Mauer. Einige Monate später löst sich der Verband Bildender Künstler der DDR auf und organisiert sich neu in Landesverbänden. Ich trete aus dem Verband aus und gehe meine eigenen Wege. Meine Steuernummer habe ich immer noch.

Die Fotos von Siegfried Wittenburg auf der Webseite der Grauwert Galerie

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.
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Seite 1
Sven Lehmann, 11.03.2014
1.
Es ist schon erstaunlich wie die SED alle Altbauten verfallen ließ und nur die Plattenbauten im Sinn hatte. An Erhaltung der Altsubstanz hatte man 0% Interesse, wieso eigentlich? (Ich meine jetzt nicht seitens der Bürger, da diese mangels Material nicht viel unternehmen konnten, sondern ich meine seitens der Parteiführung)
Ingo Meyer, 11.03.2014
2.
Das sind ganz tolle Zeitzeugnisse! Als ich noch ein Kind war, machten sich meine Eltern über die Akürzung VEB für Volkseigener Betrieb lustig, in dem sie die Abkürzung für "Vorsicht es bröckelt" persiflierten. Ich bin der felsenfesten Auffassung, dass wenn man Bürgern das Recht auf Privateigentum nimmt, dass dann das dabei herauskommt, was auf den Bildern sichtbar wird. Die ganze Arbeitskraft des Ostens wurde für gegenseitiges Aufpassen, beschnüffeln und hohe Reparationen für die UDSSR eingesetzt. Nur wenn man die Menschen einsperrt und Vergleiche verweigert, kann man sie in diesem Elend halten. Ich sage als Westdeutscher: Der Solidarbeitrag Ost war bitter notwendig. Eine späte Wiedergutmachung für die, die die Kriegsfolgen überwiegend tragen mussten. Aber die Bilder sind auch ein Mahnmal für diejenigen SED-Nostalgiker, die noch immer meinen, es wäre ja alles gar nicht so schlecht gewesen. Dem Fotografen Siegfried Wittenberg empfehle ich in schwarz-weiß die Aufnahmen in Duisburg und Oberhausen zu wiederholen. Da kommt dann noch das Grafitti dazu!
Mathias Kuchenbecker, 11.03.2014
3.
Ganz großes Kino! Da hat einer sämtliche Baustellen im alten Rostock fotografiert. Rostock war 1989 beileibe nicht nur Baustelle, liebe Leute. Das hier ist ein wunderschönes Beispiel, wie man Leute durch Halbwahrheiten verblöden lässt. Danke dafür!
Regina Horn, 12.03.2014
4.
Ach, Herr Kuchenbecker, auch wenn Sie noch immer eisern zur Fahne stehen, es nutzt ja nunmal nix: selbst ausgesprochen Gutwillige können doch wohl erkennen, dass auf den Fotos keine wie auch immer gearteten "Baustellen" zu sehen sind. "Leute verblöden." Hm. Ich für mein Teil würde diese Fotoreihe auf dem nächsten Parteitag der LINKEN als Riesenposter ausstellen.
Malte Dornieden, 12.03.2014
5.
Ich selbst habe aufgrund meines Studiums von 2009-2013 in Rostock gelebt (sogar in der abgelichteten Wollenweberstraße) und habe diese Zeit sehr genossen.Meiner Meinung nach ist das Rostock von damals, vor allen Dingen was die Innenstadt und Warnemünde angeht, mit dem Rostock von heute eigentlich garnicht mehr zu vergleichen, es hat sich eine Menge getan. Besonders um die östliche Altstadt herum entstanden gegen Ende meiner Zeit dort sogar soviele schicke Neubauten, dass es mir fast schon zuviel wurde. Mfg
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