Familienduell beim Schach Lasker vs. Lasker

Zum großen New Yorker Schachturnier 1924 traten gleich zwei Laskers an, entfernt verwandt. Emanuel war Schachweltmeister, Edward lachte das Glück - eine Brustmilchpumpe machte ihn zum Millionär.

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Das Schachturnier in New York erregte 1924 großes Aufsehen. Der ehrwürdige Manhattan Chess Club hatte die besten Spieler der Welt eingeladen, darunter gleich zwei mit dem Namen Lasker: der deutsche Ex-Weltmeister Emanuel Lasker und der 20 Jahre jüngere Edward Lasker. Die beiden kannten sich aus Berlin und vermuteten, sie müssten verwandt sein, wussten aber nicht genau wie - Vettern dritten Grades, zeigten später ihre Nachlässe.

Emanuel Lasker war der zweite Weltmeister der Schachgeschichte nach dem Österreicher Wilhelm Steinitz und von den beiden Laskers der deutlich bessere Spieler. Im Alter von schon 56 Jahren gewann er überraschend überlegen auch noch das New Yorker Turnier. Aber Edward Lasker war in vielen anderen Dingen der geschicktere.

Geboren wurde er 1885 in Kempen (heute Kepno) als Eduard Lasker, studierte in Breslau, später an der TU Charlottenburg Mathematik, Ingenieurwissenschaft und Elektrotechnik. In seiner Berliner Zeit spielte Edward Lasker seine ersten Schachturniere und veröffentlichte 1911 noch als Student sein erstes Lehrbuch; "Schachstrategie" wurde ein Klassiker.

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Schachfamilie: Elf Spieler, zwei Laskers im Turnier

Seine zweite Leidenschaft galt einem anderen Brettspiel: dem japanischen Go, außerhalb Asiens nahezu unbekannt. Damit kam er erstmals 1905 als Student in Berührung, als in der Uni-Bibliothek ein Heft der "Mittheilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens" auslag, mit dem Aufsatz "Das Japanisch-chinesische Spiel 'Go'. Ein Concurrent des Schach".

Drei Laskers und das Go-Spiel

Der Autor war Oskar Korschelt, von Beruf Chemiker. Er hatte 1876 einen Lehrauftrag in Japan angenommen, dann für die japanische Regierung gearbeitet und das Go-Spiel kennengelernt. Nach seiner Rückkehr 1885 machte Korschelt das Spiel in Europa bekannt. Er spielte auch Schach und sammelte Schachkompositionen. Seine Sammlung von etwa 100.000 Aufgaben war eine der größten der Welt.

Edward Lasker las den Aufsatz und machte sich mit den Regeln vertraut. Bald darauf sahen er und sein Freund Max Lange in einem Berliner Schachcafé einen japanischen Studenten in einer Zeitung lesen, auf deren Rückseite sich Go-Diagramme befanden und die Neugier der beiden Schachspieler weckten. Sie begannen, diese Go-Partien nachzuspielen - schwierig genug angesichts der japanischen Schriftzeichen. Lasker und Lange arbeiteten sich ein und spielten dann gegeneinander.

Unterdessen lebte der große Emanuel Lasker vier Jahre lang in den USA und kehrte 1908 nach Berlin zurück, wo sein Namensvetter ihm das Go-Spiel zeigte. Eduard Lasker trieb auch einen japanischen Kommilitonen auf: Yasugoro Kitabatake brachte beiden Laskers einige Strategien des Go-Spiels bei.

Nach zwei Jahren Unterricht spielten die Laskers etwa so gut wie ihr Lehrer. Zur Go-Gruppe war auch Emanuel Laskers älterer Bruder Berthold gestoßen. Im Schach war er nicht viel schlechter als Emanuel, für Turniere aber zu nervös. Er wurde Arzt; seine Ehe mit der Dichterin Else Lasker-Schüler war zu dieser Zeit schon geschieden.


Partie zum Nachspielen: Edward Lasker machte sich schon 1912 in der Schachliteratur unsterblich, mit dieser Blitzpartie gegen George Alan Thomas - ein Damenopfer zieht den gegnerischen König wie magnetisch ins Mattnetz.

Kitabatake lud einen japanischen Professor ein, der sich zufällig in Berlin aufhielt und das Go-Spiel noch besser beherrschte. Die drei Laskers staunten, als der Professor ihnen als Handicap neun Steine vorgeben konnte - das entspricht in etwa einer Dame im Schach - und trotzdem gewann, ohne großes Nachdenken sogar. Die Deutschen folgerten: Man muss wohl nach Tokio reisen, um das Geheimnis des Spiels quasi an der Quelle zu studieren.

Nach dem Studium nahm Eduard Lasker 1912 eine Stelle bei AEG an und bat sofort um Versetzung in die Außenstelle nach Tokio. Die Firmenleitung schickte ihn aber erst einmal zum Englischlernen nach London - und 1914 begann der Erste Weltkrieg. Lasker beschloss, in die USA zu emigrieren, wo seine Mutter Flora geboren war. Der Plan, in Tokio zum Go-Meister zu werden, war erst einmal auf Eis gelegt.

Reich durch die elektrische Brustpumpe

Doch bald schon sah er in New York einen japanischen Kellner Go spielen. So entstand der Kontakt zu anderen Spielern, darunter Lee Hartman, Chefredakteur von "Harper's Magazine", und Karl Davis Robinson. Die drei gründeten im Lee Chumley's Restaurant and Bar in Greenwich Village einen Go-Zirkel, noch im selben Jahr den US-Go-Verband.

Unterdessen öffneten sein Name und seine Fähigkeiten im Schach Edward Lasker Türen in den USA. Zwischen 1916 und 1921 gewann er fünfmal die offene US-Landesmeisterschaft, erhielt 1923 die Staatsbürgerschaft und wurde 1924 zum ersten großen New Yorker Turnier eingeladen. So traf er im Alamac Hotel auch auf Emanuel Lasker, seinen Go-Partner aus Berliner Zeiten.

Favoriten waren der neue Weltmeister Raul Capablanca und der junge Exilrusse Alexander Aljechin. Doch auch sie scheiterten am Ex-Schachweltmeister; Emanuel Lasker siegte souverän. Edward wurde Zehnter, somit Vorletzter.

Vielleicht war er in Gedanken auch ganz woanders. Zu dieser Zeit beschäftigte Edward Lasker nämlich eine Idee zum Abpumpen von Muttermilch: Lassen sich die üblichen mechanischen Brustmilchpumpen nicht besser elektrisch betreiben? Der Elektroingenieur baute so eine Maschine, das US-Patentamt registrierte sie am 4. Oktober 1927 unter der Nummer US1644257A registriert. Seine Erfindung machte ihn zum Millionär.

Auch privat lachte für Edward Lasker die Sonne. Ab den Dreißigerjahren lebte er mit der etwa 25 Jahre jüngeren Mona Karff zusammen. Daraus machte das Liebespaar kein Geheimnis, blieb aber unverheiratet. Karff wurde etwa 1908 in der russischen Provinz Bessarabien (heute Moldawien) geboren und wuchs in Tel Aviv auf. Ihr Vater, der Zionist Aviv Ratner, hatte es im Völkerbundmandatsgebiet von Palästina zu Grundbesitz und großem Reichtum gebracht und war später einer der reichsten Männer Israels.

Unter den Nazis litten die Laskers schwer

Mona Karff übersiedelte in den Dreißigern in die USA, vermehrte ihr Vermögen an der Börse und investierte als Kunstliebhaberin in Werke der Modernen Kunst. Sie war reisefreudig und sprach acht Sprachen fließend. Außerdem liebte sie die Oper - und spielte begeistert Schach.

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Bei der Frauen-WM in Stockholm 1937 wurde sie Sechste, noch unter der Flagge Palästinas, und gewann im Jahr darauf erstmals die US-Schachmeisterschaft für Frauen. Als Amerikanerin spielte sie zweimal bei Frauenweltmeisterschaften: 1939 Platz 5, zehn Jahre später Platz 14.

Unter der Nazizeit und dem Weltkrieg litt die große, verzweigte jüdische Familie Lasker schwer. Emanuel Lasker konnte 1933 noch rechtzeitig aus Deutschland flüchten, verlor aber viele Familienangehörige. Edward Lakers Nichte Anita Lasker-Wallfisch überlebte als Cellistin im Mädchenorchester von Ausschwitz und hat später davon Zeugnis abgelegt, ebenso wie ihre Schwester Renate Lasker-Harpprecht. Beide zählen zu den letzten Überlebenden des Holocaust.

Mona Karff gewann sieben Mal den US-Meistertitel im Frauenschach, zuletzt 1974, und hielt sich mit ihrem Freund gern im New Yorker Marshall Chess Club auf. Dort war Edward Lasker Vorsitzender bis zu seinem Tod 1981, Mona Karff starb 1998.


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insgesamt 5 Beiträge
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Franz Kellermann, 17.11.2018
1. Ausrufezeichen
Dieser liebevoll zusammengestellte und gut lesbare Artikel verdient mindestens ein Ausrufezeichen. analog zur Notation einer Schachpartie. Immer wieder erschütternd zu lesen, dass solche Genies vor dem Rassenwahn aus Deutschland fliehen mussten und viele ihrer Freunde und Verwandten es nicht geschafft haben.
Helga Wandel, 17.11.2018
2. Das Wort Brustmilch gibt es nicht
Englisch breast milk heißt im Deutschen Muttermilch. Ich wüsste nicht, dass Brustmilch als Synonym für Muttermilch verwendet werden kann.
Stefan Kirchner, 17.11.2018
3. keine Blitzpartie
Die gezeigte Partie war keine Blitzpartie, sondern es war vereinbart, dass die Differenz der verbrauchten Gesamtzeit der beiden Spieler nie mehr als fünf Minuten betragen darf (s. http://www.chesshistory.com/winter/extra/laskerthomas.html). Außerdem wird in einer Blitzpartie die Partie nicht nortiert, es existiert aber ein Partieformular (http://www.chesshistory.com/winter/winter75.html#6790._Edmund_Hoyle_C.N._6767). Ansonsten aber ein sehr schöner Artikel, gerne mehr davon.
Manfred Dwenger, 17.11.2018
4.
Super Artikel! Auch die Partie hat Spaß gemacht. Als letzten Zug zum Mattsetzen hätte man aber auch lang rochieren können. Wahrscheinlich wollte der feinsinnige Herr Lasker seinen Gegner nicht noch mehr demütigen.
G. E., 18.11.2018
5. Lt. Wikipedia...
...wurde Mona Karff 1914 geboren.
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