Russischunterricht in der Besatzungszone Die großzügige Hilfe der Befreier

Russischunterricht in der Besatzungszone: Die großzügige Hilfe der Befreier Fotos

Dampfmaschinen, Glühlampen, Badehosen - allesamt russische Erfindungen! Das jedenfalls lernte Willi Grünberg als Siebtklässler in der Sowjetischen Besatzungszone in der Schule. Bis er die Propaganda im Namen der Bildung nicht mehr ertrug und im Unterricht die Gegenrevolution probte. Von

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Im Russischlehrbuch, das ich als Schüler in der Russischen Besatzungszone in der siebten Klasse bekam, las ich im Oktober 1948 einen erstaunlichen Satz: Nicht der Schotte James Watt habe die Dampfmaschine erfunden, sondern ein Russe namens Iwan Polsunow. Fräulein Hegen, unsere Russischlehrerin, erläuterte: "Das war bereits lange Zeit, bevor James Watt seine erste Dampfmaschine zum Einsatz brachte. Und Jahre bevor sich andere Forscher mit der Materie, Wasserdampf in mechanische Arbeit umzuwandeln, beschäftigten. Also, der eigentliche Erfinder der Dampfmaschine ist der Russe Iwan Polsunow." So abwegig diese Behauptung war - sie wurde ausgesprochen.

Das war uns Schülern nicht neu: Der Russischunterricht an den Schulen der Sowjetischen Besatzungszone hatte einen Sonderstatus. Russisch war Pflicht- und Hauptfach zugleich. Und zusätzlich zu der russischen Sprache sollten wir Schüler darin viel Positives über die Sowjetunion lernen. Dementsprechend waren die Russischlehrbücher gestaltet und dementsprechend wurden natürlich auch die Lehrkräfte ausgebildet. Genau wie unser linientreues Fräulein Hegen, das uns erklärte, James Watt sei gar nicht der Erfinder der Dampfmaschine.

Klaus Buhlmann meldete sich auf ihre Erläuterungen hin. "Ja, was möchtest du ergänzen?" Klaus stand auf, trat aus der Schulbank heraus in den Gang und fragte: "Dann hat mit Sicherheit auch ein Russe die Glühlampe erfunden und nicht Thomas Edison, oder Heinrich Göbel oder gar der Schotte James Lindsay?" Ich wusste, Klaus verfügt in dieser Richtung über ein beachtliches Wissen - Elektrotechnik war sein Steckenpferd. Sein Vater unterstützte ihn und gemeinsam bastelten sie ständig an brummenden oder sich drehenden Gerätschaften.

Eine Klasse probt den Aufstand

"Das ist durchaus möglich", antwortete Fräulein Hegen. "Sofort kann ich deine Frage nicht beantworten, ich werde mich informieren. In den nächsten Tagen erhältst du eine Antwort." Klaus setzte sich wieder hin. Mein Banknachbar, Kurt Kirchner, flüsterte mir zu, "die haben auch alles erfunden. Sogar die ferngelenkte Badehose, die krümellose Brotsuppe und die handgestrickten Bratkartoffeln." Ich hatte Mühe mein Lachen zu unterdrücken. Sofort wurde Frau Hegen aufmerksam: "Was habt ihr da zu tuscheln?" Wir erhoben uns und schauten uns mit unschuldiger Mine an. "Habt ihr nichts zu sagen? Ich möchte etwas hören!" Kurt wiederholte, nun aber laut und deutlich, was er mir zugeflüstert hatte.

Seine letzten Worte verloren sich im ausbrechenden Heiterkeitssturm. Erschrocken und irritiert sagte Fräulein Hegen: "Was soll der Quatsch?" Und bevor sie ihren Satz beenden konnte, brach eine erneute Lachsalve aus. Sie tat nunmehr das aus heutiger Sicht Vernünftigste: Sie ging zur Wandtafel und schrieb mit Kreide einige Worte in Russisch an. Sie schrieb etwas hektisch, die Kreide quietschte schrill auf der Tafel. Und sie schaute sich nicht zu uns um. Möglicherweise musste auch sie lachen, durfte uns das aber nicht zeigen.

Die Tür zu unserem Klassenraum ging lautlos auf und herein spazierte der Rektor, Herr Holder. Die Heiterkeit verstummte augenblicklich, wir sprangen aus unseren Bänken. "Guten Tag, hier geht es ja recht stimmungsvoll zu", sagte er. Niemand antwortete, auch nicht Fräulein Hegen, die ihn nur erschrocken ansah. Er drehte sich betont langsam um und sagte im Hinausgehen, "Fröhlicher Unterricht ist etwas Gutes, das Lernen macht Spaß und der Lehrstoff wird wesentlich leichter aufgenommen. Weiterhin viel Freude beim Lernen." Stille herrschte in der Klasse. Endlich sagte Fräulein Hegen: "Klaus, übersetze bitte die Worte an der Tafel."

"Warum sind neuerdings immer die Russen die Entdecker?"

Natürlich hatte auch ein Russe die Glühlampe erfunden, das sagte uns Fräulein Hegen am nächsten Tag, und sie nannte uns auch den Namen des bisher unbekannten Erfinders. Leider habe ich ihn wieder vergessen, er stand nicht im Russischlehrbuch wie Iwan Polsunow, der Erfinder der Dampfmaschine.

In einer der nächsten Unterrichtsstunden fragte ich unseren Physiklehrer, Herrn Hering: "Warum versucht man, uns den Russen Polsunow als den wahren Erfinder der Dampfmaschine darzustellen? Sind unsere Lehrbücher falsch?" "Ja, warum sind neuerdings die Russen immer die ersten Erfinder und Entdecker?", rief Klaus Buhlmann ungefragt dazwischen. "Weshalb ist das so?", fragte Kurt Müller. "Eure Fragen sind berechtigt, ich kann sie aber nicht beantworten", sagte Herr Hering. Ein leichtes Lächeln durchzog sein Gesicht.

Ungeachtet des geschilderten Vorfalls im Unterricht sprach Fräulein Hegen von den weltbewegenden Errungenschaften der Sowjets, von der hohen Kultur, den weltbewegenden Neuerungen, die wir Deutschen nun uneigennützig, wie das unter Freunden üblich ist, von der großen Sowjetunion übernehmen dürften. Sie berichtete von den bedeutendsten Führern der Weltgeschichte, von Lenin und dem hochverehrten Generalissimus Stalin. Dank seiner Genialität sei der Faschismus beseitigt worden. Von ihnen sollten wir lernen und wir würden einer strahlenden, friedlichen Zukunft entgegenschreiten. Wir wollten Fräulein Hegen nicht weiter ärgern, sie tat nur ihre Pflicht gegenüber der neuen Ordnung.

Die Nase voll von den neuen Führern

Wir Schüler hatten in den vorangegangenen Jahren große geschichtliche Ereignisse und Veränderungen erleben müssen. Wir erfassten nicht immer die Ursachen, die zu diesen Entwicklungen führten, wir waren eben noch zu jung. Und dennoch ließen wir diese Zeiten mit wachsamen Augen und offenen Ohren über uns ergehen. Tatsachen und Wunschdenken, das konnten wir auseinanderhalten. Von den sogenannten Führern hatten auch wir die Nasen voll, wir wollten keine neuen Gottheiten anbeten.

Es war Anfang November. Der Lehrerschaft war aufgegeben, den täglichen Schulunterricht mit Informationen zu aktuell politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu eröffnen. Und das tat Fräulein Hegen, Anweisung war schließlich Anweisung. "Dank der uneigennützigen Hilfe der Sowjetunion, durch den Einsatz verbesserter sowjetischer Technologien, konnte die Roheisenproduktion in der Maxhütte Unterwellenborn um 21 Prozent erhöht werden. Das zeigt, wie uns die Sowjetunion hilft und unterstützt", empfing uns Fräulein Hegen zu Beginn der Russischstunde. Leises Murren in der Klasse.

Dieter Jäger in der Schulbank vor mir drehte sich um und flüsterte halblaut, "damit können noch mehr Eisenbahnschienen als Reparationen abtransportiert werden." Spöttisch entgegnete ich, "denk an die uneigennützige Unterstützung." Fräulein Hegen hatte meine Erwiderung gehört und sagte: "Das kannst du, damit es alle hören, laut und verständlich sagen." Sie hatte nur meine Worte gehört, sie wusste nicht, in welchem Zusammenhang ich mich geäußert hatte. Und der Hohn, der in dem Satz lag, war ihr ebenfalls entgangen.

Russische Soldaten verschenken Uhren

Ich stand auf und sagte: "Wir sollten immer an die uneigennützige, großzügige Hilfe durch die Sowjetunion denken. Schon all die vorangegangenen Jahre wurde uns geholfen. In Deutschland noch völlig unbekannte Technik und Erfindungen wurden uns zugänglich gemacht. Dinge, die wir bisher noch gar nicht kannten, wurden uns geschenkt und verständlich erläutert." In der Klasse wurde es still, alle wussten, wenn der Willi erst in Fahrt kommt, dann wird es interessant.

Fräulein Hegen kannte mich noch nicht so gut, sonst hätte sich mich zum Hinsetzen und Schweigen aufgefordert, beziehungsweise erst gar nicht zur Wiederholung meiner Worte aufgefordert. In mir brodelte es, mir ging die unterwürfige Lobhudelei gegen den Strich, die hündische Selbsterniedrigung, das Verdrehen der tatsächlichen Ereignisse ins Gegenteil, die schamlosen Lügen.

Ruhig, aber mit lauter Stimme und unüberhörbarem Hohn, sprach ich weiter: "Als sie uns befreiten, hatten die Soldaten die Uniformtaschen voller Uhren, die sie großzügig unter der deutschen Bevölkerung verteilten, auch an Menschen, die überhaupt keine Uhr haben wollten. Viele Deutsche wussten nicht, wie überhaupt so eine Uhr funktioniert. Eine Annahmeverweigerung akzeptierten sie nicht, man musste die Uhren annehmen, mit Gewalt wurden sie förmlich aufgedrängt."

Die Lehrerin resigniert

Mein Gespött wurde von den Klassenkameraden aufgenommen. "Meinem Opa haben sie ein Fahrrad geschenkt und der konnte nicht einmal damit fahren, er ist immer umgekippt", rief Dieter Jäger dazwischen. "Und dann die armen, jungen Soldaten", ergänzte Herbert Drews, "die wurden rücksichtslos von den deutschen Frauen vergewaltigt. Selbst sich gut verstecken und sich das Gesicht mit Ruß schwärzen half den Soldaten nicht, sie mussten leiden!"

So ging das munter weiter, fast jeder hatte etwas Spöttisches zu bemerken. Fräulein Hegen hatte sich währenddessen schweigend an den Lehrertisch gesetzt und schaute gelangweilt in Richtung Fenster. Außer einem Stückchen Himmel war da nichts zu sehen, aber sie schaute unbeirrt weiter hinaus. Wahrscheinlich war ihr im Augenblick der stumme Himmel genug.

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Max Müller 01.02.2013
Im Juli 1945 schließlich wurden vier Besatzungszonen unter den vier alliierten Siegermächten USA Großbritannien Sowjetunion und Frankreich gebildet und auf der Londoner Viermächtekonferenz vom 26. Juni bis 8. August 1945 bestätigt.
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