Schaufenster in der DDR Die reine Leere

Schaufenster in der DDR: Die reine Leere Fotos
Siegfried Wittenburg

Shopping? Shocking! Das Warenangebot in der DDR war oft kleiner als die Nachfrage. Auf der Jagd nach Winterschuhen wurde auch Siegfried Wittenburg mit den frustrierenden Folgen der Planwirtschaft konfrontiert - und dokumentierte den Mangel mit einer kuriosen Fotoserie. Von

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Es war ein Donnerstag. Donnerstag war Liefertag. Die staatlichen Konsum- und HO-Verkaufsstellen, die Delikat- und Exquisitläden, die Jugendmode und die Centrum-Warenhäuser wurden mit Waren versorgt. Damit kannte ich mich aus. Denn ich war ein Staatsbewohner der DDR, ein ganz normaler Bürger: mit einem normalen Arbeitsplatz, einem normalen Verdienst und bereits seit Wochen auf der Suche nach gefütterten Winterschuhen.

In den ganz normalen Schuhgeschäften gab es Damen-, Herren- und Kinderschuhe, Halbschuhe und Sandaletten in schwarz, braun und manchmal auch in beige. Aber es gab für die kommende kalte Jahreszeit keine gefütterten Winterschuhe. Die Verkäuferinnen antworteten bei meinen Nachfragen regelmäßig mit einem Kopfschütteln, einem Ausdruck des Bedauerns im Gesicht und einem leisen Versprechen: "Am Donnerstag kommt wieder Ware."

Als sich mein Gefühl verdichtete, dass endlich die ersehnte Lieferung eintreffen könnte, fragte ich auf meiner Arbeitsstelle im volkseigenen Betrieb meinen staatlichen Leiter, ob ich von meinen geleisteten Überstunden vier abbummeln dürfe, um am Nachmittag die Geschäfte nach gefütterten Winterschuhen abzuklappern. Er sah mich verständnislos an und wies mich darauf hin, dass der staatliche Plan und der Gegenplan für die Steigerung der Arbeitsproduktivität noch nicht erfüllt seien und jede abgerechnete Überstunde für die Planerfüllung wichtig sei.

Ich entgegnete, dass ich für die Erfüllung des Planes zweckmäßiges Schuhwerk bräuchte, denn schließlich hätte ich die Arbeitsschutzbelehrung für den Plan zur stetigen Senkung der Zahl von Arbeitsunfällen unterschrieben. Daraufhin erwiderte er, dass ich die Überstunden doch gut bezahlt bekomme und fragte, ob ich denn das Geld nicht brauche. Jetzt sah ich ihn verständnislos an. Nun, die Partei hatte immer recht. Ich hätte auch recht haben können, wenn ich es nicht abgelehnt hätte, in der Partei zu sein. Gönnerhaft ließ mich mein staatlicher Leiter endlich gehen.

Wegen Warenannahme geschlossen

Nach einer S-Bahnfahrt durch die ausgedehnte Plattenbausiedlung der Bezirksstadt empfing mich ein lebendiges Stadtzentrum mit Fußgängerzone, Springbrunnen, Geschäften, Bratwurststand, Cafés und historischen Gebäuden. Zivilpersonen aus den staatlichen Behörden und Verwaltungen, einige NVA-Offiziere und viele Frauen mit Kinderwagen bevölkerten auf der Suche nach angekündigten Lieferungen die Meile. Ich ging in die Schuhabteilung des Centrum-Warenhauses, überflog mit den Augen das Angebot und äußerte der Verkäuferin gegenüber meinen Wunsch. Sie zuckte mit den Schultern und teilte mir mit, dass die gefütterten Winterschuhe seit einer halben Stunde ausverkauft sind. Am nächsten Donnerstag käme neue Ware, fügte sie tröstend mit leiser Stimme hinzu.

Die Hoffnung nicht aufgebend, ging ich zum nächsten Schuhgeschäft, drückte die Klinke hinunter und prallte gegen die verschlossene Eingangstür. Ein abgenutztes Schild verkündete: "Wegen Warenannahme bis 18 Uhr geschlossen." Etwa hundert Meter weiter entdeckte ich vor einem weiteren Schuhgeschäft eine lange Schlange. Ich erfuhr, dass es dort gefütterte, halbhohe Winterschuhe der Marke Salamander gab. Zweite Wahl, also solche, die im Auftrag des westdeutschen Unternehmens in der DDR hergestellt, aber wegen Mängeln nicht dort ausgeliefert worden waren. Ware aus der sogenannten Gestattungsproduktion - zum Preis von 237,00 Mark. Ich rechnete aus, dass dies für mich eine Woche Normalarbeitszeit mit einigen Überstunden bedeute und stellte mich an. Innerhalb einer guten Stunde rückte ich in der Schlange bis ins Ladeninnere vor und sah, dass der Stapel mit meiner Schuhgröße, normale 43, schon sehr zusammengeschrumpft war.

Plötzlich entstand ein Tumult. Ein Kunde wollte gleich drei Paar dieser Schuhe kaufen. Der Verkaufsstellenleiter schritt ein. An seinem Revers glitzerte das ovale Parteiabzeichen der SED. Der Kunde wehrte sich und schimpfte, dass er drei große Jungs zu Hause habe, die jedes Jahr aus ihren Winterschuhen herauswüchsen. Der Verkaufsstellenleiter wies ihn zurecht, dass das jeder behaupten könne und er keine Hamsterkäufe dulde. Jeder bekomme nur ein Paar Schuhe und damit fertig.

Auf dem Stapel standen noch drei Paar Schuhe meiner Größe, und vor mir standen noch zwei Männer und eine Frau. Ich freute mich schon, denn eine Frau würde sich wohl keine Herrenschuhe kaufen, dachte ich. Doch sie nahm das letzte Paar und sagte, dass es für ihren Mann sei und die Größe schon passen würde, schließlich sei es Salamander. Und wenn nicht, wüsste sie jemanden, der ebenfalls gefütterte Winterschuhe bräuchte.

Alles für das Wohl des Volkes

Die Kundin schrieb einen Scheck der staatlichen Sparkasse aus, und ich ging enttäuscht in den staatlichen Buchladen gegenüber. Das Angebot überschaute ich mit wenigen Blicken und entdeckte nichts Neues. In der "roten Ecke" lagen die Schriften aus dem SED-eigenen Dietz-Verlag, stapelweise gesammelte Werke von Wladimir Iljitsch Lenin und Karl Marx. Keine Schlange, kein Gedränge, keine Hamsterkäufe. Bücher im Überfluss. Über dem Regal war ein Dekorationselement angebracht. Das Emblem der SED. Dazu der Schriftzug "Leseland DDR. Alles für das Wohl des Volkes".

Im Buchladen traf ich einen Bekannten, blickte auf seine Schuhe und sah, dass er die gleichen Schuhe trug, die mir entgangen waren. Ich beglückwünschte ihn zu seinem Glück. Er aber entgegnete, dass er sie per Paket aus dem Westen bekommen habe. Dort würden sie in einem Katalog angeboten, erfuhr ich - für rund 60 D-Mark.

Am Tag darauf erinnerte mich mein staatlicher Leiter am Morgen, dass nach Feierabend die "Schule der sozialistischen Arbeit" durchgeführt werde und die Teilnahme für alle Mitglieder des Kollektivs Pflicht sei. Das Thema lautete: "Die subversiven Störversuche des Klassenfeindes beim Aufbau des Sozialismus in unserer Menschengemeinschaft."

Ich machte lieber Überstunden.

Die teilweise bislang unveröffentlichten Aufnahmen des Fotografen Siegfried Wittenburg sind in der Ausstellung "Leben in der Utopie" bis voraussichtlich Ende November in der "Galerie im Stilwerk", Grünstraße 15, 40212 Düsseldorf zu sehen.

Zum Weiterlesen:

Im Mitteldeutschen Verlag erschien 2012 das gleichnamige Buch mit einer Einführung von Valeria Liebermann und weiteren Geschichten des Bild- und Textautors.

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1.
Martin Schreiber, 29.10.2012
Viele Schaufenster sehen in meiner Stadt heute genauso aus. Circa ein Drittel. Leerstand durch Abwanderung und Niedriglöhne.
2.
Werner Schmidt, 29.10.2012
1. Fleisch für Rouladen ist kein hochwertiges Fleisch. 2. Milch gab es immer und überall, z.B. auch in den Schulen. 3. Warum wird die DDR und ihre Menschen immer wieder als kurioses kleinen Ländchen dargestellt? Wir haben hier weder gehungert, noch sind wir nackt durch die Welt gegangen. Wir haben uns nicht den lieben langen Tag nur damit beschäftigt, was es alles nicht gab, sondern haben uns arrangiert. Für die meisten Menschen war die DDR Heimat, trotz der Entbehrungen.
3.
Thomas Ludwig, 29.10.2012
Letztens war doch hier ein Artikel über den schlechten Zustand der Innenstädte und deren historischer Bausubstanz. Heute lese ich über die schlechte Versorgung mit Konsumgütern am Beispiel von Winterschuhen. Ich habe keine Ahnung, was die Autoren der Artikel an Salär erhalten, ich würde aber gerne davon partizipieren. Folgende Themen kann ich anbieten - Es gab keine Wurst - Immer nur Kartoffelsuppe - Warum das Toilettenpapaier so war wie es war - Schrebergärten, Schwarzmärkte und blaue Fliesen - Der Himmel voller Geigen, aber keine Gitarren! - Nur am Mangel mangelte es nicht Natürlich kann man auch den bisherigen Autoren den Wettstreit um den langweiligsten Artikel um die langweiligste DDR der Welt einfach so überlassen. Was daran interessanter ist als an der damaligen Schaufenster- oder Architekturödnis habe ich bislang offensichtlich überlesen
4.
Olaf Nyksund, 29.10.2012
Immerhin - es gab manchmal Schuhe zu kaufen. Im sozialistischen Bruderland VR Polen etwa waren zu dieser Zeit Schuhe - wie auch sonst fast alle Konsumgüter - nur "auf Karten". Habe neulich eine dieser Bezugsscheine aus den 1980er geschenkt bekommen, bei deren Druck sogar an Farbe und Papier (alles braugrüner Brei) gespart wurde. "Schuhe: 1 Paar", stand da unter anderem. Ein Paar pro was? Pro Jahr. Welche Art Schuhe? Na, welche eben da waren. Meistens Sandalen im Winter, Winterstiefel im Sommer. Das auch noch nach einer Endlos-Schlange, in der am Abend davor niemand sicher war, ob die Ware denn kommen würde oder nicht. Alles für das arbeitende Volk. Nie wieder. Danke für das Teilen, fantastische Bilder, geben die Tristesse und die stabile Hoffnungslosigkeit jener Jahre perfekt wieder.
5.
Jens Ziegenbalg, 29.10.2012
@ Werner Schmidt Herr Wittenburg muß aber ganz besonderes Rouladenfleisch gemeint haben - denn der gemeine Werktätige war ja nicht nur im VEB faul sondern auch am Wochenende.. wollte nichtmal kochen... und da mußte es schnell gehen. Und nun wüßte ich gern welches hochwertige Fleisch man für die Wittenburgschen Schnell-Rouladen braucht. Im übrigen bin ich froh bis 1989 nicht in Rostock gelebt zu haben. Dresden war bestimmt auch nicht das ersehnte Arbeiterparadies - aber das hier immer wieder geschilderte Rostocker Leben war ja nur grau, griesgrämig, Parteisoldaten allüberall und zu lesen gabs nur Marx, Engels und Lenin. Ich gebe zu, im Buchladen habe ich seinerzeit eher nach Techniklektüre geschaut, über alte und neue Autos, Flugzeuge etc. Aber ich kann mich dunkel erinnern in Schule und Bibliothek etwas von Böll, Xaver Schwarzenberger, Aitmatov (mehr als Djamila), Braun (auch heute noch unbequem), Heym usw. gelesen zu haben... dazu die übliche französische Unterhaltungsliteratur von Dumas über Verne, Merle... Und wie kommen manche Bücher in meinen Bücherschrank, wenns die doch gar nicht gab?
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