Untergang der "Volturno" "Um Himmels Willen, schickt Boote!"

Feuersbrunst auf dem Atlantik: Am 9. Oktober 1913 stand das englische Passagierschiff "Volturno" auf hoher See in Flammen. Herbeigeeilte Schiffe mussten zunächst hilflos zusehen. Doch dann gelang die Rettung - auch dank der Lehren aus der "Titanic"-Katastrophe.

Von Tabea Rossol


Nur 18 Monate nachdem die "Titanic" untergegangen war und mehr als 1500 Menschen mit auf den Grund des Ozeans hinabgenommen hatte, sorgte im Oktober 1913 erneut ein Schiffsunglück für Schlagzeilen: An Bord der britischen "Volturno" spielte sich ein Drama ab, das etliche Menschenleben kostete. Dass das Unglück nicht noch schlimmer ausging, war jedoch vor allem dem "Titanic"-Untergang zu verdanken.

Die "Volturno" war am 2. Oktober 1913 von Rotterdam aus in Richtung New York gestartet. Ihre Passagiere verband vor allem eines: die Hoffnung auf ein besseres Leben in den Vereinigten Staaten. Fast alle an Bord wollten auswandern. Eine Woche war das Schiff schon unterwegs, als das Feuer ausbrach.

Der 36-jährige Kapitän des Schiffes, Francis James Daniel Inch, befand sich in seiner Kabine, als der Erste Offizier hereinstürzte und ihm berichtete, dass Rauch aus dem Laderaum strömte. Kapitän Inch ordnete sofort an, das Tempo zu drosseln, die gesamte Besatzung an Deck zu rufen, aber den Passagieren nichts zu erzählen. "Nicht nötig", erwiderte der Erste Offizier, "die haben es schon bemerkt."

Der tödliche Fehler des Kapitäns

Auf dem Weg zum Flammenherd begegnete Kapitän Inch einem Unteroffizier. Sein Gesicht war schwarz und blutete, seine Kleider waren zerfetzt und verschmutzt. "Vier sind schon verbrannt", informierte er Inch benommen. Drei Explosionen erschütterten das Schiff. Der Kapitän ordnete an, einen SOS-Notruf zu funken. Um das Feuer unter Kontrolle zu bringen, pumpte die Besatzung Wasserdampf in die Laderäume.

Trotzdem breiteten sich die Flammen immer weiter aus. Inch befahl, die Rettungsboote zu Wasser zu lassen. Daraufhin brach ein Tumult los, viele Passagiere kämpften darum, als erste dem Inferno zu entkommen. Die Schiffsbesatzung musste sie mit Stöcken davon abhalten, die Boote zu stürmen.

Inchs Entscheidung, die "Volturno" zu evakuieren, entpuppte sich als tödlicher Fehler. Denn zum Zeitpunkt des Unglücks tobte ein Sturm, die See war aufgewühlt. Als das erste Rettungsboot die Wasseroberfläche berührte, wurde es sofort von einer riesigen Sturzwelle mitgerissen. Alle Insassen, viele davon Frauen und Kinder, ertranken.

Rauchwolken am Himmel

Trotzdem wurden weitere kleine Boote in die Fluten herabgesenkt. Eines schaffte es tatsächlich aufs Wasser und trieb im wogenden Meer. Dann hob eine Welle das Heck der "Volturno" und warf es mit voller Wucht auf das voll besetzte Rettungsboot. Die Insassen wurden zerquetscht oder ertranken.

"Keine Boote mehr ins Wasser!", befahl Kapitän Inch. Aus Angst vor dem sich nähernden Feuer missachtete ein Passagier die Order und seilte eigenmächtig ein Boot ab, es war überfüllt mit panischen Menschen. Bei dem Versuch, es ins Wasser zu lassen, ging nur das hintere Ende herunter, die Insassen stürzten ins Meer.

Die Mannschaft des deutschen Dampfers "Seydlitz" erfuhr um 9.30 Uhr morgens von dem Todeskampf auf den Wellen: "Plötzlich ertönt durch die Morgendämmerung das funktelegraphische Notsignal, ausgesandt vom englischen Dampfer 'Volturno'", erinnerte sich später der Funktelegraphist der "Seydlitz". Sofort änderten die Deutschen ihren Kurs und steuerten mit Volldampf auf die "Volturno" zu. "Lange bevor das Schiff zu sehen war", so der Funker, "sah man die Rauchwolken am Himmel".

"Um Himmels Willen, helft!"

Weitere Schiffe, die den Notruf erhalten hatten, eilten der "Volturno" zu Hilfe. Die britische "Carmania" war schon fünf Stunden vor der "Seydlitz" eingetroffen. Weitere fünf Stunden später folgte das Lloyd-Schiff "Großer Kurfürst". Sieben Schiffe, die "La Touraine", die "Minneapolis", die "Rappahannock", die "Czar", die "Devonian", die "Kroonland" und die "Narranganset" erreichten den Unglücksort während der Nacht. Sie alle standen in engem Funkkontakt, die Leitung und Koordination hatte der Kapitän der "Carmania" übernommen.

Die Telegraphisten erhielten panische Funkrufe von der brennenden "Volturno": "Um Himmels willen helft, helft, wir haben noch 550 Passagiere an Bord und werden in kurzer Zeit mit dem Schiff in die Luft fliegen!". Einige Schiffe ließen Rettungsboote ins Wasser, mussten sie jedoch wegen des Sturmes und der sich auftürmenden Wellen wieder einholen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als den brennenden Dampfer zu umkreisen und besseres Wetter abzuwarten. "Es ist ein schreckliches Gefühl, so nahe am Elend zu sein und nicht helfen zu können!" beschrieb der "Seydlitz"-Telegraphist die Situation.

Währenddessen spielten sich auf der "Volturno" furchtbare Szenen ab: Eine junge Frau sprang mit ihrem Kind in den Armen ins Wasser. Ein frisch verheiratetes französisches Paar gab sich einen Abschiedskuss und sprang Arm in Arm in die Fluten. Einige russische Juden rollten mitten auf dem brennenden Deck ihre heilige Schrift aus, knieten nieder und rezitierten die Gebete.

Meterhohe Flammen

"Um Himmels Willen, schickt uns ein paar Boote, tut irgendwas!". Die letzte Nachricht der "Volturno" erreichte die umliegenden Schiffe um 9.30 Uhr. Dann brach der funktelegrafische Verkehr ab. Im nächsten Augenblick stand das ganze Mittelschiff in Flammen, die bis zu 20 Meter in die Höhe schossen.

Sofort starteten die Schiffe einen neuen Versuch, ihre Boote auszusetzen und durch die stürmische See zum brennenden Wrack zu gelangen. Diesmal drangen sie wenigstens in die Nähe der "Volturno" vor, und Kapitän Inch befahl den Passagieren, von Bord zu springen. Einige trauten sich und wurden von den Rettungsbooten aufgesammelt. Manche aber wurden auch von der Strömung fortgerissen.

Erst im Verlauf der Nacht ging der Wind zurück, das Meer beruhigte sich. Endlich konnten die Rettungsboote bis zur "Volturno" vorstoßen. Die Überlebenden, die auf dem Schiff verblieben waren, wurden an Seilen von dem Wrack in die Boote heruntergelassen.

Um 6 Uhr in der Frühe stieß der Petroleumdampfer "Narranganset" zur Rettungsflotte und ließ viele hundert Ölfässer ins Meer laufen, wodurch die Wogen sich weiter glätteten. Das so genannte "Wellenberuhigungsöl" wurde in der Schifffahrt häufig eingesetzt, um den Seegang zu mindern.

Rettende Technik

Insgesamt hatten Feuer und Wasser mindestens 136 Todesopfer gefordert. Mehr als 120 Passagiere waren bei dem Versuch gestorben, sich in einem Rettungsboot abzuseilen.

Und dennoch: Etwa 520 Passagiere konnten gerettet werden. Dass so viele Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt werden konnten, war dabei in erster Linie den Funktelegraphisten auf den Schiffen zu verdanken gewesen, die 50 Stunden lang ununterbrochen gearbeitet hatten. Tatsächlich erwiesen sich die Funkgeräte als der entscheidende Faktor bei der Rettung der "Volturno"-Passagiere: Als die "Titanic" eineinhalb Jahre zuvor verunglückt war, waren ebenfalls mehrere Schiffe in der Nähe gewesen. Doch die Funk-Hilferufe des sinkenden Schiffes hatten sie nie erhalten, weil sie schlicht keine Empfangseinrichtungen besessen hatten.

Ausgelöst durch diese Tragödie hatte es anschließend eine umfassende Reform der Seefahrt-Sicherheitsstandards gegeben, deren einer Bestandteil von entscheidender Bedeutung für die "Volturno" werden sollte: die gesetzliche Vorschrift, alle Handels- und Passagierschiffe mit Funkstationen auszustatten - und diese rund um die Uhr zu besetzen.

Und auch nach der Bergung der erschöpften und verängstigten Passagiere der "Volturno", von denen viele über 24 Stunden nichts gegessen hatten, sollten die Telegraphisten noch eine wichtige Rolle spielen: Viele Familien waren getrennt worden, und so arbeiteten die Funktelegraphisten tagelang unermüdlich, um den Mitgliedern der einzelnen Familien Mitteilung über den Verbleib ihrer Angehörigen zu machen. "Das Band, das die drahtlose Telegraphie über alle Schiffe auf dem Weltmeer schlingt", so hieß es danach in einem Bericht, "ist niemals deutlicher spürbar geworden".



insgesamt 4 Beiträge
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Hans Joachim Dudeck, 09.10.2013
1.
...Und auch nach der Bergung der erschöpften und verängstigten Passagiere der "Volturno", von denen viele über 24 Stunden nichts gegessen hatten, ... Ist das nun ein historischer Fakt oder entsprang das der Phantasie des Autors? Ich halte die (wenn so) Tatsache auch fuer nebensaechlich, wer denkt schon in einer solchen Situation ans esse. Vielleicht als eine Art Henkersmalzeit.
Mathias Dr. Schröter, 10.10.2013
2.
Das waren noch Menschen ! Im Gegensatz zu dem Kapitän der Costa Concordia, eher ein Krimineller und Gewissenloser ! Damals hatte man auch noch Religion, Werte und Bescheidenheit !
Thor Haagen, 29.09.2014
3. Wellenberuhigungsoel!
Der kurze Einwurf zum "Wellenberuhigungsoel" war so amuesant-absurd, dass ich es kaum glauben konnte. Waere schoen, mehr darueber zu erfahren.
Thor Haagen, 30.09.2014
4. Wellenberuhigungsöl No.2
OK - bin erleuchtet, denn es gibt - erstaunlicherweise - einen Wikipedia-artikel dazu, der relevante Links und Quellen anbietet. http://de.wikipedia.org/wiki/Wellenberuhigungsöl
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