Fischer gegen Spasski Schachgenie und Wahnsinn

Psychokrieg beim Königsspiel: 1972 kämpften Boris Spasski und Bobby Fischer um die Krone im Schach. Das Duell machte den Sport weltweit populär - und den Sonderling Fischer zum Superstar. Doch das Genie zeigte sich bei der Weltmeisterschaft von seiner düsteren Seite.

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Boris Spasski - Anzug, Einstecktuch - sitzt auf seinem grün gepolsterten Stuhl in der Laugardalshöll Arena in Reykjavík, vor ihm steht ein hellbrauner Tisch mit einem Schachbrett. Es ist 17 Uhr Ortszeit in der isländischen Hauptstadt, die erste Partie der Schach-WM soll in diesem Moment beginnen. Spasski, der Weltmeister, ist bereit. Seine Sekundanten sind bereit. Der Schiedsrichter ist bereit. Nur der Gegner fehlt: Bobby Fischer.

Die Uhr beginnt zu laufen, Spasski zieht seinen weißen Bauern auf d4 und drückt seinen Knopf der Schachuhr. Jetzt läuft Fischers Zeit, doch der taucht nicht auf. Minuten vergehen, der sowjetische Großmeister steht auf, läuft durch den totenstillen Saal Richtung Schiedsrichtertisch. Doch auch dort ist man ratlos. Wo ist Fischer? Dann öffnet sich schließlich doch noch der weiße Vorhang und ein großer, schlanker Mann, ebenfalls im dunklen Anzug, läuft Richtung Schachtisch. Er schüttelt dem Gegner die Hand und entschuldigt sich: Er sei im Verkehr steckengeblieben.

Die Szene an diesem Nachmittag des 11. Juli 1972 ist der spektakuläre Auftakt eines Duells, das als Jahrhundert-Match in die Geschichte eingehen soll. Wie kein zweites Ereignis bestimmt es in den nächsten Wochen die weltweiten Schlagzeilen. Die WM-Partien werden live am Times Square in New York übertragen, Amateure spielen sie auf dem Roten Platz in Moskau nach. Jede Hausfrau beschäftigt sich plötzlich mit den Feinheiten der sizilianischen Eröffnung, der Absatz von Schachbrettern im New Yorker Kaufhaus Macy's verfünffachte sich.

Für die globale Aufregung gibt es zwei Gründe. Der erste ist die politische Dimension: Der Kampf zwischen Spasski und Fischer ist nicht nur ein Schach-Match, sondern ein Stellvertreterduell zweier verfeindeter Systeme mitten im Kalten Krieg. Der zweite Grund ist Bobby Fischer. Der großgewachsene 29-Jährige gilt als eigenwillig, exzentrisch, egoistisch - und als Schachgenie. Kann der kauzige Popstar der Schachwelt, gesegnet mit einem IQ von angeblich 186 und gestraft mit einer schwierigen Kindheit, die Dominanz der russischen Schachmaschine brechen?

Die ganze Welt stellt sich diese Frage im Juli 1972, Bobby Fischer kennt die Antwort schon lange. Zehn Jahre zuvor, Fischer war gerade 18 geworden, fragte ihn das "Harper's Magazin", ob er sich für den besten Schachspieler der Welt halten würde. "Nun, ich sehe so etwas nicht gern gedruckt, es hört sich dann so egozentrisch an", antwortete der junge Mann. "Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja."

Eigenwillig, exzentrisch, egoistisch

Selbstbewusstsein oder Arroganz? Zwischen diesen Polen schwankte er eigentlich immer. "Ich genieße es, wenn sich der Gegner windet", so zitierte der SPIEGEL Fischer als 14-Jährigen. Mit 28 sagte er: "Ich genieße den Augenblick, wenn ich das Ego eines Mannes zerstöre." Eine "turbulente Mischung aus Unreife, Arroganz, Paranoia und Überempfindlichkeit" attestierte ihm "Newsweek" - unumstritten war nur Fischers Genius, wenn er vor dem Schachbrett saß.

Vor der Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavík gilt der US-Amerikaner als Favorit. Mit einer nie dagewesenen Stärke hat Fischer in der Qualifikation für die WM seine Gegner demontiert. 6:0 hieß es in der ersten Runde gegen den sowjetischen Großmeister Mark Taimanow. 6:0 hieß es auch in der zweiten Runde gegen den Dänen Bent Larsen. Im Finale des Herausfordererturniers ist schließlich auch Tigran Petrosjan, Weltmeister zwischen 1963 und 1969, ohne Chance. Es ist klar, dass eigentlich nur eins diesen Fischer stoppen kann: Fischers Ego.

Dabei ist der Weltmeistertitel sein Kindheitstraum. Fischer spielt seit er sechs ist. Mit sieben beschäftigt er sich jede freie Minute mit Schach, sogar während des Essens. Mit acht ist er das jüngste Mitglied im legendären Brooklyn Chess Club in New York. Er spielt so exzessiv, dass seine Mutter Regina ihn zunächst zum Psychiater schickt. Doch der sagt nur: "Es gibt Schlimmeres, als von Schach besessen zu sein."

1958, mit 14, ist Fischer der jüngste Landesmeister der USA, mit 15 der jüngste Großmeister der Welt. Regina Fischer ist jetzt nicht mehr besorgt, sie ist entschlossen: Ihr Sohn soll berühmt werden. Der Junge tritt in Fernsehshows auf und geht auf Tour durch US-Städte, wo er mal gegen 40, mal gegen 60 Spieler gleichzeitig antritt. Er gewinnt meistens. Bilder von damals zeigen einen schüchternen Jungen im Strickpullover, der scheu in die Kameras blickt und sich ganz offensichtlich unwohl fühlt.

Ein unglaublicher Anfängerfehler

Auch als er 14 Jahre später durch den weißen Vorhang in die Laugardalshöll Arena tritt, stören ihn die Kameras. Kurz nachdem sich Fischer auf seinen eigens eingeflogenen Ledersessel gesetzt hat, dreht er sich irritiert um. Wenig später steht er auf und beschwert sich, die Kameras sind ihm zu laut, er habe geräuschlose Kameras gefordert. Er setzt sich dann trotzdem wieder hin, lümmelt mal im Sessel, sitzt mal konzentriert. Die erste Partie der WM verläuft ausgeglichen, bis Fischer im 29. Zug plötzlich einen unglaublichen Anfängerfehler begeht - und das Spiel verliert.

Der erboste Fischer fordert danach die Veranstalter auf, für die zweite Partie die Kameras ganz zu entfernen - und tritt nicht an, als diese sich weigern. Der Eklat ist perfekt, die WM scheint nur noch eine Farce zu sein, die Abreise Fischers aus Island sicher. Die zweite Partie wird für Spasski gewertet, es steht jetzt 2:0, der Titel ist offenbar nur noch Formsache.

Sieben Wochen später ist trotzdem nicht Spasski Weltmeister, sondern Bobby Fischer. Er hat dem Kontrahenten auf dem Schachbrett keine Chance gelassen - doch der eigentliche Grund für seinen Sieg ist ein beispielloser Psychokrieg.

Vor der dritten Partie erzwingt er die Verlegung aus dem Saal in einen kleinen Tischtennisraum. Spasski beschwert sich über den Straßenlärm, Fischer gewinnt. Zu den nächsten Partien kommt er regelmäßig zu spät und gewinnt trotzdem. Posaunt seine Größe heraus, lässt sich von Kollegen wie dem argentinischen Großmeister Miguel Najdorf feiern und bezeichnet Spasski wenig später wieder als "guten Freund".

Wilde Verschwörungstheorien

Der ist völlig durch den Wind - und liegt nach 20 Partien schon hoffnungslos hinten. Fischer, der 12,5 Punkte für den Titel braucht (ein Unentschieden wird mit einem halben Punkt bewertet), hat das Blatt gewendet. Später bestreitet Fischer, dass seine Taktik Teil psychologischer Kriegsführung gegen Spasski gewesen sei: "Ich glaube nicht an Psychologie. Ich glaube an gute Züge."

Für die russische Delegation ist das Comeback des Schachgenies ein Schock. Mit wilden Verschwörungstheorien versuchen die Sekundanten Spasskis ein letztes Mal, das Turnier noch zu ihren Gunsten zu entscheiden. In einem Protestschreiben an die Turnierleitung machen die Helfer um Großmeister Jefim Geller "elektronische Geräte und chemische Substanzen" für den Leistungseinbruch Spasskis verantwortlich und fordern eine Untersuchung durch Experten.

Und tatsächlich: Ein Ingenieur und ein Chemieprofessor aus Island prüfen die Luft, scannen die Stühle der beiden Kontrahenten mit Röntgenstrahlen und nehmen selbst die Deckenlampen auseinander. In einer Lampe werden sie schließlich fündig: Dort liegt eine tote Fliege.

Bobby Fischer machte auch in den nächsten Jahren noch Schlagzeilen, allerdings keine positiven. Der Mann, der die Schachdominanz der Sowjetunion durchbrochen hatte, weigerte sich 1975, seinen Titel gegen Anatoli Karpow zu verteidigen. Fischer tauchte unter, galt zwischenzeitlich als verschollen und spielte erst 1992 wieder öffentlich Schach. Da trat er in Serbien zu einem umstrittenen Revanche-Match gegen Spasski an und gewann mehr als drei Millionen Dollar. Doch aus dem Schachgenie von einst war mittlerweile ein Antisemit und USA-Hasser geworden. 2001 begrüßte er öffentlich die Anschläge vom 11. September.

Fischer, der mit seinem Match in Belgrad gegen das US-Wirtschaftsembargo verstoßen hatte, drohten zehn Jahre Haft in seiner Heimat. 2004 wurde er festgenommen, emigrierte jedoch 2005 nach Island. Dort, an der Stätte seines größten Triumphes, starb er am 17. Januar 2008 an Nierenversagen.

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Meinhard Boberlin, 02.09.2012
1.
Es war KEIN Anfängerfehler. Das denkt man zuerst, aber die Experten haben inzwichen jahrzehntelang analysiert. Fisher hatte in einer für ihn chancenreichen Variante etwas übersehen (5 Züge später), und objektiv, bei bestem Spiel beidser Seiten, war die Stellung immer noch Remis.
Martin Kratz, 02.09.2012
2.
Die psychologische Komponente gehört zum Schachspiel. Meine erste Turnierpartie habe ich gewonnen, nachdem ich an einer Stelle, an der es nichts zu überlegen gab, einfach mal 30 Minuten die Zeit von der Uhr laufen gelassen habe und intensives Nachdenken gemiemt habe. Der Gegner ist dabei immer aufgeregter und siegessicherer geworden und hat kurze Zeit später einen Fehler gemacht.
Peter Köker, 02.09.2012
3.
Dieses ist ein schwacher Artikel; es werden nur die allgemein bekannten Klischees wiederholt. Kurzes googeln liefert eine Fülle von teils verwirrenden Details; selbst der Wikipediaartikel (englische Version) ist um Längen besser. http://en.wikipedia.org/wiki/Bobby_Fischer - Regina Fischer wurde jahrzehntelang vom FBI überwacht; nur weil sie Pazifistin war? - Bobby Fischer war Jude; wie wird man da zum Anitisemiten? - Bobby Fischer hatte vermutlich das Asperger Syndrom; erklärt das vielleicht sein bizarres Verhalten?
Florian Schulz, 03.09.2012
4.
"Doch aus dem Schachgenie von einst war mittlerweile ein Antisemit und USA-Hasser geworden." Wusste gar nicht, dass das eine das andere ausschließt?
Hans Meuer, 03.09.2012
5.
Ich erinnere mich sehr gut an den Wettkampf Spasski-Fischer im Jahre 1972. Ich war zu dieser Zeit in USA und damals noch ohne Internet auf die Notation der Spiele auf der esten Seite der NYT angewiesen. Es war unglaublich aufregend und spannend. Hans Meuer
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