Sadomaso-Filmklassiker Mit Hundehalsband, ohne Höschen

Mit "Fifty Shades of Grey" feierte das SM-Kino ein Comeback - ein Skandal? Wohl kaum: Die Heldin des Films erniedrigt sich viel emanzipierter als jene der "Geschichte der O" - die 1975 Feministinnen dazu trieb, Stinkbomben zu werfen und auf Kinosessel zu pinkeln.

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Sie ließ sich geduldig auspeitschen, gehorsam fremden Männern zuführen, zur willfährigen Lustdienerin ausbilden. Mit Hundehalsband, ohne Höschen, stets gefügig. Mund und Beine nie ganz geschlossen, immer bereit. Ihr Abschlusszeugnis? Ein "O", von ihrem Besitzer Sir Steven in die Haut eingebrannt. Der Buchstabe "O" steht für "Objekt".

Am Ende des Films wagt diese gelehrige, unterwürfige O jedoch plötzlich Unerhörtes: Vor dem flackernden Kaminfeuer, auf der braunen Ledercouch eng an ihren Herrn und Meister gekuschelt, stellt sie IHN, dem zuliebe und zu Ehren sie all diese "süßen Qualen" über sich ergehen lassen durfte, infrage.

Sie möchte wissen, ob er, der behaupte, sie zu lieben, denn auch bereit wäre, nur eine der vielen Prüfungen zu bestehen, die sie für ihn auf sich nahm. Als er halbherzig bejaht, brennt sie ihm mit der glühenden Spitze eines Zigarillos ein ringförmiges Zeichen auf den Handrücken: Erst jetzt ist die Sadomaso-Ehe besiegelt.

Diesen Schluss, der das Gleichgewicht der Geschlechterkräfte symbolisch wieder herstellen soll, hatten Drehbuchautor Sébastien Japrisot und Regisseur Just Jaeckin für ihre Verfilmung des 1954 erschienen Skandalromans und Weltbestsellers "Geschichte der O" von Dominique Aury eigens hinzuerfunden. So ganz geheuer war ihnen die Sache mit dem Sadomasochismus in der ganzheitlichen 24/7-Variante der Romanvorlage offenbar nicht. Wohl ahnten sie auch, dass ihre Adaption ähnlich wie die Vorlage mächtig Staub aufwirbeln würde.

Kerzenlichtkitsch mit Tischbrunnen-Soundtrack

Jaeckin, wie die Filmfigur O ursprünglich ein Modefotograf, hatte sich 1974 mit seinem Regiedebüt "Emmanuelle" als ästhetisch anspruchsvoller Softpornofilmer in Stellung gebracht. Ein Jahr später überarbeitete er Aurys längst als "Meisterwerk der Erotik" gehandelte SM-Fantasie mit Weichzeichner. Verbunden mit einem penetrant dahinplätschernden Tischbrunnen-Soundtrack geriet der Kerzenlichtkitsch unangenehm manieristisch.

Im Vergleich zum bumsfidelen oder pseudoaufklärerischen Strandgut, das die Sexwelle in den Siebzigerjahren für gewöhnlich auf die Leinwände spülte, war die französische Produktion allerdings großes Kino. Auch weil die damals noch unbekannte Corinne Clery in der Titelrolle sowie Udo Kier als sadistischer Geliebter "René" überzeugten.

Als "Die Geschichte der O" 1975 in die westdeutschen Kinos kam, hatte die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) ihren Widerstand gegen die Freigabe klamaukiger Schmuddelfilmchen und Softpornos bereits weitgehend aufgegeben. Nacheinander hatten die Kirchen und die öffentliche Hand ihren Rückzug aus der Erwachsenenfreigabe erklärt. Ende Januar 1975 war dann das Pornografieverbot gefallen

Chauvinistische Sexwelle der Siebzigerjahre

Die sogenannte "harte Pornografie", also die Darstellung von Kindesmissbrauch oder Sodomie, aber auch von sexuellen "Gewalttätigkeiten", blieb jedoch weiterhin gesetzeswidrig. An Spielfilmen, die sadomasochistische Praktiken darstellten, wie Pier Paolo Pasolinis "Salò oder die 120 Tage von Sodom" (1975) und Nagisa Oshimas "Im Reich der Sinne" (1976) entzündeten sich entsprechend heftige Zensurdebatten.

Liberale Kräfte machten sich für die Kunstfreiheit stark und wandten sich gegen Filmverbote - um sexistische Darstellungen ging es dabei kaum. Die immer stärker aufkommende emanzipatorische Frauenbewegung rückte freilich genau jene in den Mittelpunkt. In der unterschwellig bis offen chauvinistischen Sexwelle der Siebzigerjahre konnte sie kein Zeichen gesellschaftlicher Liberalisierung erblicken.

Im November 1975, als "Die Geschichte der O" in den bundesdeutschen Kinos anlief, kam es in mehreren Städten zu teilweise spektakulären Protestaktionen. Hatten in der Filmgeschichte bislang vor allem konservative Frauengruppen gegen "unsittlichen" Sex auf der Leinwand mobil gemacht, so waren es diesmal feministische Studentinnen, die auf die Barrikaden gingen. "Gehorchen? unterwerfen? demütig? NEIN", stand in dicken, handgeschriebenen Lettern auf dem Flugblatt des Frankfurter Asta-Frauenreferats.

"Objekt von Fleischbeschauern und willenloses Geschöpf"

Der Film, so der Vorwurf, verherrliche Gewalt gegen Frauen. Sein idealisiertes Frauenbild sei das einer "demütigen, gehorsamen Sklavin, Eigentum des Mannes, Objekt von Fleischbeschauern und willenloses Geschöpf". "Die Geschichte der O" spiegele die Geschichte all der Frauen wider, "die sich täglich durch tausend Sklavendienste Zärtlichkeit, Zuneigung und Wärme erkaufen. Eigene Bedürfnisse, wie auch bei der 'O', sollen wir Frauen nicht haben!"

Dass die Romanvorlage von einer Frau stammte, spielte in dieser Widerstandsrhetorik ebenso wenig eine Rolle wie der Umstand, dass O, eine gebildete, berufstätige, dem Anschein nach moderne Frau, sich freiwillig und mit Lustgewinn auf die sadomasochistische Rollenverteilung einließ.

Alles andere als duldsam und demütig stürmten aufgebrachte Frauengruppen in Berlin Vorführungen des Films, warfen Farbeier, Stinkbomben, verschütteten Buttersäure oder pinkelten auf die Kinosessel. Auch in Aachen urinierten Aktivistinnen einer Frauengruppe demonstrativ auf die Sitze. In Bonn kettete sich eine Demonstrantin an einen übergroßen Pappmaché-Penis.

Film landet 1982 auf dem Index

Zwar sorgten die Proteste für den Abbruch einzelner Vorstellungen. In der breiten Öffentlichkeit wurden sie jedoch nur am Rande registriert. Dem kommerziellen Erfolg des Films schadeten sie nicht. Vergeblich erstatteten empörte Feministinnen Anzeige auf Grundlage der Paragrafen 131 (Verherrlichung und Verharmlosung von Gewalt) und 184 (Gewaltpornografie). Erst 1982 landete der Film auf dem Index für jugendgefährdende Medien, auf dem er bis 2008 blieb.

Dennoch markierten die Protestaktionen 1975 eine historische Wende. Sicherlich handelt es sich nicht, wie die Zeitschrift "Emma" in ihrer "Chronik der Frauenbewegung" notierte, um die "ersten Anti-Porno-Proteste in Deutschland". Doch gehörten sie zu den ersten feministischen Anti-Porno-Protesten in Deutschland.

Vierzig Jahre später gehen die Frauen anlässlich des Filmstarts der SM-Romanze "Fifty Shades of Grey" wohl eher scharenweise ins Kino als auf die Straße. Und sogar Alice Schwarzer findet den Roman irgendwie dufte. Dies dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die junge Literaturstudentin Anastasia Steele im Gegensatz zu O zwar eine fiktive Figur, aber kein erotisches Fabelwesen ist.

Sadomaso als Religionsersatz

Die Heldin aus dem Bestseller von E. L. James agiert als individuelle Persönlichkeit, die sich nicht auf ihre Sexualität reduzieren lässt. O dagegen betreibt mit ihrer märchenhaften Hörigkeit im Grunde die "Auslöschung als menschliches Wesen", wie Susan Sontag es einst formulierte.

Den feministischen Protesten, wie sie anlässlich der SM-Verfilmung tobten, schloss sich die US-amerikanische Publizistin dennoch nicht an. Als "pornografische Fantasie" fand sie die "Geschichte der O" nicht verwerflich. Sie begriff das Buch und den Film jedoch auch als Mythos "totaler sexueller Erfüllung". Die sexuelle Erfahrung, so Sontag, ersetze zunehmend die religiöse. Dadurch werde die "Erfahrung völliger seelischer Hingabe" an die "ekstatische Besinnungslosigkeit des Orgasmus geheftet": eine soziale Entwicklung, die sie für gefährlich hielt.

Im Kontext des "Frauenbestsellers" "Shades of Grey" knüpft die israelische Soziologin Eva Illouz an Sontags Gedanken an. Im Essay "Die neue Liebesordnung" von 2013 beschreibt sie Sadomasochismus als spielerischen, temporären Religionsersatz. In einer säkularisierten, emanzipierten Gesellschaft ohne klare Rollenmuster ermögliche SM einem Paar, seine Beziehung neu auszuhandeln.

Feste Regeln in einer chaotischen Zeit? Man könnte es auch sexuellen Eskapismus nennen: eine kleine Auszeit mit romantischen Sadomaso-Fantasien. Sexspielchen statt "Hunger Games". Wer nicht drauf steht, lässt sich eben von Krimis oder Sci-Fi-Thrillern fesseln.

Sie geißeln die bürgerliche Ehe, prangern soziale Gewalt an und kritisieren eine gefühlskalte Gesellschaft: Immer wieder in der Filmgeschichte greifen Regisseure zum Sadomaso-Thema, provozieren den Skandal - und landen einen Publikumserfolg. Klicken Sie sich mit einestages durch die SM-Klassiker: von der "Geschichte der O" über "Die flambierte Frau" und "Blue Velvet" bis hin zu "Die Klavierspielerin".

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Sadomaso-Filmklassiker "Geschichte der O": Wollust der Knechtschaft
Zum Autor
  • Dr. Stefan Volk hat in Freiburg i. Br. und Madison, Wisconsin, Germanistik und Geschichte studiert. Anschließend hat er über Literaturverfilmungen promoviert und trotzdem nicht die Lust am Kino verloren. Er ist freier Filmkritiker und Autor des im Schüren Verlag erschienenen Buches "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute" sowie von "Was Sie schon immer über Kino wissen wollten". Weitere Infos: www.skandalfilm.net, facebook.com/skandalfilme und facebook.com/kinobuch.



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Christian Ackermann, 11.02.2015
1. BDSMler
hassen den Ausdruck "Sadomaso", den verwenden nur verklemmte Blümchensex-Fetischisten, meistens verbunden mit einem dummen Lachen...
Dieter Reimprecht, 11.02.2015
2. fleissig
Der Autor muß all diese Filme plus viele hier nicht genannter gesehen haben um diesen Artikel zu erstellen. Was da wohl der Antrieb zu war? Sicherlich ein rein journalistischer .... ;-)
Bernhard Küst, 11.02.2015
3. Kann es nicht mehr hören!
Der Mensch ist nun mal ein "Schwein" und stammt vom Affen ab. Wie kann man nur so einen Hype um dieses ganze Thema machen? Sex Sells und das zeigt nun auch der Run auf den Film zu den ach so tollen fifty shades of grey Büchern. Letzendlich ist der Film ein Porno der auf gesellschaftsfähig getrimmt wurde. Wie sexuell uninspiriert muss eine Gesellschaft sein, die 70 Mio. von diesen Büchern kauft und dann noch weitere Millionen Menschen ins Kino rennen? Sagt doch schon alles, dass die Hauptrolle nur im 3. Versuch besetzt werden konnte...
Bettina Hammer, 11.02.2015
4. Es ist nicht BDSM
Weder "Die Geschichte der O" noch "Shades of Grey" bilden eine BDSM-Beziehung ab, da beide nicht den REgeln entsprechen die aus gutem Grund aufgestellt werden. Sane, safe, consensual. Wenn die schwangere Anastassie noch Peitschenschläge auf den dicken Bauch bekommt, ist das nicht "safe oder safe", wenn er sie verfolgt, sie stalkt usw. und eindeutig ihre Wünsche (consensual) nicht respektiert, ist das nicht BDSM, es ist Stalking und Dominanz um der Dominanz willen.
Sebastian Hänel, 11.02.2015
5. copy paste
nein, der Autor hat sich keine Filme angesehen sondern einfach den Artikel von der liebevollen Filmseite Indiewire kopiert und ins Deutsche übersetzt Dort war der Artikel bereits gestern Abend mit teils denselben Fotos zu sehen Eine lieblose Frechheit http://blogs.indiewire.com/theplaylist/11-kinky-bdsm-films-to-get-you-tied-up-for-fifty-shades-of-grey-20150210?utm_source=tpDaily_newsletter&utm_medium=sailthru_newsletter
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