AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2010

"Rote Kapelle" Horrorbriefe an die Ostfront

Den Nazis galten sie als Verräter, die Stasi missbrauchte ihre Geschichte - 1942 ließ die Gestapo 50 Regimegegner hinrichten, die vor Massenverbrechen und dem Angriff auf die Sowjetunion gewarnt hatten. Lange blieb die "Rote Kapelle" verfemt. Jetzt zeichnen Historiker ein anderes Bild der Widerstandskämpfer.

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Am 17. Juni 1941 legte der sowjetische Volkskommissar für Staatssicherheit seinem Chef einen alarmierenden Vermerk vor. Die Vorbereitungen Deutschlands für einen Krieg gegen die Sowjetunion seien abgeschlossen, mit dem Angriff könne jederzeit gerechnet werden.

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Heft 20/2010
Der unglaubliche Wiederaufstieg der Deutschen nach 1945

Stalin antwortete dem "Genossen Merkulow": "Schicken Sie Ihren Informanten aus dem Stab der deutschen Luftwaffe zu seiner Hurenmutter zurück. Das ist kein Informant, sondern ein Desinformator." Der Diktator irrte. Fünf Tage später fielen deutsche Truppen in sein Land ein.

Der von Stalin zu Unrecht Geschmähte war Harro Schulze-Boysen, Offizier im Reichsluftfahrtministerium. Er hatte von dem bevorstehenden Einmarsch erfahren und gemeinsam mit anderen deutschen Widerständlern beschlossen, die Sowjets zu warnen. Vergebens.

Die tragische Episode erlangte große Bekanntheit - und prägte das Bild eines angeblich von Moskau gesteuerten kommunistischen Agentenzirkels. Schon die Gestapo hatte diese Lesart verbreitet, nachdem sie im Sommer 1942 aufgrund eines dechiffrierten Funkspruchs über hundert Männer und Frauen enttarnt und verhaftet hatte: "Rote Kapelle" taufte sie die zuvor namenlose Gruppe - "Rot" sollte für die politische Gesinnung stehen, "Kapelle" bezeichnete im Jargon eine Gruppe von Funkern.

Ein völlig anderes Bild zeichnet die erste umfassende Biografie ihrer führenden Köpfe, die an diesem Donnerstag in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Berliner Bendlerblock vorgestellt wird. Demnach handelte es sich bei den Regimegegnern keineswegs um kommunistische Kader, sondern um ein loses Netz von Privatleuten, die aus eigenem Antrieb und mit bewunderswertem Mut gegen Hitler kämpften. Über 50 Männer und Frauen aus der Gruppe wurden dafür hingerichtet.

Die amerikanische Politikwissenschaftlerin Anne Nelson hat die Lebenswege einiger Widerständler nachgezeichnet, etwa den von Schulze-Boysens Frau Libertas, die im Reichspropagandaministerium Beweise für den Massenmord sammelte: Fotos, die Frontheimkehrer mitgebracht hatten, Filme vom Morden der Einsatzgruppen. Oder den des Bühnenautors Adam Kuckhoff, seiner Frau Greta und des Beamten im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack.

Die Nazi-Gegner leisteten Fluchthilfe für Verfolgte, steckten Zwangsarbeitern Lebensmittel zu und klebten regimekritische Parolen an die Hauswände der Reichshauptstadt - stets unter Lebensgefahr. Als der Kontakt mit Moskau fruchtlos blieb und der Aufbau einer regelmäßigen Funkverbindung misslang, verlegten sich die Widerständler auf Aufklärung nach innen - als Agentenring hatten sie sich ohnehin nie verstanden.

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Der unglaubliche Wiederaufstieg der Deutschen nach 1945

"Das Gewissen aller wahren Patrioten bäumt sich auf gegen die ganze derzeitige Form deutscher Machtausübung in Europa", schrieb Schulze-Boysen in der "Agis-Flugschrift", die die Gruppe im Februar 1942 anonym an Berliner Beamte, Ärzte, Offiziere und Professoren verschickte. In den besetzten Ländern würden täglich Hunderte, oft Tausende Menschen ermordet. "Menschen, denen man nichts anderes vorzuwerfen hat, als dass sie ihrem Lande die Treue halten." Niemand könne "noch länger die Augen verschließen vor der uns alle bedrohenden Katastrophe der nationalsozialistischen Politik".

In einen anderen Aufruf, die "Offenen Briefe an die Ostfront", legte Dramaturg Kuckhoff seine ganze Wortgewalt. Er berichtete von Polizisten, die nach dem Ost-Einsatz mit Nervenleiden ins Krankenhaus eingeliefert worden seien. Einer habe gestanden, "auf Befehl monatelang Morgen für Morgen bis zu 50 Menschen erschossen" zu haben.

Solche hellsichtigen Zeugnisse verblassten später hinter dem Agentenmythos um die "Rote Kapelle". Vielleicht auch, weil sie die deutschen Geschichtsschreiber früherer Tage mit unangenehmen Einsichten konfrontierten: dass man im Deutschen Reich nicht tatenlos bleiben musste. Und: dass die Verbrechen sichtbar waren für alle, die sehen wollten.

Als historisches Vorbild wurde die "Rote Kapelle" ausgerechnet vom Ministerium für Staatssicherheit in der DDR erkoren. Die Stasi bog sich die Geschichte so zurecht, dass sie in die verordnete deutsch-sowjetische Freundschaft passte und die eigene Spitzeltätigkeit als antifaschistisch legitimierte.

Von einer "verblüffenden Übereinstimmung" der Rezeptionen in Ost und West spricht Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Beide Seiten hätten im Kalten Krieg die "Konstrukte der Geheimen Staatspolizei" weitertransportiert. So sei das Vermächtnis einer Gruppe verfälscht worden, die "einige der beeindruckendsten Dokumente des Widerstands" hinterlassen habe.

Dazu gehört auch der erschütternde Abschiedsbrief, den Harro Schulze-Boysen am 22. Dezember 1942 kurz vor seiner Hinrichtung aus der Strafanstalt Plötzensee an seine Eltern schrieb. "Alles, was ich tat, tat ich aus meinem Kopf, meinem Herzen und meiner Überzeugung heraus." Er gehe seinem Ende ruhig entgegen. "Dieser Tod passt zu mir."

Zum Weiterlesen:

Anne Nelson: "Die Rote Kapelle. Die Geschichte der legendären Widerstandsgruppe". C. Bertelsmann Verlag, München; 512 Seiten



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Hans Coppi, 20.05.2010
1.
Offene Briefe an die Ostfront Anne Nelson schreibt auch darüber, wie in den Zeiten des Kalten Krieges der amerikanische Geheimdienst Überlebende und Angehörige der ?Roten Kapelle? weiterhin als sowjetische Spione verdächtigte. Lange Zeit wurde eine Würdigung von Mildred Harnack, der einzigen US-Bürgerin, die in Plötzensee ermordet waren, in der amerikanischen Öffentlichkeit verhindert. Angehörige von Gestapo und Reichskriegsgericht, das 50 Frauen und Männer zum Tode verurteilte, waren die trüben Quellen. Ein selbstkritischer Rückblick stünde auch dem Spiegel gut an. 1968 hat der großer Mann der NS-Zeitgeschichte, Heinz Höhne, in einer Serie die Hitlergegner der Berliner Widerstandskreise, so wie 25 Jahre zuvor die Gestapo, als Landesverräter und irrlichtende Helfer einer fremden Macht bezeichnet. Er strickte in einem Buch, das lange Zeit als Standardwerk über die ?Rote Kapelle? gehandelt wurde, fleißig an dem von der Gestapo konstruierten Agentenmythos. Er verleumdete die Verfolgten, grenzte sie aus dem deutschen Widerstand aus und machte die Verfolger von Gestapo und Reichskriegskriegsgericht zu verdienstvollen Kämpfern gegen die das Sowjetregime. Diese in Kontinuität zu den Deutungsmustern der Gestapo stehende Sicht sollte noch bis in die achtziger Jahre das Zerrbild über die ?Rote Kapelle? in der Bundesrepublik prägen. Wenn Jan Friedmann schreibt, dass Anne Nelson die erste umfassende Biografien ihrer führenden Köpfe schreibt, dann sei darauf verwiesen, dass bereits vor zehn Jahren eine Biographie zu Arvid und Mildred Harnack und ein Buch über Harro Schulze-Boysen veröffentlicht wurde, das den Titel trägt ?Dieser Tod passt zu mir?. Mit diesem Zitat endet auch die schöne Laudatio auf das Buch von Anne Nelson. Hans Coppi
Stefan Wogawa, 20.05.2010
2.
Welche "verblüffende Übereinstimmung" in Ost- und Westdeutschland sollen das denn gewesen sein? Während in der DDR die Taten - ideologisch überhöht - gewürdigt wurden, galten die Protagonisten in der Bundesrepublik doch immer noch als "Landesfeinde".
Burkhard von Grafenstein, 21.05.2010
3.
"Vielleicht auch, weil sie die deutschen Geschichtsschreiber früherer Tage mit unangenehmen Einsichten konfrontierten: dass man im Deutschen Reich nicht tatenlos bleiben musste. Und: dass die Verbrechen sichtbar waren für alle, die sehen wollten." Der Ausgang der Geschichte der Roten Kapelle zeigt, dass man gut beraten war, tatenlos zu bleiben, wenn man das Dritte Reich überleben wollte. Die Schlüsse Jan Friedmanns in seiner zeitgeschichtlichen Publizistik bleiben mir weiter rätselhaft. Die "deutschen Geschichtsschreiber früherer Tage" dürften gegenüber Zuträgern des Stalinismus noch durchaus skeptisch gegenüber eingestellt gewesen sein.
Klaus Rohde, 21.05.2010
4.
Es wird Zeit, dass derartige Informationen auch international weiter bekannt werden. Mir war das nicht bekannt, und aus diesem Grunde habe ich die Rote Kapelle nicht in meinen zweisprachigen Artikel über den deutsche Widerstand aufgenommen. Siehe hier: http://knol.google.com/k/klaus-rohde/german-resistance-against-hitler/xk923bc3gp4/89#
Frank Fracht, 21.05.2010
5.
@Klaus Rodhe..Widerstand von links ,egal ob sich dabei um Sozialdemokraten, Kommunisten oder Katholiken handelte,..vor allem der sogenannte niedere Klerus war aktiv..diese Art von Widerstand ist in der Zeit der Restauration..den 50zigern und frühen 60zigern...bewusst zu Gunsten des 20.Juli ignoriert worden.Hinzu kommt ,dass alles was mit der Sowjetunion/Stalin zusammenhing von vornherein negativ war.Wie formulierte es der damalige Verteidigundsminister Strauss...ein angeblicher Gündervater der Nachkriegsdemokratie... so schön ..." Während wir in Russland unsere Pflicht taten..." Kein Wunder also dass bestimmte Aspekte des Widerstandes tot geschwiegen wurden...Das passte auch zum kalten Krieg.. Frank Fracht
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