Heavy-Metal-Queen Doro Pesch "Auf die Bühne gehen ist wie Bungee-Jumping"

Als Metal-Facharbeiterin verpasst Doro Pesch ihren Fans seit gut drei Jahrzehnten blonde Dröhnungen. Hier spricht sie über Respekt in der Männerdomäne, Föhnfrisuren und ihre lange Freundschaft mit Lemmy Kilmister.

Peter Clay/ face to face

Ein Interview von


Zur Person
  • DPA/ Rolf Vennenbe
    Dorothee Pesch, geboren am 3. Juni 1964 in Düsseldorf als Tochter eines Stahl-Transportunternehmers, machte mit 15 eine Ausbildung zur Typografin, sang in ersten Hardrock-Bands und ab 1983 bei Warlock. Mit Alben wie "Triumph and Agony" wurde sie zur Kultfigur. Die Metal-Sängerin und Hobbyboxerin ist seit 1989 solo erfolgreich und verkaufte über 10 Millionen Platten. 2018 feiert die "Queen of Metal" ihr 35. Bühnen-Jubiläum mit dem Album "Forever Warriors, Forever United".

einestages: Gratulation zu 35 Jahren Erfolg in der Männerdomäne Heavy Metal. Wie haben Sie das bloß geschafft?

Doro Pesch: Ich wurde toll unterstützt, 1a behandelt, nie doof angebaggert. Vielleicht auch, weil ich mich unter Männern am wohlsten fühle. Mein Vater war Fuhrunternehmer, ich war von klein auf von Typen umgeben. Und: Ich habe nie was mit einem berühmten Musiker angefangen. Das brachte mir Respekt in der Szene. Meine Musik habe ich immer sehr ernst genommen. Familie und Kinder waren nie mein Wunschgedanke, ich bin verheiratet mit Heavy Metal.

einestages: Konnten Sie sich vorstellen, mal zur "Queen of Metal" zu avancieren?

Doro: Nie. Ich habe so mit 15 mit dem Singen bei Snakebite begonnen, kurz nach dem ersten Konzerterlebnis: Whitesnake mit meinem Lieblingssänger David Coverdale. 1983 sang ich bei Warlock, 1984 erschien unser erstes Album beim kleinen belgischen Label Mausoleum. Ich dachte, "Burning the Witches" werden ein paar Freunde kaufen. Und meine Eltern, aus Mitleid. Nach einem Monat waren über 20.000 Scheiben weg. Unfassbar. Wir waren doch nur eine Kellerband.

einestages: In Deutschland begann gerade ein Heavy-Metal-Boom mit Gruppen wie Sodom, Kreator und Destruction, aus den USA kamen neue Bands wie Metallica, Slayer, Anthrax.

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Doro Pesch: "Ich hatte immer ein Faible für Langhaarige"

Doro: Und wir mit Warlock mittendrin - unser Glück. Die neuen Ami-Bands Metallica und Slayer lernten wir schnell kennen und durften im Vorprogramm spielen, vor 400, 500 Leuten. Kein Lautstärkelimit, keine Ordner, die Fans kletterten auf die Bühne und feierten mit. Toll war das.

einestages: Riesensache für eine Hobbyband.

Doro: Dieses Hobby habe ich aber sehr ernst genommen und harte Regeln aufgestellt: Wer fünf Minuten zu spät kam, musste 50 Mark Strafe in die Bandkasse zahlen. Wir haben täglich geprobt in einer alten Düsseldorfer Fabrik, sogar Weihnachten. Unser Kellerraum stand oft unter Wasser - keine Ausrede: Wir haben uns auf zwei Paletten gestellt, die E-Gitarren eingestöpselt, losgerockt. Lebensgefährlich? Das war uns Teenies doch egal.

einestages: Wie kamen Sie überhaupt zum harten Sound?

Doro: Ich war erst drei, als im Radio "Lucille" von Little Richard lief. Das wollte ich immer wieder hören, so ging's los. Mit elf oder 12, hatte ich dann zwei Freunde, Detlef und Dietmar. Beim Blättern in der "Bravo" entdeckten wir Bands wie Sweet, T.Rex, Alice Cooper, Slade und Suzi Quatro: die Glamrock-Zeit der Siebziger und mein erster Kontakt mit hartem Rock. Den Begriff Heavy Metal gab's noch nicht. Ich hatte aber immer schon ein Faible für Langhaarige (lacht). Später waren es Judas Priest, Iron Maiden, Dio, Whitesnake, Accept, Motörhead, Metallica.

einestages: Wie haben Ihre Eltern auf "Doro Rockertochter" reagiert?

Doro: Sie haben mich voll unterstützt. Mein Vater Walter malochte als Transportunternehmer pausenlos und hat uns oft mit seinem Lkw zu Gigs gefahren, meine Mutter Barbara half beim Entladen. Unterm Dach konnte ich in meinem kleinen Reich machen, was ich wollte. Oft haben Kumpels oder meine Bandmusiker bei mir übernachtet, das fanden meine Eltern nicht so toll - weil am nächsten Tag der Kühlschrank leer und das Badezimmer besetzt war. Dauert eben, bis so eine Metalmähne trocken geföhnt ist.

einestages: Mitte der Achtziger nahm Ihre Karriere richtig Fahrt auf.

Doro: Nach einem Gig im Eindhovener Dynamo bot uns der Manager einer großen Plattenfirma einen fetten Vertrag an. Ich war noch mitten in der Typografen-Lehre, wollte Grafikerin werden. Sollten wir zu einem Majorlabel wechseln oder Underground bleiben? In der Band haben wir echt diskutiert, dann zugesagt. Die Verlockung, professioneller arbeiten zu können, war zu groß.

einestages: Gut 20 Alben später erinnern Sie auf "Forever Warriors, forever united" jetzt an Ihren besten Kumpel: Lemmy Kilmister.

Doro: Ja, mit dem Song "Living life to the fullest" - am Ende hört man seine typische Lache. Die habe ich reinsamplen lassen.

einestages: Wie haben Sie den Motörhead-Boss kennengelernt?

Doro: Mitte der Achtziger war ich ohne meine Band Warlock in London und sollte mich per Klub-Gig mit Mietmusikern bei einer Plattenfirma vorstellen. Nach dem Soundcheck hatte ich Zeit, bin durch London getigert und ins nächstbeste Pub gegangen, als es zu regnen anfing. Und wer sitzt da an der Bar? Lemmy, leibhaftig. Er grinste mich an: Du bist doch Doro von Warlock! Ich war völlig fertig, dass er mich erkannte. Wir verstanden uns auf Anhieb, obwohl ich noch kaum Englisch konnte. Er gab mir einen Whisky-Cola nach dem anderen aus - im 90:10-Mix. Aber bei Lemmy sagst du nicht: Nein, danke. Ich war jedenfalls gut angeheitert.

einestages: Schafften Sie es pünktlich auf die Bühne?

Doro: In letzter Sekunde. Der Whisky zeigte seine Wirkung, ich vergaß meine Songtexte, eine Katastrophe. Einer von der Plattenfirma meinte: Mädel, du hast gerade dein Leben ruiniert. Ich hab' ihm, den Tränen nah, von meinem ungeplanten Treffen mit Lemmy erzählt und wie viel mir das bedeutete. Der Typ musste lachen und drückte noch mal alle Augen zu...

einestages: ...und mit Lemmy entstand eine Freundschaft fürs Leben.

Full Metal Cruise: Doro auf Kreuzfahrt (2013)

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Doro: Absolut. Wir haben viel miteinander telefoniert, uns getroffen und im Studio gearbeitet, sind zusammen getourt. Ein echter Gentleman, herzensgut. Zuletzt begegnete ich ihm im November 2015 beim Motörhead-Konzert in Düsseldorf. Er war abgemagert und sah nicht gesund aus. Um ihn aufzuheitern, gratulierte ich zum Nummer-eins-Erfolg mit dem neuen Album. Er sagte nur: Jetzt bin ich zu alt, um mich daran zu erfreuen. Wenige Wochen später starb er. Sein Tod hat mich total geschockt.

einestages: Sind Sie sich nie nähergekommen?

Doro: Unsere Freundschaft war mir heilig, die wollte ich nicht gefährden. Als er mir mal anbot, bei ihm in Hollywood zu übernachten, legte ich mich widerwillig zu ihm ins Bett und ließ vorsichtshalber meine Klamotten an. Ich wollte nichts riskieren. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und meinte amüsiert: Du bist die erste Frau, die sich mit Lederjacke und Bikerboots in mein Bett legt.

einestages: Seine Sammlung von Nazi-Devotionalien hat Sie nicht abgeschreckt?

Doro: Doch, schon. Viele Briten und Amis scheinen einen Nazi-Tick zu haben und sind fasziniert von allem, was mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat. Lemmy war ganz sicher kein Nazi, sammelte aber Wehrmachtshelme, Eiserne Kreuze, Bajonette. Er guckte auch ständig Kriegs-Dokus und las Biographien von Nazigrößen. Für mich als Deutsche war dieser Spleen befremdlich, aber Lemmys Herzenswärme überstrahlte alles.

einestages: Wie zeigte sich das?

Doro: Als mein Vater, den ich über alles geliebt habe, im Jahr 2000 starb, klingelte unser Telefon. Ich wollte mit keinem reden. Da sagte meine Mutter, nun geh doch ran. Es war Lemmy. Er wusste vom engen Verhältnis zu meinem Dad und schlug vor, zu ihm nach L.A. zu kommen, um mir zu helfen in meiner Trauer. Lemmy war sehr feinfühlig und gab mir neue Lebensenergie. Ich weiß nicht, was ich ohne ihn gemacht hätte.

einestages: In jungen Jahren kämpften Sie selbst mit dem Tod.

Doro: Ich hatte nach der Mittleren Reife gerade meine Lehre begonnen, da wurde Lungentuberkulose diagnostiziert. Ein Jahr lag ich im Krankenhaus in Quarantäne und magerte total ab. Ich dachte, ich muss sterben. In dieser Zeit habe ich Beten gelernt und Gott und alle Schutzengel um Hilfe gebeten. Kaum war ich geheilt, gründete ich Snakebite. Meine Eltern waren glücklich, dass ich eine Bestimmung gefunden hatte. Nur in puncto Sex, Drugs & Rock'n'Roll hatten sie Angst um mich. Aber wer mal so sterbenskrank war wie ich, hat kein Interesse an Drogen.

einestages: Bei Konzerten sind Sie ganz die toughe Frontfrau. Gibt Boxtraining Ihnen Energie?

Doro: Ja, es verleiht mir Power und Selbstvertrauen. Ich bin ja recht zierlich und nur 1,54 Meter groß, war aber schon als kleines Mädchen Boxfan. Mein Papa hat mich geweckt, wenn Muhammad Ali oder Joe Frazier im Fernsehen boxten. 1995 begann ich zu trainieren. Die Grunge-Welle war noch voll im Gange und Metal in der Krise, unsere Tourneen liefen daher kürzer. Ein Thaibox-Meister trainierte mich, weiter ging es mit Wing Tsun und Escrima, bei dem auch Waffen zum Einsatz kommen. In brenzligen Situationen kann es helfen, Kampfsport zu beherrschen.

einestages: Was halten Sie als deutsche blonde Metal-Queen von der deutschen blonden Schlager-Queen?

Doro: Helene Fischer? Ich bin ihr nie begegnet, aber die macht das super, unglaublich professionell und talentiert. Was sie auf der Bühne akrobatisch abzieht, alle Achtung! Ich bin wahrlich kein Schlagerfan, aber ihr Lied "Herzbeben" gefällt mir sehr gut.

einestages: Deutsche Texte singen auch Sie mal, "Für immer" etwa oder aktuell "Freunde fürs Leben".

Doro: Als ich 1987 die Warlock-Ballade "Für immer" komponiert habe, war Heimweh im Spiel. Ich war gerade in die USA ausgewandert, sonst hätte ich wohl nie auf Deutsch gesungen. Meine Plattenfirma war strikt dagegen. Darum landete die Nummer auf der zweiten LP-Seite auch ganz hinten (lacht). Bei den Fans kam sie aber überraschend gut an, so habe ich immer mal wieder deutsche Songs ins Repertoire eingestreut.

einestages: Ihr Lebensmittelpunkt ist schon lange in den USA. Hatten Sie genug von Deutschland?

Doro: Nein, ich habe ja auch hier noch eine Bleibe. Ich bin Ende der Achtziger rübergegangen, als Amerika wirklich noch das Land war, in dem man Träume wahr machen konnte, Freiheit und Toleranz großgeschrieben wurden. Jetzt, unter der Regierung Trump, ist es echt die Hölle. In New York und Florida, wo ich lebe, ist der Ton sehr rau geworden.

einestages: Sie beherrschen das Spiel mit dem Publikum. Null Lampenfieber?

Doro: Und ob! Früher war das ganz schlimm. Da musste ich vor Auftritten oft erbrechen vor Aufregung. Bei einem frühen Konzert in München war ein Fernsehteam dabei, ich war so nervös, dass ich tierisch Bauchweh bekam. Half aber nix, ich musste raus und rocken. Auf die Bühne zu gehen, ist wie Bungee-Jumping. Man muss einfach springen, dann wird's schon.

Video: Die Heavy Metal-Cruise - Kreuzfahrt to Hell

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Werner Ehrlich, 13.08.2018
1. schön
Lemmy in einem Pub getroffen zu haben geht wahrscheinlich als Ausrede für alles durch. Auch sonst ein sympathisches Interview. Ich habe sie zwar nie gehört, aber zu meinen gerne verschwiegenen Geheimnissen gehört auch der Besuch eines Warlock-Konzerts. Irgendwann werde ich damit angeben!
Uwe Cossmann, 13.08.2018
2. Tolle Frau
Ich war zu der Zeit selbst im Hardrock-/HM-Geschäft und auch bei Mausoleum unter Vertrag. So hatten wir schon mal gemeinsame Gigs mit Warlock. Doro war immer super korrekt und brach sich nie einen von der Verzierung ab im Umgang mit Männern. Dazu gehörte auch, dass sie nach dem Gig in der Garderobe das T-Shirt wechselte. Nicht, um jemanden zu provozieren oder eine Show abzuziehen, sondern einfach weils nötig war. Ein Fan von uns war unsterblich in sie verliebt und zufällig dabei: Der fiel fast in Ohnmacht ....
Jochen Müller, 13.08.2018
3. Ach Doro
Selbst wenn man ihre Musik, so wie ich, kaum höre oder gehört habe ist sie eine dieser Musiker, vor denen mann einfach Respekt haben muss (Lemmy/Motörhead war auch so ein Fall).
Rufus Rennix, 13.08.2018
4. Zwiespältig
Ich glaube man muss differenzieren zwischen der Person Dorothee Pesch, welche ich sehr sympathisch und bodenständig finde, und der Künstlerin. Und als Künstler steht sie leider für alles, was den Heavy Metal zur Lachnummer gemacht hat. Belanglose Musik, Texte in Realschul Englisch sowie unglaublich alberne und sexistische Plattencover. Das hat sich leider auch nie geändert. Man kann natürlich sagen sie ist sich und ihrem Stil treu geblieben. Andere würden es eine 35 jährige kreative Stagnation nennen....
Mick Millions, 13.08.2018
5. ,,,true metal eine wahre Musikheldin !
Ich durfte Doro ganz am Anfang ihrer Karriere in den 90'ern in einer Turnhalle in einem kleinen Dorf in der Pfalz bewundern. Das Konzert musste leider nach ein paar Bierflaschenwürfen (aus Glas) auf die Bühne abgebrochen werden. Dafür hatte ich mit meinen Kumpels das Riesenglück nach dem Konzert zusammen mit Doro und der Warlock Band zusammensitzen zu dürfen und wir haben noch die halbe Nacht gefeiert ! Liebe Helene Fischer, nimm Dir bitte Doro als Vorbild ! DAS ist ein richtiger Superstar ! Und war schon immer nur für ihre Fans da mit Leib ubnd Seele ! Mach weiter Doro wir lieben Dich alle !!!
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