Weltkriegsdrama auf Samsø Die Insel der Mutigen

Im Zweiten Weltkrieg war Samsø von deutschen Truppen besetzt. Als im Oktober 1943 ein alliiertes Flugzeug über der dänischen Insel abstürzte, suchte die Gestapo nach den Piloten und stieß auf ungeahnten Widerstand - darunter ein Wehrmachtsoldat, für den Menschlichkeit mehr zählte als jeder Befehl.

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Der Krieg kommt am 9. Oktober 1943 mit einem riesigen Donnerschlag nach Samsø. Diesmal stürzt die Maschine nicht ins Meer wie andere alliierte Bomber, die von deutschen Jägern vom Himmel geholt werden. Der Rumpf der B-17 rast über die Wiesen der Insel, reißt ein ganzes Haus mit sich. Dann kommt die fliegende Festung zum Stehen. Der Stahl ächzt ein letztes Mal, die Propeller der vier Motoren wirken wie skurril verdrehte Kunstwerke. Die kleine Fachwerk-Kate, die in der Landeschneise liegt, brennt lichterloh. Ihre Bewohnerin hat Glück im Unglück: Die alte Witwe ist bei Nachbarn zu Besuch.

Als Inselpolizist Anton Porse mit seinem kleinen Dienstwagen über die holprige Landstraße Richtung Absturzstelle knattert, befürchtet er Schlimmes. Der Bomber wird viele auf der Insel in Gefahr bringen, ahnt er. Nur wenige Kilometer entfernt ist ein Dutzend deutscher Wehrmachtsoldaten auf einer Anhöhe stationiert. Ein Beobachtungsposten mit Hochleistungsfernglas, Baracke und einem in Meerrichtung gebauten, selbstgemauerten Plumpsklo. Letzteres bietet vermutlich einen der friedlichsten Ausblicke des Zweiten Weltkriegs, den sich 1943 ein Landser ergattern kann.

Doch es ist nicht der Trupp Wehrmachtsoldaten, der dem dänischen Ordnungshüter Kopfzerbrechen bereitet. Man kennt sich. Der kommandierende Offizier Otto Tretow ist ein Mann, der lieber heute als morgen seine Uniform ausziehen würde, damit er wieder hinter dem Pflug auf seinen Feldern nahe Danzig marschieren kann. Porse erreicht die Absturzstelle, kurz darauf schaukeln die Landser auf einem Pritschenlaster herbei und stehen ratlos vor dem Wrack. Nur der Leichnam des Bordschützen liegt in den Trümmern, von der Besatzung fehlt jede Spur.

Porse weiß, was das bedeutet. Fremde Wehrmachtsoldaten, SS oder Gestapo werden nicht lange auf sich warten lassen.

Der Absturz kommt für Samsø, die kleine Insel mit den verschlafenen Dörfern, reetgedeckten Häusern und einsamen Bauernhöfen, zu einem denkbar gefährlichen Moment. Vor allem für eine Handvoll Juden aus Deutschland, die auf ihre Flucht nach Schweden warten. Seit 1941 haben die Männer Schesinger, Grünspan, Bernfeld, Kassup und Fischl bei Bauern auf der Insel Unterschlupf gefunden. Bis zum 1. Oktober 1943 sind die Zwölf legal im besetzten Dänemark.

Doch die Nazis haben schon ihre Vernichtungsmaschinerie angeworfen. Die Deportationen in die Konzentrationslager beginnen. Dem Großteil der dänischen Juden gelingt dank einer Vorwarnung des deutschen Diplomaten Georg Ferdinand Duckwitz und mit Unterstützung von Widerstandsgruppen und vielen mutigen Dänen die Flucht ins neutrale Nachbarland Schweden. Auch den deutschen Juden von Samsø.

Doch als die Deutschen nach der alliierten Flugzeug-Crew suchen, befinden sich noch immer einige der jüdischen Flüchtlinge aus dem "Reich" auf der Insel, die noch nicht nach Schweden fliehen konnten. Ihnen Unterschlupf zu gewähren ist nun eine Straftat. Und so gut wie jeder der 6000 Bewohner der Insel weiß, auf welchen Höfen sie leben.

"Ich hatte furchtbare Angst"

Auch der junge Bruno hat es noch nicht nach Schweden geschafft. Irgendwie scheint ihm der Ernst der Lage aber nicht klar zu sein. Ausgerechnet die Absturzstelle will der neugierige deutsche Jude sehen. Dort, wo nun die Gestapo schnüffelt, alles voller Soldaten ist. Polizist Porse muss der Kragen geplatzt sein, als er ihn auf den Weg dorthin abfängt. Das erzählt Ole Pedersen.

Der pensionierte Lehrer lebt seit Jahrzehnten auf Samsø und geht oft mit seinem Freund Bertel Madsen auf Zeitreise. Dann stöbern sie im kommunalen Archiv in den alten Bänden der Lokalzeitung "Samsø Posten", interviewen Zeitzeugen. Pedersen hat mittlerweile ein Buch über die Kriegszeit auf Samsø geschrieben.

Bertel Madsen kam 1934 als Sohn einer alteingesessenen Bauernfamilie auf der Insel auf die Welt. Er kann sich noch an Bruno und die deutschen Juden erinnern: "Das waren alles gebildete Leute aus der Großstadt. Auf den Feldern haben sie sich nicht sehr geschickt angestellt. Aber sie gaben ihr Bestes", erzählt er augenzwinkernd. Vor allem erinnert er sich an das Plakat, das plötzlich wenige Tage nach dem Absturz nahe dem Hof seiner Eltern hängt. Als er den Adler mit dem Hakenkreuz sieht, ahnt der Junge Übles. "Da stand geschrieben: Wenn nicht umgehend alle Besatzungsmitglieder der abgestürzten Maschine ausgeliefert werden, kommt es zur Geiselnahme durch die Deutschen", erinnert sich Madsen.

"Ich hatte furchtbare Angst, als ich das gelesen habe. Und ich denke, eigentlich ging es wohl jedem so auf Samsø", sagt Bertel Madsen, der damals gerade neun Jahre alt war. Doch die Insulaner lassen sich nicht einschüchtern, sie halten dicht. Sie verraten weder die Bomber-Crew noch die Juden, die auf ihrer Insel sind. Die ersten Flüchtigen der Besatzung waren zwar schnell gefasst worden, aber fünf können die mutigen Bauern über viele Tage hinweg vor der deutschen Geheimpolizei verstecken.

Ein Holzsarg vor der Tür

Der Inselpolizist Porse beschwichtigt die Besatzer derweil, wo er nur kann. Darin hat er Erfahrung. So hat er schon den führenden Kommunisten der Insel gerettet, als dieser verhaftet werden sollte. "Lasst ihn gehen, der ist nicht gerade clever und harmlos, hat Porse den Nazis erzählt", sagt Pedersen und lacht.

Schließlich nehmen die Deutschen die feindlichen Flieger doch noch gefangen - aber ohne brauchbare Hilfe aus der Bevölkerung. Einen Piloten ziehen sie aus einem Hühnerstall, das nächste Crew-Mitglied finden sie im Wald. Den letzten entdecken sie schließlich im kleinen Krankenhaus. "Der war mit Verbandsmaterial verpackt wie eine Mumie", grinst Madsen über den letzten Versuch der Samsøer, einen der Alliierten zu verstecken.

Nur eine Familie gerät in Verdacht, einen Hinweis an die Besatzer gegeben zu haben. "Am nächsten Tag stand ein kleiner schwarzer Holzsarg vor ihrer Haustüre. Die Familie wurde lange Zeit schikaniert. Dabei hatten sie vermutlich nichts gesagt." Juden sucht die Gestapo danach keine mehr auf der Insel. "Vermutlich haben sie geglaubt, alle wären schon in Schweden", sagt Pedersen. Doch ein Wort von Wehrmachtsoffizier Tretow, und Bruno hätte seinen Weg in ein Konzentrationslager antreten müssen. "Tretow wusste natürlich nur allzu gut, dass Bruno und andere Juden noch auf der Insel waren", sagt Pedersen.

Der Vorfall mit dem Bomber hat Bruno gezeigt, dass er Dänemark schnell den Rücken kehren muss. Er verlässt vermutlich als letzter der deutschen Juden die Insel und schafft es, sich nach Schweden abzusetzen. Doch der Abschied von Samsø fällt ihm schwerer als den anderen jüdischen Flüchtlingen. Er hat mit Esther, einem jungen Bauernmädchen, ein Kind gezeugt. "Meine Familie war traurig, als Bruno gehen musste. Daran kann ich mich noch erinnern. Und dass er immer wie verrückt nach Eigelb war", sagt Marie Elisabeth Sander Petersen, die mit dem jüdischen Jungen damals unter einem Dach lebte.

Tretows schwerer Weg

Polizist Porse muss 1943 aufgeatmet haben, als die letzten Juden in Sicherheit waren. Doch der Gestapo scheinen die Insulaner mittlerweile verdächtig geworden zu sein. Ein vermeintlich dummer Kommunist, Bauern, die deutsche Juden aufnehmen und alliierte Flieger verstecken, ein Polizist der herumdruckst, 6000 Menschen, die nicht kooperieren. "Plötzlich tauchte ein Däne auf der Insel auf, stellte eigenartige Fragen", berichtet Ole Pedersen. Die Widerstandsgruppe reagiert. Der Spion wird ebenfalls versteckt: kopfüber im Moor.

Er hätte viel zu berichten gehabt. Von Offizier Tretow zum Beispiel, der mehr und mehr den Widerstand deckt. "Leuchtturmwärter Mönsted gab ihm Hinweise, dann wusste der deutsche Offizier, dass die Alliierten Waffen abwerfen. Tretow hat dann selber den Nachtdienst übernommen, um die Operation zu schützen", erzählt Ole Pedersen.

Der Beamte Porse muss sich schließlich selber noch in den Wäldern von Samsø verbergen. Die deutsche Besatzungsmacht löst die dänische Polizei am 19. September 1944 wegen mangelnder Kooperation auf und interniert viele der Beamten. Bis Porse aufs Festland flieht, wird er von der Herrin des Guts Brattingsborg versorgt. Am 8. Mai 1945 endet der Krieg auf Samsø.

Die Insulaner bieten Tretow danach einen Hof zur Pacht an. Er lehnt ab. Zu seinem eigenen Grund nahe Danzig kann der Wehrmachtsoffizier jedoch nicht mehr zurückkehren. Sein ganzes Dorf ist vertrieben. Der Mittfünfziger Tretow muss noch Furchtbares erlebt haben. "Meines Wissens hat er den Freitod gewählt", sagt Ole Pedersen. Bruno und Esther werden kein Paar. Beide gründen eigene Familien, bleiben aber in Kontakt.

Die Insulaner haben bis heute ein funktionierendes System, das vor Einsätzen von Ordnungsmächten warnt. Auch wenn es nur noch anstehende Kontrollen der Verkehrspolizei vom Festland sind, die sich auf der Insel herumsprechen.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Peter Knittel, 25.10.2012
1.
Hochachtung. Von diesen mutigen Menschen gibt es auch heute viel zu wenig.
Wilhelm Holte, 26.10.2012
2.
Solche Gegenden gibt es immer noch. Gerade der Zusammenhalt der Bevölkerung treibt in gewissen Regionen schon komische Stilblüten. Mir ist da ein Tal in den Alpen bekannt, wo man sich tunlichst ab 23.00 nicht mehr zu Fuß über die Straße wagen sollte. Da fährt dann nämlich "Voll und Voller" und die Polizei hat auch keine Chance dagegen. Es gibt nämlich nur eine Straße und wenn da eine Kontrolle ist kann es passieren, dass über 3 Stunden hinweg kein Einheimischer dran vorbei fähhrt.
Hans Cornelius, 26.10.2012
3.
Das könnte man vermuten, Herr Knittel. Wir wissen es aber nicht. Und ich möchte heute eigentlich nicht in der Situation von vor 70 Jahren sein, das herausfinden zu müssen.
Robert La Rocco, 26.10.2012
4.
Wurde die "Fliegende Festung" tatsächlich von einem deutschen Kampfflugzeug abgeschossen? Oder war das ein deutsches Jagdflugzeug? In der Luftwaffe des zweiten Weltkrieges war ein Kampfflugzeug etwas, was wir heutzutage einen "Bomber" nennen. Heinkel He111, Junkers Ju 87 Stuka, und dergleichen waren Kampfflugzeuge, eine Messerschmitt Bf 109 hingegen war ein "Jäger."
Walter Junge, 26.10.2012
5.
Bild 6 zeigt keine Soldaten der Wehrmacht, sondern Soldaten der Luftwaffe.
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