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Industrieruinen im Ruhrgebiet Anmut der Trümmer

Industrieruinen: Die Pracht im Pott Fotos
Peter Untermaierhofer

Einst waren sie das Herz der deutschen Wirtschaft, heute rotten Zechen und Maschinenhallen des Ruhrgebiets vor sich hin oder sind Museen und Event-Räume. Ein Bildband entdeckt die gespenstische Schönheit dieser Orte zwischen Denkmal und Schrott. Von

Eine Maschinenhalle wie ein Palast. Der Boden rot-weiß gekachelt, aufwändige Jugendstil-Verzierungen an den Wänden, durch die hohen Korbbodenfenster fressen sich Sonnenstrahlen in die staubige Luft. Manchmal finden in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck festliche Bälle statt. Große Feiern in außergewöhnlichem Ambiente, Kulturspektakel mit dem gespenstischen Charme eines Gruselfilms. Dann erinnert erst recht nichts mehr an die ursprüngliche Verwendung des prächtigen Industriegebäudes von 1909.

Jahrzehntelang brüllten und pfiffen hier Dampfmaschinen und Generatoren, Grubenlüfter und Stromumwandler hielten die Zechenanlage am Laufen. Der Innenraum solcher Hallen wurde beim Bau damals besonders reich dekoriert, als eine Art Verneigung vor dem Fortschritt. Denn dank der Maschinen wurden Steinkohleförderung und Stahlherstellung industrialisiert, und das Ruhrgebiet entwickelte sich zum größten Montanrevier Deutschlands. Und zu einem der größten Arbeitgeber. Allein in Gladbeck gab es fünf Zechen, Tausende Menschen fanden dort Arbeit, zogen in eigens für sie erbaute Siedlungen und prägten die Identität der Stadt.

Doch das ist lange her, seit mehr als 40 Jahren wird in der 70.000-Einwohnerstadt keine Kohle mehr abgebaut. Von den Maschinen ist bis auf die Stromumformer in den beiden Seitenflügeln der großen Halle nichts erhalten geblieben.

Der Fotograf Peter Untermaierhofer hat Industrieruinen wie die Zeche Zweckel in dem Bildband "Vergessene Orte im Ruhrgebiet" festgehalten. Er zeigt die Überbleibsel aus einer Zeit, als das Ruhrgebiet das Herz der deutschen Wirtschaft war. Den 31-Jährigen interessierte vor allem die Ästhetik des Verfalls: "Ich mag die Schönheit von Orten, die menschenleer sind. Es ist dann, als gäbe es die Menschheit nicht mehr", sagt er.

Menschenleere, verlassene Orte

Tatsächlich traf Untermaierhofer auf seiner Fototour durch das Ruhrgebiet kaum Menschen. Er fuhr im vergangenen Herbst in seinem Kombi von Ort zu Ort, eine Matratze zum Schlafen im Kofferraum. "So konnte ich gleich nach dem Aufwachen die wertvolle Zeit und das Licht nutzen", sagt der Fotograf. Mehr als 150 Ruinen wollte er für seine Arbeit besuchen, am Ende sind 15 im Buch gelandet.

"Für viele bekam ich keine Genehmigung von den Denkmalämtern", sagt er. "Es war schlicht zu gefährlich." Denn was nicht aktiv gepflegt wird, verkommt: Dächer drohen einzustürzen, Treppen könnten morsch sein. Das Schicksal von Fabrikruinen im Ruhrgebiet ist: Entweder sie werden Denkmal, oder sie werden Schrott.

Dagegen kämpfen Menschen wie Michael Polan. Der Gladbecker hat sich zur Aufgabe gemacht, an die große Vergangenheit des Ruhrgebiets zu erinnern. Polan kämpft für den Erhalt alter Gebäude, Kirchen und Fabrikruinen in seiner Heimat. "Die meisten Leute in der Region und die Politiker würden am liebsten alles abreißen", sagt der 56-Jährige. "Was wäre denn gewesen, wenn man vor 2000 Jahren in Rom gesagt hätte: Kommt, wir reißen alles ab?"

Beweisstücke für die Existenz der goldenen Jahre

Er geht noch regelmäßig zu den verlassenen Orten der Gladbecker Kohleindustrie und hat einen Verein zur Erinnerung an die Zeche Zweckel gegründet. "Anfang der Sechziger begann das große Zechensterben bei uns. Zweckel war eine der ersten, die stillgelegt wurden", erzählt der Fernsehtechniker und Hobby-Heimatkundler. Durch die billigere Importkohle setzte eine Absatzkrise für die Ruhrkohle ein, auch Erdöl und Atomstrom machten die Steinkohle immer uninteressanter.

Als die Bergbaugesellschaft in den Folgejahren den Standort Gladbeck mit seinen insgesamt fünf Zechen dichtmachte, verlor ein ganzer Stadtteil seine Arbeit, die Menschen zogen fort. Die Wohnsiedlung "Schlägel & Eisen", gebaut vor rund hundert Jahren für Hunderte Bergarbeiter in Zweckel, begann zu verfallen. "Früher waren hier Schrebergärten, die Leute bauten Kaninchen- und Meerschweinchenställe, es erinnerte eher an eine Feriensiedlung", sagt Michael Polan. Vor einem Jahr sind auch die letzten zwei Mieter ausgezogen, seitdem kommt nur noch ab und zu jemand her und stellt den streunenden Katzen einen Napf zu Fressen hin. Die Lokalpresse hat "Schlägel & Eisen" den "gruseligsten Ort im Ruhrgebiet" getauft.

Polan sammelt Originalwerkzeug, Fotos und Dokumente. Er bräuchte wohl ein ganzes Einfamilienhaus, um alles unterzubringen. Es wäre nicht wie in einem Museum. Denn Polan stellt sich nicht die Frage: Denkmal oder Schrott? Für ihn hat auch das Menschenleere der verlassenen Orte nichts Ästhetisches. Für ihn sind es alles Beweisstücke. Dafür, dass es die glorreichen Jahre des Ruhrgebiets wirklich gegeben hat.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Hdr
Martin Heinz, 19.05.2014
Wer um alles in der Welt mag HDR Bilder? Der Effekt war schon vor 5 Jahren wieder unmodern. Im gewissen rahmen ist das ja ein durchaus schöner Effekt, aber so dermaßen unwirklich überzeichnet?
2. Na endlich mal ein sehenswerter Fotobeitrag
uli zimmermann, 19.05.2014
Hier stimmt alles: Auge, Komposition und Nachbearbeitung.
3. Versäumnis
Horst Beyer, 19.05.2014
Ja, NRW hat es versäumt, mit den Transferleistungen der anderen Bundesländer nachhaltig die Wirtschaft neu aufzubauen. Eine echte Schande. Ist aber wohl der ewigen Bergbau-/Kohle-Nostalgie der dortigen Politiker zuzuschreiben.
4. Zu viel ...
Jochen Riegg, 19.05.2014
... HDR war auch mein erster Eindruck. Die Motive sprechen für sich, da wäre das nicht nötig gewesen. Bei ein, zwei Bildern ganz schlimm ... Trotzdem guter Blick des Fotografen, hoffentlich verzichtet er in Zukunft auf den Effekt, der hier unangemessen billig wirkt.
5. optional
Werner Loot, 19.05.2014
HDR-Kitsch. Die Motive sind hinlänglich bekannt und totfotografiert.
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