Schiffswracks am Kap Hoorn Stahlmonster im Schlick

Rund um das legendäre Kap Hoorn schlummert einer der größten Schiffsfriedhöfe der Welt. Kapitän Ulf Wolter hat die rostigen Wracks am südlichsten Zipfel Amerikas aufgespürt. Bei einestages erzählt er die Geschichten hinter den verrottenden Ozeanriesen - und zeigt die faszinierendsten Bilder.

© Jürgen Hohmuth/Koehler & Amelang

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Selbst die "Frohe Botschaft" an Bord rettete die "Logos" nicht vor den Tücken des Meeres: Obwohl der Bauch des Missionsschiffes mit Bibeln und anderen christlichen Bekehrungsschriften gefüllt war, lief es Anfang Januar 1988 nach einem Sturm im Beagle-Kanal vor Feuerland auf Grund. Wie durch ein Wunder kam keiner der 139 Passagiere zu Schaden. Die "Logos" jedoch war nicht mehr zu retten.

Das Schiff blieb dort liegen, wo es verunglückt war - und fristet seither ein tristes Dasein: Dem Wasser und Wind sowie der chilenischen Marine ausgeliefert, die es zeitweilig als Ziel für militärische Übungen missbrauchte, rostet der einst so stolze Dampfer vor sich hin, sackt in sich zusammen. Früher Lieferant für Gottes Wort in alle Herren Länder, dient das Wrack der "Logos" heute allenfalls als Nistplatz für Seeschwalben und Felsenkormorane.

Ebenso erging es Schiffen mit wohlklingenden Namen wie "Lady Elisabeth", "Saint Christopher" oder "Desdemona": Sturm, raue See und nirgends verzeichnete Untiefen rund um das Kap Hoorn sowie der stürmischen Drake-Passage zwischen Südamerika und der antarktischen Halbinsel wurden ihnen zum Verhängnis. Sie liefen auf Grund, schlugen leck oder brannten aus. Andere, etwa die Walfänger, wurden schlicht ausgemustert und aufgegeben, um an Ort und Stelle zu verrotten: stumme Zeugen einer vergangenen Zeit, einer oftmals aufregenden, mitunter tragischen Geschichte.

Mit der jetzt erschienenen Publikation "Wracks am Ende der Welt. Der Schiffsfriedhof um Kap Hoorn" (Koehler & Amelang 2012) haben Kapitän Ulf Wolter und Fotograf Jürgen Hohmuth den Versuch unternommen, diesen vor sich hin vegetierenden, desolaten Pötten ein würdiges Denkmal zu setzen. Entstanden ist der mit grandiosen Fotografien versehene Bildband dank der Leidenschaft des Seemanns Wolter für alte Wracks - eine Passion, die sämtliche seiner Vorfahren bis zum Ururgroßvater mit skeptischem Kopfschütteln quittiert hätten.

Massengrab für 10.000 Menschen

Denn Ulf Wolter ist Kapitän in vierter Generation. Und, wie alle Seemänner, ein wenig abergläubisch. "Ich würde niemals etwas von einem Wrack mitnehmen. Das schlechte Karma könnte sich auf mein Schiff übertragen", sagt der 45-Jährige am Hamburger Elbstrand, mit Blick auf einen Containergiganten, der sich behäbig durchs Wasser schiebt. "Sein" Schiff, das ist die "MS Hanseatic", eine Mischung aus schmuckem Kreuzfahrer und High-Tech-Expeditionsvehikel.

Seit vielen Jahren führt er die "MS Hanseatic" durch das unwirtliche Gewässer zwischen Südamerika, der antarktischen Halbinsel, Feuerland und Südgeorgien sowie rund um das Kap Hoorn. Dort, wo der Wind an 300 Tagen im Jahr mit Sturmstärken tobt, wo ein Tiefdruckgebiet sich ans andere reiht, um ungebremst von West nach Ost über den Erdball zu jagen. Mehr als 800 Schiffe sind hier in der Vergangenheit verunglückt, bis zu 10.000 Menschen gestorben.

Die meisten Wracks liegen tief unten auf dem Meeresgrund, viele von ihnen bergen noch immer ungehobene Schätze. Andere kauern hoch oben auf dem Sand oder ragen, je nach Tide, mal mehr, mal weniger sichtbar aus dem Wasser. Es sind vor allem diese Wracks, denen Wolter sich immer wieder nähert. Die Anziehungskraft der Ozeanriesen ist dabei stärker als die Angst vor der selbst in heutigen Zeiten noch reellen Gefahr, in Seenot zu geraten. "Wenn Du alt werden willst, dann meide Kap Hoorn und reffe rechtzeitig die Segel": Um die Wracks aufzusuchen, muss Ulf Wolter diese uralte Seemannsweisheit in den Wind schlagen.

Vertäut und vergessen

Wann immer Wetter, Zeit und Fahrplan der "MS Hanseatic" es erlauben, nimmt der Kapitän ein Schlauchboot und bricht auf, in Richtung der maroden Schiffe. "Andere machen einen Waldspaziergang, ich fahre zu den Wracks, um den Kopf frei zu bekommen", sagt er. Um die spezielle Atmosphäre vor Ort nicht zu stören, nähert Wolter sich leise, wie der Besucher einer Kathedrale. Wenn es möglich ist, entert er die aufgegebenen Kähne, geht unter Deck und tastet sich vor: erahnt hier die Kombüse, dort die Mannschaftslogis, da den Maschinenraum.

Stets stellt sich bei dem Kapitän die gleiche ambivalente Gefühlsmischung aus Faszination und Furcht ein. "Für jeden Seemann ist es der absolute Albtraum, so zu enden", sagt Wolter. Besonders gut erinnert er sich an sein "erstes" Wrack, die "Lady Elisabeth". Auf der britischen Dreimastbark aus dem Jahr 1879 schien von Anfang an ein böser Fluch zu lasten. Schon fünf Jahre nach dem Bau geriet die "Lady Elisabeth" in einen Hurrikan, mehrere Seeleute sprangen von Bord.

Später grassierte hier die Malaria, immer wieder verschwanden Besatzungsmitglieder spurlos. Im Dezember 1912 schließlich geriet der Dreimaster um Kap Hoorn in einen schweren Sturm, bei dem vier Matrosen über Bord gespült wurden. Kurz vor den Falklandinseln lief sie auf Grund und drohte zu sinken. Mit letzter Kraft erreichte das Schiff den Hafen von Stanley, wo es vertäut und vergessen wurde.

Geruch aus Algen, Muscheln und feuchtem Keller

Kapitän Wolter erklomm vor rund 15 Jahren erstmals das morsche Deck der "Lady". Ehrfürchtig sog er den Geruch aus Algen, Muscheln und, so Wolter, "sehr feuchtem Keller" ein und versuchte, die Architektur des einst so stolzen Schiffes vor seinem inneren Auge aufleben zu lassen. Seither kehrt Wolter immer wieder hierher zurück, um den unaufhaltsamen Verfall zu begleiten. Versuche, das berühmte Schiff zu retten und in ein schwimmendes Museum umzuwandeln, scheiterten in der Vergangenheit immer wieder am Geld - bei anderen Wracks mangelt es schlicht an Interesse und am Wissen um deren Schicksal.

So etwa bei den beiden Hochseefischern "Lyn" und "No 1 Moresco". Das eine britisch, das andere koreanisch, liefen beide am Abend des 29. Aprils 2003 während eines Orkans auf Grund - und das ausgerechnet auf derselben Untiefe. Seither liegen sie in der Cumberland East Bay vor Südgeorgien, gerade mal 0,7 Seemeilen voneinander entfernt, und verrotten vor sich hin. Um herauszufinden, was es mit diesen beiden Wracks auf sich hat, begab sich Kapitän Wolter an Land und fragte sich durch. Schließlich fand er den Leiter der Rettungsaktion von damals, den britischen Regierungsbeamten Pat Lurcock.

Wracks wie die "Lyn" und die "Moresco", aber auch die "Logos" und die "Lady Elisabeth" scheiterten an Untiefen, Sturm und Nebel. Andere, vor allem die zahlreichen Walfangboote in den Buchten vor Südgeorgien, einst größtes Walfangzentrum der Welt, gehören zur Kategorie der Aufgegebenen: Weil sie nicht mehr gebraucht wurden, ließ man sie an Ort und Stelle verrotten. Oftmals noch mit aufgerichteter Harpune am Bug, inmitten von unzähligen Walgerippen auf dem Grund des Meeres, gleichen sie furchterregenden Mahnmalen "gegen das sinnlose Abschlachten aus vergangener Zeit", so Wolter.

"Besser als jedes Wrack-Souvenir"

Wenn er sich vorsichtig von den Wracks verabschiedet, die er mit dem Schlauchboot oder zu Fuß angesteuert hat, nimmt er sich ihr Schicksal stets zu Herzen. Kapitän Wolter begreift die stillen Geschichtenerzähler als Warnung, "als Mahnruf, vorsichtig zu sein, die Naturgewalten zu akzeptieren, sich niemals gegen sie zu stellen", sagt der Seemann.

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Konsequent lässt er die Finger von den abmontierbaren Überresten, die auf den Schiffen vor sich hinmodern. Er besitzt weder Steuerrad noch Ankerkette, die er vorzeigen könnte, ja, nicht einmal einen einzigen Schäkel oder eine winzige Schraube. Dafür zaubert er einen anderen Gegenstand aus seinem Rucksack: Es ist eine Kugel aus grünem Glas, mundgeblasen und massiv.

Wolter hat sie im vergangenen Sommer am Strand der Halbinsel Kamtschatka, am östlichsten Ende Russlands, gefunden. Wahrscheinlich stammt die rund 50 Jahre alte Kugel von einem japanischen oder koreanischen Fischer, einst sorgte der sogenannte Glasfloat dafür, dass das Fangnetz nicht unterging. Er überreicht das grüne Rund seiner Gesprächspartnerin. "Ein Glücksbringer. Besser als jedes Wrack-Souvenir", sagt der Kapitän, grüßt höflich und verabschiedet sich. In einer Woche bricht er wieder auf, Richtung Ende der Welt.



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Tilmann Jörg, 11.10.2012
1.
Ein schöner Artikel ist das, einzig die Floskel »sinnloses Abschlachten« in Bezug auf den Walfang früherer Zeiten stößt mir auf. Heute mag das zutreffen, aber damals wurde man mit Walfang reich. Aus heutiger Sicht lässt sich leicht über Sinn oder Unsinn sprechen, nur finde ich es etwas überheblich HEUTE zu schreiben, dass es damals sinnlos war. Es war vielleicht frevelhaft (der Natur gegenüber) aber das wusste man da noch nicht. Sonst hat's mir gut gefallen.
Hans Meier, 12.10.2012
2.
Als Schiffsfreund, speziell der Schiffe von 1850-1900, freut mich der Artikel auch. Wahrscheinlich kaufe ich das Buch.
Klalus Dressel, 12.10.2012
3.
"Altes Boot" am Strand von Punta Arenas (Chile) soll bereits 1909 in Port Stanley (Falklandinseln / Islas Malvinas) in Brand geraten und dort versenkt worden sein. Frage: wie kam das Wrack von dort nach Punta Arenas. Die beiden Schiffswracks in der Cumberland East Bay von Südgeorgien sind von Kap Horn mindestens noch 1.400 km entfernt. Somit sehr weit vom in der Überschrift erwähnten Kap entfernt.
Juergen Frey, 13.10.2012
4.
" Und dann segeln wir so langsam um Cap Hoorn und der Wind blaest von achtern und von voorn." Hab ich in der Schule gelernt Cap Hoorn ist wohl der bekannteste Schiffsfriedhof und es immer noch eine Herausforderung!!
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