Überwachung von Rudi Dutschke Der Klassenfeind liest mit

Überwachung von Rudi Dutschke: Der Klassenfeind liest mit Fotos
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Er war der Kopf der 68er, der linke Agitator. Doch erst nach dem Attentat auf Rudi Dutschke nahm der Verfassungsschutz den Studentenführer umfassend ins Visier. Das legen Geheimdienst-Akten nahe, die dem SPIEGEL vorliegen. Die Ermittler überwachten den Invaliden in fast schon absurdem Ausmaß. Von Felix Bohr und Klaus Wiegrefe

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Es fiel den beiden Geheimdienstlern nicht schwer, sich das Vertrauen der achtzigjährigen Erna Schultz in Berlin-Kreuzberg zu erschleichen. Die Rentnerin war alleinstehend, einsam, gutgläubig, auch etwas schwerhörig. Sie wollten "Grüße von Rudi" überbringen, brüllte einer der Männer durch die Wohnungstür, "mit persönlichem Dank", weil die Schultz sich doch so großherzig gezeigt habe. Da ließ Frau Schultz die Verfassungsschützer in ihre Einzimmer-Wohnung. Es war der 12. Juli 1971.

Mit "Rudi" war Rudi Dutschke gemeint, der legendäre West-Berliner Studentenführer und charismatische Kopf der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Ein Neonazi hatte den Revoluzzer einige Jahre zuvor mit Kopfschüssen niedergestreckt und so schwer verletzt, dass Dutschke erst nach jahrelangem Training wieder sprechen konnte. Frau Schultz überwies Dutschke 5000 Mark - was ihr den Besuch der beiden angeblichen Dutschke-Freunde vom Verfassungsschutz einbrachte.

Ob sie Dutschke denn kenne? Nee, nur aus der Presse. Aber Frau Schultz hielt das Attentat für ein "schreckliches Unglück". Der Dutschke tue ihr "sehr leid", und außerdem gefiel ihr seine Schmachtlocke, wie sie lächelnd gestand. Da sei sie zur Bank gegangen. Die Unterlagen habe sie lieber vernichtet, der gierigen Verwandten wegen. Die wären sicherlich nicht einverstanden gewesen.

Echte Feinde, falsche Freunde

Stolz vermerkten die Ermittler, sie hätten eine "nochmalige in Aussicht gestellte spätere Spende dahingehend manipuliert, dass es ihm (Dutschke - d. Red.) jetzt gut gehe". Frau Schultz habe das als "beruhigend" empfunden. Noch beim Abschied glaubte sie, echte Freunde von Rudi stünden vor ihr.

Die Geschichte vom Besuch bei der alten Dame findet sich in den Rudi-Dutschke-Akten, die das Bundesamt für Verfassungsschutz auf Antrag des SPIEGEL nun freigegeben hat. Offenbar ist das Archiv der Kölner Behörde in lausigem Zustand; die Unterlagen zu Dutschke - Vermerke, Analysen, Korrespondenz, Zeitungsartikel - sind jedenfalls unvollständig.

Und wenn der Eindruck stimmt, den die vorliegenden Akten vermitteln, scheint der Dienst erst nach dem Attentat begriffen zu haben, welche Bedeutung Dutschke zukam. Es gibt jedenfalls deutlich mehr Unterlagen über den politisch mäßig erfolgreichen, rekonvaleszenten Dutschke nach dem Anschlag 1968 als den mitreißenden Polit-Agitator zuvor.

Nach dem Attentat überwachten die Verfassungsschützer den invaliden Dutschke in absurdem Ausmaß. Sie kontrollierten seine Reisen und seine Kontakte zu Freunden, spürten seinen Finanzen nach und registrierten sogar Arztbesuche. Sie versuchten herauszufinden, wer der Mann mit der "auffallend langen Nase" und die Frau mit einer "roten Mao-Mütze" waren, die Dutschke auf einem Schweizer Bahnhof traf (es waren Freunde). Sie legten sich mit den Berliner Kollegen an, die verschlafen hatten, von Dutschkes Entlassung aus dem Krankenhaus nach Köln zu berichten ("eklatantes Beispiel für mangelnde Zusammenarbeit").

Flucht aus der Bundesrepublik

Aus Furcht vor weiteren Anschlägen verließ Dutschke mit Frau und Kind die Bundesrepublik und wollte dauerhaft in Großbritannien leben, doch London wies ihn aus. 1971 bekam er schließlich eine Stelle als Dozent an der dänischen Universität Aarhus.

Wie aus den Verfassungsschutzakten hervorgeht, hatte nicht nur der deutsche Dienst den herumreisenden Dutschke im Visier, sondern auch dessen Kollegen aus der Schweiz, Frankreich oder Dänemark. Diese berichteten von Grenzübertritten und was sie sonst noch in Erfahrung brachten. Die Kopenhagener etwa schrieben nach Köln, dass Dutschke in Aarhus "6000 Kronen (etwa 3000,- DM)" verdiene und "monatliche Zuwendungen" von SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein erhalte - was zutrifft.

Dass neben Augstein auch Bundespräsident Gustav Heinemann den ehemaligen Studentenführer mit Geld unterstützte, erfuhr der Verfassungsschutz allerdings erst aus der Zeitung.

Nervöser Auftritt an der Grenze

Der dänische Geheimdienst PET schrieb auch nach Köln, dass Dutschke "politisch überhaupt nicht hervortrete". Der aus Luckenwalde stammende Dutschke hatte von einer Räterepublik, der Einführung der 25-Stunden-Woche und der Abschaffung von Polizei und Gefängnissen geträumt, aber nun war seine große Zeit passé. Die Studentenbewegung hatte sich verlaufen, und der einst mitreißende Redner fand nach dem Attentat nie zur alten Form zurück.

Als Dutschke 1972 die deutsch-dänische Grenze überquerte, verwickelte ihn ein Grenzschutzbeamter in ein Gespräch und berichtete hinterher, Dutschke habe "einen sehr ungepflegten und nervösen Eindruck" gemacht. Seine Argumente seien "einfach und leicht zu widerlegen" gewesen, von dem Ex-Studentenführer sei "nur noch die Stimme da". Später mokierte sich ein anderer Grenzbeamter, Dutschke gleiche einem "Kunstmaler mit Baskenmütze".

Erst Mitte der siebziger Jahre ließ das Interesse der Staatsschützer nach. Über Dutschkes gelegentliche Vorträge an Universitäten, seine Fernsehauftritte oder seine Pläne zur Gründung einer neuen Partei sammelten sie nur noch Zeitungsartikel.

Dutschke ertrank am Heiligen Abend 1979 nach einem epileptischen Anfall in der Badewanne; die Anfälle waren eine Folge des Attentats. Zur Beerdigung auf dem Berliner St.-Annen-Friedhof kamen 5000 Menschen. In Dutschkes Verfassungsschutzakte findet sich dazu kein Bericht. Offenbar war kein Agent dabei.

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1.
Bernd Hoehne, 09.07.2013
Haben Sie mal daran gedacht, noch einmal nachzufragen, wo die frühen Informationen geblieben sind? Es scheint mir, Sie haben nur Daten zum späten Dutschke erhalten. Dass der Geheimdiensts sich nicht um den aktiven Rudi Dutschke gekümmert haben soll, scheint zu unglaubwürdig.
2.
Klaus Rathjens, 09.07.2013
Sehr trauriges Schicksal. Allerdings lesen und hören sich heute einige seiner damals z.T. flammenden Reden ziemlich naiv an, was an der sehr speziellen Situation Deutschlands nach der Nazi-Barbarei und im Kalten Krieg erklärbar ist. Trotzdem bleibt Dutschke für mich persönlich ein wundervolles Beispiel eines politisch engagierten und idealistischen Menschen. @ Verfassungsschutz Was erwarten wir von dieser Behörde? Dass sich dort unsere geistige Elite versammelt? Dass dort systemkritische Stimmen richtig interpretiert werden?
3.
D.n.e. H.g., 09.07.2013
DAS sieht diesen "Geheimen" ähnlich und diesem erbärmlichen Nazinachfolgestaat der sich ums Verrecken nicht "Entrechtsen" lassen wollte und will... DAS OPFER eines Nazistisch-Springeristischen Mordanschlages zu bespitzeln und für die TÄTER um Verständnis heischen, PFUI TEUFEL- es KOTZT einen an !!! Daniel Hage
4.
Irina Degenhaupt, 09.07.2013
" Trotz dieser organisatorischen Abgrenzung gab es starke personelle Kontinuitäten; bis zum Ende der alliierten Aufsicht 1955 waren viele ehemalige Mitarbeiter der Gestapo als inoffizielle Mitarbeiter beschäftigt, danach auch offiziell. Der Präsident des Amtes, Heinz Fromm, hat 2009 eine Kommission einberufen, die diese Vergangenheit und weitere Bezüge des Amtes zur NS-Zeit auf Grundlage der Archivdaten detailliert aufklären soll.[3] Der Bericht dieser Kommission, die erst im November 2011 ihre Arbeit aufnehmen konnte, liegt noch nicht vor.[4]" http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesamt_f%C3%BCr_Verfassungsschutz Das Ex-Nazis potentielle Kommunisten überwachen, was für eine Story.
5.
Wolfgang Prestel, 09.07.2013
Der Verfassungsschutz ist ein Haufen von Leuten, die sich die Taschen mit Steuergeldern vollstopfen und praktisch keinen Nutzen haben. Das war damals so, das ist heute nicht anders.
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