Schwedischer Popexport Roxette "Wir sind wie Bruder und Schwester"

30 Hits in 30 Jahren - Roxette sind Schwedens erfolgreichster Popexport seit Abba. Im Gespräch erinnert sich Sänger Per Gessle an seine kurze Erstkarriere als Postbote und verrät, welcher ihrer Chart-Erfolge nur ein umfunktioniertes Weihnachtslied war.

Ein Interview von

Carl Bengtsson

einestages: Ihre Band gilt als erfolgreichster Popexport Schwedens, mehr als 30 ihrer Songs konnten sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in den Charts platzieren. Kaum vorstellbar, dass sie ihre Musikkarriere mit Punk starteten.

Gessle: Mit platinblond gefärbten Haaren sogar. Als um 1976 in England die Punkwelle losbrach, war das für mich der Grund, mit meinem Freund Mats eine Band zu gründen. Wir nannten sie Grape Rock. Wir müssen fürchterlich geklungen haben mit unserem 200-Watt-Verstärker. Das Gitarrespielen hatte ich mir erst kurz zuvor selbst beigebracht. Mein Berufsziel war damals nicht Musiker, sondern Innenarchitekt.

einestages: Tatsächlich, so heißt es, wären sie dann aber fast Briefträger geworden.

Gessle: Nicht fast - ich war Briefträger!

einestages: Wie kam es denn dazu?

Gessle: Nach der Schule verweigerte ich den Wehrdienst. Mein Vater, ein bodenständiger Klempner, regte sich fürchterlich auf. Er meinte, mit meiner Einstellung würde ich nie einen vernünftigen Job bekommen. Aus Trotz habe ich mich am nächsten Tag bei der Post in meinem Heimatort Halmstad als Briefträger beworben - und wurde genommen. Ich war also tatsächlich Postbote, exakt für einen Tag, dann kündigte ich. Meinen Vater hat die Aktion ziemlich amüsiert.

einestages: Ihre großen Erfolge konnte er nicht mehr miterleben.

Gessle: Leider nein, er verstarb 1978 an Krebs, kurz nachdem ich meinen ersten Plattenvertrag mit meiner Fun-Punk-Band Gyllene Tider (deutsch: "Goldene Zeiten") ergattert hatte.

einestages: Es heißt, etwa zu dieser Zeit sei Ihnen auch Marie Fredriksson das erste Mal über den Weg gelaufen.

Gessle: Damals wurde Halmstad das "Liverpool Schwedens" genannt, weil wir eine ähnlich blühende Musik-Szene hatten wie die Stadt der Beatles. Gyllene Tider und Strul (deutsch: Ärger), bei denen Marie Keyboards spielte, teilten sich einen Proberaum. Sie hatte damals langes, braunes Haar. Ihre kraftvolle Stimme ist mir sofort aufgefallen.

einestages: Mit ihrer Band waren sie in Schweden wenig später ein Star. Wann beschlossen sie, mit Fredriksson ein neues Projekt zu starten?

Gessle: Gyllene Tider landete 1980 mit "Flickorna pa TV2" (deutsch: "Die Mädchen von TV2") einen Nummer-eins-Hit. 1981 bat ich Marie, mit mir ein Duett für Gyllene Tider aufzunehmen. 1985 beschloss ich, englische Texte zu schreiben, um außerhalb Schwedens Erfolg zu haben, und gründete Roxette. Marie stieß wenig später dazu, aber unser erstes Album "Pearls Of Passion" mit der Single "Neverending Love" zündete wieder nur in Schweden.

imago/teutopress

einestages: Den Durchbruch schafften Sie erst drei Jahre später mit der Single "The Look" vom Album "Look Sharp"...

Gessle: ...deren Welterfolg auf einem kuriosen Zufall beruht - ein US-Student namens Dean Cushman macht 1989 Urlaub in Schweden. Er hört "The Look" im Radio und kauft die Single. Zurück in den USA, gibt er sie dem DJ seines Heimatsenders in Minneapolis. Der spielt den Song - und es war, als wäre eine Lawine losgebrochen! Plötzlich spielten immer mehr Radiostationen das Lied. So kamen wir in den USA zu unserem Plattendeal.

einestages: Apropos Zufall - stimmt es eigentlich, dass "It Must Have Been Love" vom "Pretty Woman"-Soundtrack aus einem Weihnachtslied entstand?

Gessle: Ja. Da wir zur Zeit der Anfrage auf große Promo-Tour mussten und ich keine Zeit hatte, auf die Schnelle einen neuen Song zu komponieren, kam mir die Idee, einfach unser fertiges Weihnachtslied "It Must Have Been Love (Christmas for the Broken Hearted)" umzutexten. Aus "Christmas Day" machte ich "Winters Day" und löschte alle weiteren Weihnachtsreferenzen. Das hat funktioniert. Der Song gefiel Regisseur Garry Marshall schließlich so gut, dass er ihn in voller Länge in den Film einbaute.

einestages: Seitdem haben sie etliche Hits nachgelegt. Liegt das Erfolgsgeheimnis von Roxette auch darin, dass Marie und Sie nie ein Liebespaar waren?

Gessle: Könnte sein. Wir fühlen uns eher wie Bruder und Schwester. Charakterlich sind wir sehr verschieden: Marie ist spontan und improvisiert gern, ich dagegen bin eher der Kontrollfreak, der alles genau plant. Irgendwie ergänzen wir uns ganz gut.

einestages: Sie kommen auch musikalisch aus ganz unterschiedlichen Ecken.

Gessle: Marie ist mit R&B und Soul aufgewachsen, ich stand schon immer mehr auf Glam-Rock und Pop. Unser gemeinsamer Nenner waren die Beatles.

einestages: Waren die Beatles auch die Paten für ihre eigene Songwriting-Maxime "Don't bore us - get to the Chorus"?

Gessle: Ich bin mit den großen Bands der Sechzigerjahre aufgewachsen, den Beatles, den Byrds, den Kinks. Die waren mit Drei-Minuten-Hits erfolgreich, ohne Schnörkel, mit mitreißenden Refrains. Nummern wie "Help" oder "She Loves You" zünden auch heute noch. Diese Bands spielten keine öden, minutenlangen Soli, sondern kamen gleich zur Sache. Das will ich mit Roxette auch.

Ron Galella/WireImage

einestages: 2002 traf Sie ein schwerer Schicksalsschlag - bei Marie wurde ein Gehirntumor diagnostiziert. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Gessle: Ich habe nur gehofft, dass Marie überlebt und keine Sekunde an die Zukunft von Roxette gedacht oder gar daran, ohne sie weiterzumachen! Es war eine harte Zeit. Die Band lag ein paar Jahre auf Eis, aber es war klar, dass wir zusammenhalten.

einestages: Inzwischen sind sie beide wieder auf Welttournee. Auf der Bühne singt Marie im Sitzen. Ist bei ihr wieder alles in Ordnung?

Gessle: Ja, aber sie hat noch leichte Probleme mit Nerven im rechten Bein, daher fühlt sie sich sicherer, wenn sie sitzend singt. Sie performt großartig, die Fans feiern sie und das gibt ihr Kraft. Man muss wissen, dass die Überlebenschance bei Hirntumoren nur bei fünf Prozent liegt. Das ist jetzt 13 Jahre her. Sie ist ein medizinisches Wunder!

einestages: Seit 30 Jahren touren Sie durch die Welt - zog es Sie nie selbst weg von Schweden?

Gessle: 1990 rieten uns US-Manager, nach Los Angeles oder New York zu ziehen, um näher am Big Business zu sein. Das haben wir abgelehnt. Unser Sound ist in Stockholmer Studios entstanden und nur da kriegst du das so hin. Wir wollten uns nie amerikanisieren lassen. Im Prinzip folgen wir der Erfolgsformel von Abba.

einestages: Mit einem Unterschied - Roxette schafften in den USA vier Nummer-eins-Hits, Abba mit "Dancing Queen" nur einen!

Gessle: Natürlich sind wir unheimlich stolz darauf. Abba-Gründer Björn Ulvaeus hat uns mal als offizielle Erben von Abba bezeichnet. Ein echter Ritterschlag vom Urvater des Schweden-Pop.

einestages: Sie sind Ehrenbürger von Halmstad und gehören zu den beliebtesten Schweden. Seit 1991 gibt es sogar eine offizielle Roxette-Briefmarke. Wie empfinden sie diesen Roxette-Kult?

Gessle: Das ist eine schöne Anerkennung. Die größte Ehre war aber, als uns König Carl-Gustaf und Königin Silvia mit ihren Kindern bei einem Konzert im "Globen" in Stockholm besuchten.

einestages: Waren Sie nervös?

Gessle: Definitiv, denn der hohe Besuch wurde vorher angekündigt. Nach dem Konzert besuchte uns das Königspaar in der Garderobe. Alles lief Gott sei Dank unkompliziert ab. Carl-Gustaf meinte, Roxette seien die besten Botschafter des Landes und so populär wie die schwedische Fußball- oder Eishockey-Nationalmannschaft.

einestages: Welcher Höhepunkt ihrer Karriere sticht in ihrer Erinnerung besonders heraus?

Gessle: Als wir im Februar 1995 als dritter westlicher Act nach Wham und BAP in China auftreten durften, in Peking. Ein Abenteuer in einer anderen Welt.

einestages: Es war sicher nicht ganz unkompliziert, die Konzert-Erlaubnis von der chinesischen Regierung zu bekommen.

Gessle: Unsere Manager mussten über ein Jahr mit dem chinesischen Kultusministerium verhandeln. Die wollten exakt wissen, welche Songs wir spielen und ließen sich die Texte übersetzen, um zu prüfen, ob sie politisch und moralisch korrekt sind. Roxette ist keine politische Band, aber in diesem Moment waren wir es.

einestages: Wie reagierte das chinesische Publikum?

Gessle: Vor der Show sagte man uns, dass bewaffnete Militärpolizei vor der Bühne postiert würde. Wir lehnten entsetzt ab. Tatsächlich wurden die Polizisten abgezogen. Direkt vor der Bühne durften aber nur westliche Fans sitzen, Mitarbeiter von Botschaften oder West-Firmen. Rund 9000 chinesische Fans wurden auf Tribünen verbannt. Die Stimmung war erst verhalten, doch irgendwann trauten sich die Chinesen zu tanzen und hielten Banner hoch mit Schriftzügen wie "One World - One Love". Das hat uns tief berührt.

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insgesamt 14 Beiträge
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Christian Seybt, 25.08.2015
1. wie sich die Zeiten ändern
Ende der 80 fand ich "The Look" toll, aber irgendwann nervte ihre Musik leider nur noch
Christian Schneider, 25.08.2015
2. Roxette...
... Eine der besten Bands aller Zeiten!!!!
Bernd Braun, 25.08.2015
3. 30 Jahre Roxette
30 Jahre Lieder die den Refrain 30 mal im Lied wiederholen, Beispiel "The Look". Das sind Lider auf die ich echt verzichten kann, wenn ich die ersten Töne eines Liedes von Roxette im Radio höre, wechsle ich sofort den Sender.
Philipp Doulkerides, 25.08.2015
4. Was..
..seid denn Ihr für Vögel hier? Kommentiert doch vielleicht mal etwas einfach nicht, wenn es Euch nicht gefällt. Diese typisch deutsche Miesmacherei geht wirklich auf den Keks..
Eckart Zelle, 25.08.2015
5. Tolle nicht gniedelige Popmusik,
erheblich hörbarer als die Powerpop-Balladen von Bon Jovi oder Aerosmith. Ich lege Roxette immer wieder gerne auf - "The Look" und "Joyride" sind einfach großartig. "It must have been Love" und "Spending my Time" sind etwas kitschig, gingen damals, weil so oft gespielt ähnlich auf die Nerven wie heute "An Tagen wie Diesen", sind aber trotzdem für die Ewigkeit. Und normalerweise kann ich mit Hitparadenmusik überhaupt nichts anfangen!
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