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Besetzte Rote Flora "Ich frage mich, warum wir nicht geräumt wurden"

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Es ist eine der längsten Hausbesetzung in der Bundesrepublik: Vor 25 Jahren übernahmen Linksalternative das ehemalige Hamburger Theater Flora - und geben es bis heute nicht her. Eine Multimedia-Reportage aus dem Reich der Aufständischen. Von , und

Kein Mietvertrag, kein Hausmeister, kein Kontakt zum Eigentümer: Die Rote Flora ist Deutschlands am längsten besetztes Kulturzentrum. Ein Unikum in der Republik und ein hoch aufgeladener Symbolort. 25 Jahre lang hat sich keine Hamburger Stadtregierung getraut, das einstige Theater räumen zu lassen. Inzwischen gehört die Flora einem insolventen Privatier - dessen Lamento über die Besetzung allerdings weder die Flora-Aktivisten noch die Stadt besonders schert. Im Gegenteil: Hamburgs Politiker haben es fast ein bisschen liebgewonnen, das marode Gebäude im Trendstadtteil Schanzenviertel.

Begonnen hatte seine Geschichte bereits hundert Jahre früher, 1889. Damals eröffnete mit dem "Gesellschafts- und Concerthaus Flora", ein prunkvolles Varieté-Theater mit Café und angrenzenden Wohnungen, ab 1890 ergänzt um einen "Crystallpalast" aus Glas und Stahl.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die Theaternutzung in Vergessenheit. Wechselnde Eigentümer nutzten die Flora mal als Garagenhalle, mal als Kino - und schließlich in den Achtzigern als Technik-Kaufhaus "1000 Töpfe". 1989 sollte der einstige Prachtbau einem neuen Musical-Theater weichen. Doch das Projekt des Event-Magnaten Fritz Kurz weckte Widerstand im Schanzenviertel.

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Rote Flora: 25 Jahre ohne Mietvertrag

Während Kurz eine Spielstätte für "Das Phantom der Oper" plante, fürchteten Anwohner und die alternative Szene des Stadtteils, mit dem "Kommerz-Projekt" kämen auch Touristen, teure Restaurants und jede Menge Autos, und im Viertel würden die Mieten steigen. Sie forderten stattdessen ein nichtkommerzielles Stadtteilzentrum. Im November 1989 riefen die Protestierenden die Besetzung des alten Varieté-Theaters aus. Aus dem "Concerthaus Flora" wurde die Rote Flora.

Aktivist Hansmartin, der bei der Besetzung dabei war, versteht bis heute nicht, was die Stadt damals machte.

Eigentlich war es eine schleichende Besetzung. Angesichts der monatelangen Proteste im Stadtteil hatten sich die Investoren im Herbst 1989 aus dem Projekt zurückgezogen - der Musicaltempel sollte nun an der Holstenstraße entstehen. Daraufhin erlaubte die Stadt den Protestierern, in der Flora ein provisorisches Stadtteil-Kulturzentrum zu errichten. In der Nacht zum 1. November 1989 lief diese Genehmigung aus - und die Flora-Aktivisten erklärten die Besetzung des Gebäudes. "Beim Kämpfen und Vokü-Essen / Vorwärts und nie vergessen / Die Rote Flora lebt!" sangen die Besetzer auf der ersten Pressekonferenz.

Anfangs bemühte man sich redlich, dass das alte Theater nicht nur ein Ort für die linke Szene blieb. "Flora für alle" lautete der Slogan - mit Erwerbslosenfrühstück, sogenannter Volxküche, Rentner-Kaffeeklatsch und Stadtteilversammlungen wollte man die Nachbarschaft mobilisieren. Die Fronten waren klar: "Unser Viertel" versus "Kommerzialisierung" durch Musicals, Yuppies und Luxussanierung.

Hinter dem halb abgerissenen Gebäude sollte ein Park entstehen - doch im Juli 1991 lieferten sich die Besetzer dort eine Schlacht mit der Polizei, der auch die frisch gepflanzten Setzlinge zum Opfer fielen. Anstelle des Parks ließ der SPD-Senat auf dem Grundstück 42 Sozialwohnungen errichten - ein Zugeständnis an die Protestierer. Doch eine Einigung bezüglich eines regulären Mietvertrags für das Kulturzentrum erzielten Stadt und Flora-Aktivisten nicht. Es sollte der letzte Versuch gewesen sein, die Besetzung zu legalisieren. Nachdem der Ehemann der damaligen Stadtentwicklungssenatorin Traute Müller der Stasi-Mitarbeit überführt worden war, musste sie zurücktreten. Ihre Nachfolger meldeten sich nie wieder mit Vertragsangeboten beim Rote-Flora-Kollektiv.

Musik und ihr politischer Kontext wurden im Verlauf der Neunzigerjahre immer wichtiger für die Identität der Flora. Auch für Christian, der mit seiner Band im Keller des Hauses probt.

1990 fand hier die erste Reggae- und Dub-Soundsystem-Party statt, es folgten House- und Techno-Abende: Was in den Anfangsmonaten als linkes Nachbarschaftszentrum gedacht war, entwickelte sich immer mehr zu einem Ort, an dem ohne kommerziellen Druck kulturell experimentiert werden konnte. "Wenn du in Berlin was machen wolltest, musstest du mit einem Tape durch die Gegend laufen und Klubbesitzer volllabern", sagt Silke, die in den Neunzigern eine Hälfte des DJ-Duos Sugarchicken bildete. "In Hamburg kannst du halt in die Flora gehen und sagen, du möchtest eine Party machen". Und ihr Co-DJ Oya ergänzt: "Ich würde behaupten, alle Hamburger Reggae-DJs sind in der Flora gestartet."

Das Alkoholverbot musste irgendwann fallen. Es war nicht zu halten, nachdem sich die Partygäste ihre Bierdosen einfach beim Imbiss nebenan holten. Vom puristischen Selbstverständnis der ersten Zeit blieb übrig, dass nach wie vor kein "Hart-Alk" über den Tresen geht. Und wenn ein DJ auf die Idee kommen sollte, einen schwulenfeindlichen Dancehall-Song aufzulegen, bliebe die Nadel nicht lange auf der Platte.

Die Schanze stieg zum gefragten Szeneviertel auf - und das Rote-Flora-Kollektiv begann, die eigene Rolle zu hinterfragen. Statt der "Unser Viertel"-Rethorik gab es Ende der Neunzigerjahre neue Debatten: In einem Diskussionspapier fragten sich die Aktivisten, ob die Flora nicht "lediglich für langsamere und sozialverträglicher organisierte Aufwertungsprozesse" gesorgt habe und ob sich in ihren Kämpfen nicht nur "die weißen deutschen mittelständischen Autonomen verstärkt Sorgen um das Schicksal ihrer weißen ViertelmitbewohnerInnen gemacht" hätten. Die Flora entdeckte das Phänomen Gentrifizierung - und stellte fest, dass sie bei dieser schleichenden Verdrängung ärmerer durch wohlhabenderer Bevölkerungsgruppen selbst eine Rolle spielte. In der Folge nahm sie vor allem Partei für Drogensüchtige.

"Flora bleibt" steht auf dem Aufkleber an der Glastür der Schanzen-Konditorei Stenzel. "Ich glaube nicht, dass wir die unangenehmsten Nachbarn sind", meint Klaus von der Veranstaltungsgruppe. In der Tat: Trotz regelmäßiger Wasserwerfereinsätze vor der Roten Flora kann sich kaum einer den Stadtteil ohne diese Institution vorstellen. Im Gegenteil: Je mehr die Schanze zur Partymeile und zum Shoppingviertel wird, desto wichtiger scheint das Ambiente. Die Flora sei "mit ihrem morbiden Charme zu einem Imagefaktor für das Viertel geworden", attestierte die Hamburger Handelskammer zur Jahrtausendwende.

Für die sozialdemokratische Stadtregierung aber blieb die illegale Besetzung ein unangenehmes Thema, dessen sie sich 2001 geschickt entledigte: Die Stadt verkaufte ihre Problemimmobilie an einen Privatmann. Für 190.000 Euro übernahm der Immobilienkaufmann Klausmartin Kretschmer das Areal. "Das hat nichts mit einem herkömmlichen Geschäft zu tun. Das ist Mäzenatentum", erklärte dazu der SPD-Bürgermeister Ortwin Runde. Er nennt Kretschmer einen "Idealisten". Die Floristen ihrerseits erteilten ihm Hausverbot.

2004 beklagte sich Kretschmer bei der Stadt, dass man ihn alleingelassen habe, "obwohl mir garantiert wurde, dass mir durch das Flora-Engagement kein Schaden entstehen sollte." Um sich schadlos zu halten beschließt Kretschmer 2010, das Gebäude weiterzuverkaufen. Er verkündet, ein US-Investor, angeblich ein Sicherheitsunternehmen, wolle 19 Millionen Euro für das Areal zahlen. Die Stadt erinnert Kretschmer daran, dass er sich zur Nutzung des Gebäudes als Stadtteilzentrum verpflichtet habe und also weder verkaufen noch kommerzialisieren dürfe.

Andreas Blechschmidt ist seit 1989 Flora-Aktivist und einer der Sprecher des Kollektivs.

Inzwischen mag sich selbst Hamburgs Bürgermeister an ihrer Existenz nicht mehr reiben möchte. "Sie ist da. Und es gibt keine politische Kraft, die das ändern will", sagte Olaf Scholz (SPD) in einem Interview.

Selbst die Hamburger CDU hat sich offensichtlich damit angefreundet, dass das schmutziggelbe Gemäuer in linksautonomer Hand zu Hamburg gehört wie die Reeperbahn und der Michel. "Wer das kaufen will, muss Stress mögen", erklärte ein CDU-Kommunalpolitiker, als Kretschmers Verkaufsabsichten öffentlich wurden. Die Flora-Aktivisten malten den Spruch auf ein Transparent und hängten ihn über dem Portal auf.

Auf die Beschwichtigungen der Politik, die Existenz des Projekts stehe nicht in Frage, wollte man dort nichts geben. Stattdessen rief die Flora im Dezember 2013 zur präventiven Verteidigung der Problemimmobilie auf. Doch nach 20 Metern wurde der bundesweit mobilisierte Aufmarsch von der Polizei gestoppt und endete in einer wüsten Keilerei mit mehreren Dutzend Verletzten - der Beginn einer wochenlangen Polizeiaktion, zu deren Höhepunkt fünf Hamburger Stadtteile zum "Gefahrengebiet" erklärt wurden.

Im Mai 2014 leitete die Staatsanwaltschaft ein Insolvenzverfahren gegen den Flora-Eigentümer ein - und zwei Security-Leute verkünden an Eides statt, Kretschmer habe ihnen Geld geboten, damit sie das Gemäuer am Schulterblatt in Brand setzen. Der Rechtsanwalt Gert Baer, Berater von Kretschmer, dementiert entschieden. Die Flora sieht sich darin bestätigt, dass sie von vorneherein jegliche Zusammenarbeit mit dem Immobilienmann abgelehnt hat: "Dies bestätigt wieder mal, dass wir gut damit fahren, uns auf uns selbst zu verlassen", schrieben die Flora-Aktivisten in einer Erklärung im Mai.

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