Fotografie Ein Schatz löst sich auf

Auf Glasplatten porträtierte Fotograf Costica Acsinte Anfang des 20. Jahrhunderts Menschen seiner rumänischen Heimat. Doch die empfindlichen Bilder zersetzten sich - jetzt werden sie behutsam gerettet.

Von

Costica Acsinte

Kerzengerade aufgerichtet posiert eine elegante Dame mit Pelzkragen vor der Kamera, neben sich ein kleines Mädchen im hellen Mantel. Tiefe Risse durchziehen die alte Fotoplatte. Wie die Oberfläche eines gefrorenen Sees scheint sie sich in unzählige Eisschollen zu teilen.

Costica Acsinte, der 1897 als Constantin Axinte in dem rumänischen Dorf Perieti geboren wurde, entdeckte schon früh eine Leidenschaft für Fotografie. Als junger Mann absolvierte er die Pilotenschule und meldete sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zum Kriegsdienst. Doch anstatt Flugzeuge zu steuern, wollte er als Kriegsfotograf der Armee seines Landes dienen. Aus diesen Jahren ist ein privates Album mit 327 Fotos erhalten geblieben.

Nach dem Krieg eröffnete er in der Stadt Slobozia unter neuem Namen das kleine Fotostudio "Foto Splendid C. Acsinte", in dem er bis zu seiner Pensionierung 1960 hauptsächlich Menschen aus seiner Heimat auf Fotoplatten bannte. Kinder, junge Paare, Arbeiter, Greise - sie alle posierten in Acsintes Studio und starrten meist ernst und verbissen in die Kamera. Nur selten ist auf den Bildern ein Lächeln zu sehen. Auch Tiere fotografierte Costica Acsinte häufig. Sogar Hühner und Rinder wurden in sein Studio geschleppt.

Fragiles Lebenswerk

All diese Fotomotive hielt er auf zerbrechlichen Glasplatten fest, den ersten verfügbaren Trägermaterialien für Fotoemulsionen. Zelluloid, das die Entwicklung von Rollfilmen ermöglichte, war damals noch nicht weit verbreitet.

Etwa 5000 dieser Glasplatten hat Costica Acsinte, der 1984 starb, dem Bezirksmuseum von Ialomita hinterlassen. Dieser fotografische Schatz lässt sich allerdings nicht für die Ewigkeit konservieren, denn die auf die Platten aufgebrachte Fotoemulsion reagiert extrem empfindlich auf negative Umwelteinflüsse. Viele der Bilder sind deshalb bereits stark zerfallen.

Damit das Lebenswerk von Costica Acsinte auch für kommende Generationen erhalten bleibt, werden die fragilen Platten mit Bildern aus einer verschwundenen Welt seit 2013 nach und nach digitalisiert.

Die Zukunft der Sammlung liegt in den Händen eines einzigen Mannes, Cezar Popescu. Zuerst reinigt er vorsichtig die Originale, um die Beschichtung nicht weiter zu zerstören. Anschließend werden die Glasplatten einzeln gescannt und archiviert. Der Fortschritt des Digitalisierungsprojekts kann direkt auf der Website des Archivs nachvollzogen werden.

Gruppen von neu digitalisierten Bildern lädt Cezar Popescu auf die Fotoplattform Flickr hoch. Sie stehen unter der Public-Domain-Lizenz und dürfen daher von Nutzern auch für eigene Projekte verwendet werden.

Hochzeiten und Todesfälle

Auf den ersten Blick ist auf den Bildern wenig Spektakuläres zu erkennen: Hochzeiten und Todesfälle, Kinder, Soldaten in Uniform, Familien, die mit ihren Haustieren stolz vor der Kamera stehen, Mädchen in traditioneller Tracht. Dennoch fühlt der Betrachter, dass er einen Schatz aus längst vergangenen Zeiten vor Augen hat.

Der allmähliche Verfall der Fotoplatten verleiht den Aufnahmen einen besonderen Reiz. Wenn sich beispielsweise der Oberarm eines Mannes aufzulösen beginnt oder ein Riss in der Glasplatte den Körper eines Soldaten in zwei Hälften teilt, wirken die Bilder mitunter sogar verstörend und Furcht einflößend.

Auf einer anderen Aufnahme wird eine junge Frau in eine dunkle Wolke aus sich zersetzender Fotoemulsion gehüllt, die ihr förmlich das Gesicht wegzuätzen scheint. Und auf weiteren Platten klaffen dort, wo einmal Menschen zu sehen waren, inzwischen schwarze Löcher. Trotzdem bleiben Cezar Popescu noch viele Fotos, die für die Zukunft zu retten sind.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Soenne Soenne | Architekturfotograf, 02.08.2014
1. Warum löst sich der Schatz auf ?
Weil man sich -entgegen üblicher Regelungen und respektvoller Gepflogenheiten- dazu entschieden hat, diesen Schatz den raffgierigen Geiern der kopierwütigen Gesellschaft zum Frass vorzuwerfen. Diese mühevoll gemachten und gesicherten Bilder können nunmehr für jedweden lifestyle-Müll in Bares verwandelt werden, weil alle Rechte aufgegeben wurden. Die übliche Regelung zur Nutzung von Bildmaterial sieht vor, dass private Nutzungen kostenlos sind, gewerbliche (ja, damit wird Geld verdient) kostenpflichtig. Das ist im wesentlichen bei allen Lizenzmodellen so - Patente, Software, Musik und eben auch Fotografien. Die Fotosammlung ist -im besonderen in ihrer Gänze- eine sehr schöne !
Ioana Craciun, 02.08.2014
2. Begräbnisritual im heutigen Rumänien
Es wird in einem der Kommentare zu den Photos von Costica Acsinte fälschlicherweise behauptte, dass das öffentliche Aufbahren von Toten heute in Rumänien nur noch selten praktiziert wird. Das ist bei rumänischen Begräbnissen auch heute noch die REGEL!
Albert Meier, 02.08.2014
3. Keine Spaßgesellschaft
Es fällt auf, dass die Leute damals nichts zu lachen hatten. Auf fast allen Bildern sei es Hochzeit, Beerdigung oder Schulklasse schaut man ernst und verbissen aus. Und man zog seine beste Kleidung an, wenn der Fotograf kam, selbst zum Schafscheren kommen einige im Anzug.
Valery Kloubert, 03.08.2014
4. Ernste Gesichter liegen an der Aufnahmetechnik
Aus meiner eigenen Erfahrung mit selbstgegossenen "Dryplates" weiß ich, daß die ernsten Gesichter auf die Technik zurück zu führen sind. Es ist einfach schwer ein Lachen zu halten während der Fotograf mit einer Grossbild scharfstellt, den Verschluß schließt, den Film einlegt und dann erst den Auslöser drücken kann. Die trockenen Gelatine Glassplatten Negative sind nie etwas für's Knipsen gewesen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.