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Rucksackreisen in die UdSSR Pauschalurlaub? Illegalurlaub!

Rucksackreisen in die UdSSR: Pauschalurlaub? Illegalurlaub! Fotos
Uwe Wirthwein

Im Eissegler über den Baikalsee oder per Anhalter zur Krim: Während des Kalten Krieges erkundeten junge Ostdeutsche auf eigene Faust und gegen das Gesetz die Sowjetunion. Eine Ausstellung feiert nun die jungen Abenteurer - die nicht selten vom KGB verhaftet wurden. Von

Auf zum "Peak Kommunismus", auf zum höchsten Gipfel des Sowjetreiches! Der junge Ost-Berliner Hartmut Beil hatte sich eine Menge vorgenommen in jenem Sommer 1984. Ohne Daunenschlafsack und Landkarte, dafür mit Unmengen von filterlosen Karo-Zigaretten im Rucksack schwang er sich in den Nachtzug nach Odessa. Sein Ziel: das Pamirgebirge im sowjetischen Mittelasien. Per Anhalter, zu Fuß, irgendwie. Hauptsache mal weg aus der beengten DDR.

Besonders weit kam der 25-Jährige nicht. Als er anderntags in seinem stickigen Zugabteil erwachte, waren alle Rubel fort, bis auf drei. Mit holprigem Schulrussisch schlug sich Beil dennoch über Kiew bis zur Krim durch und lebte vom Obst am Straßenrand - bis sowjetische Polizisten ihn verhafteten. Hartmut Beil war illegal unterwegs - obwohl er Urlaub im Mutterland des Kommunismus machte.

Denn für DDR-Bürger waren nicht nur alle Staaten westlich des Eisernen Vorhangs tabu. Sie durften auch nicht auf eigene Faust durch die Sowjetunion reisen. Wer das große Bruderland im Osten besuchen wollte, musste sich einer geführten Gruppenreise anschließen oder eine offizielle Einladung vorweisen; Rucksackreisende, die selbständig durch die UdSSR tingelten, waren nicht vorgesehen.

Transitvisum als Eintrittskarte in den Wilden Osten

Was viele Menschen nicht davon abhielt, es dennoch zu wagen: Zu Hunderten machten sich wagemutige DDR-Bürger seit den siebziger Jahren auf den Weg, um durch die unendlichen Weiten der Sowjetunion mit ihren elf Zeitzonen, riesigen Gebirgen und exotischen Republiken zu reisen. Von diesen Abenteurern und ihren einmaligen Erlebnissen erzählt die multimediale Ausstellung "Unerkannt durch Freundesland", die am 18. Juni im Museum Lichtenberg in Berlin eröffnete.

Ausgerechnet ein Schlupfloch in der sozialistischen Bürokratie ermöglichte es Menschen wie Hartmut Beil, zumindest die Grenze legal zu passieren: Nachdem sowjetische Panzer 1968 den Prager Frühling niedergewalzt und die Grenzen geschlossen hatten, konnten DDR-Bürger nicht mehr über die Tschechoslowakei in ihre Urlaubsorte nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien gelangen. Daher erhielten Touristen ein Transitvisum, das ihnen erlaubte, diese Länder auf dem Umweg über Polen durch die Sowjetunion zu bereisen. Dieses allerdings nur drei Tage lang gültige, kurioserweise bis zum Ende der DDR nicht mehr abgeschaffte Visum diente den verwegenen Rucksackreisenden als Eintrittskarte in den Wilden Osten.

Obwohl es immer wieder Gerüchte von DDR-Bürgern gab, die über die UdSSR etwa nach Alaska gepaddelt oder nach China entkommen waren: Flüchten wollte fast niemand der Sowjetreich-Backpacker, die sich UDFler ("Unerkannt durch Freundesland") nannten und oft aus der Bergsteiger-Szene stammten. Vielmehr wollten sie etwas erleben. Fremde Kulturen kennenlernen, hohe Gipfel erstürmen, ausbrechen aus dem Korsett des Alltags.

Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen

Auch Hartmut Beil wäre es nie in den Sinn gekommen, seine Clique am Prenzlauer Berg für immer zu verlassen. Für ihn ging es vor allem darum, "Grenzen auszutesten", wie er sagt. Zudem war er unendlich neugierig auf den vom SED-Staat so penetrant zum Vorbild stilisierten großen Bruder im Osten. "Hieß es nicht immer: Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen? Mich interessierte, wie es dort wirklich aussah", sagt Beil im Rückblick.

Was er vorfand, glich nicht einmal ansatzweise dem propagierten Vorbildideal aus den Russisch-Schulbüchern und Pioniersvorträgen. Stattdessen begegnete er bitterer Armut, Korruption und Misstrauen. Aber auch einer überwältigenden Gastfreundschaft und Menschlichkeit - selbst bei russischen Beamten.

Als zwei Uniformierte den jungen Beil kurz vor der verbotenen Stadt Sewastopol aufgriffen, dem damals streng geheimen Heimathafen der sowjetischen Schwarzmeerflotte, warfen sie ihn nicht in eine dunkle Zelle, sondern kutschierten ihn in ein Hotel, wo er sich auf Staatskosten erst einmal ausschlafen durfte, bevor man ihn anderntags nach Odessa ausfliegen und wieder laufen ließ.

Rauschende Party für den ostdeutschen Grenzverletzer

Offenbar wusste die Obrigkeit selbst nicht recht, wie mit den ostdeutschen Grenzverletzern umzugehen war. Kurz vor der Grenze nach Rumänien wurde Beil erneut von einem russischen Beamten geschnappt. Der wiederum trommelte die Belegschaft des besten Restaurants am Ort zusammen, um eigens für den Rucksackfreak ein fünfgängiges Abendessen inklusive Tanz und Gesang auf die Beine zu stellen.

"Nach einer rauschenden Party fuhr mich der Beamte dann an die Grenze und zwang einen Lasterfahrer mit dem Wink seiner Kalaschnikow, mich weiter Richtung Westen mitzunehmen", erinnert sich Beil. Auch wenn er am Ende seiner 14-tägigen Exkursion ins sowjetische Bruderland keinen Siebentausender bestiegen hatte, trampte Hartmut Beil doch mit jeder Menge aufregender Geschichten im Gepäck zurück nach Berlin.

Gewieftere Profi-Abenteurer, unter ihnen Ulrich Henrici und André Nickl aus Berlin, erklommen dagegen den gigantischen Elbrusgipfel - dank eines selbstverfassten Legitimationsschreibens, das sie als Mitglieder einer offiziellen Wanderexkursion ausgab. Die russische Presse feierte die Bergsteiger enthusiastisch, ohne zu begreifen, dass die Sportsmänner aus Deutschland illegal im Land unterwegs waren.

Per Eissegler über den sibirischen Baikalsee

Während Mathias Jahnke mit dem Fahrrad bis nach Odessa radelte, schaffte es die Gruppe um Frank Hawemann und Uwe Wirthwein, mit einem selbstgebauten Eissegler über die kristallenen Weiten des sibirischen Baikalsees zu gleiten. Als die Abenteurer von einer ortsansässigen Bürgermeisterin zur Rückkehr verdonnert wurden, sausten sie der Polizei einfach davon.

Am Ende jedoch entkam niemand den Behörden: Wer nicht während der Reise geschnappt wurde, geriet spätestens an den sowjetischen Grenzübergängen nach Rumänien in Erklärungsnot. Wie sollte man vermitteln, dass das Zweitagesvisum bereits seit Wochen abgelaufen war? Die Strafen fielen allerdings meist milde aus. Zwar mussten manche der UDFler nach ihrer Rückkehr Geldstrafen zahlen oder ein jahrelanges Reiseverbot hinnehmen. Für die meisten ging der Abenteuerurlaub in der Sowjetunion indes glimpflich zu Ende.

Meist halfen schon eine schlitzohrige Ausrede, geschmuggelter DDR-Schnaps oder ein paar Bestechungsrubel, um die Grenzer zu besänftigen. Einmal zurück im eigenen Land, waren diese jungen Abenteurer finanziell oft abgebrannt - aber um eine elementare Erfahrung reicher.

"Offener und freier" habe ihn der UdSSR-Trip gemacht, sagt Hartmut Beil im Rückblick - und ihm die Augen geöffnet dafür, "wie wichtig es ist, sich nicht freiwillig zu viele Grenzen aufzuerlegen."

Zum Weiterlesen:

Jörg Kuhbandner/Jan Oelcker (Hg.): Transit. Illegal durch die Weiten der Sowjetunion, Notschriften Verlag 2010, 29.90 Euro.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Wolfgang Wehner, 22.06.2010
Astrachanbilder Leute, in der BILD-Zeitung sind solche tendenziösen Fotos angemessen. Ich bin seit 1964 regelmäßig im Gebiet Astrachan unterwegs. Es gilt das alte russische Sprichwort: "Gehe niemals mit deinem eigenen Lied in ein fremdes Kolster!". Hinter der Steppe am Uralfluss verläuft die Grenze zu Asien, da kann man keine mitteleuropäischen Maßstäbe anlegen. Solche Bilder schieße ich heute noch in Spanien oder Portugal. Ein Foto von der damals noch fast im Untergrund betriebenen aber existenten Kathedrale im Kreml wäre angemessener gewesen. Haben die Autoren das herrliche südländische Leben nie vom Deck einer Anlegestelle (Ponton, genannt "poplawok", Schwimmer) mit einer guten Flasche russischem Sekt an der Wolga erleben können ? Wer weiss um die herrlichen bunten Salzseen um Astrachan ? Waren sie nie in der Steppe, deren Lehm noch nach einem Jahr nicht von den Schuhen abfällt ? Wer kennt den Fischreichtum des Wolgadeltas wirklich ? Gruß WWehner
2.
Thomas Voigt, 22.06.2010
Mich stört an den Beiträgen zur Sowjetunion und zur DDR dieser diffamierende Unterton, der aber derzeit in Mode zu sein scheint. Es hat doch keiner das Paradies erwartet, wenn er Richtung Sowjetunion gefahren ist. Man konnte doch die Lebensbedingungen der Sowjetsoldaten in der DDR sehen. Hat die Autorin mal ein DDR-Russisch-Buch gesehen? Da steht doch nichts zur Überlegenheit der SU drin. Es war bei weitem nicht so gefährlich und ungewöhnlich, in der Sowjetunion unterwegs zu sein (ich kenne etwa 20, denen nicht das geringste widerfahren ist). Während der Perestroika war es sogar ganz einfach. Das Transitvisum war auch nicht der einzige Weg in das Land zu kommen. Viele Leute hatten Einladungen oder waren als Studenten für fünf Jahre oder für ein Auslandssemester in der Sowjetunion (ging gegen den landläufigen Glauben ohne SED-Mitgliedschaft und Schwur aufs kommunistische Manifest). Es gab auch den Studentensommer (2 Wochen arbeiten; zwei Wochen Urlaub) und den Studentenaustausch bei Exkursionen. Über diese ?illegalen? Aufenthalte wurden auch mehrere Bücher veröffentlicht: ich nenne nur: Georg Renner und Walter Steiner mit ihren Büchern über Mittelasien und den Pamir Ich war 1988 einen Monat in Sibirien (Baikal und Ost-Sajan an der Mongolischen Grenze) und 1989 in Mittelasien (Kasachstan, Usbekistan und Tadschikistan) unterwegs. Alles ohne Probleme. Im Grenzgebiet zur Mongolei haben wir uns erfolgreich als ?Pribaltiki? ausgegeben, was ja in gewisser Weise auch nicht gelogen war. Die Kontakte mit der Miliz (was soll der Hinweis auf den KGB?) liefen immer nett ab, vermutlich weil der Polizist sich auch Bürokratie und Ärger ersparen wollte. Da waren die kulturelle Vielfalt, die Schönheit und Wildheit der unberührten Naturlandschaften gepaart mit der Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen doch der sehr viel stärkere Eindruck. PS: Was ist übrigens ein ?Pioniersvortrag??
3.
Olaf Nyksund, 22.06.2010
@ Hr. Voigt: > Mich stört an den Beiträgen zur Sowjetunion und zur DDR dieser diffamierende Unterton Wer Diffamierung wittert, wo Sachen einfach beim Namen genannt werden, edient sich eines Griffs, den schon die Sowjets selbst gut beherrschten. In der Rhetorik hat der Trick einen Namen. > Es hat doch keiner das Paradies erwartet, wenn er Richtung > Sowjetunion gefahren ist. Wer sprach vom Paradies? Der Witz ist: niemand konnte irgend etwas erwarten, weil es an neutralen Informationen schlichtweg fehlte. Aber wenigstens die bittere Armut, die Korruption und die leeren Läden waren stets eine böse Überraschung. Wenigstens normale Lebensbedingungen hätte ich erwartet. Warum durften sich, Ihrer Ansicht nach, Ausländer in der UdSSR nicht frei bewegen und nur organisiert das vorgezeigt bekommen, was das akribisch aufgebaute Propagandabild ja nicht zum Wackeln brachte? > Man konnte doch die Lebensbedingungen der Sowjetsoldaten in der DDR sehen. Wer war dieser "man", bitte? Wurden Sie tatsächlich auf Anfrage in eine sowjetische Kaserne hineingelassen? > Über diese ?illegalen? Aufenthalte wurden auch mehrere Bücher veröffentlicht Schön zu wissen. Das schließt aber eine Veröffentlichund in "einestages" nicht aus, oder? > Im Grenzgebiet zur Mongolei haben wir uns erfolgreich als ?Pribaltiki? ausgegeben Schon daran gedacht, warum das so sein musste? Müssen Sie sich in Frankreich als Bretone, in Australien als Brite oder in den USA als Chilener ausgeben? > PS: Was ist übrigens ein ?Pioniersvortrag?? Diese Frage hätten Sie am Anfang stellen sollen. Da Sie offensichtlich sehr jung sind: es kam in den Ländern des so genannten "Ostblocks" (der ja so gar kein "Block" war, sondern sehr differenziert), dass besuchende Mitglieder sowjetischer Jugendorganisationen "frei und spontan" erzählten, wie fantastisch es sich "w kraju radnom" lebt. Sie wissen es auch vermutlich, Sie wollen nur Polemik.
4.
Uwe Schwarz, 22.06.2010
Toll, was die Jungs da gemacht haben ? vor allem die Flußreise imponiert mir! Aber in den Begleittexten zu den Fotos sind wie üblich einige Klopse. Daß Karten verfälscht wurden und topographische Karten nicht frei zu kaufen waren, stimmt ja, aber es gab zumindest weit höher aufgelöste Karten von der Sowjetunion als die in Bild 6 dargestellte. Da gab jeder Schulatlas mehr her! Und Astrachan (Bild 13) war zwar eine gesperrte, aber keine geheime Stadt. Deshalb war es in allen Karten und Atlanten eingezeichnet, und zwar an der richtigen Stelle - ebenso wie z.B. die Millionenstädte Gorki und Tscheljabinsk, die zwar als Zentren der Rüstungsindustrie für Touristen unzugänglich waren, aber durchaus in den Karten auftauchten. Die totale Geheimhaltung hatte schließlich nur bei Neugründungen Sinn. Den verlor sie im Zeitalter der Satellitenaufklärung natürlich trotzdem, aber man kennt ja das Beharrungsvermögen der Bürokratie - selbst der Raketenstartplatz Baikonur, von dem es unzählige hochaufgelöste Satellitenfotos gab, tauchte nicht nur in keiner Karte auf, sondern die Karten waren in diesem Bereich sogar verzerrt. Zum UdSSR-Transitvisum noch dieser Hinweis: Daß es nie abgeschafft wurde, ist auch so ein Beispiel für die Verselbständigung bürokratischer Schöpfungen. Das Durchreiseverbot durch die Tschechoslowakei war nämlich schnell wieder abgeschafft worden, und seit Mitte der 70er Jahre konnte man die ČSSR sogar ohne Paß und Visum besuchen. Wer nach Ungarn wollte, brauchte also nur ein Visum für Ungarn; für die Durchreise durch die ČSSR genügte der Ausweis. Noch eine Ergänzung zu meinen Vorrednern: Daß die Verhältnisse in der Sowjetunion nicht üppig waren, wußte in der DDR zwar jeder. Allerdings waren viele, die die SU nicht mit einer Reisegruppe besuchten, dann doch schockiert, wenn sie mit dem Alltag abseits der großen Städte konfrontiert wurden. Daß es selbst rings um Moskau auf dem Lande und in den Vorstädten soviel Armut gab und die Infrastruktur oft nicht etwa marode war, sondern gar nicht existierte, hatte man nun doch nicht erwartet. Für mich war es 1986 jedenfalls ein ziemlicher Hammer, als ich sah, daß es in Gus-Chrustalny, einer Industriestadt bei Moskau, noch Stadtviertel gab, die nur aus hölzernen Bungalows bestanden, deren Bewohner sich das Wasser von einer Pumpe an einer entfernten Straßenkreuzung holen mußten. Und am Stadtrand befand sich andererseits eine riesige Satelliten-Erdefunkstelle mit Technik vom Feinsten. Über solche Kontraste stolperte man ständig.
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Uwe Schwarz, 22.06.2010
Toll, was die Jungs da gemacht haben ? vor allem die Flußreise imponiert mir! Aber in den Begleittexten zu den Fotos sind wie üblich einige Klopse. Daß Karten verfälscht wurden und topographische Karten nicht frei zu kaufen waren, stimmt ja, aber es gab zumindest weit höher aufgelöste Karten von der Sowjetunion als die in Bild 6 dargestellte. Da gab jeder Schulatlas mehr her! Und Astrachan (Bild 13) war zwar eine gesperrte, aber keine geheime Stadt. Deshalb war es in allen Karten und Atlanten eingezeichnet, und zwar an der richtigen Stelle - ebenso wie z.B. die Millionenstädte Gorki und Tscheljabinsk, die zwar als Zentren der Rüstungsindustrie für Touristen unzugänglich waren, aber durchaus in den Karten auftauchten. Die totale Geheimhaltung hatte schließlich nur bei Neugründungen Sinn. Den verlor sie im Zeitalter der Satellitenaufklärung natürlich trotzdem, aber man kennt ja das Beharrungsvermögen der Bürokratie - selbst der Raketenstartplatz Baikonur, von dem es unzählige hochaufgelöste Satellitenfotos gab, tauchte nicht nur in keiner Karte auf, sondern die Karten waren in diesem Bereich sogar verzerrt. Zum UdSSR-Transitvisum noch dieser Hinweis: Daß es nie abgeschafft wurde, ist auch so ein Beispiel für die Verselbständigung bürokratischer Schöpfungen. Das Durchreiseverbot durch die Tschechoslowakei war nämlich schnell wieder abgeschafft worden, und seit Mitte der 70er Jahre konnte man die CSSR sogar ohne Paß und Visum besuchen. Wer nach Ungarn wollte, brauchte also nur ein Visum für Ungarn; für die Durchreise durch die CSSR genügte der Ausweis. Noch eine Ergänzung zu meinen Vorrednern: Daß die Verhältnisse in der Sowjetunion nicht üppig waren, wußte in der DDR zwar jeder. Allerdings waren viele, die die SU nicht mit einer Reisegruppe besuchten, dann doch schockiert, wenn sie mit dem Alltag abseits der großen Städte konfrontiert wurden. Daß es selbst rings um Moskau auf dem Lande und in den Vorstädten soviel Armut gab und die Infrastruktur oft nicht etwa marode war, sondern gar nicht existierte, hatte man nun doch nicht erwartet. Für mich war es 1986 jedenfalls ein ziemlicher Hammer, als ich sah, daß es in Gus-Chrustalny, einer Industriestadt bei Moskau, noch Stadtviertel gab, die nur aus hölzernen Bungalows bestanden, deren Bewohner sich das Wasser von einer Pumpe an einer entfernten Straßenkreuzung holen mußten. Und am Stadtrand befand sich andererseits eine riesige Satelliten-Erdefunkstelle mit Technik vom Feinsten. Über solche Kontraste stolperte man ständig.
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