Russische Revolution Agent der Macht

Russische Revolution: Agent der Macht Fotos
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Was verbindet Entertainer Udo Jürgens mit dem Revolutionär Lenin? Udos Opa, Heinrich Bockelmann. Der Moskauer Bankier machte im Ersten Weltkrieg als Geheimdiplomat des deutschen Kaisers mit gekauften Zeitungen Stimmung gegen den Zaren - und schleuste sich sogar in Lenins Entourage ein. Von Klaus Wiegrefe

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Die Bockelmanns - was für eine Familie: Der eine Spross macht unter dem Künstlernamen Udo Jürgens als Schlagersänger Karriere; ein anderer leitete den Ölkonzern Deutsche BP. Ein Dritter wurde in den fünfziger Jahren Oberbürgermeister von Frankfurt am Main, Fotos zeigen ihn zusammen mit US-Präsident John F. Kennedy.

Doch die interessanteste Figur der Sippe ist Udos Großvater Heinrich Bockelmann (1870-1945), ein Banker, der als Geheimdiplomat für Kaiser Wilhelm II. agierte und Kontakte zu Lenins Entourage pflegte, wie aus den Akten im Archiv des Auswärtigen Amtes hervorgeht.

1892 war der Sohn eines Kapitäns nach Moskau ausgewandert und hatte sich dort vom Volontär zum wohlhabenden Miteigentümer der Junker-Bank hochgearbeitet. Das herrschaftliche Anwesen der Familie ist noch heute in der Kasakowa-Straße zu besichtigen.

Verbannt nach Sibirien

Bei Beginn des Ersten Weltkrieges wurde Bockelmann wie viele andere Deutsche nach Sibirien verbannt, denn das Deutsche Reich und das Zarenreich kämpften auf unterschiedlichen Seiten. Eine offiziell genehmigte Reise nach Moskau nutzte er jedoch zur Flucht. 1915 tauchte der Banker im neutralen Stockholm auf.

Schon bald knüpfte er Kontakte zur dortigen deutschen Gesandtschaft. Bockelmann verfügte über zahlreiche Verbindungen ins Zarenreich, mit denen sich rasch ein Informantennetz aufspannen ließ; das Auswärtige Amt übernahm die Kosten.

Mal berichtete Bockelmann von streikenden Bergarbeitern im Süden Russlands, mal über die innenpolitische Lage. Mehrfach bekam er einen Termin beim Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, wie damals der Außenminister bezeichnet wurde.

Stimmung machen für die deutsche Sache

Erfahrene Russlandkenner wurden in Berlin gesucht. Die Pläne Wilhelms II., einen Zwei-Fronten-Krieg gegen Frankreich und Russland durch einen Blitzsieg im Westen zu vermeiden, hatten sich längst zerschlagen. Nun setzte Wilhelm auf einen Sonderfrieden mit Zar Nikolai II., natürlich zu deutschen Konditionen.

Doch in Russland war der Hass auf die Deutschen groß. In Moskau plünderte der Mob Häuser und Geschäfte von Menschen mit deutsch klingenden Namen. Bockelmann plädierte daher für den verdeckten Kauf von Zeitungen in Russland, um mit diesen für die deutsche Sache Stimmung zu machen.

Als 1916 in Stockholm der russische Journalist Josef Kolyschko und Fürst Bebutow, ein ehemaliges Duma-Mitglied, ihre Dienste anboten, tat sich Bockelmann mit ihnen und Hugo Stinnes Junior zusammen, dem Sohn des gleichnamigen Wirtschaftstycoons im Kaiserreich. Danach sollte ein Vertrauensmann von Bockelmann im Zarenreich "eine gut gehende, rein russische Verlagsanstalt" erwerben.

Der Zar stürzt

Stinnes stellte zwei Millionen Rubel in Aussicht. Bockelmann war als Treuhänder vorgesehen, Kolyschko als "journalistischer Direktor", Bebutow sollte in Petrograd "die Atmosphäre für das geplante Unternehmen günstig gestalten". Dem Auswärtigen Amt sicherte Geldgeber Stinnes zu, deutschen Wünschen in der Berichterstattung "Rechnung zu tragen".

Es muss dann eine Planänderung gegeben haben, denn im November 1916 deponierte der deutsche Gesandte in Stockholm - und nicht Stinnes - 1,25 Millionen Mark auf einem Konto "zur Verfügung des Herrn Bankdirektor Bockelmann".

Allerdings zerstritten sich die Herren Stinnes und Bockelmann bald. Wenige Wochen später stürzte auch noch der Zar in der Februarrevolution. Bockelmann schrieb später, er habe davon abgesehen, "größere Geldbeträge in Unternehmungen zu stecken, die im nächsten Augenblick durch vollständigen Szenen- und Personenwechsel gewünschten und besprochenen Zwecke nicht mehr hätten dienen können". So blieb das Geld auf dem Konto.

Draht zu Lenins Justizminister

Bockelmann wurde trotz seiner Zuträger von der Entwicklung überrascht. Am 24. Februar, zwei Wochen vor der Februarrevolution, meldete der Banker dem Auswärtigen Amt, er glaube "nicht an eine nahe bevorstehende große Veränderung in der inneren Politik Russlands". Selbst als die Revolte bereits im Gange war, meinte er, den Unruhen sei "eine große Bedeutung nicht beizumessen".

Und bei Lenins Partei, den Bolschewiki, lag er zunächst auch ordentlich daneben, denn der Banker ernannte in seinen Berichten Leute zu Führern der Lenin-Gruppe, die nicht einmal zu dieser zählten.

Aber dann traf Lenin bei seiner berühmten Zugreise aus dem Schweizer Exil nach Petrograd im April 1917 in Stockholm ein. Lenin trommelte damals für einen Frieden um jeden Preis, weshalb ihn die deutsche Regierung insgeheim unterstützte. Bockelmann schaffte es, sich an die Reisegruppe heranzumachen. Lenins späterer Justizminister Isaak Steinberg wurde zu seinem Kontaktmann.

"Gruppe 'Lenin' bereits energisch an der Arbeit"

Der Marxist gab dem Kapitalisten Bockelmann interne Unterlagen und Infos. Die "Besprechungen mit den hiesigen Führern der russischen Arbeiterpartei" seien zu einem Abschluss gelangt, meldete Bockelmann dem Auswärtigen Amt am 17. April 1917. Da war Lenin bereits in Petrograd eingetroffen. O-Ton Bockelmann: "Dieselben werden sich also energisch dafür einsetzen, dass Vorbesprechungen [zwischen Deutschland und Russland - Red.] für den Frieden in möglichst kurzer Frist stattfinden können und hierüber an hiesige Vertrauensleute telegrafisch berichten. Inzwischen geht aus den eingesehenen Depeschen hervor, dass die Gruppe 'Lenin' bereits energisch an der Arbeit ist..." Dem Auswärtige Amt riet Bockelmann, den Bolschewiki und allen anderen "Parteien, die für den Frieden sind, beizuspringen".

Udo Jürgens hat in seiner autobiografisch gefärbten Familiensaga "Der Mann mit dem Fagott" Großvater Bockelmann ein Denkmal gesetzt. Dem Enkel zufolge trieb den Bankdirektor allein die Liebe zum Frieden an.

Doch es gab vermutlich auch ein profanes Motiv. Mit Hilfe seiner V-Männer brachte Bockelmann sein Vorkriegsvermögen nach eigenen Angaben "fast ohne Verlust" aus Russland heraus. Das flog auf, als er im Herbst 1917 mit 875 000 Rubeln in einer Reisetasche bei der Einreise in Saßnitz auf Rügen festgenommen wurde - wegen Verstoß gegen Devisenbestimmungen.

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