Russische Kriegsgefangenschaft Der Tag, an dem niemand deutsch sein wollte

Russische Kriegsgefangenschaft: Der Tag, an dem niemand deutsch sein wollte Fotos
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Deutscher? Ich doch nicht! - Als Kurt Mönch gegen Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft kam, musste er feststellen, dass es die viel beschworene Volksgemeinschaft gar nicht gab. Wer konnte, versuchte seine Nationalität zu verleugnen - um so sein Leben zu retten. Von

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Am Morgen des 5. Februar 1945 umzingelten sie uns dann doch. Noch in der Nacht zuvor war es mir mit 40 weiteren deutschen Soldaten gelungen, aus der belagerten Stadt Brieg zu entkommen. Ein sowjetischer Offizier kam auf uns zu und rief: "Deutsche Kameraden, nicht schießen, ergebt euch!" In der aussichtslosen Lage blieb uns nichts übrig, als der Aufforderung zu folgen.

Zuerst nahm man uns die Uhren ab und danach alles, was wir sonst noch bei uns trugen. Bis auf das Soldbuch. Wir sollten es als Dokument behalten, sagten die Sowjets. Daraus schöpften wir die Hoffnung, am Leben zu bleiben, schließlich hatten wir in der Vergangenheit immer wieder gehört, die Russen würden keine Gefangenen machen. Ein alter Soldat brachte uns zum nächstgelegenen Truppenstützpunkt. Wir mussten uns gegenseitig den Kopf mit einer Handhaarschneidemaschine kahl scheren. Der einzige Offizier unter uns durfte seine Haare behalten.

Nach einer Leibesvisitation wurden unsere Soldbücher auf einen Haufen geworfen und verbrannt. Vielleicht hatten den Offizier die Reichsadler mit dem Hakenkreuz gestört. Etwas später mussten wir zur Registrierung antreten. Wie bei den Sowjets üblich genügten der Name, der Vorname, der Vorname des Vaters, das Geburtsjahr und der Geburtskreis. Wer etwas zu verbergen hatte, hätte nach der Vernichtung des Soldbuches angeben können, was er wollte.

Engländer in unseren Reihen

Am nächsten Tag liefen wir unter Bewachung über die Pionierbrücke auf die rechte Seite der Oder. Jenseits der Brücke begann der Oderwald. In einem Dorf dahinter, es hieß Neu Limburg, brachte man uns in einem größeren Gehöft unter. Hier wurden wir erstmals mit Brot verpflegt. Es gab auch Suppe, die in einem verzinkten Jauchefass gekocht worden war.

Dann mussten sich alle Gefangenen, es waren inzwischen mehrere Hundert, auf dem Hof aufstellen. Ein sowjetischer Offizier fragte nach Männern mit amerikanischer und englischer Staatsangehörigkeit. Sogleich traten zwei Männer in einer fremden Fliegeruniform vor. Die Engländer hatten es, aus welchen Gründen auch immer, in unsere Reihen verschlagen. Sie wurden sofort in das Haus der Kommandantur gebracht.

Auf die Frage nach Franzosen meldeten sich zahlreiche Gefangene in deutscher Uniform, Elsässer und Lothringer. Ob irgendeiner dieser Männer zu den sogenannten Malgré-nous gehörten, den zwangsweise in die deutsche Wehrmacht eingezogenen französischen Elsässern und Lothringern, wusste ich nicht zu sagen. Es war unwahrscheinlich. Sogar einige Saarländer waren unter den angeblichen Franzosen. Die Männer mussten nach der Zählung wieder ins Glied zurücktreten. Was zählte, war die Uniform, die die Soldaten trugen.

Volksgemeinschaft - vorbei

So ging es weiter. Sudetendeutsche meldeten sich als Tschechen und Ostoberschlesier als Polen. Auch die Österreicher, von denen sicher viele den sogenannten Anschluss bejubelt hatten, waren nun keine Deutschen mehr. Übrig blieben noch Thüringer, Sachsen, Hessen, Norddeutsche, Rheinländer und Schwaben. Nach denen wurde, selbstverständlich, nicht gefragt. Die Reaktion der Männer auf die Befragung irritierte mich damals stark. Als junger Mensch hatte ich ja bisher an die deutsche Volksgemeinschaft geglaubt. Was blieb nun davon und vom großdeutschen Reich noch übrig?

Wer nur irgendwie konnte, hoffte, aus der Annahme einer anderen Staatsangehörigkeit Nutzen zu ziehen. Nur wenige Tage Gefangenschaft hatten mir offenbart, dass es die so oft beschworene deutsche Volksgemeinschaft gar nicht gab.

Seit damals bin ich misstrauisch, wann immer an das Nationalgefühl appelliert wird. Dass es ein solches auch in Deutschland wieder geben müsse, davon war nicht selten in den vergangenen Jahren die Rede. Vielleicht sollten wir einfach darauf verzichten, und etwas anderes als die Nation finden, das Gemeinschaft stiftet.

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1.
Michael Zapf, 24.09.2012
Wäre es nicht bei Foto Nr. 1 angebracht bei den Ortsbezeichnungen die deutsche Schreibweise anzugeben? Der Fluss Danube ist schlichtweg die Donau und Gunzburg wäre Günzburg. Gruss aus Bayreuth, M. Zapf
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