SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

18. Juni 2010, 10:25 Uhr

Rucksackreisen in die UdSSR

Pauschalurlaub? Illegalurlaub!

Von

Im Eissegler über den Baikalsee oder per Anhalter zur Krim: Während des Kalten Krieges erkundeten junge Ostdeutsche auf eigene Faust und gegen das Gesetz die Sowjetunion. Eine Ausstellung feiert nun die jungen Abenteurer - die nicht selten vom KGB verhaftet wurden.

Auf zum "Peak Kommunismus", auf zum höchsten Gipfel des Sowjetreiches! Der junge Ost-Berliner Hartmut Beil hatte sich eine Menge vorgenommen in jenem Sommer 1984. Ohne Daunenschlafsack und Landkarte, dafür mit Unmengen von filterlosen Karo-Zigaretten im Rucksack schwang er sich in den Nachtzug nach Odessa. Sein Ziel: das Pamirgebirge im sowjetischen Mittelasien. Per Anhalter, zu Fuß, irgendwie. Hauptsache mal weg aus der beengten DDR.

Besonders weit kam der 25-Jährige nicht. Als er anderntags in seinem stickigen Zugabteil erwachte, waren alle Rubel fort, bis auf drei. Mit holprigem Schulrussisch schlug sich Beil dennoch über Kiew bis zur Krim durch und lebte vom Obst am Straßenrand - bis sowjetische Polizisten ihn verhafteten. Hartmut Beil war illegal unterwegs - obwohl er Urlaub im Mutterland des Kommunismus machte.

Denn für DDR-Bürger waren nicht nur alle Staaten westlich des Eisernen Vorhangs tabu. Sie durften auch nicht auf eigene Faust durch die Sowjetunion reisen. Wer das große Bruderland im Osten besuchen wollte, musste sich einer geführten Gruppenreise anschließen oder eine offizielle Einladung vorweisen; Rucksackreisende, die selbständig durch die UdSSR tingelten, waren nicht vorgesehen.

Transitvisum als Eintrittskarte in den Wilden Osten

Was viele Menschen nicht davon abhielt, es dennoch zu wagen: Zu Hunderten machten sich wagemutige DDR-Bürger seit den siebziger Jahren auf den Weg, um durch die unendlichen Weiten der Sowjetunion mit ihren elf Zeitzonen, riesigen Gebirgen und exotischen Republiken zu reisen. Von diesen Abenteurern und ihren einmaligen Erlebnissen erzählt die multimediale Ausstellung "Unerkannt durch Freundesland", die am 18. Juni im Museum Lichtenberg in Berlin eröffnete.

Ausgerechnet ein Schlupfloch in der sozialistischen Bürokratie ermöglichte es Menschen wie Hartmut Beil, zumindest die Grenze legal zu passieren: Nachdem sowjetische Panzer 1968 den Prager Frühling niedergewalzt und die Grenzen geschlossen hatten, konnten DDR-Bürger nicht mehr über die Tschechoslowakei in ihre Urlaubsorte nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien gelangen. Daher erhielten Touristen ein Transitvisum, das ihnen erlaubte, diese Länder auf dem Umweg über Polen durch die Sowjetunion zu bereisen. Dieses allerdings nur drei Tage lang gültige, kurioserweise bis zum Ende der DDR nicht mehr abgeschaffte Visum diente den verwegenen Rucksackreisenden als Eintrittskarte in den Wilden Osten.

Obwohl es immer wieder Gerüchte von DDR-Bürgern gab, die über die UdSSR etwa nach Alaska gepaddelt oder nach China entkommen waren: Flüchten wollte fast niemand der Sowjetreich-Backpacker, die sich UDFler ("Unerkannt durch Freundesland") nannten und oft aus der Bergsteiger-Szene stammten. Vielmehr wollten sie etwas erleben. Fremde Kulturen kennenlernen, hohe Gipfel erstürmen, ausbrechen aus dem Korsett des Alltags.

Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen

Auch Hartmut Beil wäre es nie in den Sinn gekommen, seine Clique am Prenzlauer Berg für immer zu verlassen. Für ihn ging es vor allem darum, "Grenzen auszutesten", wie er sagt. Zudem war er unendlich neugierig auf den vom SED-Staat so penetrant zum Vorbild stilisierten großen Bruder im Osten. "Hieß es nicht immer: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen? Mich interessierte, wie es dort wirklich aussah", sagt Beil im Rückblick.

Was er vorfand, glich nicht einmal ansatzweise dem propagierten Vorbildideal aus den Russisch-Schulbüchern und Pioniersvorträgen. Stattdessen begegnete er bitterer Armut, Korruption und Misstrauen. Aber auch einer überwältigenden Gastfreundschaft und Menschlichkeit - selbst bei russischen Beamten.

Als zwei Uniformierte den jungen Beil kurz vor der verbotenen Stadt Sewastopol aufgriffen, dem damals streng geheimen Heimathafen der sowjetischen Schwarzmeerflotte, warfen sie ihn nicht in eine dunkle Zelle, sondern kutschierten ihn in ein Hotel, wo er sich auf Staatskosten erst einmal ausschlafen durfte, bevor man ihn anderntags nach Odessa ausfliegen und wieder laufen ließ.

Rauschende Party für den ostdeutschen Grenzverletzer

Offenbar wusste die Obrigkeit selbst nicht recht, wie mit den ostdeutschen Grenzverletzern umzugehen war. Kurz vor der Grenze nach Rumänien wurde Beil erneut von einem russischen Beamten geschnappt. Der wiederum trommelte die Belegschaft des besten Restaurants am Ort zusammen, um eigens für den Rucksackfreak ein fünfgängiges Abendessen inklusive Tanz und Gesang auf die Beine zu stellen.

"Nach einer rauschenden Party fuhr mich der Beamte dann an die Grenze und zwang einen Lasterfahrer mit dem Wink seiner Kalaschnikow, mich weiter Richtung Westen mitzunehmen", erinnert sich Beil. Auch wenn er am Ende seiner 14-tägigen Exkursion ins sowjetische Bruderland keinen Siebentausender bestiegen hatte, trampte Hartmut Beil doch mit jeder Menge aufregender Geschichten im Gepäck zurück nach Berlin.

Gewieftere Profi-Abenteurer, unter ihnen Ulrich Henrici und André Nickl aus Berlin, erklommen dagegen den gigantischen Elbrusgipfel - dank eines selbstverfassten Legitimationsschreibens, das sie als Mitglieder einer offiziellen Wanderexkursion ausgab. Die russische Presse feierte die Bergsteiger enthusiastisch, ohne zu begreifen, dass die Sportsmänner aus Deutschland illegal im Land unterwegs waren.

Per Eissegler über den sibirischen Baikalsee

Während Mathias Jahnke mit dem Fahrrad bis nach Odessa radelte, schaffte es die Gruppe um Frank Hawemann und Uwe Wirthwein, mit einem selbstgebauten Eissegler über die kristallenen Weiten des sibirischen Baikalsees zu gleiten. Als die Abenteurer von einer ortsansässigen Bürgermeisterin zur Rückkehr verdonnert wurden, sausten sie der Polizei einfach davon.

Am Ende jedoch entkam niemand den Behörden: Wer nicht während der Reise geschnappt wurde, geriet spätestens an den sowjetischen Grenzübergängen nach Rumänien in Erklärungsnot. Wie sollte man vermitteln, dass das Zweitagesvisum bereits seit Wochen abgelaufen war? Die Strafen fielen allerdings meist milde aus. Zwar mussten manche der UDFler nach ihrer Rückkehr Geldstrafen zahlen oder ein jahrelanges Reiseverbot hinnehmen. Für die meisten ging der Abenteuerurlaub in der Sowjetunion indes glimpflich zu Ende.

Meist halfen schon eine schlitzohrige Ausrede, geschmuggelter DDR-Schnaps oder ein paar Bestechungsrubel, um die Grenzer zu besänftigen. Einmal zurück im eigenen Land, waren diese jungen Abenteurer finanziell oft abgebrannt - aber um eine elementare Erfahrung reicher.

"Offener und freier" habe ihn der UdSSR-Trip gemacht, sagt Hartmut Beil im Rückblick - und ihm die Augen geöffnet dafür, "wie wichtig es ist, sich nicht freiwillig zu viele Grenzen aufzuerlegen."

Zum Weiterlesen:

Jörg Kuhbandner/Jan Oelcker (Hg.): Transit. Illegal durch die Weiten der Sowjetunion, Notschriften Verlag 2010, 29.90 Euro.

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH