Russisches Landleben Im Schatten des Ural

Wölfe im Garten und Bienen in der Sauna: In dem russischen Ort Chornaja am Fuße des Ural scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Detlev Crusius hat das Städtchen besucht - nicht als Tourist, sondern als Schwager.

Detlev Crusius

Moskau ist weit von Chornaja, dem "schwarzen Dorf". Rund 1500 Kilometer östlich des Kreml liegt der Ort, am Fuße des Ural. Touristen verschlägt es nur selten dorthin. Detlev Crusius hat Chornaja besucht. Nicht als Tourist, sondern als Schwager. Seit zwei Jahren reist der 66-Jährige immer wieder zusammen mit seiner Frau Galina nach Russland. Crusius kennt das Land seit 1988, als er mehrmals als Geschäftsreisender nach Moskau kam. Das Leben seiner angeheirateten Schwager in Chornaja hat er jetzt für einestages aufgeschrieben.

Das Dorf, in dem mein Schwager Gennadi und Schwägerin Ludmila leben, liegt etwa 25 Kilometer südlich von Perm, also noch nicht in den einsamen Weiten Sibiriens. Aber die Menschen hier bezeichnen sich als Sibirier und sie sind stolz auf sich und ihre Lebensweise. Herablassend blicken sie nach Moskau und St. Petersburg. Das ist weit weg, ein Sibirier geht dort nur hin, wenn er unbedingt muss. Umgekehrt ist es allerdings genau so. Für einen Moskowiter zählt nur Moskau, alles andere bezeichnet er als Provinz.

Das Leben im Dorf ist in meinen verweichlichten Vorstellungen aber nur in der warmen Jahreszeit angenehm. Und die ist sehr kurz. Im Winter fällt hier sehr viel Schnee, zwei Meter und mehr sind keine Seltenheit und Temperaturen von -35 Grad empfinden die Menschen als normal. Bei dieser Kälte bricht der Busverkehr zwischen den Dörfern zusammen und die Dorfbewohner warten, bis es wärmer und der Diesel wieder flüssig wird. Im Winter stehen auch schon mal Elche oder ein Bär im Vorgarten. Gennadi wurde mal von einem Rudel Wölfe verfolgt, konnte sich gerade noch ins Haus retten.

Abgeschnitten vom öffentlichen Verkehr ist Chornaja aber selten, denn merkwürdigerweise hält in diesem kleinen Dorf der Transsibirien Express. Zwar sieht der Bahnhof sehr provisorisch aus, es gibt keine richtigen Bahnsteige, aber man hilft sich gegenseitig auf die hohen Trittbretter der Waggons, um sich selbst, Hühner und Körbe und Tüten mit Gemüse und Kartoffeln zu verladen.

Sitzplatz Kartoffelsack

Die Frauen kochen auch noch aus kümmerlichen Resten eine Suppe. Jeder, der schon mal im heutigen Russland mit offenen Augen durch Lebensmittelgeschäfte gegangen ist, weiß von den hohen Preisen. Und die Preise steigen sehr viel schneller, als die Einkommen. Diese Preise sind vom Normal-Russen nicht zu bezahlen, von Lehrern, kleinen Angestellten und besonders alten Menschen, die mit kargen 150 Euro Rente auskommen müssen. Teurer als in Deutschland ist alles, was importiert werden muss: Südfrüchte, Fisch, Fleisch.

Zum Wochenende während der Erntezeit machen sich daher Scharen von Menschen auf, um sich auf dem Land mit Gemüse, Hühnern und Eiern zu versorgen und um dort zu arbeiten. Denn die Anbauflächen sind oft zu groß, als dass sie von den dort lebenden Familienmitgliedern allein bewirtschaftet werden könnten. Am Sonntagabend auf der Rückfahrt gackert und kräht es dann überall in den Bussen und in der Eisenbahn, dafür gibt es zusätzliche Sitzplätze auf den Kartoffelsäcken und den Kohlköpfen.

Dieses Jahr im März hat die Kuh gekalbt und meine Schwägerin Ludmila war zur Überwachung der Geburt extra im Dorf geblieben und bei einer Familienfeier abgesagt. Aber das Kalb kam tot zur Welt, ein herber Rückschlag, der die Vorratsplanung für den nächsten Winter über den Haufen werfen kann.

Überwinterungs-Sauna für drei Bienenvölker

Die Warmperiode in diesen Landstrichen ist wesentlich kürzer, als bei uns. Im September fällt der erste Schnee. Ab April säen die Menschen aus. Wenn es dann endlich warm ist, fressen einen die Mücken auf - und den Begriff "auffressen" kann man ruhig wörtlich nehmen. Es erfordert schon viel russischen Gleichmut, um die Stechviecher zu ertragen, Gleichmut, der mir völlig abgeht. Anfang August dann sind die Mücken plötzlich verschwunden, von heute auf morgen. Meine Frau Galina sagt, man könne die Uhr danach stellen.

Mein Schwager Gennadi pflanzt alles, was irgendwie essbar ist: Kartoffeln und Kohl auf den größeren Flächen, dazwischen Bohnen, Gurken, Kürbis, Tomaten, Sonnenblumen und vor allen Dingen: Zwiebeln und Knoblauch.

Überall auf den freien Flächen wachsen wilde Blumen, Nahrung für die drei Bienenvölker. Zum Überwintern verpackt Gennadi die Bienenstöcke in Kisten. Die Tiere überwintern in einem warmen Vorraum der Sauna bis zum nächsten Frühjahr. Der Anbau mit der Sauna ist überhaupt ein wichtiger Teil. Egal ob es draußen heiß oder kalt ist - abends wird geschwitzt. Vor der Sauna zwischen Sonnenblumen und Tomaten steht ein großer Eisenbottich von irgendeinem Bauwagen. Wenn es ausreichend geregnet hat, hüpft man von der Sauna direkt in dieses Behelfsschwimmbad.

120 Euro Rente

Seit kurzem hat die Familie zwei neue Hunde. Einer davon soll zum gefährlichen Kettenhund heranwachsen. Kürzlich hat er übungsweise ein paar Hühner erlegt, die jetzt als Suppenhühner im Eintopf garen. Der andere Hund teilt sich die Küche mit sechs Katzen, aber nur eine davon hat dauerhaftes Wohnrecht im Haus. Die anderen fünf Katzen müssen nachts draußen bleiben und im Stall das Ungeziefer im Schach halten.

Gennadi ist Gewerbelehrer, er hat wenig Zeit für seine Landwirtschaft, das meiste erledigt Ludmila. Das wird sich noch in diesem Jahr ändern, denn Gennadi ist mehr als 25 Jahre Lehrer und hat damit Anrecht auf seine Altersrente - rund 120 Euro, im Russland von heute viel zu wenig zum Leben.

Das Holzhaus, in dem Gennadi und Ludmila mit ihren zwei Hunden, sechs Katzen und drei Bienenvölkern leben, hat sechs Räume. Der zentrale Raum des Hauses ist die Küche, hier wohnen Gennadi und Ludmila vor allen Dingen im Winter, denn hier steht der große Kachelofen. Oben auf dem Kachelofen ist die traditionelle Schlafnische. Es gibt auch ein großes Wohnzimmer. Direkt neben dem Wohnzimmer, getrennt durch eine dünne Holzwand, ist der Kuhstall. Wenn sich eins der Tiere gegen die Wand lehnt, wölbt sich die Wand nach innen.

Hof unter Wasser

Der Donnerbalken ist in einem kleinen Haus mit Spitzdach untergebracht. Als Zugeständnis an die Zivilisation gibt es hier auch eine weiße Toilettenbrille mit Deckel aus Plastik. Von der Haustür bis zum Häuschen sind es rund 30 Meter. Im Winter steht ein Eimer mit Wasser und einem Desinfektionsmittel im Gang, damit man nachts nicht das Haus verlassen muss. Denn zu dieser Jahreszeit sollte man nachts besser nicht vor die Tür gehen. Die Körperteile, die bei diesen Extremtemperaturen nicht abfrieren, holen sich möglicherweise die Wölfe.

Wasser kommt aus einem artesischen Brunnen auf dem Grundstück. Deshalb muss man nicht pumpen, im Gegenteil, das Rohr muss mit einem Hahn verschlossen werden, sonst steht der Hof unter Wasser.

Im Dorf gibt es eine Poliklinik, ein Altenheim, ein Kino und eine Schule. Als ich fragte, wie viele Einwohner das Dorf habe, entstand eine kleine Diskussion. Die Leute wussten es nicht. Sicher, es gibt ein Art Melderegister, aber wer führt das eigentlich im Moment? Zum Schluss der Diskussion haben sich die Dorfbewohner dann auf "etwa" 5.000 Bürger geeinigt.

Krämerladen wie vor hundert Jahren

Ein wichtiger zentraler Punkt des Dorfes ist der Krämerladen, einen Tante-Emma-Laden würde man ihn bei uns nennen. Hier gibt es alles, was nicht auf dem Acker wächst. Und - ganz wichtig - dort wird angeschrieben. Das Anschreibebuch ist eine ziemlich dicke Kladde, ich glaube da stehen die Namen fast aller Dorfbewohner drin.

Als ich mit Gennadi auf dem Weg zum Krämerladen spazieren ging, hat er mir erklärt, dass er sich ein anderes Leben als das im Dorf nicht vorstellen könne. Rund zehn Jahre lebt er jetzt hier. Er zeigte auf den nahen Ural, der im Dunst liegend zum Greifen nahe schien: "Warum soll ich darauf verzichten, für was soll ich in der Stadt leben?" Natürlich, sagte er weiter, sei es manchmal beschwerlich hier, zumal im Winter. Und natürlich müsse er manchmal Monate auf sein Lehrergehalt warten, aber das müsste er in der Stadt auch. "Das ist normal, das ist in ganz Russland immer noch so, deshalb wird im Krämerladen ja auch angeschrieben. Wird in der Stadt auch angeschrieben, da wo kaum einer auch nur seinen Nachbarn kennt?"

Aber das Leben ändert sich langsam zum Positiven, sehr langsam. In Russland dauert eben alles etwas länger. Deshalb regt sich niemand hier auf, das ist eben so. Das, was uns Deutschen schon Zornesröte ins Gesicht treibt, nötigt dem Russen nur ein müdes Lächeln ab.



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