Saturday Night Fever Der Messias tanzt bügelfrei

Saturday Night Fever: Der Messias tanzt bügelfrei Fotos
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Schluss mit einer Dekade politischer Selbsterfahrungstrips. Im Dezember 1977 kam "Saturday Night Fever" in die Kinos und löste einen Tanz- und Lifestyle-Boom aus. Michael Heim wundert sich 30 Jahre später, warum der Heilsbringer ausgerechnet in Nylon-Klamotten aufkreuzte.

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Im Job bekommt er nichts auf die Reihe, seine Kumpels sind aufgebrezelte Prolls, Frauen behandelt er meistens wie Dreck. In seiner Familie ist er die Null. Wenn er isst, macht er sich über labberige Pizza her, von der ihm ein Teil im Gesicht hängen bleibt und der Rest beim Sprechen fast aus dem Mund quillt. Er ist naiv, aber nicht harmlos. Ein Mädchen vergewaltigt er nur deshalb nicht, weil sie ihm im letzten Moment ihr Knie zwischen die Beine rammt. Er ist nicht der hellste, und es gibt keine Perspektive für ihn.

Und alle wollen so sein wie er.

Am 7. Dezember 1977 kam "Saturday Night Fever" in den USA in die Kinos, im folgenden Frühjahr lief der Film auch in Deutschland an. Er wurde über Nacht zum Inbegriff der Disco-Welle und des Tanzfilms. Weltweit standen Menschen Schlange, um John Travolta zu den Falsett-Stimmchen der Bee Gees die Hüften schwingen zu sehen. Sie belagerten Plattenläden und machten die Film-LP zu einem der bestverkauften Soundtracks aller Zeiten. Sie stürmten die Tanzschulen. Drinnen tobte die Disco, an der Kasse war's ein Schlager. Und draußen, in der winterlichen Kälte, beweinte die Intelligenzia den Hedonismus der Massen und den Untergang des Abendlandes. Damit begann eines der großen Missverständnisse der Filmgeschichte.

Die Zeiten waren nicht die besten. In den USA erholte man sich nur mühsam vom Krieg in Vietnam, und der Wirtschaft saß der Schock des Ölembargos von 1974 noch immer in den Gliedern. In Deutschland hatte der heiße Herbst, die RAF, der Terror die Gemüter überreizt. Die psychedelische Protestkultur der Siebziger war überdehnt und zäh geworden. In der orange-getönten Angestrengtheit der späten siebziger Jahre wartete die Spaßgesellschaft darauf, endlich zum Zuge zu kommen.

weiße Anzüge, knappe Kleider, bunte Spotlights

Das Volk verlangte nach Opium, dem Trip der fiebrigen Samstagnacht. Auf der Leinwand folgte man den Protagonisten nach Brooklyn ins "Odyssey 2001", der Disco im Zentrum des Films, sah dort zu "Stayin' Alive" und "Night Fever" weiße Anzüge um knappe Kleider wirbeln, bunte Spotlights über Gesichter und Dekolletes huschen, den DJ den Puls hochtreiben, bis die entblößten Schultern sich neben knalligen Polyesterhemden zum "line dancing" formierten. Die Farben der Tanzfläche schillerten zum Beat. Und er ist da: Travolta. Er löst sich von seiner Partnerin, teilt die tanzende Menge, beherrscht den dance floor, lässt die Hand dramatisch nach oben schießen unter der Discokugel: Das war narzistisch, ja, und wichtigtuerisch. Aber geben wir's zu: Es war auch sehr cool.

Die fiebergeborene Coolness war draußen vor der Disco jedoch abrupt verflogen. Denn Saturday Night Fever erlaubte sich mehr spaßfeindlichen Ballast, als es für die geschmacksneutrale, absatzfördernde Rahmenhandlung eines Tanzfilms üblich wäre. Tony Manero, der von John Travolta gespielte Protagonist, ist 19, hat keine Ausbildung, jobbt schlecht bezahlt als Verkäufer in einem Malereigeschäft und lebt bei seiner Familie in Brooklyn, was im New York der siebziger Jahre dem Sozialklima des Plattenbaus am nächsten kommt. Vater arbeitslos, zuhause Dauerzoff. Seine Gang will cool sein, klopft rassistische und sexistische Sprüche, dann und wann prügelt man sich. Samstags geht's in die Disse, man wirft sich ein paar Drogen ein, reißt Mädels auf für schnellen Sex im Auto. Das ist das kleine, schmutzige High.

Doch im Leben des Tony Manero gibt es ein Moment der Reinheit, der Anerkennung, eine Zeit, wo die Dinge ihren Platz finden und so etwas wie Sinn. Das ist der Tanz. Und die Liebe. Natürlich ist Tony in der Disco der Größte. Natürlich gewinnt er, zusammen mit seiner Angebeteten, den unvermeidlichen Tanzwettbewerb und will schließlich den Sprung hinaus aus dem Milieu wagen, nach Manhattan. Und ja, das klingt nach einem kleinen Sozialaufsteigerfilmchen und einer ganz, ganz üblen Landung im Schmalz. Dazu spielen, wir wussten es schon, die Bee Gees.

Fanal der guten Laune, nicht Tristesse

Doch so einfach ist das nicht. Der Film, der vermeintlich so einfältige Tanzfilm, er tut alles, um den leichtlebigen Traum der Samstagnacht in ein Fieber der eher ungesunden Sorte zu verwandeln. Den Tanzwettbewerb hat Tony Manero gewonnen - aber nur, weil geschoben wurde und gepfuscht, weil man Latinos im weißen Brooklyn nicht gewinnen lassen will. Seine große Liebe: Er tickt aus und fällt über sie her, sie entkommt der Vergewaltigung nur knapp. Eine andere hat weniger Glück, als sie mit seiner Gang ins Auto steigt. Die Momente der Reinheit, sie werden abserviert.

Während der Film in Hollywood-Manier dringend auf das Happy End zusteuern müsste, wird weiter erniedrigt und schließlich auch gestorben, unschön, von einer Brücke aus dem Leben gestolpert von einem, der zuviel Verachtung kassiert hatte. Tony Manero darf gerade noch schnell dämmern, dass er was machen muss mit seinem Leben, dass es so wirklich nicht mehr weitergehen kann - und ein bisschen Verzeihung darf er einsammeln von seiner Herzdame: Freundschaft, mehr nicht. Das war's dann mit Hollywood. Oscars gab es keine.

Irgendwo auf dem Weg zu diesem nicht eben bonbonfarbenen Ende muss es zu dem Irrtum gekommen sein, Saturday Night Fever sei ein Fanal der guten Laune und nicht der Tristesse. Sicher, da war das Verlangen, die Politik, die kritische Selbstfindung und den lausigen Alltag einfach mal zu entsorgen, abzutanzen, und ein gehöriges Maß Überdruss an Deep Purple und "erdigem" Rock kam noch dazu. Tanzen wie Travolta: Das war unrebellisch, unbelastet von einer Botschaft, karrierefreundlich. Die Stunde des Mainstreams war gekommen. Bei Disco ging es um Klamotten, um Styling, darum, wie man am Türsteher vorbeikommt, um reichlich Sex ohne gesellschaftsrevolutionäres Getue - oder wenigstens um die Vorstellung von reichlich Sex ohne gesellschaftsrevolutionäres Getue. Das Private, es war nicht mehr politisch. Es wurde frisiert, nicht diskutiert.

"Vordergründiger Ausbeuter-Film"

Weil aber vielleicht trotzdem nicht jeder von selbst kapiert hätte, dass die Moves von Travolta zur neuen Heilsbotschaft taugen, setzte sich eine Marketing-Maschinerie in Bewegung, die die Zeitgenossen in Erstaunen und zuweilen auch in Empörung versetzte. Von einer "ebenso neuartigen wie erbarmungslosen Marktstrategie" schrieb 1978 der Stern, und das Fachblatt Variety klassifizierte Saturday Night Fever als "vordergründigen Ausbeuter-Film". Was damals für Aufregung sorgte, nennen wir heute gelangweilt "Cross-Marketing": Erst läuft der Sound permanent im Radio, und wenn die Ohrwürmer in den Köpfen verankert sind, schiebt man den Film nach und sammelt an der Kasse ein. Wird der Film zum eigenständigen Erfolg, lässt sich damit die nächste Runde der Single-Auskoppelungen und der LP-Verkäufe ankurbeln. Das Saturday Night Fever drehte sogar noch eine Extra-Runde: Die kantige Handlung störte nun doch das Geschäft. Die Produktionsfirma Paramount ließ den Film 1978 sprachlich und szenisch entschärfen, um eine jugend-taugliche Alterseinstufung zu bekommen und unter den Teens noch einmal ungehemmt Kasse machen zu können.

So war es keine glückliche Fügung, dank derer John Travolta dem Massenpublikum die Disco-Euphorie erschloss, sondern der massive Einsatz von Werbemitteln. Dass der angesagte Sound seine Wurzeln in den Clubs der New Yorker Schwulenszene hatte, wurde dabei nicht über Gebühr in den Mittelpunkt gerückt. Das geglättete Marketing sicherte die Versorgung in der Fläche, erreichte die Schönen von Ludwigsburg bis Ostwestfalen-Lippe. Doch gemachte Moden halten nicht lange: Die vorproduzierte Begeisterung war in den Achtzigern nicht mehr im Lagerbestand.

Als der Hype vorüber war, begann das Saturday Night Fever den langen, unrühmlichen Abstieg in die Zweitverwertung. Es kamen die Remakes. Es kamen die Bustouren zur Musical-Version. Sinnlose Dinge erhielten den Namen des Films. Das Erscheinen einer "Aktionstheke für den Pausenbereich mit integriertem Merchandisebereich" und blinkender PC-Mäuse aus China bringen die Kunde: Das Ende ist nahe.

Nun, da die Stunde gekommen ist und der DVD-Deckel sich schließt, bleiben wir zurück und fragen uns: Was ist geblieben? Was haben wir gelernt? Dass Travolta gut tanzen kann, unglaublich gut tanzen, selbst zu, nun ja, den Bee Gees. Dass Kommerz einen guten Film vielleicht vergessen, aber nicht kaputt machen kann.

Und dass ein Nylonhemd auch schweißgetränkt seine glatte Oberfläche behält.

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