Royales Skandalpaar Zwei Herzen, keine Krone

Als Prinz William Kate Middleton ehelichte, jubelte England. Der letzte Royal, der vor ihm eine Bürgerliche heiratete, war ein Skandal: Die Ehe von König Edward VIII. und Wallis Simpson war von Gerüchten um Nymphomanie begleitet, endete in einem Pakt mit Hitler und stürzte die Monarchie in eine tiefe Krise.

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Am 10. Dezember 1936 trat Edward VIII. als König für eine Radioansprache vor ein Mikrophon - und ging als Edward von Windsor wieder weg. "Aber glaubt mir", bat der Monarch zuvor um Verständnis, "wenn ich euch sage, dass es mir unmöglich war, die schwere Bürde der Verantwortung auf mich zu nehmen und meine Pflichten als König, so wie ich wollte, zu erfüllen." Dann kam der zentrale Satz: "Ohne die Hilfe und Unterstützung der Frau, die ich liebe." Mit diesen Worten beendete er ein monatelanges Ringen um seine Beziehung mit eben jener Frau, die in Großbritannien eine Verfassungskrise ausgelöst hatte - und um die Krone Englands.

Diese Radioansprache war die Konsequenz einer großen, kitschigen, verklärten und von Legenden und Gerüchten umrankten Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Später stellte sich heraus, dass Edward eigentlich gar nicht hatte abdanken wollen. Mit Hilfe seines letzten Verbündeten in der Regierung, des späteren Premierministers Winston Churchill, verfasste er eine Ansprache, in der er das Volk um Verständnis und Anerkennung seiner Liebe bat. Doch Premierminister Stanley Baldwin stoppte dieses Vorhaben und schrieb die Ansprache so um, dass sie zu einer Abdankung wurde.

Die Frau, die die englische Monarchie ins Wanken gebracht hatte, war die 1896 als Bessie Warfield in Maryland geborene Wallis Simpson. Schon früh hatte sie es in die Upper Class gezogen. Deswegen hatte sie auch ihren Vornamen, den zu der Zeit viele Pferde und Kühe trugen, geändert. Als sie im Winter 1931 Edward, dem Thronfolger von England und damals begehrtestem Junggesellen seiner Zeit, zum ersten Mal begegnete, war sie gerade dem schwerreichen Industriellen Ernest Simpson verheiratet. Es war schon ihre zweite Ehe.

Eine Geschiedene? Skandal!

Trotzdem war sie schon bald ein fester Bestandteil im Freundeskreis des Prinzen und begleitete ihn immer öfter auf seinen Reisen. Edward hatte sich längst Hals über Kopf in die hagere Society-Lady verliebt und eine Affäre mit ihr begonnen, als sein Vater Georg V. am 20. Januar 1936 starb und er als Edward VIII. den englischen Thron bestieg. Bis dahin war die Geschichte noch nicht ungewöhnlich. Monarchen hatten sich immer schon gern Mätressen gehalten. Doch dabei sollte es nicht bleiben, der König hatte sich in den Kopf gesetzt, sie zu seiner Königin zu machen. Es war ein Skandal.

Denn Wallis entsprach so gar nicht den gängigen Vorstellungen davon, wie eine zukünftige Königin zu sein hatte. Sie war nicht nur bürgerlich, bereits älter als 40 Jahre und Amerikanerin, sondern auch bereits einmal geschieden und noch zum zweiten Mal verheiratet. Ehemann Nummer zwei hatte zudem gehofft, durch die Liaison seiner Frau an einen Adelstitel zu kommen, ließ sich dann aber für ein Handgeld von 150.000 Pfund (heute etwa elf Millionen Euro) mit einer anderen in flagranti erwischen, um einen Scheidungsgrund zu liefern.

Doch selbst eine geschiedene Frau war für den Monarchen, der gleichzeitig das Oberhaupt der anglikanischen Kirche war, nicht standesgemäß. Noch in den fünfziger Jahren war es einem Geschiedenen, egal ob wiederverheiratet oder nicht, nicht einmal gestattet, die Königstribüne während des Pferderennens in Ascot zu betreten. Wie sollte da 1936 der König eine geschiedene Frau heiraten dürfen? Edward interessierte das alles nicht. Im November 1936 setzte er Premierminister Badwin davon in Kenntnis, dass er Misses Simpson zu heiraten gedenke, sobald sie rechtskräftig geschieden sei.

Ein König in den Fängen der Venus

Und so wurde Wallis von der Boulevardpresse mit allen Mitteln der Kunst verunglimpft. Es wurde kolportiert, sie hätte den König sexuell hörig gemacht, mit Techniken, die sie in einem Bordell in Hongkong gelernt hätte. Außerdem, so hieß es, hätte sie ein Kind von Mussolinis Schwiegersohn und sei lesbisch und nymphoman. Edward ließ sich davon nicht beirren. Von Wallis' Affäre mit dem Autohändler Guy Trundle, über die ein Geheimdossier der "Special Branch", einer Spezialeinheit der britischen Polizei, berichtet, wusste Edward aber wohl tatsächlich nichts.

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Royales Skandalpaar: Zwei Herzen, keine Krone

Und so stieg der ehemalige König im Glauben an die große Liebe am 11. Dezember 1936, einen Tag nach seiner eingefädelten Abdankungsrede auf ein Schiff, das ihn nach Frankreich brachte. Dort heirateten am 3. Juni 1937 im Schloss Candé der Herzog von Windsor und Wallis Simpson, die sich von nun an zwar nicht Königliche Hoheit nennen durfte, aber immerhin Herzogin von Windsor.

Für diese Liebe musste Edward nicht nur auf den Thron verzichten, sondern auch auf England. Denn nach dieser Hochzeit war es ihm untersagt, ohne eine schriftliche Einladung der Königsfamilie in seine Heimat zurückzukehren. Der englische Pfarrer, der die Trauung in Frankreich vollzogen hatte, musste anschließend aus seinem Amt scheiden. Er löste das Problem seiner Arbeitslosigkeit einfach mit einer Tournee durch die USA, wo er sich ein beträchtliches Einkommen mit Vorträgen über die Hochzeit sicherte.

Der Herzog und die Herzogin lebten von nun an das Leben des reichen Jetset zwischen Paris, der Riviera und den USA. Sie galten als das bestangezogene Ehepaar der Welt, überhäuften sich gegenseitig mit kostbarem Schmuck und waren gern gesehene Gäste auf jeder wichtigen Party. Doch tief in Edward nagte es. Dass seine Frau als nicht würdig für den Titel einer Königin befunden wurde, konnte Edward seiner Familie und der britischen Regierung nicht verzeihen und suchte sich daher neue Verbündete. Bereits im Oktober 1937 besuchte das Paar den Mann, von dem sie sich die Rettung erhofften: Adolf Hitler. Auf dem Obersalzberg wurden der Herzog, der schon immer als "Freund Deutschlands" galt, und seine Frau nicht nur freundlich, sondern wie offizielle Staatsgäste empfangen. Chefdolmetscher Paul-Otto Schmidt berichtete 1949 dem SPIEGEL, Hitler habe über Wallis gesagt: "Sie wäre sicherlich eine gute Königin geworden."

Flucht zum "Führer"

Der Plan war so perfide wie einfach: Sobald Großbritannien von Deutschland besiegt wäre, würde Edward von den Nationalsozialisten wieder als König eingesetzt werden. Großbritannien würde dann in einer Koalition mit Frankreich, Spanien und Portugal Deutschland bei seinem Russlandfeldzug den Rücken freihalten.

Davor, dass der von Wallis und Edward so glühend verehrte Hitler ein Kriegstreiber und Massenmörder war, verschlossen die beiden die Augen. Als das von den beiden als Exil gewählte Paris von den Deutschen besetzt wurde, flohen sie zuerst nach Südfrankreich und schließlich nach Spanien. Hitler schmiedete bereits Pläne für eine Entführung nach Deutschland, die selbstverständlich nur vorgetäuscht gewesen wäre - der Herzog und seine Frau wären wohl freiwillig mitgekommen.

Die Nähe Edwards zum deutschen Diktator verursachte im Königreich große Sorge - schließlich könnte Edward Staatsgeheimnisse an die Deutschen verraten, was es um jeden Preis zu verhindern galt. Winston Churchill, der während der Abdankungskrise bereits auf der Seite Edwards gestanden hatte, versuchte, die beiden nach Großbritannien zurückzubeordern - diesem Vorhaben standen jedoch die Befindlichkeiten der Royal Family im Weg. Am Ende einigte man sich im Sommer 1940 darauf, dass Edward der Gouverneur der damaligen britischen Kronkolonie Bahamas wurde.

Jetset-Leben auf der ganzen Welt

So kehrten der Herzog und die Herzogin nach ihrem kurzen Fast-Ausflug in die Politik schließlich in ihr Jet-Set-Leben mit Partys, Reisen und Müßiggang zurück. Noch während des Krieges reisten sie oft von ihrem Wohnsitz auf den Bahamas in die USA.

US-Präsident Franklin D. Roosevelt, dem vor allem die Herzogin nicht geheuer schien, ordnete während eines Besuchs der beiden 1941 in Florida eine umfassende Überwachung durch das FBI an. In dem 2003 freigegebenen Bericht dieses Besuchs wird neben den wenig überraschenden noch immer bestehenden Sympathien Edwards für die Nazis von einem besonderen Informanten erzählt. Der Benediktiner-Mönch Karl Alexander Herzog von Württemberg, der mittlerweile in Kanada lebte und ein Freund von Königin Mary, Edwards Mutter war, tratschte dem FBI folgende Geschichte weiter: Wallis Simpsons hätte 1936 eine Affäre mit dem damaligen deutschen Botschafter in Großbritannien, Joachim von Ribbentrop, gehabt. Auch diese Geschichte kann allerdings - wie so viele andere aus dem Leben der Herzogin - nicht bewiesen werden.

Späte Versöhnung

1951 veröffentlichte Edward seine Memoiren und verursachte damit noch einmal einen kleinen Aufruhr im Königreich. 1954 kaufte er dann einen Landsitz südlich von Paris (in direkter Nachbarschaft zum Anwesen Diana Mitfords übrigens, die inzwischen mit dem britischen Faschisten Oswald Mosley verheiratet war und eine enge Freundin für Wallis wurde) und eine Wohnung in der französischen Hauptstadt, wo die beiden von nun an viel Zeit verbrachten, und es allmählich still um das einstige Skandalpärchen wurde.

Im März 1965 passierte dann doch noch ein Wunder. Das Paar, das für eine Augenoperation Edwards in einer Londoner Klinik gereist war, bekam hohen Besuch. Die inzwischen als Elizabeth II. gekrönte Nichte Edwards besuchte ihn und begrüßte bei diesem Anlass zum ersten Mal auch Wallis. Am 7. Juni 1967 durften der Herzog und die Herzogin dann sogar erstmalig an einer öffentlichen Veranstaltung des Königshauses teilnehmen, der Enthüllung eines Denkmals für Edwards Mutter Queen Mary, die 1953 gestorben war. Es waren die ersten Schritte einer Annäherung der königlichen Familie an die Verstoßenen.

Edward, Herzog von Windsor, starb am 28. Mai 1972 mit 78 Jahren an den Folgen einer Operation, von der er sich nicht mehr erholte. Er wurde in der Georgs-Kapelle von Schloß Windsor aufgebahrt und schließlich auf dem königlichen Friedhof von Frogmore House beerdigt. Elizabeth II. bot seiner Witwe an, bis nach der Bestattung im Buckingham-Palast zu logieren.

Wallis war allerdings bereits ein Jahr zuvor an Alzheimer erkrankt. Nach dem Begräbnis kehrte sie allein nach Paris zurück. 1975 musste sie über längere Zeit im Krankenhaus bleiben. Anschließend zog sie in ihr Haus in Frankreich zurück und lebte dort bis an ihr Lebensende. Sie starb am 24. April 1986 an einem Herzinfarkt. Sie wurde nach Frogmore geflogen, um neben ihrem Mann beerdigt zu werden. Ihren gesamten Schmuck, der damals schon auf einen Wert von etwa 50 Millionen Mark geschätzt wurde, vererbte sie Prinz Charles, der als Einziger der Familie immer zu seinem Großonkel gehalten hatte, und Prinzessin Diana, die sie so gern einmal kennengelernt hätte.



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Seite 1
Sascha Philippe Rauschenberg , 28.04.2011
1.
Die Duches of York war vorher auch keine Adlige, die Countess of Wessex auch nicht, die Duches of Gloucester ebenfalls nicht, Mesalliance ist also das durchaus gewöhnliche Paarungsmuster
Marion Kaminski, 14.05.2012
2.
... das war auch nicht der eigentlcihe Grund. Sondern der, dass Wallis Simpson nach der Scheidung von Ernest zwei lebende Ex-Ehemänner mit auf den Thron gebracht hätte - ein zur damaligen Zeit weder für die Kirche noch die Kolonien akzeptabler Zustand.
Christoph Pleger, 10.09.2018
3. Nazi-Verbindungen
Vor einigen Wochen habe ich eine Dokumentation über Edward und seine Geliebte gesehen. Danach hat Edward nicht nur aufgrund der Hoffnung, wieder zum König zu werden, auf Hitler gesetzt und dabei über die Verbrechen des deutschen Regimes hinweg gesehen, sondern die beiden hatten schon lange vor seiner Krönung und erst recht vor seiner Abdankung enge Kontakte zur britischen rechtsextremistischen Szene - sprich, die beiden waren Anhänger der rechtsextremistischen Ideologie.
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