Zurückgetretene Päpste Wenn Gottes Stellvertreter keine Lust mehr hat

Zurückgetretene Päpste: Wenn Gottes Stellvertreter keine Lust mehr hat Fotos
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Benedikt XVI. ist nicht der erste Papst, der seinen Posten abgibt. Im Mittelalter legte schon einmal der höchste Würdenträger der katholischen Kirche sein Amt freiwillig nieder. Der Mönch fühlte sich von seinen Pflichten überfordert - und wollte einfach nur zurück in die Einsamkeit. Von

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"Die Wahrscheinlichkeit", orakelte im Februar vor drei Jahren noch die "Frankfurter Rundschau", "dass Benedikt XVI. seinen Kritikern die Freude macht, vorzeitig abzutreten, kann getrost mit null angegeben werden."

Das war alles andere als eine verwegene und mutige Einschätzung, doch jetzt ist genau das Unvorstellbare eingetreten: Benedikt XVI., nach seiner Wahl im Frühjahr 2005 noch begeistert von der "Bild"-Zeitung umjubelt, hat offenbar nicht mehr die nötige Kraft zur Ausübung seines Amtes. Selbst für Kardinaldekan Angelo Sodano kam diese Nachricht "wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel".

Doch so überraschend dieser Rücktritt auch sein mag, ein historischer Einzelfall ist er nicht. Gleich mehrere Päpste, und darunter nicht nur Gegenpäpste, sind im Laufe der letzten Jahrhunderte zurückgetreten - meist aber, anders als jetzt, auf massiven Druck. So gab im Jahr 537 Papst Silverius auf Druck aus Konstantinopel drei Wochen vor seinem Tod sein Amt auf. Gregor XII. war hingegen schon sechs Jahre abgesetzt, als er 1415 schließlich die Realitäten anerkannte und offiziell seinen Rücktritt erklärte.

"Schwäche meines Körpers und Unfähigkeit zum Lehramt"

Und so gibt es bisher eigentlich nur einen Papst der - wie nun Benedikt - aus freien Stücken zurücktrat: Coelestin V. Am 13. Dezember 1294 sprach er im Kreise der Kardinäle die historischen Worte:

"Ich, Coelestin V., trete hiermit aus freiem Willen vom Pontifikat zurück. Rechtmäßige Gründe bewegen mich dazu ebenso wie Gewissensgründe. Aus notwendiger Demut, zur moralischen Vervollkommnung, aber auch aus der Schwäche meines Körpers und der Unfähigkeit zum Lehramt, überhaupt wegen der Schwäche meiner gesamten Person, verzichte ich ausdrücklich auf den Thron, die Würde, das Amt und die Ehre des Papstes."

Dann legte der damals wohl schon 86-Jährige nach nur drei Monaten im Amt seinen roten Papstmantel ab. Fortan wollte er wie zuvor als Mönch Pietro del Murrone wieder ein Leben als Einsiedler führen.

Hochbetagt und überfordert

Coelestins Entscheidung stürzte das Papsttum in eine tiefe Krise. Denn fast zwei Jahre hatte es zuvor gedauert, bis sich die Kardinäle damals nach heftigen inneren Auseinadersetzungen schließlich auf einen Kandidaten für den vakanten Papststuhl geeinigt hatten. Coelestins Anhänger hofften nun endlich auf einen einfachen, integeren Vertreter Gottes und feierten ihn schon bald als "Engelspapst".

Doch von Beginn an stand Coelestins Pontifikat unter keinem guten Stern. Der fromme und hochbetagte Mönch war mit seiner Aufgabe überfordert. Er hatte nur ungenügend Kenntnis des Kirchenrechts, sein Latein war eher dürftig, und schließlich fehlte ihm jegliche Erfahrung in Diplomatie und Verwaltung. Privilegien und Pfründe vergab er mitunter ziemlich wahllos und willkürlich. Stattdessen blieb er seiner bisherigen Lebensweise treu und baute seine Residenz in Neapel in eine karge Mönchszelle um.

Und als er spürte, dass ihm die Kontrolle entglitt und der Unmut unter den Kardinälen wuchs, zog er die Reißleine - trotz seiner zahlreichen Anhänger, die für ihn auf die Straße gingen, als die ersten Gerüchte über einen möglichen Rücktritt aufkamen. Auch die Analogie zum Leidensweg Christi, die schon immer ein Argument gegen einen Rücktritt war, hielt ihn nicht ab.

Wie sehr diese kirchenrechtlich einwandfreie Entscheidung den Zeitgenossen als Skandal erschien, zeigt die Reaktion eines weltberühmten Zeitgenossen: Der italienische Dichter Dante bezichtigte Coelestin in seiner "Göttlichen Komödie" der Feigheit und verbannte ihn in seinem Werk in die Hölle.

Kaum glimpflicher verlief dann auch das irdische Schicksal des Zurückgetretenen: Denn die Kirche verwehrte Coelestin nach seiner Abdankung den Traum, seinen Lebensabend als Einsiedlermönch zu verbringen. Stattdessen wollte sein Nachfolgers Bonifatius VIII. den beim einfachen Volk immer noch beliebten Ex-Papst unter seine Aufsicht nehmen. Er fürchtete politische Turbulenzen, falls die umstrittene Abdankung als unrechtmäßig empfunden würde.

Coelestin versuchte daraufhin von Italien per Schiff nach Griechenland zu fliehen, doch ungünstige Winde trieben ihn wieder an die italienische Küste. Bonifatius ließ ihn in einem Kastell in der Nähe von Rom einkerkern - hatte allerdings noch soviel Mitleid mit seinem frommen Vorgänger, dass er ihm im Turm eine Mönchszelle einrichten ließ. Dort starb Coelestins anderthalb Jahre nach seinem Rücktritt.

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1.
k. Heselhaus 11.02.2013
Liebe Redaktion, Ihren Zynismus sollten sie zwischendurch mal ablegen - an dieser Stelle völlig unangebracht.
2.
Peter Steidel 11.02.2013
Wann werden die Religionsverweigerer endlich verstehen, dass der Papst nicht Gottes, sondern Petri Stellvertreter auf Erden ist? In dem anderen Artikel ist es sogar vom Papst selbst zitiert: "... das Schifflein Petri...". Wie ignorant kann man denn sein?
3.
Regina Bernat 11.02.2013
Es war eine große Ehre für Herrn Ratzinger, den Papstthron zu besteigen. In Demut macht er Platz für jemanden, der vielleicht für die RKK einen neuen Weg frei macht in der Welt. Es muss dort eine moderne Lösung gefunden werden, sich zu weltlichen Fragen angemessen und nicht ignorant zu verhalten.
4.
Tom Winner 11.02.2013
"keine Lust mehr hat" für einen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen? Ihre Überschrift ist menschenverachtend total fehl am Platz. Solche Frechheiten erlaubt man sich natürlich gerne, wenn es gegen die Kirche geht ...
5.
Dennis Lücking 11.02.2013
>Wann werden die Religionsverweigerer endlich verstehen, dass der Papst nicht Gottes, sondern Petri Stellvertreter auf Erden ist? >In dem anderen Artikel ist es sogar vom Papst selbst zitiert: "... das Schifflein Petri...". >Wie ignorant kann man denn sein? Nun, wenn man z.B. mal bei Wikipedia unter "Papst" nachschaut, dann steht da dass dieses Amt mit verschiedenen Titeln verbunden ist. Einerseits z.B. "Successor Principis Apostolorum, ?Nachfolger des Apostelfürsten?. Gemeint ist Petrus." Das stimmt also. Ein weiterer Titel des Papstes ist jedoch "Vicarius Iesu Christi, ?Stellvertreter Jesu Christi?". Und wenn ich mich nicht irre wird Jesus Christus doch von den Christen als Gott verehrt. "Stellvertreter Gottes" ist demnach also nicht völlig verkehrt, es sei denn man besteht darauf dass Jesus Christus nicht Gott ist. Kann natürlich auch sein dass mit der Quelle was nicht stimmt. Angeblich stehen diese Titel so im offiziellen Jahrbuch des Papstes. Meine Quelle ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Papst
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