Flug nach Moskau Love is in the Air

Für Jelena scheute er keine Gefahren. 1938 flog der Brite Brian Grover mitten im eisigen Winter mit einem Leichtflugzeug nach Russland. Stalins Polizei sperrte ihn ein - und das nur, weil er die Liebe seines Lebens wiedersehen wollte.

AP

Von Sven Stillich


Der Treibstoff ist alle. Das Flugzeug sinkt. Unter Brian Grover rast das schneebedeckte Russland dahin und kommt schnell näher, am Armaturenbrett schwingt ein silbernes Amulett hin und her im eisigen Wind, darin das Porträt einer jungen Frau. Sie ist der Grund, warum er hier gerade sein Leben riskiert. Hier, mehr als 2500 Kilometer von zu Hause entfernt, kurz vor Moskau, in Stalins Russland, im dunklen Jahr 1938. Brian Grover ist ein junger Engländer, ein junger, verliebter Engländer, und vielleicht wird er in ein paar Sekunden ein toter Engländer sein. Aber das ist ihm egal. Wenn er nicht mit ihr zusammen sein kann, mit seiner geliebten Jelena, dann will er auch nicht mehr leben. Völlig erschöpft setzt er seine Maschine in den russischen Schnee. Wie aus dem Nichts erscheinen Polizisten, er grüßt sie auf Russisch, er grüßt sie freundlich. Er hat fürchterliche Angst. Werden sie ihn für einen Spion halten und sofort erschießen?

Dass der englische Erdölingenieur Brian Grover am Abend dieses 13. November 1938 auf einem russischen Acker steht, die Hände über dem Kopf, hat natürlich eine Vorgeschichte - und bei ihr geht es nicht um den Weltfrieden wie bei seinem Flugkollegen Mathias Rust ein halbes Jahrhundert später. Diese Geschichte beginnt an zwei Enden der Welt. Sie beginnt ein erstes Mal im tschetschenischen Grosny, wohin die junge Jelena Petrowna Golius nach Ende des Russischen Bürgerkriegs mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern zieht. Ihr Leben dort ist prächtig, sie lebt in einer Villa mit Garten und Dienern. Auf der anderen Seite der Welt, in England, weiß der Cambridge-Absolvent Brian Grover zu dieser Zeit nicht, wohin mit sich. Zum Militär will er nicht, obwohl sein Vater das erwartet. Er wird Ingenieur, arbeitet auf Ölfeldern. Als am Schwarzen Freitag 1929 die Börsen zusammenbrechen, verliert er seinen Job und beschließt, sein Glück im Ausland zu suchen - im ölreichen Russland.

Dort, so rekonstruiert es der Autor Jim Rickards 2009 in seinem Buch "Out of Russia", begegnen sich Brian Grover und Jelena Golius zum ersten Mal. Grover ist von seinem Chef ins Moskauer Bolschoi-Ballett eingeladen. Das Orchester hat bereits zu spielen begonnen, als sich die Tür zu seiner Loge öffnet. Eine Frau tritt herein, sie trägt ein rotes Kleid, sie duftet nach Rosenwasser, sie ist allein. Sie vergisst ihren Mantel in der Loge, er folgt ihr und legt ihr seine Jacke über die Schultern, draußen, im Schneetreiben. Wie nervös sie ist, mit einem Ausländer zu sprechen, zu dieser Zeit. Als sie auseinandergehen, vergisst sie, ihm seine Jacke wiederzugeben, in der seine Papiere stecken - doch am nächsten Tag sucht sie ihn in seinem Hotel auf. Sie essen zu Abend, tanzen, sehen sich am nächsten Tag wieder und kommen sich immer näher.

"Ich war noch nie so glücklich"

Jelena aber will sich nicht mit einem Ausländer einlassen, der wohl bald wieder das Land verlassen wird. Brian hingegen ist verliebt. "Ich war noch nie so glücklich", schreibt er später. Er sagt ihr, dass er in Moskau bleiben will. Doch dann erfährt er, dass er nach Grosny soll, um eine Ölförderanlage aufzubauen. Abflug: am nächsten Tag.

Jelena ist entgeistert. Sie bricht allen Kontakt ab. Er schreibt ihr Briefe - "bitte komm zu mir, die brauchen hier Krankenschwestern und du findest schnell Arbeit!" - er schreibt und schreibt, aber sie antwortet nicht. Dann explodiert in Grosny eine Ölplattform. Und Brian Grover schafft es, mit seinen Kenntnissen die Katastrophe unter Kontrolle zu bekommen. Begeistert schreiben die russischen Zeitungen über den jungen englischen Ingenieur, und einen Monat später wird Grover feierlich als Held der Sowjetunion ausgezeichnet. Und als die Ehrung vorbei ist, traut er seinen Augen nicht: Vor ihm steht Jelena. Und sie will bei ihm sein. Will mit ihm sein! Eine glückliche Zeit beginnt. "Es fühlte sich bald an, als seien wir schon immer zusammen gewesen", erinnert sich Brian Grover später.

Doch das Glück ist nicht von Dauer. Es ist in Russland damals nicht gern gesehen, wenn sich Frauen mit Westlern einlassen. 1933 kündigt Brian seinen Job, kauft einen Lkw und macht sich mit Jelena auf ins anonymere Moskau. Sie verbirgt sich unter Säcken, denn eigentlich bräuchte sie eine Erlaubnis für den Umzug. Das Paar hat nicht darum gebeten, sie würden die Papiere wohl nicht bekommen. Brian ist 32, Jelena 37 Jahre alt. Sie heiraten. Sie heiraten die Liebe ihres Lebens. Doch wieder ist das Glück nicht auf ihrer Seite: Brian muss wegen einer Familientragödie zurück nach London. Als er zurückkehrt, lassen ihn die Sowjets nicht mehr ins Land.

Brian fleht die Russen an. Nichts. Nein. Njet. Jelena will als Touristin nach London, sie bekommt kein Visum. Brian übernimmt einen Job in Persien - nur wegen der klammen Hoffnung, von dort aus über die russische Grenze zu kommen. Nichts. No way. Fünf Jahre geht das so - und plötzlich kommt ein Brief von seiner geliebten "Lena": Es sei besser, wenn sie einander vergessen würden. "Ich liebe dich. Aber nicht bei dir zu sein, ist für mich wie ein langsamer Tod." Brian weiß: Es ist jetzt an der Zeit, etwas Drastisches zu versuchen.

Sechs Stunden bis zur Grenze

Anfang Oktober 1938 steht er auf dem Flugfeld im Westen Londons. Er will einen Flugschein machen. "Das kann Monate oder Jahre dauern", wird ihm gesagt - Grover jedoch lernt und fliegt jeden Tag, studiert Navigation und Recht, und Ende Oktober hat er seinen Flugschein. Nun kann es losgehen. Er hat noch 250 Pfund, für 170 Pfund kauft er ein altes Flugzeug, eine Klemm Swallow. Mit dem Rest des Geldes bezahlt er einen Piloten, der ihm hilft, nach Stockholm zu fliegen.

Am 13. November 1938 rollt er die Maschine dort aus dem Hangar und fliegt los gen Osten. Er hält sich über den Wolken, navigiert mit den Karten eines alten Schulbuchs. Nach sechs Stunden überquert er die Grenze zu Russland. "Es war schrecklich kalt, meine Arme und mein Gesicht waren taub", erinnert er sich später. Er muss Kaffee über die Benzinanzeige schütten, damit sie nicht einfriert. Nach acht Stunden geht der Treibstoff zu Ende. Kurz darauf steht er auf dem Acker, die Hände erhoben.

Er wird ins Lubjanka-Gefängnis nach Moskau gebracht, dem Hauptquartier des Geheimdiensts. Fragen prasseln auf ihn ein: Wer ist er? Was will er hier? In wessen Auftrag handelt er? Brian Grover räumt ein: Ja, er wisse, dass sein Handeln ungesetzlich sei. Nein, er habe kein Visum. Dann zeigt er seinen Schriftwechsel mit der sowjetischen Botschaft in London vor, um zu beweisen, dass er nur eines hier will: seine Jelena. Drei Tage später kommt ein Abgesandter der britischen Botschaft in seine Zelle und gibt ihm einen Stapel Zeitungen: Von der "Daily Mail" bis zum "Völkischen Beobachter" - überall steht seine Story. Der Pilot, der ihn nach Stockholm geflogen hat, hat geredet.

Anklage in Moskau

Nach sechs Wochen kommt es zur Verhandlung vor dem Moskauer Strafgericht. Im Publikum: der britische Botschafter, seine Attachés, englische und amerikanische Berichterstatter. Vor der Auffahrt zum Gericht glänzen Rolls-Royces und Buicks. "Ich habe Ihr Land und Ihr Volk liebgewonnen wie meine Jelena", sagt Brian Grover in seinem Schlusswort, "ich habe mit Russen gearbeitet, in dem Ozean ihrer riesigen Arbeit ist auch ein kleines Tröpfchen von meiner Arbeit enthalten." Drei Stunden dauert die Verhandlung. Dann das Urteil: ein Monat Gefängnis, wahlweise eine Geldstrafe - unter einer Bedingung: Er muss aus der Sowjetunion ausreisen und darf nie zurückkehren. Was er getan habe, sei falsch gewesen, aber die "Sehnsucht nach der geliebten Frau" verdiene "Achtung". Das Publikum applaudiert frenetisch.

Grover ist erleichtert und bedrückt zugleich. Jelena weiß wohl nicht mal, dass er hier ist, denkt er. Dann wird er kurz vor der Abschiebung aus seiner Zelle geholt und in einen mondänen Raum gebracht. Vor ihm steht Lawrentij Berija - der Offizier, der ihm vor einigen Jahren den Orden als Held der Sowjetunion verliehen hat und inzwischen Chef der Staatssicherheit ist. Berija ist berüchtigt, aber er lächelt. Er bietet Grover Wodka an und sagt ihm, dass er drei Tage Zeit habe, Russland zu verlassen. Mit Jelena. Bald darf er sie wiedersehen. "Sie war fünf Jahre älter", erinnert er sich später - "also fünf Jahre schöner."

Als das Liebespaar in England ankommt, ist der Hafen schwarz vor Menschen. Sie werfen Konfetti und halten Banner, "Welcome Home" steht darauf. 58 Jahre lang werden Brian und Jelena verheiratet sein und zwei Söhne bekommen. Sie ziehen nach Südafrika, um ihre Ruhe zu haben. Brian Grover arbeitet als Farmer. Jelena stirbt 1991, mit 94 Jahren. Kurz vor ihrem Tod fragt sie ihn beim Einschlafen: "Brian, wirst du dich an mich erinnern?" "Na klar! Du bist alles für mich!", antwortet er. Dann dreht sie sich um und sagt "Ich bin müde und muss schlafen. Bleibst du bei mir?" "Natürlich." "Ehrenwort?" "Ehrenwort." Brian Grover stirbt nur ein Jahr später.



insgesamt 3 Beiträge
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Emil Peisker, 05.10.2012
1.
In einem alten Zeitungsartikel aus der Mariborer Zeitung vom Freitag, dem 13. Januar 1939, findet sich diese Geschichte verkürzt, aber doch gut geschildert. Seite 3 - Titel: "Film des Lebens"
Michael Möller, 08.10.2012
2.
Wie konnte Brian 1933 oder vorher die Auszeichnung "Held der Sowjetunion" erhalten, wenn diese Auszeichnung erst am 16. April 1934(anlässlich der Rettung der Tscheljuskin-Expedition) gestiftet wurde? Oder verwechselt er es mit irgendeinem anderen Orden? in einem Englischen Artikel(http://www.dailymail.co.uk/femail/article-1138409/Operation-sweetheart-How-British-engineer-flew-communist-Russia-rescue-love-life.html) lese ich "to have red stars pinned to our lapels as official Heroes of the Soviet Union" ... "Held der Sowjetunion" ist ein goldener, kein roter Stern.
Andreas Franz, 09.10.2012
3.
>Wie konnte Brian 1933 oder vorher die Auszeichnung "Held der Sowjetunion" erhalten, wenn diese Auszeichnung erst am 16. April 1934(anlässlich der Rettung der Tscheljuskin-Expedition) gestiftet wurde? >... "Held der Sowjetunion" ist ein goldener, kein roter Stern. Unfaßbar, wie können Sie nur im Zusammenhang mit dieser bewegenden Geschichte über die Stiftung und vermeintliche Farbe von Orden schwadronieren. So etwas Abgeschmacktes ist mir lange nicht mehr untergekommen und ich kann Ihnen nur wünschen, daß Ihr Beitrag ein emotionaler "Verhauer" war, anderenfalls mache ich mir ernsthafte Sorgen um Ihre sozialen Bindungen. Zur Geschichte, zufälligerweise(?) durchlebe ich gerade eine ähnliche Situation, wenngleich nicht unter derart dramatischen Umständen aus der ersten Hälfte des 20. Jh, und kann mich daher lebhaft in die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten hineinversetzen. Mag man mir Sentimentalität oder Hang zum Kitsch unterstellen, werde ich das Buch "Out Of Russia" dennoch erwerben und lesen, vielleicht sogar in der Originalsprache. Für Schulbildung Verantwortliche sollten überdenken, diese Geschichte zur altersgemäßen Pflichtlektüre zu erheben, bietet sie doch genug Anregung für ethisch-moralische, historische aber auch sprachlich interessante Auseinandersetzung, bspw. für Englisch lernende Schüler höherer Schuljahre. mfG Wannenmacher Buchinger
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