Schiffsunglück Tod im Eiswasser

Es war die schlimmste Katastrophe der deutschen Hochseefischerei: Ohne Vorwarnung sank der Trawler "München" im Juni 1963 vor Grönland, 27 Seeleute starben in den Fluten. Klaus Gerber war einer der wenigen Überlebenden. Auf einestages erinnert er sich an die dramatischen Stunden.

Carl Schemkes/Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven

Ich spüre keine Furcht, als mich ein anderer Matrose wachrüttelt und ruft: "Wir nehmen Wasser!" Ich habe keine Furcht, als wir eine Eimerkette bilden und sich unsere "München" stark zur Seite neigt. Selbst, als wir in einer Rettungsinsel treiben und das kalte Wasser des Nordatlantiks mit unseren Seestiefeln nach außen schöpfen, steigt keine Panik in mir auf. Ich erlebe die Katastrophe, als sehe ich sie durch die Augen eines Anderen und komme erst in der Turnhalle von Faeringshavn wieder zu mir, als ich meine Kameraden identifizieren muss.

27 Seeleute sind tot. Drei von ihnen gibt das Meer nicht mehr heraus. Die Männer tragen Kleidung, nur die Schuhe fehlen, es sieht aus, als ob sie schlafen. Aber sie tragen nun gelbe Zettel an den Fußzehen, längliche, gelbe Zettel, auf die man ihre Namen schreibt. Einer meiner Freunde, er heißt Gustav, hält noch seine Pfeife im Mundwinkel. Ich werde den Anblick nie vergessen.

Dies ist das erste Mal, dass ich darüber reden kann, was an jenem Morgen geschah.

25. Juni 1963, vor Westgrönland: Vier Wochen sind wir nun auf See, wollen einen letzten Hol machen und die Laderäume mit Kabeljau füllen, fünf Tonnen noch, bevor es zurück nach Cuxhaven geht. Wir kommen aus dem Fjord von Faeringehavn, einer Fischersiedlung, etwa 50 Kilometer südlich der Hauptstadt Nuuk, wo wir Gasöl bunkerten, und gehen Kurs auf die Nordostecke der Fiskenäsbank. Das Wetter ist nicht gut, aber auch nicht schlecht, typisches Grönlandwetter; ein Tiefdruckgebiet zieht mit einem südöstlichen Wind der Stärke sieben und Regenschauern von der Hudsonstraße ostwärts.

Für jeden rausgeschöpften Eimer Wasser dringen fünf Eimer Wasser ein

Um kurz nach sieben schüttelt mich Rolf Zander, mit dem ich eine Zweimann-Kabine teile, wach: "Klaus, steh`auf!" Ich ziehe mich an und gehe in die Messe der Mannschaft, um mir einen Kaffee zu holen. Dass wir in Gefahr schweben, sogar in lebensbedrohlicher Gefahr, kommt mir nicht in den Sinn. "Wir können nicht untergehen", denke ich, "das Problem haben wir bald im Griff." Die "München" gilt als das modernste Schiff der Reederei, als der Stolz der Flotte: 64 Meter lang, elf Meter breit, ausgerüstet mit Technologie, die sonst nur auf Passagierschiffen zum Einsatz kommt. Was soll schon passieren?

Wasser steht auf dem Arbeitsdeck, immer mehr Wasser läuft hinein und die "München" legt sich immer weiter nach Steuerbord, obwohl alle Lenzpumpen arbeiten und Kapitän Erwin Trodler den Treibstoff in die Tanks auf Backbordseite pumpen lässt. Trodler führt das Schiff, weil der Stammkapitän der "München", Peter Herbst, seinen verdienten Urlaub nahm. Obwohl wir nichts gerammt haben, läuft das Schiff voll. Ein Versuch, den Wind auszunutzen, um die "München" zu stabilisieren, scheitert. Die "München" reagiert nicht mehr.

Wir bilden eine Eimerkette und pützen das Wasser aus dem Arbeitsdeck in den Lebervorratsbunker und dann ans Oberdeck. Für jeden Eimer Wasser, den wir heraus schaffen, scheinen fünf hinein zu strömen. Ein Maschinenassistent versucht, mit einem Schweißbrenner ein Loch in die Wand des Leberbunkers zu schneiden, doch der Brenner erreicht nicht die nötige Hitze. Als Kapitän Trodler das Schiff in einem Notmanöver drehen will, um zurück nach Faeringehavn zu laufen, droht die "München" zu kentern.

Plötzlich kippt das Schiff auf die Seite

An Bord gibt es inzwischen den Verdacht, dass das Wasser durch die Speigatten an den Steuerbordseiten eindringt. Durch die Öffnungen fließt sonst das Wasser ab, das benötigt wird, um den gefangenen Fisch zu verarbeiten; die Speigatten sind durch Rückschlagklappen gesichert. Steuermann Beckmann eilt nach unten und versucht, an das Abflussloch heranzutauchen. Das Wasser steht inzwischen 1,50 Meter hoch. Er kommt nicht gegen die Strömung an. Kapitän Trodler, der es wenig später versucht, scheitert ebenfalls.

Das Schiff legt sich nun mit mehr als 60 Grad nach Steuerbord. Kapitän Trodler ruft über die Sprechfunkkanäle acht und 16 um Hilfe und gibt dem Funker Anweisung, nach anderen Schiffen in der Gegend zu suchen. Etwa 90 Minuten, nachdem einem Offizier auffiel, dass mit der "München" etwas nicht stimmte, kommt der Befehl, die Rettungsinseln klar zu machen und Schwimmwesten anzulegen. Ich gehe noch einmal nach unten in meine Kabine, um eine Schachtel Zigaretten und eine Dose Würstchen einzustecken. Schon seltsam, woran man in extremen Situationen denkt. Es ist kurz vor acht Uhr.

Auf der Brücke des Schwesternschiffs "Bremerhaven" geht zur gleichen Zeit eine Meldung ein, die im Funktagebuch notiert wird:

"07.55 Uhr GMT: Auf 3363 kHz Dringlichkeitszeichen an alle. Liegen seit einiger Zeit mit schwerer Schlagseite, machen Wasser, zwei Stunden südlich Südsektor Faeringehavn."

Minuten später hört man das letzte Signal unseres Funkers Joachim Geißler: "Komme kaum noch an die Geräte heran", gibt er durch. Alle Trawler und Fabrikschiffe an der Westküste Grönlands, 27 sind es insgesamt, machen sich auf den Weg in unseren Sektor, außerdem ein Küstenwachboot der dänischen Marine, ein dänischer Frachter und einige grönländische Fischer.

Der Untergang ist unausweichlich

Dass wir untergehen werden, scheint nun unausweichlich. Kapitän Trodler versucht, die "München" näher unter Land zu bringen, während wir auf dem Vordeck damit beginnen, in die Rettungsinseln einzusteigen. Der Himmel ist von einem schweren Grau, der Wind pfeift, und die Wellen schlagen hoch. Die erste Insel, die zu Wasser gebracht wird, kippt um, mit einem Matrosen an Bord. Zwei Männer springen hinterher, um sie wieder aufzurichten, sie zerren an den Gurten, doch sie schaffen es nicht. Vermutlich, weil der Matrose im Inneren bereits tot ist. Drei Grad kalt ist die Luft, etwa ein Grad hat das Wasser.

In die nächste Insel steigen 13 Männer ein und treiben langsam davon. Ich habe meine Stiefel ausgezogen und überlege, was ich tun soll. "Klaus, spring! Spring! Komm schon, Klaus!", rufen die Männer von der Insel, doch ich wage es nicht. Sollte ich das Gummiviereck verfehlen und ins Wasser stürzen, wäre alles vorbei, sagt mir mein Unterbewusstsein. Etwas in mir weigert sich, die "München" zu verlassen.

Was noch niemand wissen kann: Als die Insel entlang der Bordwand geschrammt ist, riss der Boden auf. In den nächsten Stunden sitzen die Männer im eiskalten Wasser; Stunden später können nur drei von 13 lebend geborgen werden. Während ich auf Strümpfen Richtung Brücke balanciere - die Seestiefel hatte ich ausgezogen, um besseren Halt zu bekommen - kommt es auf einem Schlauchboot zu einem Drama, als einer der Matrosen ins Wasser stürzt und die anderen versuchen, ihn an Bord zu ziehen. Sie verlieren das Gleichgewicht, und das kleine Boot kentert. Niemand überlebt.

Wassereinbruch in der Rettungsinsel

Auf allen Vieren krabbele ich über die "München", die nun ganz auf der Seite treibt. Weiter oben muss sich noch eine Rettungsinsel befinden, die wir in Bremerhaven aufnahmen. Es sind nur noch wenige Männer an Bord, darunter Kapitän Trodler und zwei Offiziere. Die Insel ist für zehn Schiffsbrüchige geeignet. Elf Männer steigen ein. Eine große Welle trägt uns fort.

Wir beobachten eine schreckliche Szene: Joachim Geißler, der Funker, ist noch an Bord, weil er bis zur letzten Sekunde versuchte, Hilfe herbeizurufen. Am Ende muss er brusthoch im Wasser gestanden haben. Er trägt seine Rettungsweste in der Hand, er hatte keine Zeit, sie anzulegen, als er ins Wasser stürzt. Wir versuchen, zu ihm hin zu rudern, doch die Insel dreht sich im Kreis und bewegt sich keinen Meter. Geißler, 40, ein freundlicher, humorvoller Mann aus Cuxhaven, Vater von fünf Kindern, wird nicht gefunden. Sein jüngster Sohn soll zehn Tage nach seinem Tod zur Welt kommen. Niemand spricht, niemand sagt ein Wort.

Dann bemerken wir, dass Wasser in die Rettungsinsel eindringt. Ein Leck! Kapitän Trodler gibt Anweisungen: Die einen beginnen, in die Ventile zu blasen, die anderen scheppen das Wasser mit ihren Seestiefeln hinaus. Wir versuchen, die Insel schwimmfähig zu halten und damit unsere Leben zu retten. Um kurz nach neun versinkt die "München" mit einem zischenden Geräusch im Meer. Ein beklemmender Anblick für jeden Seemann; es ist ein Gefühl, als ob das eigene Wohnzimmer untergeht.

Der Wind treibt die Rettungsinsel auf die Felsen zu

Wir machen uns gegenseitig Mut, so gut es geht: "Kann nicht mehr lange dauern, bis andere Trawler der Fangflotte eintreffen", sagt jemand. Die Frage ist nur: Wie lange noch? Die Zeit scheint nicht zu vergehen, wir blasen unaufhörlich in die Ventile und schütten Wasser außenbords und haben innerlich abgeschlossen. Alle verhalten sich ruhig, und unser Steuermann versucht, sich eine Zigarette anzustecken, was nicht gelingt, weil die Zündhölzer feucht geworden sind. Der Wind von Westen weht immer stärker und treibt uns mit der Strömung auf eine Klippenlandschaft zu. Ein schwacher Trost, denn von den Felsen wird man uns nicht bergen können.

Dann ein Schrei: "Schiff! Da kommt ein Schiff!" Es ist die "Augsburg", es muss kurz vor halb zwölf sein. Wir treiben mit der Insel längsseits und bewegen uns vorsichtig, damit die Rettungsinsel nicht doch noch kentert. Nacheinander klettern wir die ausgebrachte Strickleiter hinauf. Jede Sprosse fällt einem schwer, denn unsere Körper sind kalt und unser Kreislauf steht kurz vor dem Kollaps. Als man die Insel an Deck hievt, fällt sie in sich zusammen. In der Außenhülle erkennt man einen zehn Zentimeter langen Riss. Die zweite Hülle hat uns gerettet.

Matrosen verteilen trockene Kleidung und warme Decken. "Kein Alkohol!", befiehlt der Kapitän der "Augsburg", was eine kluge Entscheidung ist, denn mancher Gerettete kam zu jener Zeit durch einen starken Grog oder eine heiße Dusche ums Leben. Wir ruhen uns aus, die meisten starren apathisch vor sich hin. 15 Männer haben überlebt. Man kann zunächst nicht begreifen, was geschehen ist, die wahre Erkenntnis kommt einige Stunden oder Tage später und trifft einen mit der Wucht einer Welle.

Die Toten werden in einer Turnhalle aufgebahrt

Die "Augsburg" steuert den Fischereihafen Faeringehavn an, wo man uns im Livd, dem "Bunker", wie man das Seemannsheim nennt, einquartiert. Zum Glück gibt es ausreichend viele Zinksärge im Ort. Die Toten werden in einer Turnhalle aufgebahrt, damit wir sie identifizieren. Am Abend gedenkt man der Verstorbenen im Missionshaus, mit einer Trauerfeier, zu der alle Einwohner der Hafensiedlung und die Besatzungen der Trawler "Augsburg" und "Berlin" zusammenkommen. Ich gehe nicht hin, ich kann nicht, denn mir ist nicht nach Geselligkeit zumute. Ich möchte allein sein, und außerdem, das mag banal klingen, ist die Hose, die man mir an Bord der "Augsburg" gab, viel zu groß. So kann ich nicht zur Trauerfeier meiner Kameraden gehen.

Seeleute und Fischer aus dem Ort tragen die Särge im Schein des Leuchtturms zur langen Holzpier, wo die "Berlin" festliegt, die ablegt und Kurs Cuxhaven nimmt. Drei Tage bleiben wir noch in der Siedlung und erhalten Beistand von einem dänischen Missionar. Dann landet ein Wasserflugzeug, das uns zur nächsten längeren Landebahn nach Kangerlussuaq bringen soll. Die Kabine hat ein Leck, Wasser tröpfelt hinein, und der Pilot kommt nach hinten, um den Schaden zu begutachten. Er löst das Problem, indem er eine Kotztüte aufschlägt und sie unter die Tropfen stellt. Er plaudert mit zwei Matrosen, bis einer fragt:

"Sagen Sie, Kapitän, wer fliegt eigentlich? Ich habe gar keinen Co-Piloten gesehen."

"Ach was, das regelt schon der Automat", entgegnet der Flieger, was ein Feuerwerk von Verwünschungen und Flüchen auslöst. In Kangerlussag steigen wir in einen Jet, der uns nach Kopenhagen bringt. Zu den seltsamen Ereignissen dieser Reise gehört, dass wir in Dänemark aus dem startbereiten Flieger aussteigen müssen, weil der Pilot einen Turbinenschaden feststellt. Es ist beinahe, als liege ein Fluch auf dieser Reise. Am Nachmittag des 28. Juni sind wir zurück in Cuxhaven. Kapitän Trodler und der Steuermann sind traumatisiert und verfolgen regungslos eine Pressekonferenz. In den Medien, vor allem in denen der Boulevardpresse, erscheinen sagenhafte Vermutungen zur Unglücksursache.

Ein Woche später, am 5. Juli, läuft Trawler "Berlin" um drei Uhr morgens in den Fischereihafen von Cuxhaven ein, mit den Särgen an Bord. Ein Rettungsring der "München", der geborgen werden konnte, steht in der St.-Petri-Kirche. Ich spüre schwere Trauer in mir, aber auch eine Wut: Auf manche Journalisten, die uns ohne Anstand und Pietät belagern, und auf die Witwe eines Kameraden, die ich vor der Trauerfeier lachend in den Armen eines anderen sehe. Als sie nach dem Gottesdienst zu ihrem Auto zurückkommt, wird sie feststellen, dass alle vier Reifen platt sind.

Drei Monate Sonderurlaub gewährte die Reederei allen Geretteten, doch ich will wieder auf See, weil ich spüre, dass es mir helfen wird, die Erlebnisse zu verarbeiten. Drei andere Fischer geben ihren Beruf auf. Die nächste Fangreise führt mich wieder nach Grönland, diesmal an die Südspitze der Insel. Vor Kap Farewell geraten wir in einen heftigen Sturm. Ein Brecher reißt einen Deckel des Kabelgatts weg, das Schiff nimmt viel Wasser. Ich gehöre zu den Freiwilligen, die an Deck müssen, um ein Ochsenfell als Ersatz für den Deckel zu spannen.

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"Bitte nicht schon wieder", denke ich, als die Stahltür aufgeht und ich hinaus in den Sturm trete.

Kapitän Klaus Gerber, Jahrgang 1942, wurde in Berlin geboren, Stadtteil Neukölln. Seine Mutter starb bei der Geburt, er wuchs bei seiner Tante auf und überlebte einen Bombenangriff, bei dem sie drei Tage lang unter den Trümmern verschüttet waren. Als Jugendlicher lernte er den Beruf eines Elektrikers, entschied sich aber anders, als er seine erste Abrechnung mit einem Stundenlohn von 1,71 Mark erhielt. Inspiriert von einem Groschenroman, heuert er auf einem Trawler an. Gerber machte 1971 sein Kapitänspatent und fuhr bis zu seiner Pensionierung hauptsächlich für die Reederei "Nordsee." Er ist verwitwet und Vater von zwei Kindern. Gerber lebt in einem Dorf unweit von Cuxhaven.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken



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Florian Geier, 14.12.2009
1.
Nicht ganz richtig sind auch die Ortsnamen, jedenfalls wenn man sich auf die Ergebnisse verläßt, die Google liefert: "Fiskenäsbank" heißt demnach Fiskenäs Bank oder Fiskenaes Bank, und "Kangerlussag" heißt Kangerlussuaq. Schließlich erfordert der Satz "Brecher reißt einen Deckel des Kabelgatt weg..." auch noch ein Genitiv-s: Brecher reißt einen Deckel des Kabelgatts weg.
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