Schach zum Nachspielen Verrückte Partien, geniale Züge

Manche Schachpartien sind echte Spektakel. So verblüffte der Deutsche Emil Joseph Diemer die Schachwelt mit Bauern-Schiebung und Hurra-Stil, der Amerikaner Frank Marshall mit einem grandiosen Finale. Spielen Sie mit!

Corbis

Von André Schulz


Die Schachgeschichte kennt eine Vielzahl von fantastischen Partien, großartigen Strategien und genialen Zügen, die in der einschlägigen Fachliteratur im Laufe der Jahrzehnte publiziert wurden. Eine der frappierendsten Begegnungen der Schachgeschichte ist vielleicht die folgende, gespielt vom badischen Meisterspieler Emil Joseph Diemer (1908-1990).

Diemer war eine schillernde, höchst umstrittene Figur im deutschen Schach. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Buchhändlerlehre, übte den Beruf aber nie aus. Stattdessen beschloss er, sich ausschließlich mit Schach zu beschäftigen. 1931 trat Diemer der NSDAP bei und wäre gern in die SA aufgenommen worden, was aber nicht klappte. Diemer betätigte sich als Schachkorrespondent und veröffentlichte 1943 in der "Deutschen Schachzeitung" auch Aufsätze über das "lahme und feige jüdische Schach" im Vergleich zum "deutschen Kampfschach".

Emil Diemer (Mitte) 1986
Georg Studier

Emil Diemer (Mitte) 1986

Nach dem Krieg attackierte er als Pressewart des Badischen Schachbundes Funktionäre des Deutschen Schachbundes und wurde 1953 erst aus dem Deutschen Schachbund, dann auch aus dem Badischen Schachbund ausgeschlossen.

Diemer lebte als Asket, interessierte sich für Esoterik im Allgemeinen und die Numerologie im Besonderen, außerdem für Reinkarnationslehren, den Einfluss von Biorhythmen und die Vorhersagen des Nostradamus. Später war er Anhänger der "Energlut-Gehirn-Direktnahrung". 1964 wurde er in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, später lebte er in einem Alters- und Kreispflegeheim.

Bei einem Turnier in Nürnberg 1984 - Diemer war also bereits 76 Jahre alt - spielte er gegen jede gute Faustregel der Schachtheorie und zog 17 Züge lang nur mit Bauern, statt seine Figuren zu entwickeln. Diemers Gegner ließ sich verblüfft zusammenschieben und wurde am Ende im Hurra-Stil im Königsangriff erledigt.

Hier können Sie die Partie nachverfolgen. So geht's: Mit der zweiten Pfeiltaste von links kommen Sie zur Ausgangsstellung und können sich mit den anderen Pfeilen vor und zurück klicken. Zu den wichtigsten Zügen gibt es Kommentare des Schachexperten André Schulz. Viel Spaß!


Frank Marshall (links)
Getty Images

Frank Marshall (links)

Der Amerikaner Frank Marshall (1877-1944) war nach dem Tod von Harry Nelson Pillsbury jahrzehntelang der beste Spieler der USA. Er litt wohl unter einer Schreibschwäche, sprach aber mehrere Sprachen. 1907 spielte er gegen Emanuel Lasker, den er zuvor schon mehrfach geschlagen hatte, um die Weltmeisterschaft, hatte jedoch keine Chance - Lasker gewann 8:0 bei 7 Remis. Marshall war trotzdem ein brillanter Angriffsspieler und hat die Eröffnungstheorie um manche interessante Spielweise bereichert.

Bei einem Turnier 1912 in Breslau gewann er mit einem der verblüffendsten Züge der Schachgeschichte. Laut Marshalls Autobiographie reagierten die Zuschauer derart enthusiastisch auf das spektakuläre Finale, dass sie Goldmünzen auf das Schachbrett warfen.


Sind die denn total irre? Zum Beitrag über verrückte Schachgenies bitte hier entlang

Zum Autor
  • chessbase.de
    André Schulz ist seit 1997 Chefredakteur der deutschsprachigen Schachnachrichten-Seite www.chessbase.de und gehört außerdem zur Redaktion des "ChessBase"-Magazins. Zusammen mit Oliver Reeh moderiert Schulz freitags die Sendung "TV ChessBase". Er veröffentlichte "Das große Buch der Schach-Weltmeisterschaften".
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