Sacco und Vanzetti Die Macht des Zweifels

Verhaftet, vorgeführt, hingerichtet. Unschuldig? Der Prozess gegen die Anarchisten Sacco und Vanzetti gilt als einer der unfairsten der US-Justizgeschichte. Im August 1927 starben sie auf dem elektrischen Stuhl - trotz unzulänglicher Beweise.

AP

Am Ende ist alles vergebens: die Proteste, die Zweifel, der Einspruch, das Gnadengesuch. Am 22. August 1927 um 23.03 Uhr entscheidet der Gouverneur des US-Bundesstaats Massachusetts, Alvan T. Fuller, dass die Hinrichtung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti nicht gestoppt wird. Die Exekution ist für Mitternacht angesetzt, die Henker im Gefängnis von Charlestown führen ihre Vorbereitungen fort.

Sacco und Vanzetti werden nacheinander aus ihren Todeszellen in Richtung Hinrichtungskammer geführt. "Lang lebe die Anarchie", ruft der 36 Jahre alte Sacco noch vom elektrischen Stuhl aus. "Lebt wohl, meine Frau, mein Kind und alle meine Freunde." Zu den Zeugen der Hinrichtung sagt er: "Guten Abend, meine Herren." Dann legen die Gefängniswärter den Schalter um, Strom fließt durch den Körper von Nicola Sacco, um 0.19 Uhr wird er für tot erklärt.

Wenige Minuten später folgt ihm Bartolomeo Vanzetti in die Todeskammer. Zum Aufseher sagt der 39-Jährige: "Ich möchte Ihnen sagen, dass ich unschuldig bin. Ich habe nie ein Verbrechen begangen, einige Sünden schon, aber kein Verbrechen. Ich danke Ihnen für alles, was Sie für mich getan haben. Ich bin aller Verbrechen unschuldig, nicht nur dieses, sondern aller, wirklich aller. Ich bin ein unschuldiger Mann." Er reicht dem Aufseher und zwei Wächtern die Hand. Dann nimmt er Platz auf dem elektrischen Stuhl. "Ich möchte nun einigen Menschen vergeben für das, was sie mir antun", sind Vanzettis letzte Worte. Der Strom fließt ein weiteres Mal in dieser Nacht durch einen menschlichen Körper, um 0.27 Uhr des 23. August 1927 ist Vanzetti tot.

Arme Leute, Anarchisten - und Mörder?

Warum Sacco und Vanzetti sterben mussten, darüber gehen die Überzeugungen auseinander. Die beiden Männer sind Einwanderer aus Italien, arme Schlucker und Anarchisten, der eine Fabrikarbeiter, der andere Fischverkäufer. Und, aus Sicht des Staatsanwalts Frederick G. Katzmann, vor allem eins: Mörder.

Am 15. April 1920 überfallen Ganoven in South Braintree nahe Boston zwei Mitarbeiter einer Schuhfabrik, den Zahlmeister und einen Wachmann. Sie haben 15.776 Dollar bei sich, Lohngelder, die sie von einem in ein anderes Gebäude bringen sollen. Dort kommen sie nie an. Zwei Männer stürmen auf sie zu, schießen sie nieder und nehmen das Geld mit. Sie flüchten in einem blauen Wagen, in dem noch drei andere Personen sitzen. Waren Sacco und Vanzetti die Mörder? Waren sie überhaupt dabei? Diese Fragen sind bis heute ungeklärt.

Fest steht: Bartolomeo Vanzetti und Nicola Sacco werden festgenommen. Sie haben Waffen bei sich, verwickeln sich in Widersprüche und werden schließlich wegen doppelten Raubmordes angeklagt. Das Verfahren in Dedham wird als einer der unfairsten US-Strafprozesse in die Geschichte eingehen.

"Meine Herren Geschworenen, tun Sie Ihre Pflicht"

Der Richter, Webster Thayer, ist dafür bekannt, dass ihm Ausländer suspekt sind und vor allem solche, die nach seiner Ansicht politisch aus der Reihe tanzen. Das Klima in den USA nach dem Ersten Weltkrieg ist ähnlich wie die Gesinnung des Richters, das Misstrauen gegenüber Kommunisten und anderen Linken groß.

Staatsanwalt Katzmann ist ein ehrgeiziger Mann. Er geht davon aus, dass Sacco geschossen und Vanzetti als Mittäter im Auto gesessen hat, und setzt alles daran, die Geschworenen von seiner Version des Tathergangs zu überzeugen. Dass seine Belastungszeugen sich widersprechen, die Sachverständigen schlingern und andere Zeugen wiederum den Angeklagten Alibis verschaffen, hält ihn nicht von seinem Kurs ab. Am Schluss seines Plädoyers ruft er den Geschworenen zu: "Meine Herren Geschworenen, tun Sie Ihre Pflicht. Handeln Sie wie echte Männer." Die Jury zieht sich zur Beratung zurück. Am Abend des 14. Juli 1921 sprechen die Geschworenen Sacco und Vanzetti schuldig.

Als die Nachricht vom Schuldspruch der beiden bekannt wird, geht ein Aufschrei um die Welt. Hunderttausende Menschen sind überzeugt, dass Sacco und Vanzetti unschuldig sind, dass sie ermordet werden sollen im Namen des Volkes. In der Folgezeit marschieren Soldaten und Polizisten vor der US-Botschaft in Paris auf, um das Gebäude vor wütenden Demonstranten zu schützen. Unruhen erschüttern Kopenhagen und London, Protestzüge formierten sich in Italien, der Schweiz, Spanien, Belgien, Portugal und auch in Deutschland.

"Unfair und irreführend"

Intellektuelle, Politiker und Geistliche bemühen sich um die Begnadigung der beiden Männer. Thomas Mann, Albert Einstein, der Papst, der Deutsche Reichstag. Es nützt alles nichts. Einsprüche und Gnadengesuche werden abgeschmettert, wiederholte Unschuldsbeteuerungen der Angeklagten bleiben ohne Konsequenz. Am 9. April 1927 fällt Richter Thayer das Urteil: Todesstrafe, "mit einem Stromstoß durch Ihren Körper".

Schuldig oder nicht? Bis heute ist diese Frage nicht endgültig beantwortet, aber allein die Zweifel und das ungerechte Verfahren reichen aus, um den Fall zu einer Legende zu machen. 50 Jahre nach dem Tod von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, 1977, rehabilitiert der damalige Gouverneur von Massachusetts, Michael Dukakis, die beiden Männer. Nicht etwa, weil deren Unschuld bewiesen worden wäre, sondern weil eine Untersuchung ergeben hat, dass der Staatsanwalt absichtlich "unfaire und irreführende Beweise" vorgelegt hat. Außerdem, so Dukakis, habe der Prozess in einer von Fremdenhass aufgeladenen Atmosphäre stattgefunden, und der Richter sei voreingenommen gewesen.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sagte ein Mitglied des Rechtsausschusses des US-Repräsentantenhauses - ebenfalls 1977: "Wir haben ein aufwendiges Sicherheitssystem, das bei weitem beste, aber wir werden niemals ein System haben, das nie eine unschuldige Person hinrichtet."

Tödlicher Irrtum als notwendiges Übel

Was der Politiker als Kommentar zur Unterstützung der Todesstrafe gemeint hatte, ist für deren Gegner eins der stärksten Argumente: Was, wenn ein Unschuldiger hingerichtet wird? Niemand könnte den Irrtum rückgängig machen. Wer Hinrichtungen ablehnt, dem reicht dies als Begründung seiner Haltung. Viele, die dafür sind, nehmen das Risiko, dass ein Unschuldiger stirbt, als notwendiges Übel in Kauf.

Seit 1973 sind in den USA 124 Todeskandidaten begnadigt worden, weil sich - meist auf Betreiben von Angehörigen und Menschenrechtlern - herausstellte, dass sie unschuldig sind. Laut Amnesty International kam aber für mindestens 23 Menschen im Zeitraum von 1900 bis 1984 jede Hilfe zu spät: Sie wurden einer Studie zufolge unschuldig hingerichtet. Weder im 20. noch im 21. Jahrhundert haben US-Behörden allerdings je offiziell zugegeben, dass dem Rechtssystem ein solch fataler Irrtum unterlaufen wäre.

Doch eine Hoffnung gibt es: Einige Befürworter der Todesstrafe habe die Vorstellung, im Namen des Volkes werde ein Unschuldiger getötet, zum Umdenken bewegt, berichtet Amnesty International. Der Fall von Sacco und Vanzetti ist der wohl bekannteste Anlass zum Umdenken - trotz aller Zweifel. Und auch gerade deswegen.

Friederike Freiburg

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 22.08.2007

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