Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Arbeiterfotograf Erich Grisar Tief im Westen

Ruhrgebietsfotograf Erich Grisar: "Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt" Fotos
Erich Grisar/Stadtarchiv Dortmund

Rauchende Schlote, harte Malocher und Kinder, die sich einen Panzer bauten: Hunderte Fotos schoss Erich Grisar Ende der Zwanziger im Ruhrgebiet. Eine grandiose Alltagsdokumentation. Von

Erich Grisar war dabei. Dabei, wenn Männer durch die Absetzbecken der Zechen wateten, um Schlammkohle vom Grund zu stehlen. Dabei, wenn Malocher in Stahlwerken ihr Mittagsbrot aßen. Dabei, wenn kleine Jungs Pferdemist von der Straße aufsammeln mussten.

Und er war einer von ihnen. Ein Dortmunder, ein Ruhrpottler. 1898 als Sohn einer Arbeiterfamilie im Norden der Stadt geboren, wo die Arbeit hart und die Freizeit kurz war, wusste Grisar, was Maloche bedeutet. Er selbst hatte Glück und musste weder ins Bergwerk einfahren noch am Hochofen schwitzen. Grisar wurde technischer Vorzeichner.

Seine eigentliche Berufung aber waren Journalismus, Schriftstellerei und die Fotografie. Und so durchstreifte der überzeugte Sozialdemokrat Ende der Zwanzigerjahre die Straßen seiner Heimatstadt Dortmund und des Ruhrgebiets auf der Suche nach Motiven und Geschichten. Grisar interessierte sich für alles.

Erich Grisar, um 1928

Erich Grisar, um 1928

Straßenszenen, wie ein zusammengebrochenes Zugpferd, bestaunt und beglotzt von Passanten. Kriegsinvaliden, die auf der Straße um Geld bettelten. Arme Seelen, die im Schlachthof für billige Reste anstanden. Genauso interessierte er sich für die unzähligen Arbeiter, wie sie lebten und wohnten. Die kleinen Leute eben. Am meisten aber begeisterte sich Grisar, selbst mehrfacher Vater, für Kinder. Er schoss eindrucksvolle Fotos von Jungs und Mädchen, die auf den Brachflächen der Stadt spielten, mit kleinen Kränen oder dem selbstgebauten Panzer. Lachende Gesichter, fröhliche Gesichter.

Und dann das Gegenteil: Kinder, die als Boten oder Obstverkäufer Geld verdienen mussten. In seinen Bildreportagen klagte Grisar an. "Mühen täglich sich Tausende junger Menschenkinder, denen Luft und Bewegung so not täten, um den Eltern zu helfen im Kampf ums Dasein", schrieb er 1929 in einem Zeitungsartikel.

Grisar war ganz nah dran an den Menschen, die wenig hatten außer ihrer Würde. Sie wirken auf seinen Fotografien offen, unverstellt, natürlich. Vielleicht lag es daran, dass Grisar ein guter Fotograf war. Oder an seiner besonderen Beziehung zum Ruhrpott, wo die Menschen ihre Heimatliebe heute salopp mit dem Satz "Woanders is' auch scheiße" ausdrücken.

Jahrzehntelang vergessen, zeigt das Ruhr Museum in Essen bis zum 28. August 2016 rund zweihundert von Grisars eindrucksvollsten Aufnahmen aus den Jahren 1928 bis 1933. Hier ein Vorgeschmack.

Fotostrecke

30  Bilder
Ruhrgebietsfotograf Erich Grisar: "Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt"
Zum Hingehen:
Die Ausstellung "Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928 - 1933" ist vom 14. März 2016 bis 28. August 2016 im Ruhr Museum, Essen zu sehen.
Anzeige

Artikel bewerten
4.7 (85 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Da die Welt noch halbwegs in Ordnung
Dirk Niedfeld, 19.03.2016
Zwar ein hartes Arbeiterleben, aber zumindestens hatten fast alle Arbeit. Und relativ aufgeräumt sieht es auch noch aus. Nicht so versüft wie die häutigen Städte in Deutschland.Städte sollte so sauber und aufgeräumt aussehen wie in Singapur. Jeder dort mal war weiß was ich meine. Einfach eine schöne Stadt.
2. Solche Einblicke in die Vergangenheit ...
Johannes Vogelgesang, 19.03.2016
sind wirklich toll, vor allem merkt man das der Fotograf Straßenszenen und Menschen in Bewegung abgelichtet hat, die Bilder wirken wie aus dem Leben. Die Pärchen in der Kneipe und die Jungs auf dem "Panzer" haben mir besonders gefallen.
3. @Dirk Niedfeld und die
Holger Schade, 20.03.2016
Von der Weltwirtschaftskrise, Massenarmut im Deutschland der 20er Jahre haben Sie tatsächlich noch nie etwas gehört?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH