SA-Gefängnis in Berlin Tempelhof Schreie aus dem Kasernenkeller

In der Gewalt von Sadisten: 1933 richtete Hitlers SA in Berlin Tempelhof ein Gefängnis ein, um politische Gegner zu brechen. In den Kellern einer Kaserne wurden Andersdenkende mit grausamen Methoden gequält, einige starben. Der ehemalige Folterknast soll nun zu einer Gedenkstätte werden.

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Als er in einen Keller voller Blutspritzer getrieben wird, ahnt Georg Doehring erstmals, wie grausam das neue nationalsozialistische Regime seine Gegner behandelt. Er hört Schreie von gefolterten Häftlingen, sieht, wie ein jüdischer Arzt zu Tode geprügelt wird. Doehring, ein Berliner Betriebsrat, wird im März 1933 in ein unterirdisches Gefängnis der SA gesperrt.

Eigentlich ist es eher ein kalter, dunkler Keller unter einer Kaserne, in dem Hitlers brauner Terrortrupp zu Beginn der Nazi-Herrschaft eine Folterkammer eingerichtet hat.

Heute hat ein Förderverein die Räume in Berlin-Tempelhof wieder zugänglich gemacht. Sie zählen zu den wenigen Orten, die den frühen NS-Terror in der Hauptstadt dokumentieren. Keine vergitterten Zellen, sondern kahle Kellerräume - wie ein typisches Gefängnis sehen die unterirdischen Gänge nicht aus. Doch eine Reihe alter Waschbecken lässt erahnen, wie die SA-Männer ihre Opfer quälten. Ehemalige Insassen berichten von Methoden, die heute als "Waterboarding" gelten würden. Dabei versetzten die Wärter Gefangene in Todesangst, indem sie ihren Kopf für eine gefühlte Ewigkeit unter Wasser tauchen.

Georg Doehring beschreibt die SA-Leute als "entmenschte Mörderbande". Sie hatten ihn gemeinsam mit zehn weiteren Betriebsräten in seiner Firma überfallen. "Mit gezogenen Pistolen wurde uns das Verlassen des Raumes verboten, mit erhobenen Händen mussten wir uns an die Wand stellen", erinnerte er sich 20 Jahre später in einem Bericht. "Sodann wurden wir mit Gummiknüppeln die Treppen heruntergetrieben und auf einen bereitstehenden Lastwagen verladen."

"Hose runter, Schwanz raus!"

Die einen Tag nach dem Reichstagsbrand am 28. Februar 1933 erlassene Verordnung "Zum Schutz von Volk und Staat" gab solchen Aktionen den Anschein von Legalität. Sie setzte die Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft, politische Gefangene konnten ohne gerichtliche Prüfung und auf unbestimmte Zeit festgehalten werden. Einer von ihnen: der Betriebsrat Georg Doehring. Schon zuvor hatte das neue Regime Zehntausende SA-Männer in den Rang von Hilfspolizisten erhoben. Nun nehmen sie innerhalb weniger Monate mehr als hunderttausend Menschen fest, sperren sie in Kasernen, verlassene Fabrikgebäude, Kellerräume. Die ersten Konzentrationslager entstehen.

In den Zellen des SA-Gefängnisses in Berlin-Tempelhof sind zu der Zeit durchschnittlich 200 Menschen gleichzeitig eingepfercht und werden gefoltert. Es sind Oppositionelle, Juden, Ärzte, auch ein Hellseher ist unter ihnen. Einige sind hier gelandet, weil ein Nachbar sie angeschwärzt hat; andere standen schon lange auf den Listen der Nazis. Manche bleiben nur ein paar Tage, andere werden Monate gequält. Für mindestens 30 Gefangene endet die Inhaftierung tödlich.

Gerhard Gosser hat das Kellergefängnis überlebt. Seine Tochter berichtet heute Besuchern, wie ihr Vater mit anderen Männern in einen Raum mit einer dampfenden Flüssigkeit geführt wurde. "Hose runter, Schwanz raus!", schrie dann einer der Wärter. Sie injizierten den Häftlingen Säure in die Harnröhre. Mindestens einer der Gefolterten starb an den Folgen, Gerhard Gosser hatte ein Leben lang gesundheitliche Probleme.

"Man wollte den Widerstand kleinkriegen"

Die Folter sollte Geständnisse erzwingen und hatte noch ein zweites Ziel, meint der Historiker Matthias Heisig. Ganz bewusst sollten Freigelassene den Schrecken des Folterkellers nach draußen tragen. "Man wollte den Widerstand kleinkriegen. Dementsprechend waren Meldungen erwünscht, dass es hier ganz schlimm war."

Auch wenn der Kasernenkeller nicht offiziell als Gefängnis bekannt war, haben zumindest einige Anwohner davon gewusst. So sollen Nachbarn sich über den Lärm beschwert haben. Sie hatten offenbar Schreie von Gefolterten gehört - daraufhin wurden auch sie inhaftiert. Bis Dezember 1933 kamen mindestens 2000 Häftlinge in den SA-Knast in Berlin-Tempelhof. Dann verlegte die Einheit ihren Standort in die Nähe des Alexanderplatzes.

Der Folterkeller gerät zunächst in Vergessenheit. Ende der achtziger Jahre beginnen Anwohner, darunter Historiker Heisig, nach dem Standort des SA-Gefängnisses zu suchen. 1992 bekommen sie einen Hinweis von einem Würstchen-Verkäufer aus der Nachbarschaft. Es stellt sich heraus, dass die Zellen ausgerechnet im Keller jenes Hauses liegen, in dem damals auch Heisig selbst wohnt. Kaum etwas erinnert noch an die Gräueltaten, nur einige von Hand eingeritzte Hakenkreuze an den Wänden zeugen von den SA-Schergen.



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Martin Wings, 18.04.2011
1.
In keinem Land der Welt wird derartig gemahnt und erinnert, wie in Deutschland. Das ist angesichts der unbeschreiblichen Verbrechen und des unvorstellbaren Zivilisationsbruches, der stattgefunden hat, auch richtig. Man sollte also annehmen, dass das Hauptanliegen solcher Berichte darin liegen muss, die Aufmerksamkeit zu schärfen, damit sich derartige Verbrechen niemals wiederholen mögen. Nun frage ich Sie: Warum sind die Leitmedien voll mit Artikeln dieser Art, warum gibt es aber kaum aktiven, ernstzunehmenden Widerstand, wenn heute vor unseren Augen dieselben und noch schlimmere Verbrechen in unserem Namen und von unseren Bündnispartnern USA in Guantanamo, in Foltergefängnissen in Ägypten, Syrien und anderswo begangen werden? Wozu also die ewigen, scheinheiligen Mahnungen, wenn dann im Falle der Wiederholung beim Verlag die wirtschaftlichen Interessen oder persönliche Motive überwiegen und derartige Verbrechen geduldet und kaum ausreichend angekreidet und herausgestellt, sondern insgesamt durch journalistische Mittel hinten rum noch unterstützt werden? Wir haben Sie doch, die Kriege, die auf Lügen basieren, die hunderttausenden toten Zivilisten, die ohne Rechtsschutz inhaftierten und gefolterten. Was muss noch geschehen? Vermutlich kann ich dann in zwanzig Jahren, an dieser Stelle Ihren Betroffenheitsartikel und ihren Fingerzeig zu Guantanamo lesen, während Sie abermals über die tagesaktuellen Umstände schweigen, die Sie vorgeben, mit solchen Beiträgen angeblich verhindern zu wollen. Die ganze Vergangenheitsbewältigung wird im Licht der Tagesrealität des Spiegel u.a. Medien nicht nur unglaubwürdig, sondern zur Farce.
Wolfgang Bischoff, 18.04.2011
2.
Ein weiteres trauriges Detail aus der deutschen Geschichte. Ein weiterer Beweis dafür, daß man das Gedankengut der braunen Horden schon im Keim ersticken muß, ohne Wenn und Aber. Nun wäre es allerdings für Interessierte auch gut zu wissen, wo sich diese Keller befinden!
Manfred Kern, 18.04.2011
3.
Solche Keller gab es wohl in mehreren Städten. In Karlsruhe z.B. war es der Keller der heutigen LPD am Marktplatz (Hebel-Ecke Karl-Friedrich-Str.), in dem man verhört und gequält wurde. Aussage Zeitzeuge.
Nils Voigt, 18.04.2011
4.
Das ist ein heisses Thema, deshalb wohl auch keine Diskussionsbeiträge. Es mag aus meiner Sicht alles so sein, klingt ziemlich logisch. Und wie sieht es heute in der US-Folterkammer Guatanamo(auf Kuba) aus ?
Max Hege, 18.04.2011
5.
dass mein onkel klaus scholz und meine tante sylvia walleczek, die jahrelang für den erhalt des kellers gearbeitet haben, hier als "anwohner" abgestempelt werden, finde ich ja schon frech aber dass nun allen ernstes behauptet, dass der herr heisig dort wohnt ist glatt gelogen! Zitat von Ihnen: "Es stellt sich heraus, dass die Zellen ausgerechnet im Keller jenes Hauses liegen, in dem auch Heisig selbst wohnt." Das diese Aussage nicht stimmt, kann ich persönlich bezeugen, da ich persönlich die ersten drei jahre meines lebens (1984-87) in besagter wohnung über dem folterkeller gewohnt habe. Bis heute wohnt mein onkel dort und hat, genau wie meine tante, die kürzlich verstarb, zeit seines lebens dazu verwendet, den folterkeller werner-voss-damm in tempelhof die würdigung zuteil werden zu lassen, die er verdient. mein onkel liegt im moment im krankenhaus und dieser artikel hat ihn sehr gekränkt. schon vor über zehn jahren hatte er besuche von tempelhofer schulklassen und zeitzeugengespräche organisiert, kunstausstellungen organisiert und sich ständig bei bezirk und senat für die errichtung einer gedenkstätte eingesetzt, ohne erfolg. als (wirklicher!) ehemaliger bewohner des hauses werner-voss-damm 54a in berlin-tempelhof finde ich es lobenswert, dass hier überregional über den keller berichtet wird aber die art und weise ist eine frechheit! ps: ich empfehle allen interessierten lesern das buch: "SA-Gefängnis Papestraße - Spuren und Zeugnisse" Overall-Verlag Berlin 1996 herausgegeben von Kurt Schilde, Rolf Scholz und Sylvia Walleczek
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