Sams-Erfinder Paul Maar "Ich hatte keine Kinderbücher"

Wie verändert sich im Laufe der Jahre der Blick aufs Leben? In der Rubrik "Mit 17 hat man noch Träume" befragt der KulturSPIEGEL jeden Monat einen Star nach seinen Jugendsünden - und Träumen. Dieses Mal: der Schriftsteller Paul Maar, 73, über Malerei, wirre Haare, Kinderbriefe und das Sams.

dpa

kulturSPIEGEL: Mit 17 hat man noch Träume. Erinnern Sie sich?

Maar: Die Schule langweilte mich. Ich hatte gerade die zehnte Klasse wiederholt, wollte aussteigen und nur noch malen. Dann sagte man mir aber: "Wenn du auf die Kunstakademie willst, brauchst du Abitur." Also habe ich mich entschlossen, doch noch drei Jahre dranzuhängen. Zum Glück.

kulturSPIEGEL: Wie haben Sie die Kurve zur Literatur gekriegt?

Maar: Wir haben früh geheiratet und hatten bald ein Kind. Ich fühlte mich verantwortlich und dachte - freie Malerei, das geht nicht. Und die Literatur war zu meiner zweiten Liebe geworden. Eigentlich war es eine Vernunftsentscheidung. Im Nachhinein aber genau richtig. Ich wäre ein mittelmäßiger Maler geworden, aber ich glaube, ich bin ein sehr guter Kinderbuchautor.

kulturSPIEGEL: War Ihre Familie mit Ihrer Berufswahl einverstanden?

Maar: Nein. Mein Vater war lange in Kriegsgefangenschaft gewesen und kam als frustrierter Mann zurück. Er konnte es überhaupt nicht leiden, seinen Sohn scheinbar untätig im Sessel sitzen zu sehen. Lesend. Dann sagte er etwa: "Ich sehe, du hast nichts zu tun. Geh mal in den Hof und kehre Laub." Ich habe heimlich Bücher bei meinem Freund Ted Schröder deponiert. Unter dem Vorwand, wir müssten lernen, war ich ständig dort. Während er im Garten Fußball spielte, saß ich in seinem Zimmer und las.

kulturSPIEGEL: Was waren das für Bücher?

Maar: Ich hatte keine Kinderbücher. Hemingway und Faulkner habe ich mir ausgeliehen, und es gab vieles, das ich als Kind nicht verstanden habe. In den Fünfzigern war die amerikanische Literatur ziemlich prüde. Es hieß da nicht "Sie hatten Sex", sondern "Sie gingen zusammen ins Bett, und als sie aufwachte, hatte sie völlig wirre Haare". Wieso erzählen sie mir das von den Haaren der Frau?, dachte ich. Viele Leerstellen musste ich mit meiner Phantasie füllen.

kulturSPIEGEL: Kinderbücher werden auch von Belletristikautoren wie Siegfried Lenz oder Johannes Mario Simmel geschrieben. Was halten Sie davon?

Maar: Das sind ausgezeichnete Autoren, aber ihre Bücher kommen bei den Kindern oft nicht so besonders gut an. Ich habe umgekehrt nicht den Ehrgeiz, im Feuilleton mit Belletristik glänzen zu müssen. Meine Begabung besteht darin, dass ich einen Draht zu Kindern habe. Als leidenschaftlicher Leser grüße ich dafür aber von Zeit zu Zeit meine großen Kollegen, indem ich manchmal auf subtile Art Zitate, zum Beispiel von E. T. A. Hoffmann, einbaue. Und ich denke, irgendein belesener Vater, der seinem Kind vorliest, der lächelt dann und weiß Bescheid.

kulturSPIEGEL: War das Sams, Ihr Kinderbuch-Klassiker, als Serie geplant?

Maar: Nein, eigentlich sollte es nur einen Band geben! Das Sams verschwindet am Samstag, und es besteht die vage Hoffnung, dass es eines Tages wiederkehrt. Aber die Kinder schrieben mir Briefe: Sie hätten das Buch sehr gut gefunden, besonders die Reime seien witzig, aber der Schluss wäre überhaupt nichts wert.

kulturSPIEGEL: Das haben Sie als Ermunterung verstanden?

Maar: Ja, denn die Kinder verlangten, ich solle einen zweiten Band schreiben, bitte schön. Und sie gaben mir ziemlich genau vor, wie es enden solle. Nämlich: Das Sams muss bei Herrn Taschenbier bleiben. Da ich jeden Kinderbrief beantworte, kostete mich das sehr viel Zeit, und irgendwann dachte ich: Gut, schreibe ich also eine Fortsetzung, dann geben sie endlich Ruh.

kulturSPIEGEL: Aber sie gaben keine Ruhe.

Maar: Acht Tage nach Veröffentlichung des zweiten Bands kam der erste Brief von einem Mädchen: "Hallo, Paul Maar. Ich habe das neue Sams-Buch gelesen. Ich finde es schön, dass Sie Fortsetzungen schreiben. Bitte teilen Sie mir mit, wann der 3. Band erscheint." Ich muss gestehen, es sind inzwischen sieben Bände geworden. "Sams im Glück" ist aber definitiv der letzte Band.

Das Interview führte Laura Hamdorf



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Seite 1
Diana Simon, 29.11.2011
1.
Das Sams gehört zu den Büchern, die ich nie vergessen werde. Ich habe meinen Enkelkindern immer gerne vorgelesen und ihnen Bücher geschenkt. Eines Tages verkehrten sich die Rollen und mein damals ungefähr achtjähriger Enkel drückte mir ein Buch in die Hand und sagte: "Das mußt Du unbedingt lesen, Oma." Es war das Sams.
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