Rostock-Lichtenhagen Als der Mob die Herrschaft übernahm

Rostock-Lichtenhagen: Als der Mob die Herrschaft übernahm Fotos
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Der Plattenbau brannte, die Masse johlte, Besoffene hoben die Hand zum Hitlergruß: Ende August 1992 eskalierte im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen der Fremdenhass, Ausländer bangten um ihr Leben.

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Sie campieren im Dreck, auf zerfetzten Matratzen, ohne sanitäre Anlagen - voller Hoffnung auf Asyl in einer besseren Welt. Die Wiese vor dem elfstöckigen Plattenbau in der Mecklenburger Allee 18 in der Rostocker Trabantenstadt Lichtenhagen ist ihr Zuhause geworden. Dort in dem Wohnblock mit dem Mosaik aus Sonnenblumen an der Außenwand ist seit Ende 1990 die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes Mecklenburg-Vorpommern untergebracht.

Flüchtlinge müssen hier ein mehrtägiges Registrierungsverfahren über sich ergehen lassen. Doch das Haus ist hoffnungslos überbelegt. Viele der Sinti und Roma wissen nicht, wohin. In ihrer Not kriechen sie unter die Balkone im Erdgeschoss oder kauern sich an die kalte Hauswand. Mitleid allerdings kommt in der Nachbarschaft nicht auf - im Gegenteil. Viele Anwohner fühlen sich belästigt, schimpfen über die Zustände rund um das "Sonnenblumen-Hochhaus". Im Viertel schwelt die Aggression.

Die Katastrophe beginnt im August 1992 mit kleinen Schlägereien. Anwohner beschimpfen und bedrohen die Asylsuchenden. In der Nacht zum 23. August eskaliert die Situation - aufgestaute Wut und Ausländerhass brechen sich Bahn. Ein gewaltbereiter Mob aus überwiegend jugendlichen Rostockern umzingelt den Plattenbau mit dem Sonnenblumen-Mosaik. Die Randalierer bewerfen die Bewohner mit Steinen, zertrümmern Fensterscheiben und skandieren ausländerfeindliche Parolen.

Der Menschenauflauf wird schnell größer. Neugierige Gaffer schließen sich zu einer johlenden Menge zusammen. Die Einsatzleitung der Polizei weiß nicht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Eine Panne jagt die nächste. So werden erst drei Stunden, nachdem die ersten Brandbomben flogen, Wasserwerfer eingesetzt, erst 18 Stunden nach den ersten Angriffen wird entsprechende Verstärkung angefordert. Die Beamten ziehen sich zurück, um die Lage zu besprechen - und überlassen dem Mob das Feld. Die unberechenbaren Angreifer schleudern Molotow-Cocktails und randalieren bis in die frühen Morgenstunden.

Ausländer fürchten um ihr Leben - unter den Augen der Polizei

Am Mittag des 23. August rottet sich die geifernde Meute erneut vor dem Plattenbau zusammen. Die Rostocker Polizeidirektion hat noch immer kein Konzept gefunden und fordert verzweifelt Unterstützung aus Schwerin, Anklam, Stralsund und Güstrow an sowie zwei Hundertschaften des Bundesgrenzschutzes.

Unter die Angreifer mischen sich Neonazis aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Etliche Fernsehsender haben sich inzwischen am Ort des Geschehens eingefunden und berichten mit Liveschaltungen aus Lichtenhagen. Millionen Menschen im In- und Ausland sitzen vor ihren Fernsehbildschirmen und verfolgen das Unfassbare, das sich in Rostock abspielt: In Deutschland, das so tolerant schien, wo die Nazizeit aufgearbeitet schien, müssen Ausländer um ihr Leben fürchten - unter den Augen der Polizei. Die Kameras zeichnen das Grölen der Menge auf, die Umstehenden applaudieren.

"Ich hab', wenn ich ehrlich bin, auch geklatscht - aber gegen die Polizei", erklärt eine Rostockerin ihr damaliges Verhalten im Gespräch mit SPIEGEL TV. Unter die Radikalen mischen sich gewöhnliche Bürger. In Rostock kämpft die Polizei nicht gegen eine bestimmte Gruppe, sie kämpft gegen ein ganzes Viertel. Zeitweise bekriegen sich mehr als 1200 Rechte und Sympathisanten mit 800 Polizisten.

Erst am dritten Tag, dem 24. August, werden rund 200 Asylbewerber unter dem Schutz zweier Hundertschaften in Sicherheit gebracht. Was auf Entspannung hoffen lässt, ist jedoch der Beginn des traurigen Höhepunktes: Die Polizei rückt nach der Evakuierung ab, obwohl sich 3000 Menschen auf der Straße vor dem "Sonnenblumen-Hochhaus" versammeln. Eine bizarre Volksfeststimmung macht sich breit.

Es kommt zu brutalen Ausschreitungen: Der Mob attackiert ungehindert das benachbarte Hochhaus Nummer 19, ein Wohnheim für Vietnamesen, die zum Teil als DDR-Vertragsarbeiter nach Rostock gekommen waren. In dem Gebäude befinden sich rund 150 Vietnamesen und 30 Deutsche, darunter auch Wolfgang Richter, Rostocks Ausländerbeauftragter.

Erneut werden Brandbomben ins Haus geschleudert, Scheiben zerbersten, Balkone und Wohnungen gehen in Flammen auf. Radikale stürmen das Gebäude, bewaffnet mit Baseballschlägern und Äxten. Menschen schleppen kanisterweise Benzin für die Brandsätze herbei. Der Asphalt ist rutschig vom Sprit. Die Masse johlt und klatscht. Neonazis und Besoffene heben die rechte Hand zum Hitlergruß. Vor den Kameras torkelt ein Volltrunkener im Jogginganzug umher, der sich in die Hose gemacht hat und ebenfalls die rechte Hand nach oben reckt.

"Wie? Ihr fahrt zurück?"

Es habe sich so angefühlt, als sei "der Krieg wieder da", erinnert sich die Vietnamesin Phuong Kollath, die selbst einst in der Mecklenburger Allee 18 wohnte, im Gespräch mit SPIEGEL TV. Befreundete Vietnamesen berichteten ihr, wie sie sich in dem Hochhaus verschanzten: "Wir haben so getan, als sei niemand mehr im Haus, als würde es sich nicht lohnen zu schreien, Beifall zu klatschen oder einen Brandanschlag verüben zu müssen", hätten ihre Freunde damals erzählt.

Aus nächster Nähe dokumentiert ein Reporter-Team der ZDF-Sendung "Kennzeichen D" die Menschenhetze: Gemeinsam mit den Vietnamesen sind die Journalisten in dem Hochhaus von Flammen eingeschlossen.

Rosemarie Melzer, eine Nachbarin, beobachtet fassungslos die Szenen, die sich vor ihren Augen abspielen, und wählt den Notruf. Ihr Gespräch wird aufgezeichnet: "Es brennt! Die Polizei ist mit anderen Dingen beschäftigt." Die Reaktion des Mannes in der Leitstelle beunruhigt sie noch mehr. Man werde sich darum kümmern, antwortet eine müde Stimme am anderen Ende. "Ich hörte die Resignation aus seinen Worten." Vor Ort kommen die Retter nicht an das brennende Haus heran. Die Brandstifter hindern die Feuerwehr über eine Stunde lang an den Löscharbeiten. Im dichten Steinhagel müssen sich die Feuerwehrmänner wieder zurückziehen.

Den im Haus eingeschlossenen Menschen gelingt es, aufs Dach des Gebäudes zu fliehen. Gebückt verharren sie dort, um von unten nicht entdeckt zu werden. Von dort gelangen sie in eines der Nachbarhäuser. Die Flüchtenden zittern vor Angst. Anwohnerin Melzer gewährt einigen Zuflucht. Als sie mit SPIEGEL TV darüber spricht, kämpft sie mit den Tränen - 15 Jahre später sind die Szene noch immer so präsent wie damals.

Mit dem Horror von damals kommen auch viele der Polizeibeamten nicht klar. Bis heute haben einige das Versagen der Staatsgewalt nicht verarbeitet. Einer berichtet SPIEGEL TV, er habe - als er bereits auf dem Heimweg nach Hamburg war - erst von seiner Frau am Telefon vom Ausmaß der Krawalle erfahren. Sie sei vor dem Fernseher dem Geschehen näher gewesen als der Beamte vor Ort. "Wie? Ihr fahrt zurück?", fragte sie ihn entsetzt. Hans-Heinrich Heinsen, damals Leiter des Landespolizeiamtes von Mecklenburg-Vorpommern, räumt im Interview ein: "Möglicherweise hat unsere Polizei nicht sofort erkannt, was da vorne eigentlich los ist."

"Fremdenfeindlichkeit ist noch immer an der Tagesordnung"

Nach dem Schock von Rostock-Lichtenhagen haben viele Menschen das Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen, etliche Bürgerinitiativen gegen Rechts bilden sich. Ein Jahr später werden viele Randalierer wegen versuchten Mordes, schwerer Brandstiftung oder Landfriedensbruch verurteilt. Den letzten Tätern wird im November 2001 vor dem Schweriner Landgericht der Prozess gemacht. Er endet mit Bewährungsstrafen wegen Mordversuchs und schwerer Brandstiftung. Insgesamt kommt es zu weit mehr als 30 Prozessen. Das Ergebnis: rund 40 Verurteilungen und Strafbefehle.

Heute leben noch mehr als 7000 Ausländer in Rostock, rund 800 davon stammen aus Vietnam. 15 Jahre nach Lichtenhagen scheint bei den Opfern nichts vergessen. Ausländerhass schlägt ihnen noch immer entgegen. "Fremdenfeindlichkeit ist immer noch an der Tagesordnung", sagt die Vietnamesin Phuong Kollath. Man spüre den Hass täglich - auf dem Wochenmarkt, im Freibad, auf der Straße.

Bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr kam die NPD in Lichtenhagen auf 6,1 Prozent, im Landesdurchschnitt sogar auf 7,3 Prozent. Im Landtag sitzen sechs Abgeordnete der Rechtsextremen. "Wenn man die Kinder so erzieht, wie es sich gehört, dürfte so etwas nicht noch mal kommen", sagt eine ältere Rostockerin im Gespräch mit SPIEGEL TV und erklärt direkt im Anschluss, dass ihrem Enkel von einem "Zuwanderer" das Handy geklaut worden sei. Auch wenn er es wieder bekommen habe - "wir müssen uns das nicht gefallen lassen".

Julia Jüttner

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 22.08.2007

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1.
Alex Schumann 17.01.2008
Die tragischen Vorkommnisse werden weitgehend richtig geschildert. Warum aber muss am Ende erneut suggeriert werden, dass es sich bei den Rostockern um Rassisten und Fremdenfeinde handelt? Die Ereignisse haben dem Ansehen der Stadt erheblich geschadet, kein Rostocker kann das gut heißen. Das es immer welche gibt, die meinen, sie wären besser oder gar mehr wert als andere Menschen, ist traurig, aber beileibe kein originär ostdeutsches oder gar Rostocker Phänomen. Es gibt in Rostock keine Kontinuität der Fremdenfeindlichkeit, wie es hier angedeutet wird. Im Sinne eines objektiven und qualitativ hochwertigen Journalismus: bitte stellen Sie die Verhältnisse differenziert dar! Klischees haben da nichts zu suchen. Der Spiegel sollte sich hüten, zur intellektuellen BILD-Zeitung zu verkommen.
2.
Karl Vakur 25.02.2009
Das hier währe auch erwähnenswert gewesen: http://www.youtube.com/watch?v=2RSsTMIyXAg
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