Comic-Pionier Rudolph Dirks Mickys deutscher Großvater

Comic-Pionier Rudolph Dirks: Mickys deutscher Großvater Fotos

Er war der Erfinder der Sprechblase: Ende des 19. Jahrhunderts revolutionierte der Zeichner Rudolph Dirks mit dem anarchischen Cartoon "The Katzenjammer Kids" den Comic-Strip. In den USA wird der Pionier nun postum geehrt. Doch in seiner deutschen Heimat kennt kaum jemand den Auswanderer. Von

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"Wir haben Ihre Jungs entführt - für eine Belohnung kriegen sie sie zurück!", steht auf dem Schild, das die Comic-Mutter "Mama Katzenjammer" am offenen Kinderzimmerfenster findet. Tiefe Fußspuren führen durch den Schnee vom Fenster weg. Schweißtropfen rinnen von ihrer Stirn, als sie ihnen eilig hinterherläuft - denn sie ahnt nicht, dass ihre Söhne Hans und Fritz ihr nur wieder einen bösen Streich gespielt haben. Die beiden Bengel haben sich selbst "entführt" - und die Fußspuren der vermeintlichen Kidnapper mit Erwachsenenstiefeln in den Schnee gedrückt.

Die besorgte Mutter läuft über Hügel und Felder - bis die Spuren sie wieder zum Haus zurückführen. "Sie können sie umsonst wiederhaben" steht jetzt neben dem Fenster - und tatsächlich: Ihre entführten Kinder sind zurück! Erleichtert schließt sie die Satansbraten in die Arme - und selbst die scheinen zu ahnen, dass sie zu weit gegangen sind. Denn über Fritz' strahlendem Gesicht schwebt eine Sprechblase: "Dafür sollte man uns einbuchten!"

Im Gefängnis landeten die "Katzenjammer Kids", die der New Yorker Zeichner Rudolph Dirks vor 115 Jahren erfand, zwar nicht, dafür aber in den Geschichtsbüchern des Comic-Strips. Mit den lustigen Streichen der beiden Kinder prägte Dirks die Zeichensprache, mit der die noch unbekannten neuartigen Bildergeschichten im folgenden Jahrhundert die Welt erobern sollten - und schuf den bis heute am längsten laufenden Comic überhaupt.

Aufbruch in eine neue Heimat

Im Ausland wird Dirks seit langem für seine Verdienste gefeiert: Die Kult-US-Zeichentrickserie "Family Guy" zitiert seine "Katzenjammer Kids" genauso wie Star-Cartoonist Art Spiegelmann ("Maus"), und auch die norwegische Band "Katzenjammer" benannte sich nach dem legendären Comicstrip. Am 13. Juli 2012 soll Dirks nun postum eine der größten Ehrungen der Comicbranche erfahren und in die "Will Eisner Award Hall of Fame" aufgenommen werden, in der er neben bahnbrechenden Künstlern wie Carl Barks und Robert Crumb stehen wird.

In Deutschland jedoch kennt kaum jemand den visionären Zeichner - obwohl Dirks selbst Deutscher war: Am 26. Februar 1877 wurde er in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Heide als Sohn von Johannes Heinrich und Margaretha Dorothea Dirks geboren. Mit seinen Eltern und sechs Geschwistern wuchs er in einem kleinen weißen Giebelhaus nahe der Mühle des örtlichen Müllers Blauroth auf. Die Mühle ist zwar schon lange nicht mehr da, aber das Haus, in dem Dirks' Wiege stand, ist noch immer an Ort und Stelle. Eine Gedenktafel für den visionären Zeichner sucht man allerdings vergebens.

Schon mit sieben Jahren verließ Dirks seine Heimat: 1884 wanderte seine Familie in die Vereinigten Staaten aus. Sie ließen sich in der Nähe von Chicago nieder. Doch das Leben in und um die schnell wachsende Metropole war alles andere als leicht: Viele der Bewohner der ärmlichen Einwandererviertel lebten alleine von der Fürsorge. Die Dirks hielten sich mit einer kleinen Farm über Wasser.

Geheimwaffe Comicstrip

Bereits von Kindesbeinen an hatte sich Rudolphs Leidenschaft fürs Zeichnen gezeigt, und so versuchte er nun, damit Geld zu machen: Mit 13 verkaufte er seinen ersten Cartoon an eine lokale Zeitung. Angestachelt von diesem Erfolg, zeichnete er für Geld, wo er konnte: Einige Jahre lang gestaltete er vor allem Werbeanzeigen, doch schon 1894, mit gerade mal 17 Jahren, verkaufte er Cartoons an renommierte Magazine wie "Life" und "Judge".

Dirks wollte es wissen: Mit 19 beschloss er, nach New York zu gehen und dort Karriere zu machen. Zunächst lebte er auf Coney Island und fuhr mit dem Fahrrad in die Stadt, um seine Arbeiten an Zeitungen zu verkaufen. Wenig später zog er ins Zentrum - und schloss sich einer Gruppe von Künstlern und Cartoonisten an, die sich ein Studio über einer Bäckerei eingerichtet hatten. Anders als viele von ihnen war Dirks reiner Autodidakt. Doch irgendwie schlug er sich mit kleineren Aufträgen durch - etwa mit Titelbildern für Groschenromane.

Dann kam der Wendepunkt seiner Karriere: Das "New York Journal" stellte den jungen Zeichner ein. Damit geriet Dirks mitten in den Zeitungskrieg, der damals zwischen dem Besitzer der Zeitung - dem Medienmogul William Randolph Hearst - und seinem Konkurrenten Joseph Pulitzer tobte.

Gerade war Pulitzer ein Coup in seiner absatzstarken Zeitung "New York World" gelungen: Er hatte angefangen, kleine, farbige Bildergeschichten zu integrieren - damals eine kleine Revolution. Schon mit seiner ersten Comicbeilage hatte Pulitzer es 1893 geschafft, die Auflage der "New York World" von 300.000 auf 450.000 zu steigern. Vor allem der Comic "Hogan's Alley" des Zeichners Richard Felton Outcault, der regelmäßig in der Zeitung erschien, wurde ein riesiger Erfolg. Die Leser liebten die Streiche seines Protatonisten: eines kleinen Kindes mit übergroßem Nachthemd, auf dem die Worte erschienen, die es gerade sprach.

"Der wolf ate up old grandmudder"

Gezeichnete Lausbubengeschichten - so etwas brauchte Hearst auch für sein "New York Journal". Er erinnerte sich an die Arbeiten von Wilhelm Busch, die er während einer Europareise kennengelernt hatte. Umgehend trug er dem Redakteur des Comicteils auf, seinen neuen Zeichner Dirks etwas möglichst Ähnliches erschaffen zu lassen: "Etwas wie Max und Moritz" brauche das Blatt.

Am 12. Dezember 1897 schließlich war es soweit: Dirks' "Katzenjammer Kids" erschienen erstmals in der Comicbeilage des "Journal". Die Katzenjammer Kids, das sind die Brüder Hans und Fritz, die mit ihrer Mutter, Mamma Katzenjammer, und dem "Captain" zusammenleben - einem Schiffbrüchigen, der bei der Familie "gestrandet" ist und sich zu einem Ersatzvater entwickelt. Seine Ziehkinder machen vor allem durch ihre ständigen sadistischen Streiche auf sich aufmerksam. In jedem Strip haben Hans und Fritz eine Idee für einen neuen Scherz. Doch meist fliegt ihr Plan auf - und so endet fast jede Geschichte damit, dass die Jungen eine Tracht Prügel einstecken müssen. Im Grunde führen die aufsässigen Kids einen unablässigen Krieg gegen die Gesellschaft, verkörpert durch den Captain und die Mutter.

Doch es war nicht nur diese Anarchie, die Dirks Comic zum Erfolg machte: Er benutzte eine neue Bild- und Formensprache, die den typischen Stil der amerikanischen "Funnies" prägen sollte: Gedanken und Äußerungen der Figuren erschienen nicht mehr wie bei "Hogan's Alley" auf Kleidungsstücken, sondern in Blasen über den Köpfen. Lief eine Figur schnell, verdeutlichte Dirks dies mit Bewegungslinien und Staubwolken. War jemand nervös oder erschrocken, spritzten ihm kleine Schweißtropfen vom Kopf. Sterne standen dagegen für Schmerz - und wer einen Tritt in den Hintern erhielt, hatte hinterher einen gut sichtbaren Fußabdruck an gleicher Stelle.

Markant waren auch seine Dialoge: Dirks' Figuren sprachen ein von deutschen Wörtern durchsetztes Englisch, das maßgeblich zum Humor des Strips beitrug: Sätze wie "und den der wolf went und ate up red riding hood’s poor old grandmudder" prägten den Humor der Serie. Dazu ließ sich Dirks keineswegs von bösen Deutschenklischees inspirieren. Nach eigenen Angaben wuchs der Zeichner in einer Familie auf, "die in etwa so redete". Seine Verwandten hatten offenbar in der neuen Heimat mitunter ihre liebe Not mit der englischen Sprache.

Ein Cocktail zum Abschied

Hearsts Rechnung ging auf: Dirks' Lausbubencomics wurden schlagartig erfolgreich. Und doch blieb die Freude nicht ungetrübt: 1912 kam es auf Grund eines Rechtsstreits zu einer Unterbrechung des Strips. Dirks wollte zur "New York World" wechseln, aber Hearst versuchte, es ihm gerichtlich zu verbieten. Bis ins nächste Jahr schleppte sich der Prozess hin, ehe das Urteil verkündet wurde: Das "New York Journal" erhielt alle Rechte am Titel "The Katzenjammer Kids", und Dirks durfte seine Figuren weiterhin zeichnen - allerdings nur unter anderem Titel.

So kam es, dass plötzlich zwei Comicreihen mit den gleichen Figuren erschienen: Während der Zeichner Harold H. Knerr die "Katzenjammer Kids" für das "Journal" fortsetzte, veröffentlichte Dirks seine Serie zunächst weiter als "Hans und Fritz", später unter dem Titel "The Captain and the Kids" in der "World". Als die Reihe mit dem längeren Atem entpuppt sich die ursprüngliche Serie. "The Captain and the Kids" wurde bis Ende der siebziger Jahre von Dirks' Sohn John fortgesetzt, während "The Katzenjammer Kids" noch heute in etwa 50 Zeitungen weltweit erscheint.

Die Serie überlebte sogar ihren Schöpfer: Rudolph Dirks starb am 20. April 1968 im Alter von 91 Jahren zu Hause in New York. Seinen Humor hatte er bis zuletzt nicht verloren: Der Zeichner soll mit einem Cocktailglas in der Hand aus dem Leben geschieden sein. Seine letzten Worten: "Ich möchte eine Kirsche."

Zum Weiterlesen:

Tim Eckhorst: "Rudolph Dirks. Katzenjammer, Kids & Kauderwelsch. Das Leben des berühmten Comiczeichners". Deich-Verlag, 2012, 120 Seiten.

Das Buch erhalten Sie beim Deich-Verlag.

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1.
charly van den bergh 09.07.2012
max und moritz fuer amis. wilhelm busch haette klagen koennen....
2.
Jonas Kürten 09.07.2012
"Erfinder der Sprechblase" ist so nicht richtig, bereits der Karikaturist und Illustrator George Cruikshank benutzte Sprechblasen, ältestes Beispiel dafür wäre seine Karikatur namens "Old Bumblehead" über den französischen König Ludwig den XVIII. aus dem jahre 1823 im Zuge der französischen Intervention in den spanischen Bürgerkrieg und ich gehe stark davon aus, dass auch vor Cruikshank bereits Sprechblasen in Karikaturen benutzt wurden. Ansonsten ein guter Artikel!
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