Russische Staatskrise Straßenkrieg in Moskau

Russische Staatskrise: Straßenkrieg in Moskau Fotos
AFP/Getty Images

Brennende Barrikaden, rasselnde Panzer und eine gespaltene Bevölkerung: Im Herbst 1993 eskalierte der Machtkampf zwischen Jelzin-Anhängern und sowjetischen Traditionalisten zum blutigen Showdown vor dem Parlament in Moskau. Johannes Baur war mittendrin. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    3.1 (588 Bewertungen)

Montag, 20. September 1993

Mit dem Ukas Nummer 1400 löst Präsident Boris Jelzin den Obersten Sowjet auf. Im Gegenzug erklärt der Vorsitzende des Obersten Sowjets, Ruslan Chasbulatow, mit der Rückendeckung eines Gutachtens des Verfassungsgerichtes diesen Ukas für verfassungswidrig. Das Parlament wählt den Stellvertreter Jelzins, Ruzkoj, zum neuen Präsidenten der Russischen Föderation. Der "heiße September", den Jelzin schon mit seiner Ernennung des Reformers Jegor Gaidar zum Vizepremier angekündigt hatte, hat endgültig begonnen.

Die Stadt Moskau, in der sich das alles innerhalb von Stunden abspielt, bleibt gegenüber dieser Konfrontation zwischen Präsident und Parlament - besser Oberstem Sowjet - merkwürdig gelassen. Das Leben geht seinen gewohnten Gang, man sitzt in der Metro, drängelt sich in den übervollen Bussen, geht zur Arbeit oder zum Einkaufen. Für genau zwei Wochen wird das Parlamentsgebäude Russlands - dieser monolithische Block an der Moskwa, einst dazu vorgesehen, die Errungenschaften der sowjetischen Eismeerforschung zu präsentieren - das Zentrum der Auseinandersetzungen sein. Noch sind viele im Parlamentsgebäude überzeugt, dass die Regionen und das Militär auf ihrer Seite stehen und dass Jelzin durch den öffentlichen Druck gezwungen sein wird, seine Anordnung zurückzunehmen.

Dienstag, 21. September 1993

Die Losungen und Sprüche auf den Plakaten um das Weiße Haus verdeutlichen jedoch, dass mit dem Ukas ein qualitativ neuer Zustand geschaffen wurde: Die Opposition ist zur Gegenregierung geworden, der Opponent des Präsidenten, der zugleich dessen Stellvertreter war, ist selbst zum Gegenpräsidenten gewählt worden. Das Ziel des Parlamentes ist nicht mehr die Bekämpfung der Jelzinschen Reformpolitik, sondern die Ausschaltung des Präsidenten. Die Fronten scheinen klar zu sein: Wer für Jelzin ist, ist gegen das Parlament und umgekehrt.

Mittwoch, 22. September 1993

Der Platz vor dem Weißen Haus gleicht immer mehr einem ungeordneten Heerlager. Aus zahlreichen Lagerfeuern steigt Rauch auf, an der Glut wärmen sich viele Menschen. Wodkaflaschen machen die Runde. Feuer, Alkohol und die Gemeinschaft Gleichdenkender geben den Demonstranten die Sicherheit, die sie seit dem Zusammenbruch des Kommunismus verloren haben. Nicht von ungefähr kommt es, dass abwechselnd die alte sowjetische Hymne, die Internationale und russische nationale Volkslieder angestimmt werden. Plötzlich durchqueren etwa 50 junge Männer in Zweierreihen und im Gleichschritt das Gelände. Begeistert wird den "Verteidigern" zugejubelt. Die militärische Organisation der Jelzin Gegner hat längst begonnen.

Es ist ein merkwürdiges und doch aus den letzten Jahren altbekanntes Bündnis zwischen Altstalinisten und russischen Nationalisten und Faschisten, die sich im Wunsch nach einer chauvinistischen Außenpolitik - sei es im Gewande eines Groß-Russlands oder der Sowjetunion - und einer antikapitalistischen Innenpolitik treffen. Vor dem Weißen Haus kommt es zum Schulterschluss der zerstörerischen Potentiale: sowjetische Politik-Traditionen einerseits und vorrevolutionäre russische Politik-Traditionen andererseits.

Freitag, 24. September 1993

Die Lage am Weißen Haus verschärft sich. Seit einigen Tagen sind die Deputierten ohne Strom, nun kommt auch das Gerücht auf, dass Wasser und Kanalisation abgestellt werden sollen. Über Nacht haben Einheiten der Miliz das Gebäude weiträumig umstellt und abgesperrt. Vor dem Weißen Haus treffe ich Sergej. Er ist zum Wochenende eigens aus Smolensk angereist, um für den Obersten Sowjet zu demonstrieren. Sich selbst bezeichnet er als Nationalsozialisten. Wie einige der Anwesenden fordert er, dass das Land von Ausländern gesäubert wird und dass dem Spekulantentum durch rigide wirtschaftspolitische Maßnahmen ein Ende bereitet wird. Die Verbindung von sozialer Sicherheit und der Projektion von Feindbildern - seien es Juden oder Amerikaner - ist typisch für das rot-braune Bündnis der Ruzkoj-Anhänger.

Sonntag, 3. Oktober 1993

Um 18 Uhr berichten die Radionachrichten, dass es heute nach einer Demonstration der Jelzin-Anhänger zu blutigen Ausschreitungen gekommen ist. Die Aufständischen haben den Belagerungsring der Miliz um das Weiße Haus gesprengt. Die Polizisten hatten der Entschlossenheit und Brutalität der Demonstranten nichts entgegenzusetzen. Einige Einheiten laufen auf die Seite der Aufständischen über. In diesen Stunden verschwindet die Staatsmacht aus dem Zentrum der Stadt. Später wird sich herausstellen, dass die Anweisungen von oben - dem Präsidenten, dem Chef des KGB, dem Verteidigungsminister - fehlen.

Einige Minuten später unterbricht das staatliche Fernsehen sein Programm - das Testbild verkündet, dass die Aufständischen nun das Gebäude des Fernsehzentrums "Ostankino" angreifen. Es wird klar, dass der Kampf um die Macht ganz Moskau erfasst hat.

Nicht weit vom Weißen Haus trifft man die ersten Trophäensammler dieses blutigen Sonntags: Einige tragen die Aluminium-Schutzschilder der Miliz, die die Demonstranten zu Hunderten erbeutet haben. Dann die ersten Bilder des bürgerkriegsähnlichen Zustands: Ein brennendes Fahrzeug der Moskauer Stadtreinigung, niedergerissene Absperrungen, zerschlagene Fensterscheiben in geparkten Autos.

Rambos mit Maschinenpistole

Am Weißen Haus geht die Organisation des Aufstandes weiter. Vor dem Haus haben sich einige tausend Menschen versammelt. Eine Rednerin, Abgeordnete des Moskauer Stadtsowjets, gibt den neuesten Lagebericht durch. Sie verkündet, dass das Fernsehzentrum noch in den Händen Jelzin-treuer Einheiten ist, und dass die Angreifer dringend Nachschub benötigen. Plötzlich fahren unter lautem Dröhnen drei Lastwagen vor. Der Anführer, der sich mit der einen Hand an der offenen Fahrzeugtür festhält und mit der anderen in Rambo-Manier eine Maschinenpistole schwenkt, fordert alle jungen Männer auf, in die hinteren Lastwagen einzusteigen. Waffen, erklärt er, gebe es später von den Offizieren. Einige junge Leute springen unter dem Beifall und den Hurra-Rufen der Menge auf.

Auf der Fahrt zum Fernsehzentrum begegnen wir einigen, zum Teil verletzten Ruzkoj-Anhängern, die enttäuscht und erschöpft von den ersten misslungenen Attacken auf den Fernsehturm zurückkehren. Der Widerstand ist stärker als geplant, und die Jelzin-Anhänger zögern nun auch nicht mehr, scharf zurückzuschießen. Schon von der Metrostation, die über zwei Kilometer vom Fernsehzentrum entfernt ist, hört man den Gefechtslärm. Leuchtspurgeschosse schlagen in einer Hochhaussiedlung ein, die sich gegenüber dem Fernsehzentrum befindet.

Gegen 23 Uhr 30 tauchen die ersten Gerüchte auf, dass Militäreinheiten auf dem Weg nach Moskau sind, um den Aufstand niederzuschlagen. Obwohl der Häuserkampf am Sender weitergeht, scheint der Ausgang schon entschieden zu sein.

Montag, 4. Oktober 1993

Die ganze Stadt zittert, als die ersten Panzereinheiten den Beschuss auf das Weiße Haus eröffnen. In der Untergrundbahn bemerkt man, dass die Normalität verloren gegangen ist. Tageszeitungen erscheinen heute nicht. Zudem fährt die Metro die nahe am Weißen Haus gelegenen Stationen nicht an. Auf der Tverskaja, der Verbindungsstrasse zwischen Kreml und Weißem Haus, haben Jelzin-Anhänger Barrikaden errichtet. Die modernen Lastwagen der Moskauer Spediteure, die die Straße blockieren, heben sich von den aus gekaperten Trolley-Bussen zusammengesetzten Barrikaden der Ruzkoj-Anhänger deutlich ab.

Am späten Sonntagabend haben Jelzin und Vizepremier Gaidar die Moskauer aufgerufen, "die Demokratie und den Präsidenten zu verteidigen". Da die Aufständischen den Sturm auf den Kreml angekündigt haben, beginnen die Gegendemonstranten, diesen weiträumig abzusperren und zu sichern. Ohne die Mobilisierung der Jelzin-Anhänger hätte die Lage für den Kreml wesentlich kritischer ausgesehen. In den Stunden, als die Armee zögert und die Miliz in die Flucht geschlagen ist, verhindern sie das weitere Vorpreschen der Ruzkoj/Chasbulatow-Anhänger.

"Schande für Moskau"

Die Mehrheit der Moskauer hat jedoch anderes im Sinn. Sie pilgert in Massen zum Mahnmal des blutigen Konflikts, dem Weißen Haus, aus dem schwarze Rauchwolken aufsteigen. Sogar alte Menschen und Familien mit Kindern sind darunter. Und es gibt auch die Neureichen, die in dicken Wagen bis an die Gefahrengrenze vorfahren und bei jedem Panzertreffer in das Parlament begeistert in die Hände klatschen. Insgesamt überwiegt bei den Anwesenden aber das Entsetzen über das Geschehene. Viele empfinden die bürgerkriegsähnlichen Zustände als Schande für Moskau.

Die Armee, die laut offizieller Jelzin-Propaganda zur "Armee des Volkes" geworden ist, leistet ganze Arbeit. Gegen 17 Uhr verbreiten die russischen Nachrichten die Meldung, dass die Anführer der Aufständischen auf dem Weg ins Lefortovo-Gefängnis sind. An diesem Abend wird endlich eine Ausgangsperre verhängt, die von 23 Uhr bis 5 Uhr morgens gilt und im Allgemeinen auch eingehalten wird. Das Militär hat die Lage unter Kontrolle.

Dienstag, 5.Oktober 1993

Der Tag danach ist der Tag des Siegers. Und dieser Sieger scheint Jelzin zu heißen. Während die Soldaten vor dem Weißen Haus in der Herbstsonne Moskaus ein Mittagsschläfchen halten, beginnt Jelzin, mit eisernem Besen auszukehren. Der Moskauer Stadtkommandant verbietet 16 politische Organisationen, darunter vier kommunistische Bewegungen und Parteien und die xenophob-chauvinistische "Front der nationalen Rettung". Außerdem werden 13 Zeitungen verboten, darunter die traditionsreiche "Prawda".

Doch ob es überhaupt einen Gewinner ist, ist fraglich. Auch Jelzin hat durch die blutige Lösung des Konflikts sein Gesicht verloren, er war nicht der Lage, eine Verfassungskrise auf zivilisierte Weise zu lösen. Für die Entwicklung der Demokratie in Russland sind dies keine guten Vorzeichen - auch wenn sich glücklicherweise nicht bewahrheitet hat, was ein alter Mann vor dem Weißen Haus prophezeite "In zwei Jahren werden wir wieder hier stehen."

Artikel bewerten
3.1 (588 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Solnzevo Wolkow 17.05.2010
Ach das waren zeiten - so Rohig wie zur Ausgangssperre habe ich die Stadt nie wieder erlebt. Ich muss mal die alten Photos suchen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH