Filmzwillinge Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Schauspieler im Duell mit sich selbst, in der Rolle von Zwillingen - das bedeutet double trouble. Nicolas Cage und Jeremy Irons ächzten unter dieser Herausforderung. Und Adam Sandler wurde mit Schmähpreisen überhäuft.

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Da liegt er nun, der gefeierte Oscar-Gewinner Nicolas Cage. Und spricht mit einem Tennisball. Rundum sind Scheinwerfer aufgebaut. Die Kamera zeichnet auf, wie er mit schütterer Lockenperücke und deutlicher Wampe unterm Hemd auf einem Hotelbett liegt und auf den Ball im Bett gegenüber einredet.

Seine Stimme wird lauter, immer heftiger die recht einseitige Diskussion. Cage weiß ja, was sein Gegenüber im Film antworten wird: Nur kurz zuvor hat er selbst in leicht veränderter Kleidung auf eben jener Ball-Position im anderen Bett gelegen und all die Sätze gesprochen, auf die er nun reagiert. Er hört sie über einen kleinen Anstecker im Ohr. Das Gespräch, das er mit sich selbst führt, soll später im Kino die perfekte Illusion herstellen: Cage in zweifacher Ausführung. Als Zwillingspaar Donald und Charlie Kaufman, Hauptfiguren im Film "Adaption - der Orchideen-Dieb".

In Interviews zur Premiere 2002 erklärte der Hollywood-Star, er habe sich die Arbeit leichter vorgestellt: "Ich wollte Zwillinge spielen, weil das eine besondere Herausforderung ist." Bei der Idee mit dem Tennisball als Spielpartner wuchs sein Misstrauen. Zudem war die Handlung alles andere als simpel: "Adaption" ist ein Film über das Filmemachen. Drehbuchautor Charlie Kaufman, bekannt für schräge Erzählungen wie "Being John Malkovich", hatte eine Geschichte nach eigenen Erfahrungen verfasst.

Völlig verwirrter Oscar-Preisträger

Zunächst strandete Kaufman beim Drehbuchentwurf zum Bestseller der US-Journalistin Susan Orlean über einen Orchideendieb. Um die Schreibblockade zu überwinden, beschloss er, darüber zu schreiben, wie er versucht, das Buch in ein Filmscript zu adaptieren. Dazu erfand Kaufman den Zwillingsbruder Donald, der ebenfalls Drehbücher schrieb und gemeinsam mit ihm die Geschichte verfasste.

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Filmzwillinge: Aus eins mach zwei

Klingt verwirrend? War es auch für Hauptdarsteller Nicolas Cage, zumal die Zwillinge so gegensätzliche Charaktere waren. Charlie sollte - wie der reale Drehbuchautor - unsicher wirken: komplexbeladen, verstört im Umgang mit Frauen. Ein Lebemann dagegen Donald: nicht die hellste Kerze auf der Torte, dafür selbstbewusst, stets ein Lächeln auf den Lippen, ein Womanizer.

Cage ist bekannt für seinen Hang zum Method-Acting: Er will mit den Figuren verschmelzen - auch außerhalb des Sets. Doch wie sollte das bei zwei völlig verschiedenen Figuren gelingen?

"Ich begann den Tag als Donald, voller positiver Energie", erzählte Cage später. "Dann musste ich den frustrierten Charlie spielen, was mich schon spürbar reizte." Wenn erneut der Donald-Part dran war, konnte er seine Wut kaum mehr zügeln. "Ich wusste nicht mehr, wer ich war."

Gynäkologen im Wahnsinn

Regisseur Spike Jonze versuchte zu helfen. Tennisball und Ohrstöpsel sollten Cage die Illusion vermitteln, auf eine andere Figur zu reagieren. Für manche Szenen ließ Jonze auch Cages Bruder Marc Coppola wie den anderen Zwilling schminken und als Körperdouble auftreten. Das verwirrte den Cage nur zusätzlich: "Zum Schluss meinte ich zu Spike: 'Sag mir genau, was ich zu tun habe. Ich weiß es nicht mehr'."

Die Mühen sollten sich auszahlen. Diesmal priesen Kritiker den sonst durchaus umstrittenen Schauspieler, er wurde für einen Oscar und den Golden Globe nominiert. Und dass ihn David Cronenberg in einem Brief lobte, bedeutete ihm eine besondere Anerkennung.

Der kanadische Filmemacher hatte 1988 einen Zwillingsfilm gedreht, der Nicolas Cage bei den Vorbereitungen nützlich war: "Die Unzertrennlichen". Jeremy Irons verkörpert darin Beverly und Elliot Mantle. Das Brüderpaar versteht sich fast ohne Worte und betreibt gemeinsam eine gynäkologische Praxis. Als Beverly sich in eine Patientin verliebt, reißt das enge Band zwischen ihnen - was die Brüder in den Wahnsinn treibt. Cronenbergs mit Horrorelementen versetzte Drama gilt bis heute als Paradebeispiel dafür, wie nuanciert eine Zwillings-Darstellung gelingen kann.

Irons ließ sich zu Drehbeginn zwei Umkleiden einrichten, für den schüchternen Beverly und den extrovertierten Elliot. Und merkte bald: So funktioniert das nicht. "Der ganze Sinn bestand ja darin, dass man sich nicht sicher war, welche der beiden Figuren ich gerade darstelle", sagte Irons später.

Spott hoch zehn

Auszutarieren versuchte er beide Brüder dann über einen "inneren Ansatz" und konzentrierte sich auf "Energiepunkte" im Körper. Welche Körperteile genau er wählte, vom Adamsapfel bis zur Stirn, verriet Irons nicht. Manche Beobachter behaupten, als Elliot habe er sein Gewicht auf die Zehenspitzen verlagert, dagegen den introvertierten Beverly auf den Fersen gespielt.

Eine starke Vorstellung - dabei war Jeremy Irons nicht die erste Wahl. Für die Doppelrolle wollte Regisseur David Cronenberg zunächst Oscar-Preisträger William Hurt. Der aber sagte ab: "Es ist schon schwer genug, EINE Rolle zu spielen."

Wie schnell ein Zwillingsfilm zur ungewollten Lachnummer werden kann, erlebte US-Komiker Adam Sandler, als er in "Jack und Jill" einen Werbeproduzenten und seine Zwillingsschwester darstellte. Es ist bis heute der einzige Film, der zehn "Goldene Himbeeren" erhielt - den Schmähpreis von Hollywood. In allen Kategorien. Allein Sandler wurde siebenfach negativ prämiert: unter anderem als schlechtester Schauspieler, schlechteste Schauspielerin und schlechtestes Leinwandpaar.

Ungeachtet dieses Spotts sind es vor allem komische Komödien, die das Zwillingsmotiv immer wieder auffrischten. Bette Midler und Lily Tomlin, Theo Lingen und Heinz Erhardt - viele Komiker haben sich im Film verdoppelt. Oder traten gar als Drillinge auf.

Verfeindete Schwestern, helfende Brüder

Ein Hollywood-Hoch erlebten Zwillingsrollen in den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren: als beliebtes Sujet zur Zeit des Film Noir, des Krimis über gebrochene Helden und zwielichtige Frauen. Sie verunsicherten das Publikum, welcher Figur es überhaupt trauen kann. Auffällig: Zumeist waren es Frauenrollen. Ob Bette Davis, Olivia de Havilland oder María Montez - sie alle spielten Schwestern, die sich in denselben Mann verliebten und zu Erzfeindinnen wurden.

Kulturwissenschaftlerin Juliana de Nooy hat es in ihrer Untersuchung von Zwillingsfilmen so auf den Punkt gebracht: Während Zwillingsschwestern im Kino meist als Rivalinnen auftreten, sind sich Zwillingsbrüder oft besonders nahe und schaffen gemeinsam etwas Großes.

So wie den Kaufman-Brüdern in "Adaption". Am Ende gelingt es Charlie nur dank Donalds Hilfe, das Drehbuch fertigzustellen - auch wenn Donald bei der Recherche sogar sein Leben opfert. Nicolas Cage zählt diese Rolle bis heute zu den wichtigsten seiner Karriere. Aber eines ist ihm seit dem Dreh klar: "Ich werde mich nicht noch einmal auf eine Zwillingsgeschichte einlassen."

Welche Schauspielerin begann mit der Verfilmung eines deutschen Zwillings-Kinderbuches ihre Karriere? Was war der schönste Doppelkopf-Klamauk, wer verblüffte als Drilling? Schauen Sie mal in die einestages-Fotostrecke.

insgesamt 8 Beiträge
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Lennart Lafaire, 15.09.2017
1. Bud Spencer & Terence Hill
Eine schöne Bilder Folge, allerdings dürfen auf keinen Fall Bud Spencer und Terence Hill in 4 Fäuste gegen Rio fehlen! :D
Thomas Berger, 15.09.2017
2. Nur ihre Mutter kann sie auseinander halten.
Das beste Film-Zwillingspaar spielten Danny DeVito und Arnold Schwarzenegger in Twins. Zitat: "Nur ihre Mutter kann sie auseinander halten."
Marcel Jungwirth, 15.09.2017
3. Ein kleiner Fehler hat sich eingeschlichen...
"Mini-Me" in "Austin Powers" wurde nicht von Mike Myers, sondern von Verne Troyer gespielt.
Ralf Böpple, 15.09.2017
4.
Ist jetzt natürlich kein Film, sondern eine Fernsehserie, aber die Emmy-prämierte Leistung von Tatiana Maslany in "Orphan Black" schlägt sicherlich alle Rekorde, was Anzahl, Menge und Intensität der Interaktionen von Zwillingen/Klonen in diesem Medium betrifft...
Richard Hühnerfuß, 15.09.2017
5. Orphan Black
sollte wirklich nicht vergessen werden. Die Serie hat in späteren Staffeln durchaus ihre Schwächen, aber die verschiedenen Klon-Schwester-Rollen sind wirklich überzeugend gespielt.
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