Survival-Papst Rüdiger Nehberg wird 80 "Ich habe es immer mit dem Teufel gehalten!"

Genug Boas besiegt, Dschungel durchquert, Ureinwohner gerettet: Rüdiger Nehberg hat alles erreicht - bis auf einen letzten großen Traum. Vorher tritt der 80-Jährige nicht ab. Und wenn, dann bitte mit einem kurzen Knall.

Nehberg

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Hübsch sehen sie aus, die Überbleibsel des Überlebenskämpfers: Blauschwarz glänzend, an den Rändern leicht ausgefranst, schwimmen sie in dem mit Alkohol gefüllten Marmeladenglas. Krampfadern, Blinddarm, Mandeln, mehrere Zähne. "Rüdis Reste" steht auf dem Deckel, der mit einem roten Einmachgummi verschlossen ist.

Keine Frage: Rüdiger Nehberg weiß um seine Endlichkeit auf Erden. Weshalb er sich vorsorglich schon mal eingeweckt hat, zumindest teilweise. "Irgendwann müssen wir alle Platz machen. Aber noch habe ich Zeit!", ruft er und lächelt. Liebevoll schwenkt Nehberg das Glas mit seinen ausrangierten Körperteilen. Und zaubert ein zweites, kleineres Gefäß hervor.

Es enthält die Larve der Dasselfliege. Eine von vielen, die einst in seinem Bein gesteckt hatten, damals im brasilianischen Regenwald. Als er sich mit 68 Jahren von einem Hubschrauber in den schwülwarmen Dschungel hinabseilte, ohne Kompass, Nahrung, Waffe. Dornen schlitzten seinen Körper auf, sofort nisteten sich Fliegen in den Wunden ein und legten ihre Eier ab. Eine der kaulquappengroßen Larven steckte Nehberg sich damals in den Mund.

"Haben Sie schon mal Mehlwürmer gegessen? Nein? Genauso schmeckt das. Neutral, nahrhaft. Proteine, die mein Körper höchstpersönlich geboren hat!", ruft Nehberg, schelmisch funkeln seine Augen hinter der runden Brille hervor. Heute zum Interview gibt es weder Larven noch Würmer, sondern frische Franzbrötchen. Nehberg futtert keine Insekten mehr. Ringt nicht mehr mit Schlangen. Fängt keine Wildschweine mehr mit der Hand: "Sir Vival", der König aller Überlebenskünstler, muss niemandem mehr etwas beweisen. Schließlich wird er am 4. Mai 80. Und hat noch viel zu viel vor, um zu sterben.

6000 Frauen täglich verstümmelt

"Ich träume von einer großen Karawane: 10.000 Kamele, vom Atlantik bis nach Mekka, sechs Monate lang", sagt Nehberg. Und jeder der muslimischen Gläubigen, der sich der Karawane anschließe, müsste eine Fahne hochhalten: "Weibliche Genitalverstümmelung ist Sünde" würde darauf geschrieben stehen. "Rund 6000 Frauen werden tagtäglich verstümmelt, 90 Prozent sind Muslimas, viele von ihnen sterben. Der größte Bürgerkrieg der Menschheit", empört sich Nehberg. Der Kampf gegen diesen grausigen Brauch: Es ist sein letzter Kampf, sein letzter großer Traum.

Mit spektakulären Aktionen rüttelte der Menschenrechtler einst die Weltöffentlichkeit auf, im Jahr 2000 erreichte er die Anerkennung der bedrohten Yanomami, des letzten Urvolkes im brasilianischen Regenwald. Seither setzt sich Nehberg, gemeinsam mit seiner zweiten Frau Annette, für ein Verbot der Genitalverstümmelung ein. Ein Thema, das ihn so sehr umtreibt, dass die Augen des drahtigen Mannes beim Erzählen feucht werden. Alles andere, die Würmerfresserei, die monatelangen Expeditionen durch den Dschungel, über den Atlantik, durch die Wüste, sie sind Geschichte.

So wie er seine ausgedienten Körperteile einweckt, hat Nehberg die Survival-Vergangenheit um sich herumdrapiert, in seiner 400 Jahre alten Mühle auf dem platten schleswig-holsteinischen Land. Sie ist ein Museum seines extremen Lebens, jedes Exponat erzählt eine Anekdote. An der holzverkleideten Decke schweben Schlangenhemden, ein Haigebiss, meterlange Pfeile.

Erster Survival-Trip als Dreijähriger

Auf einem Sims steht ein Glas mit zwei in Alkohol eingelegten, abgehackten Fingern, die Nehberg nach einem blutigen Streit in Äthiopien vom Boden auflas. Und auf dem Fensterbrett steht ein selbstgebasteltes Schachspiel: Der gebürtige Bielefelder schnitzte die Figürchen 1977 in Eritrea, wo er über Wochen in der Gewalt aufständischer Rebellen der "Eritrean Liberation Front" war. Kurz nach einem der 25 bewaffneten Überfälle, die er bislang überstanden hat.

Das Brettspiel stammt aus jener Zeit, als Nehberg noch kein Menschenrechtler war, sondern reiner Abenteurer. Getrieben von einem unbändigen Drang, Grenzen zu überschreiten - und aus jenem durchstrukturierten Leben auszubrechen, das er als Kind zweier Banker kennengelernt hat.

"Bei uns war alles organisiert, bis auf fünf Stellen hinter dem Komma geregelt", erzählt Nehberg. Schon als Dreijähriger büxte er von daheim aus. Seine erste Expedition sollte ihn zu Oma ans andere Ende der Stadt führen - endete jedoch unter einem Rhododendronstrauch im Park: Dort fand die Polizei den schlafenden Jungen am anderen Morgen, eingehüllt in Zeitungspapier.

Giftschlange im Suppentopf

Ungefähr zu jener Zeit entdeckte er auch sein Faible für unbeliebte Tiere: Dem Wolf im Tierpark brachte der kleine Rüdiger damals stets sein Leberwurstbrot mit. "Warum soll der Wolf immer böse sein? Warum die Schlange gefährlich und schleimig?", fragt er. Schöne Tiere seien das: elegant, ganz trocken, wenn man sie in die Hand nehme.

Um die Kunst der Schlangenbeschwörung zu erlernen, radelte der gelernte Bäcker 1952, mit gerade einmal 17, von Hamburg nach Marrakesch. Seinen Eltern erzählte Nehberg, er urlaube in Paris, ein Freund schickte im Voraus geschriebene Ansichtskarten heim. In Marokko musste Nehberg enttäuscht feststellen, dass die Menschen den Giftschlangen das Maul zunähten. Die Kobra indes, die ihm später mal zuhause in Hamburg aus dem Terrarium entfleucht war: Die hatte ein völlig unversehrtes Maul.

"Ich wachte auf und stellte fest: Es sind nur ja noch elf da!", erinnert sich Nehberg und gestikuliert wild mit den Armen. Der Jäger, den er anrief, lieh ihm einen Rauhaardackel namens Alexander von Humboldt aus. "5000 Mark hätte ich bezahlt, wäre der Hund gebissen worden. Aber immer noch besser als eine tote Ehefrau", sagt Nehberg. Und setzte von Humboldt auf die ausgebüxte Kobra an.

Das Adelstier spürte die Giftschlange sofort auf: Sie hatte es sich in einem Topf auf dem Herd gemütlich gemacht. Die Gattin war gerettet - die Ehe dennoch irgendwann am Ende. "Meine Frau machte sich nichts aus dem Yanomami-Thema", sagt Nehberg. Man kann sie verstehen: Immer und immer wieder brachte sich der Abenteurer in Lebensgefahr.

Eitriges Kaninchen zum Abendbrot

Anfang der Siebziger bezwang Nehberg den bis dato unbefahrenen Blauen Nil, einen vor Krokodilen wimmelnden, reißenden Strom. Er überwand die Natur, verlor jedoch seinen Begleiter Michael Teichmann - der Kameramann wurde von Einheimischen erschossen. 1981 marschierte Nehberg quer durch Deutschland, ohne Proviant, ohne Geld, ohne Ausrüstung. 1000 Kilometer in drei Wochen, er verlor 25 Pfund.

Um zu überleben, aß er Heuschrecken, Blindschleichen, eitriges Kaninchen. "In der Not frisst sogar der Teufel Fliegen. Ich habe es immer mit dem Teufel gehalten!", sagt Nehberg und grinst. Gut durchgebraten könne man selbst Wanderratten verzehren. Ekel, zumindest jener anerzogene, ist ihm fremd, Angst ebenso. Um die mit Pfeilen bewaffneten Yanomami von seinen guten Absichten zu überzeugen, blies er 1982 wie wild auf seiner Mundharmonika und schlug Purzelbäume.

Nehberg hat alle Schweinehunde dieser Welt bezwungen, alle Gefahren gemeistert. Nur eine letzte Angst treibt ihn um. Es ist jene vor einem langsamen, qualvollen Tod. "Mein idealer Abgang? Ein Kopfschuss von hinten. Ohne Vorwarnung. Wie bei Michael damals", sagt er. Bevor er zum Pflegefall wird, erschießt Nehberg sich lieber. Oder schluckt Zyankali. Die Utensilien für einen selbstgewählten Tod schlummern auf dem Grund einer Kiste: Nehberg, der perfekte Organisator, hat vorgesorgt.

Aber es ist noch lange nicht soweit. Noch treibt Nehberg Späßchen, wirbelt herum, fackelt ein Anekdoten-Feuerwerk nach dem anderen ab, sprüht Funken: "Schauen Sie, so schnell ist ein Feuer gemacht", sagt er und schlägt Eisen gegen einen Flintstein - rote Pünktchen tanzen durch die Luft.

Zum Abschied verrät der 80-Jährige seine drei besten Survival-Tipps. Erstens, für Reisende in fremden Ländern: "Immer mehrere Zehn-Dollar-Noten am Leib tragen. Bei einem Überfall muss es schnell gehen." Zweitens, für Reisende fernab der Zivilisation: "Ihr Körper kommt vier Wochen ohne Nahrung aus. Erst wird das Fett abgebaut, dann die Muskeln, zuletzt das Gehirn. Tolle Erfahrung." Und drittens, für Daheimgebliebene in Deutschland: "Gehen Sie wählen! Bieten Sie Gewalttätigen die Stirn! Damit sich das nicht wiederholt, was mal gewesen ist."



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insgesamt 27 Beiträge
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Thomas Schulz, 03.05.2015
1. Toller Typ!
Der hat uns mal vor über 20 Jahren in der Schule Dias aus dem Urwald und von seiner "Arbeit" gezeigt und weitaus mehr in einer Stunde beigebracht, wie manch Gemeinschaftskunde- oder Politikleherer. Die Begeisterung, die er damals an den Tag gelegt hat, liest man hier im Artikel zwischen den Zeilen. Ich wünsche ihm weitere 80 Jahre!
Max Roos, 03.05.2015
2.
Vor etwa 58 Jahren fuhr ein damals junges Paar mit einem "Verbrauch" von zwei Goggos um die Welt. Es gibt da ein lesenwertes Buch und eine DVD. Das war nicht ganz gefahrlos, aber heute ist das unmöglich! Die Reisen von Nehberg, die ich zwar nicht bewundere, wohl aber mit einer gewissen Hochachtung betrachte, wären heute auch nicht mehr möglich. Es sind einfach zuviele Kalaschnikows und Uzis unterwegs..... Möge Nehberg noch lange leben - und vielleicht erfüllt sich sein letzter Traum! Viel Glück, Herr Nehberg!
Björn Steneberg, 03.05.2015
3. Happy Birthday Rüdi!
Immer noch der Alte!
André Ricci, 03.05.2015
4. Held meiner Kindheit
Ich habe ihn bewundert und als Junge immer davon geträumt, einmal ein Leben wie das seine zu führen. Jetzt ist Nehberg 80 und ich in einem Alter, wo es wirklich Zeit wäre, endlich die erste Wüste zu durchqueren oder das Floß fit für die Atlantiküberquerung zu machen. Den Satz, der jetzt kommen müsste und mit aber begönne, erspare ich mir. Bin ohne ihn sentimentale genug.
Jens Müller, 04.05.2015
5. Danke
SPON für diesen Artikel und danke Rüdiger für dein Engagement! Leute, lest seine Bücher und spendet an TARGET, es lohnt sich!!! Alles Gute zum Geburtstag:-)
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