Ruhrkampf Her mit der Kohle!

Ruhrkampf: Her mit der Kohle! Fotos

Es war ein Krieg nach dem Krieg: 1923 besetzten französische Soldaten das Ruhrgebiet, um den Deutschen ausstehende Reparationsgüter abzutrotzen. Die Bevölkerung wehrte sich mit allen Mitteln - und der Konflikt eskalierte zum blutigen Kampf. Von

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Karsamstag, sieben Uhr morgens: Zwei französische Militärkommandos treffen auf dem Werksgelände von Krupp in der Altendorfer Straße in Essen ein. Sie sind angerückt, um Fahrzeuge zu beschlagnahmen. Immer mehr wütende Arbeiter drängen heran, um neun Uhr sind bereits Tausende herbeigeeilt. Vaterländische Lieder erklingen, tobend schwenken die Arbeiter ihre Hämmer, Spaten und Rohre, der Lärm steigert sich ins Unermessliche. Als eine Hand voll Menschen durch den Druck des kreischenden Mobs in die Halle gepresst wird, verlieren die Franzosen die Nerven - und eröffnen das Feuer. 13 Männer sterben an den Schüssen, zahlreiche werden schwer verletzt.

Als "Essener Blutsamstag" ging dieser 31. März 1923 in die Geschichte ein. Er bildete den traurigen Höhepunkt der Ruhrbesetzung, die vor 85 Jahren begann und in gewisser Weise eine Verlängerung des Massensterbens im Ersten Weltkrieg zwischen 1914 und 1918 darstellte, ein Krieg nach dem Krieg. Der eigentlich Anlass: eine Lappalie. Die mehreren hunderttausend Telegraphenmasten und Kohle im Wert von 24 Millionen Goldmark, die der Kriegsverlierer Deutschland den Franzosen schuldig geblieben war, bildeten gerade einmal 1,6 Prozent der im Jahr zuvor geleisteten Reparationen.

Dennoch, Paris sah darin einen Affront: Die Weimarer Republik wolle nicht zahlen, befand die französische Regierung und beschloss, sich die Güter selbst abzuholen - notfalls auch mit Gewalt, wie im Versailler Vertrag von 1919 vorgesehen. Zumal sich hier eine günstige Gelegenheit bot, die größten Widersacher gegen die Versailler Ordnung, die Kohle- und Stahlbarone, in die Knie zu zwingen und die französische Sicherheitslage langfristig zu verbessern. So marschierten am 11. Januar 1923 - vor 85 Jahren - rund 60.0000 Soldaten aus Frankreich und dem verbündeten Belgien ins Ruhrgebiet ein, fest entschlossen, so lange zu bleiben, bis der Verlierer des Ersten Weltkrieges den Reparationsverpflichtungen nachkam. Doch der dachte gar nicht daran.

Die "Schwarze Schmach" an Rhein und Ruhr

Empört lehnte sich die deutsche Bevölkerung gegen die Invasion des "Erzfeindes" auf. Was, zum Teufel, sollte eine derart harsche Maßnahme? Viele Menschen hatten keine Ahnung von den Kriegsgräueln, die deutsche Militärs in Frankreich und Belgien angerichtet hatten. Daher fehlte jegliches Verständnis für den - sicher auch von Wiedergutmachungsgelüsten beflügelten - französischen Einmarsch. Kommunisten, Nationalisten, Arbeiter und Unternehmer: Sie alle waren vereint in dem Zorn auf die Franzosen und beschlossen, sich quer zu stellen.

Die Franzosen hatten, nicht ohne Kalkül, rund 20.000 farbige Soldaten ins Ruhrgebiet geschickt. Die Deutschen, die 1914 in den Krieg gezogen waren, um sich einen "Platz an der Sonne" zu sichern, mussten es sich nun gefallen lassen, von den "Bewohnern" der begehrten Kolonien besetzt zu werden - bitterer schien die Demütigung, diese sogenannte "schwarze Schmach", nicht sein zu können. Passiver Widerstand lautete die von Reichskanzler Wilhelm Cuno verordnete Devise: Das Deutsche Reich zahlte keine Reparationen mehr, ein Generalstreik im Ruhrgebiet legte Industrie, Verwaltung und Verkehr lahm.

Ein ökonomisches Desaster für die Besatzer und eine Blamage noch dazu: Ohne die deutsche Kohle mussten knapp ein Drittel der französischen Hochöfen ausgepustet werden. Doch auch die finanzielle Belastung auf deutscher Seite war erheblich, blieb der Regierung doch nichts anderes übrig, als die Gehälter der Streikenden zu bezahlen. Da kein Geld vorhanden war, kurbelte man flugs die Notenpresse an - mit der Folge, dass die Inflation galoppierte.

Franzosenliebchen an den Pranger

Um den Gegner in die Knie zu zwingen, entschied die französische Regierung unter Raymond Poincaré, den Widerstand zu brechen, koste es, was es wolle. Die Franzosen entsandten weitere 40.000 Soldaten ins Ruhrgebiet, beschlagnahmten alle verfügbaren Kassen, versuchten die Arbeit der streikenden Bevölkerung zu übernehmen und verhängten massive Strafen gegen alle Aufmüpfigen. An die 150.000 Personen, allen voran Beamte und deren Familien, wurden von den Besatzern ausgewiesen, das heißt, über die Grenzen des mittlerweile hermetisch abgeriegelten Ruhrgebiets ins unbesetzte Reich deportiert. Bald fehlte es überall an Grundnahrungsmitteln. Krankheit, Hunger und Tod waren die Folgen.

Immer häufiger kam es zu Gewaltakten, am Ende starben 137 Deutsche durch die Hand der Besatzer. Der Populärste unter ihnen: Albert Leo Schlageter. Als die Franzosen den Nationalsozialisten und Freikorpskämpfer nach dessen missglückter Sprengung einer Eisenbahnbrücke festgenommen und am 26. Mai 1923 exekutiert hatten, beweinten sogar die Kommunisten den Widerständler. Gefundenes Fressen für die Nazis, die den Mann zum Märtyrer machten und ankündigten, Düsseldorf nach dem Endsieg in "Schlageterstadt" umbenennen zu wollen.

Doch auch auf deutscher Seite war man nicht gerade zimperlich. Vielfach unterstützt durch nationalistische Einheiten aus dem Reich, sabotierten die Menschen zwischen Rhein und Ruhr die Arbeit der Besatzer, wo sie nur konnten - ob dies nun Menschenleben forderte oder nicht. So etwa im Juni 1923, als bei einem Sprengstoffanschlag auf einen belgischen Truppentransport neun Soldaten getötet wurden. Zudem knöpften sich die Deutschen die "Verräter" in den eigenen Reihen vor, zu denen Überläufer ebenso gehörten wie etwa "Franzosenliebchen": Frauen, die sich mit Besatzungssoldaten einließen. Sie wurden verprügelt, in den Kanal geworfen oder gar an den Pranger gestellt: In Habinghorst-Ickern (Castrop-Rauxel) banden eifersüchtige Männer ein "Franzosenliebchen" an eine Litfasssäule, übergossen ihr Haar mit Farbe und hängten ihr ein Plakat mit einem Spottgedicht um.

100.000 Mark für ein Pfund Kartoffeln

Je länger die Besetzung andauerte, desto mehr verhärteten sich die Fronten. Am Ende gingen beide Parteien als Verlierer aus diesem Krieg nach dem Krieg hervor. Deutschland, nunmehr von Reichskanzler Gustav Stresemann regiert, sah sich am 26. September 1923 gezwungen, den von seinem Vorgänger verordneten "passiven Widerstand" abzubrechen. Die Kosten waren einfach zu hoch: Ende September musste die deutsche Regierung die unvorstellbare Summe von 3500 Billionen Mark pro Woche berappen, um den Widerstand zu finanzieren.

Stündlich verlor die deutsche Währung an Wert: Mussten die Ruhrgebietsbewohner im Juli noch 8000 Mark für ein Pfund Kartoffeln hinlegen, waren es zwei Wochen später bereits 100.000 Mark, wie die Bochumer "Bergarbeiter-Zeitung" meldete. Mit Abbruch des Ruhrkampfs fiel die Mark als Zahlungsmittel endgültig aus, im ganzen Land wüteten Extremisten, so in Bayern die Reaktionären, in Sachsen und Thüringen die Kommunisten und im Rheinland die Separatisten.

Doch auch die Franzosen gingen nicht als Sieger aus dem Konflikt hervor. Zwar übernahm Deutschland, wie gefordert, deren Besatzungskosten und leistete nun auch fristgerecht die Reparationen. Aufs Ganze gesehen jedoch sah Frankreich nur einen Bruchteil der gesamten Summe. Von den insgesamt in Versailles geforderten 225 Milliarden Mark hatte Deutschland bis 1932 gerade mal 37 Milliarden geleistet.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Klaus Dieter Bätz 10.01.2008
Interessanter Beitrag, aber bitte die Schlechtschreibreform nicht übertreiben. Nach wie vor heißt das runde Ding mit den Plakaten Litfaßsäule mit "ß", da es nach dem Berliner Buchdrucker "Litfaß" (Eigenname!!!) benannt ist.
2.
Eberhard Doerr 10.01.2008
Sehr gut geschrieben, aber vor allem der Inhalt verblüffte mich: Dieses Kapitel der deutschen Geschichte hatte ich (Jg. 58) bisher weder in Schule noch Medien im Zusammenhang gehört. Warum bloß? Hat(te) man Angst, nationale Gefühle zu wecken?
3.
Hiltrud Boldt-Schiffer 10.01.2008
Ein flottes Mundwerk macht noch keinen guten Schreiber: eine Lapalie hat weniger mit Lappen zu tun als man denken könnte; Kolonien haben bisweilen Bewohner, und zwar ohne Anführungszeichen; Gehälter werden eher gezahlt als "bezahlt"; Hochöfen einfach "auspusten" ist eine Hochleistung, besonders sprachlich, wohingegen sich die Verräter "vorknöpfen" , Billionen "berappen", viel Geld für Kartoffeln "hinlegen" oder nur einen Bruchteil der Summe "sehen" eher irritieren. Immerhin: einer "kam durch": Hitler, wenn auch nur mit seiner Zahlungsverweigerung.
4.
Oliver Koch 10.01.2008
Interessantes Thema, leider ist der Schlusssatz: "Hitler, der enorm von dem Ruhrkampf-Nationalismus profitierte, weigerte sich, mehr zu zahlen - und kam damit durch." Unsinn. Ein Blick ins Geschichtsbuch hätte gezeigt, dass die Reaparationszahlungen bereits bei der Konferenz von Lausanne 1932 gestrichen wurden. Das war dann wohl kaum Hitlers Verdienst...
5.
Markus Durchlaub 10.01.2008
Schlageter war kein Mitglied der NSDAP. Seine Familie hat auch in der Zeit von 1933 bis 1945 dieser Darstellung immer wiedersprochen. Nur weil er, wie eigentlich alle, Nationalist war ist er zu gleich Sozialist.
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