Schienen-Nostalgie Fahrn, fahrn, fahrn mit der Straßenbahn

Geliebt, gelobt - verschrottet: 1978 wurde eines der ältesten und größten Straßenbahn-Streckennetze Deutschlands stillgelegt. Generationen von Hamburgern fuhren mit den rotweißen Bahnen zur Schule, zur Arbeit, ins Schwimmbad - der Phantomschmerz hält bei vielen bis heute an.

Ulrich Alexis Christiansen/Peter Martin

"Eigentlich wäre ich lieber Straßenbahnfahrer geworden." In dem kleinen Satz klingt mehr als nur ein klein wenig Enttäuschung durch, aber so ist es nun einmal gekommen. Als sich Peter Martin 1970 bei der Hamburger Hochbahn um eine Stelle bewarb, war er noch keine 21 Jahre - und damit "zu jung", wie sich der heute 58-Jährige erinnert, um die schweren Straßenbahnwagen durch das Verkehrsgewühl in Deutschlands zweitgrößter Stadt steuern zu dürfen.

Während die Hochbahn dem jungen Verkehrsfanatiker einen Job bei der U-Bahn verpasste, blieb seine Leidenschaft - die Straßenbahn - ein Leben lang. Schaffnertaschen, Uniformen, ausgemusterte Fahrkartendrucker und Dutzende alter Fahrpläne nebst unzähliger Straßenbahnenmodelle hortete Martin über die Jahrzehnte in seiner kleinen Dreizimmerwohnung im Nordosten Hamburgs - ein nostalgiegetränktes Privatmuseum im Miniaturformat, in dem er wehmütig auf ein altes Haltestellenschild in der Ecke zeigt: "Da hängt noch der letzte Originalfahrplan von 1978 dran."

Rückblick: Genau 30 Jahre ist es her, dass der letzte Zug, der kantigen, in Rot und Crèmeweiß gehaltenen Hamburger Straßenbahnen am 1. Oktober 1978 flaggengeschmückt für immer ins Depot rollten. Es war das Ende einer mehr als einhundert Jahre währenden Epoche der Verkehrsgeschichte. Schon vor 1880 hatten Pferde- und (ab 1898) elektrische Straßenbahnen die Hamburger von A wie Alsterdorf nach B wie Barmbek befördert. Es war einst eines der größten Streckennetze Deutschlands und bildete bis weit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg das Rückgrat der mobilen Stadtgesellschaft - Generationen von Hamburgern kannten nichts anderes als die Straßenbahn - für den Weg zur Schule, zu Freunden, zur Arbeit oder ins Schwimmbad.

Störfaktor Straßenbahn

Das Ende allerdings kam mit Ansage. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die zerbombten Straßenbahngleise zügig instandgesetzt und es wurden sogar neue Strecken in die Hamburger Außenbezirke gebaut - dort nämlich wohnten jetzt die Ausgebombten aus der Innenstadt, die dringend auf ein schnelles Verkehrsmittel angewiesen waren. Aber nur wenige Jahre später wandten sich die Verkehrsplaner von der "Elektrischen" ab - in dem rasant zunehmenden innerstädtischen Autoverkehr im noch jungen Wirtschaftswunderland war sie für manche zum Störfaktor geworden.

Richten sollte es nun die Untergrundbahn - jeder neu eröffneten U-Bahn-Strecke fielen an der Oberfläche gleich haufenweise Straßenbahnlinien zum Opfer. Schon 1958 beschloss der Hamburger Senat daher ganz offiziell, die Straßenbahn langfristig aufs Abstellgleis zu rangieren. Es ist das Jahr, in dem der Grundschüler Peter Martin von seinen Eltern den ersten Fotoapparat geschenkt bekam. Das Taschengeld reichte gerade mal für ein paar Filme und Abzüge, und während andere Kinder im Sandkasten Räuber und Gendarm spielten, ging der Achtjährige auf die Jagd der anderen Art.

Nach und nach bannte der kleine Peter einen Straßenbahnwagen nach dem anderen für die Ewigkeit auf Zelluloid - Grundstock einer heute einmaligen Sammlung, die den langen Abschied von Hamburgs Straßenbahn mit Herzblut und Liebe zum Detail dokumentiert: den Alltagsbetrieb, die Vorbereitungen für Streckenstilllegungen, die letzten Fahrten und schließlich das Verschrotten der alten Fahrzeuge. Bald kannten viele Schaffner Peter mit seiner Knipskiste und verhalfen ihm zu guten Motiven. Doch seine besten Freunde waren die "Kollegen" von den Betriebshöfen: Hier staubte er ein ausgemustertes Schild ab, dort eine überflüssige Werbetafel oder ein altes Fahrplanheft. Statt Cowboyhut wie seine Kameraden trug er lieber Schaffnermütze, statt einem Colt bastelte er sich im heimischen Keller einen Fahrkartendrucker aus Holz. Nur bei einem Freizeitspaß trafen sich die Interessen: Zehn-Pfennig-Stücke auf die Straßenbahnschienen zu legen und von den tonnenschweren Wagen plattdrücken zu lassen.

Wenn Souvenirjäger in voller Fahrt schrauben

Ab etwa 1960 mussten sich die Hamburger daran gewöhnen, dass fast jedes Jahr eine Straßenbahnstrecke nach der anderen stillgelegt wurde. Mitte der siebziger Jahre war allerdings kaum noch Geld für den Ausbau der U-Bahn vorhanden, die geplante Verlagerung des Nahverkehrs in den Untergrund illusorisch. Dennoch besiegelte die Hamburger Bürgerschaft Anfang Februar 1977 endgültig das Schicksal der Straßenbahn; hochflexible Buslinien sollten sie künftig ersetzen. Die beiden vorletzten Linien 1 und 14 wurden bereits im Mai 1977 eingestellt, zum Exekutionsdatum für die letzte verbliebene Linie 2 wurde der 30. September 1978 bestimmt, der letzte Betriebstag des Sommerfahrplans.

Dann geschah Seltsames: Je näher dieser Tag X rückte, desto mehr Hamburger wandelten sich von Kritikern oder Uninteressierten zu Fans. Ganze Familien oder Kollegenkreise organisierten gemeinschaftliche Abschiedsfahrten auf Linie Nummer 2 mit ihrer rund 12 Kilometer langen Strecke zwischen dem Rathausmarkt in der Hamburger Stadtmitte und Schnelsen im Nordwesten der Hansestadt.

Und mehr noch: In den letzten Wochen vor der Stilllegung häuften sich die Betriebsstörungen durch Souvenirjäger, die sich an der Ausstattung bedienten - wie jener von Nostalgie überwältigte Fahrgast, der einfach während der Fahrt aus einem Sicherungskasten im Fahrgastraum eine Sicherung herausschraubte und so die Bahn mitten im Berufsverkehr zum Stillstand brachte. Als in der Nacht zum 1. Oktober 1978 die letzte fahrplanmäßige Bahn, besetzt bis auf den letzten Platz, nachts kurz vor halb eins am Rathausmarkt abfuhr und mit deftiger Verspätung von fast einer Stunde an der Endstation ankam, war sie von den Fahrgästen soweit demontiert worden, dass sie unterwegs mehrfach stehenblieb und es nur noch mit Mühe zurück zum Betriebshof schaffte.

Abschied voller Wehmut

Über 200.000 Hamburger nahmen an diesem Tag bei einem Volksfest Abschied von ihrer Straßenbahn - eine unglaubliche Zahl. Brav aufgereiht standen die letzten 39 rot-weißen Wagen auf dem Rathausmarkt nebeneinander, bevor sie gemeinsam im Konvoi ein letztes mal auf die Strecke gingen; Kinder wie Erwachsene drückten sich an den Scheiben die Nasen platt, nicht wenige mit einer Träne im Knopfloch und einem Schraubenzieher im Mantel. Zahllose Hobbyfilmer verdrehten an diesem kalten Herbsttag kilometerweise Super-8-Filme, dass man glauben mochte, der Schmalfilm sei das neue Hobby der Hanseaten.

In den Wochen nach Einstellung der Straßenbahn wurden deren Anlagen schnell beseitigt. Auf den alten Trassen entstanden meist Bus- und Taxispuren, aus den ehemaligen Depots wurden Baumärkte oder Einkaufszentren. Die meisten Trams landeten auf dem Schrottplatz, nur einige wenige überlebten als Imbiss im Hafen, im Vorgarten eines Liebhabers oder als kurzlebige Attraktion in einem Vergnügungspark in der Lüneburger Heide. Eine Hamburger Straßenbahn steht an der Westküste der USA bei San Francisco im Museum, eine andere an der Ostküste.

Für Peter Martin, den Straßenbahn-Dokumentar, ist die Erinnerung an die kreischenden, funkensprühenden und dennoch so symphatischen Ungetüme mit ihren unbequemen "Durofol"-Schalensitzen mehr als nur Geschichte und auch nach 30 Jahren ist er mit seiner Leidenschaft nicht alleine: Der Verein der Verkehrsamateure betreibt in Schönberg an der Ostsee ein kleines Museum mit alten Schienen und Weichen aus Hamburg, in dem an Sommerwochenenden einige der bulligen Bahnen aus Hamburg ihre Runden drehen. Und der Straßenbahnfahrer Edmund Spieß, der damals vor dreißig Jahren bei der letzten Fahrt der Linie 2 vorne im Fahrerkabuff an der Kurbel saß, gedachte seiner alten Liebe noch lange auf eine besondere Weise: Jedes Jahr wieder am 30. September belud Spieß sein Auto mit Straßenbahn-Andenken und fuhr noch einmal die alte Strecke ab.

Jede Haltestelle soll er dabei angesagt haben.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Ferdi Keuter, 17.05.2010
1.
Mit der Tram ?28? um 14:30 von Alsdorf nach Eschweiler. Ich komme gerade von der Berufsschule und will nach Hause. Als Verkehrsmittel steht mir im Jahre 1953 nur die Straßenbahn zur Verfügung, die Fahrt mit dem Rad ist mir zu umständlich und mit etwa 15 km auch zu weit. Mit einigen Schulkollegen warte ich auf unsere ?28?.Sie wird wie immer sehr voll werden. Schon in Alsdorf werden die Sitzplätze auf den Holzbänken rar. In einer Ecke sitzt eine ältere Frau, die ein Paket mit einem noch unbekannten auf dem Schoß liegen hat. Dies ist ziemlich grob in Zeitungen verpackt. In Höngen, an der Grube *?Anna 2?, steigen Bergleute ein. Ihre Augen sind vom Staub der Kohle mit schwarzen Rändern fast entstellt. Nun haben sie Feierabend. Da die Tram überfüllt ist, stehen einige auf einer der Plattformen am Anfang und Ende eines jeden Waggons. Im Innern tut sich was, die Fahrgäste werden unruhig. Die Frau mit dem Paket auf dem Schoß hat aus diesem einen Hering geholt. Von diesem entfernt sie das Salz, dann den Kopf und reißt ihn an der Unterseite mit den Fingern auf. Nach dem alles Ungenießbare entfernt ist, wird der Hering genüsslich verspeist. Ihre Nachbarn haben ihre Plätze bereits verlassen, sie können das ?Mahl? nicht mit ansehen. Zu dieser Zeit ist es mit der Esskultur sicher einfach bestellt, satt werden ist das Wichtigste. Aber so zu essen ist für alle unmöglich. Bis auf eine Ausnahme, die Alte. * oder ?Anna 1?, da ist der Autor nicht ganz sicher
Ferdi Keuter, 11.07.2014
2. 1953 mit der Tram Nr. 28 nach Alsdorf
Ferdinand Keuter kommt gerade aus der Berufsschule und will nach Hause. Als einziges Verkehrsmittel steht mir die Straßenbahn Nr. 28 zur Verfügung. Schon in Alsdorf sind die Sitzplätze auf den Holzbänken rar. In einer Ecke hat eine ältere Frau ihren Platz gefunden, auf ihrem Schoß ein Paket, mit einem noch unbekannten Inhalt. Der ist ziemlich grob in Zeitungen verpackt. In Höngen an der Grube „Anna 2“, steigen Bergleute ein, es geht in den verdienten Feierabend. Im Innern tut sich was, die Fahrgäste werden unruhig. Die Alte hat das Paket auf ihrem Schoß auseinander genommen. Es riecht wie auf einem Fischmarkt, Salzheringe kommen zu Tage. Von einem streift sie mit zwei Fingern das Salz ab, entfernt grob den Kopf. An der Unterseite öffnet sie dann den Hering. Ein unappetitliches Säubern beendet die erste Prozedur. Nach dem nun alles Ungenießbare entfernt ist, wird der Hering genüsslich verspeist. Um eine weitere Berichterstattung drücke ich mich jetzt. Ihre Nachbarn haben die „Logenplätze“ längst verlassen. Dem „Mahl“ kann kein halbwegs zivilisierter Mensch zusehen. Zu dieser Zeit ist es mit der Esskultur sicher einfach bestellt, satt werden ist immer noch das Wichtigste. Aber so zu essen ist dann doch für alle unmöglich. Bis auf eine Ausnahme, die Alte. Aber meine Erfahrungen sollen noch weiter gehen. Die Baugenossenschaft GEHAG, mit Sitz in Aachen, hat in Eschweiler auf der Wilhelmstraße Wohnblöcke errichten lassen. Bedürftige haben Vorrang bei der Vergabe der Wohnungen. Alle haben schon Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer und ein Badezimmer. Ich zähle das so genau auf, weil hier ein Standard geboten wird, der auch für die hier arbeitenden Handwerkern nicht alltäglich ist. In einer solchen Wohnung sollen wir nach dem Rechten sehen, darüber wundern sich Malergeselle Peter Muhs und Lehrling Ferdinand Keuter. „Hier waren wir doch erst vor einigen Wochen, kurz vor der ersten Vermietung“. Die Beiden trifft beim Betreten der Wohnung aber fast der sprichwörtliche Schlag. Der Begriff „Saustall“ ist noch zu milde ausgedrückt. Vom Mieter bisher keine Spur. Alles ist in einem schlimmen Zustand, „Mülleimer pur“! Die Krönung sind die Kohlen in der Badewanne. Bis an den oberen Rand ist diese mit Fettkohle gefüllt. Eine Schaufel liegt gleich daneben auf dem Boden und eine Kohlenkanne auch. Die Wände aller Zimmer brauchen neue Tapeten, das Bad einen neuen Anstrich. Vorher aber muss eine neue Wanne installiert werden. Nun zum Schluss die Erklärung für den Missstand: „Die Alte aus der Tram“ hat hier vor einigen Wochen Einzug gehalten. Wer weiß, wo die vorher „gewohnt“ hat.
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