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Schlacht um Verdun 1916 "Buchstäblich zu Schlacke verbrannt"

Schlacht um Verdun: Apokalypse des Stellungskriegs Fotos
Getty Images

Mann gegen Mann in der "Knochenmühle": Das Grauen von Verdun ist unvorstellbar. Historiker Gerd Krumeich erklärt, was gerade diese Schlacht zum Inbegriff des sinnlosen Gemetzels macht - und was sie uns lehrt. Ein Interview von

"Die Menschheit ist verrückt geworden. Was für ein Massaker! Dieser Horror, dieses Gemetzel. Ich finde keine Worte, um meine Eindrücke wiederzugeben. So furchtbar kann nicht einmal die Hölle sein."

Das notierte der französische Leutnant Alfred Joubaire am 22. Mai 1916 in seinem Tagebuch. Eine Woche später fiel auch er, mit gerade einmal 20 Jahren. In einem Abschlachten, dessen Ungeheuerlichkeit schon damals alle Vorstellungen überstieg. Joubaire war einer der über 300.000 Soldaten, die in der zehnmonatigen Schlacht um Verdun ihr Leben ließen. Die Schlacht, die kaum Geländegewinne brachte, gilt bis heute als Inbegriff des sinnlosen massenmörderischen Gemetzels.

Zur Person
  • Professor Gerd Krumeich, Jahrgang 1945, gilt als einer der renommiertesten Experten auf dem Gebiet des Ersten Weltkriegs. Ende der Siebzigerjahre besuchte der Historiker erstmals das Schlachtfeld um Verdun, mit seinen Studenten veranstaltete er regelmäßig Exkursionen zum Kriegsschauplatz. In seinem jüngst erschienenen Buch "Verdun 1916" beleuchten Krumeich und sein Kollege Antoine Prost die Schlacht und den Mythos aus deutsch-französischer Perspektive.
einestages: Verdun war weder die verlustreichste noch die strategisch wichtigste Schlacht des Ersten Weltkriegs. Trotzdem steht gerade sie wie keine Zweite für den Wahnwitz dieses Krieges. Warum?

Krumeich: Verdun ist das, was ich eine totale Schlacht nenne. Am 21. Februar 1916 eröffneten die Deutschen aus 1250 Rohren ein neunstündiges Trommelfeuer: Das hatte die Welt noch nie erlebt. Einzigartig an Verdun ist aber vor allem diese Kombination aus modernster Fernartillerie und archaischsten Formen des gegenseitigen Tothauens. Der Feind war fast immer in Sichtweite, hier kämpfte Mann gegen Mann, Würgegriff gegen Würgegriff. Mit Knüppel, Messer, Spaten als bevorzugte Mordwerkzeuge - und das unter Beschuss durch die modernsten Waffen, die es damals gab: Flammenwerfer, Giftgas, schwere Artillerie, Jagdflieger.

einestages: Die erbitterte Materialschlacht, die kaum Geländegewinn brachte, hat die gesamte Landschaft umgepflügt, neun Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und den Boden bis heute verseucht.

Vom Dauerbeschuss ausgelöscht: Ein Schild erinnert an die Stelle, an der sich einst die Ortschaft Douaumont befand. Im Verlauf der Schlacht um Verdun wurden neun Dörfer in der umkämpften Zone völlig zerstört und sechs davon nie wieder aufgebaut.

Arsen im Boden: Auch die Schützengräben (hier die Gegend um Douaumont) sind noch gut zu erkennen. Durch den permanenten Beschuss während der Schlacht und die Munitionsentsorgung vor Ort ist der Boden um Verdun nachhaltig kontaminiert. Erhöhte Werte etwa von Kupfer, Blei, Zink, Ammoniumperchlorat und Quecksilber wurden nachgewiesen, an einigen Stellen ist die Arsenkonzentration 1000- bis 2000-mal höher als normal. Das Grundwasser auf dem Schlachtfeld ist noch immer nicht trinkbar.

Fleury früher: So sah die Ortschaft Fleury-devant-Douaumont vor dem Ersten Weltkrieg aus. Das Foto zeigt Dorfbewohner auf der Grande Rue. Fleury besaß im Jahr 1913 rund 420 Bewohner. Ebenso zerstört wurden die Ortschaften Beaumont-en-Verdunois, Bezonvaux, Cumières-le-Mort-Homme, Douaumont, Haumont-près-Samogneux, Louvemont-Côte-du-Poivre, Ornes sowie Vaux-devant-Damloup.

Pulverisiertes Dorf: Diese Kapelle mit dem Namen Nôtre Dame de l'Europe wurde nach der Schlacht um Verdun auf dem Platz der ehemaligen Kirche des Dorfes Fleury-devant-Douaumont errichtet. Von Fleury selbst ist nichts übrig geblieben. Die Ortschaft wurde während der zehnmonatigen Schlacht mehrfach erobert und zurückerobert.

Bürgermeister ohne Bürger: Von Fleury steht heute kein Haus mehr - dennoch hat das Dorf noch eine Postleitzahl (55100) und einen Bürgermeister. Er heißt Jean-Pierre Laparra und steht an der Stelle, an der sich Fleury einst befand (Aufnahme von 2014). Um das Dorf nicht zu vergessen, markieren rot-weiße Pfähle die Stellen, an denen einst Häuser standen, auch Straßenschilder wurden aufgestellt.

Verbissen umkämpft: Ein Knochenmann mit Totenschädel und hervortretenden Rippen greift triumphierend in die Höhe, um sein eigenes Leichentuch festzuhalten - eindringlich veranschaulicht dieses Verdun-Denkmal das Grauen der menschenverachtenden Materialschlacht. 1930 für die Gefallenen der 69. französischen Division errichtet, krönt es die verbissen umkämpfte Anhöhe "Mort-Homme" ("Toter Mann"). Die französische Inschrift auf dem Sockel lautet "Ils n'ont pas passé" - "sie (die Deutschen) sind nicht durchgekommen". Die Anhöhe "Toter Mann" hat durch den intensiven Beschuss sechs Meter an Höhe verloren.

Begehbare Gedenkstätte: Millionen von Granaten haben die Landschaft an der Maas komplett umgepflügt, deutlich zeichnen sich bis heute die Granattrichter ab - hier eine Aufnahme aus der Gegend um das Fort de Vaux. Das Gelände ist vom Dauerbeschuss dünenförmig gewellt, vielerorts wachsen bis heute nur wenige Pflanzenarten.

Triumph über die deutschen Aggressoren: Der barbusige Racheengel ragt hinter einem sterbenden Soldaten hervor, siegessicher reckt die wütende Gestalt ihre muskulösen Arme in die Höhe. "La Défense" ("Die Verteidigung") heißt diese vom französischen Künstler Auguste Rodin geschaffene Skulptur. 1920 im Zentrum von Verdun aufgestellt, symbolisiert das Denkmal den Triumph der Franzosen über die deutschen Aggressoren. Allerdings hatte sich Rodin ursprünglich auf die heroische Verteidigung von Paris gegen die preußischen Truppen 1870/71 bezogen.

"Sargdeckel": Blick auf die Überreste des heftig umkämpften Fort Douaumont, auch "Sargdeckel" genannt - einst wichtigste Festung in dem Ring der Verteidigungsanlagen um Verdun. Am 8. Mai 1916 kam es dort in einem Handgranatenlager zu einer Explosion, bis zu 800 deutsche Soldaten starben. Da es zu gefährlich gewesen wäre, sie aus dem Fort hinauszuschaffen, wurden sie in einer Kasematte übereinandergestapelt, mit Kalk besprengt und an Ort und Stelle eingemauert.

Epizentrum des Gedenkens: Hinter einem französischen Soldatenfriedhof ragt das Beinhaus von Douaumont auf. Hier, im Zentrum des Schlachtfelds, sind die Gebeine von mehr als 130.000 französischen und deutschen Gefallenen versammelt, die nicht mehr identifiziert werden konnten. Das Bauwerk erinnert an ein Schwert, das bis zur Parierstange (den beiden Seitenflügeln) in den Boden gerammt ist - der 46 Meter hohe Turm symbolisiert den Griff der Waffe.

Ort der Trauer: Blick in das Innere des Beinhauses von Douaumont. An den Wänden des Tonnengewölbes sind ausschließlich die Namen der gefallenen Franzosen verzeichnet - mit einer Ausnahme: Seit 2014 existiert nahe dem Eingang eine Deckentafel für einen deutschen Soldaten namens Peter Freundl. Der Turm des Beinhauses wurde von den USA gestiftet, was die Inschrift des Torbogens erklärt: "Dieser Turm ist den tapferen Toten von Verdun gewidmet durch ihre amerikanischen Freunde."

In Memoriam: Das weiße Kreuz auf dem Soldatenfriedhof in Douaumont trägt die Nummer 4888 - es erinnert an einen der mehr als 300.000 Männer, die in dieser sinnlosen Schlacht ihr Leben ließen.

Heimat der Webkunst: Die Bewohner von Ornes posieren auf der Rue de l'Église für die Kamera (Foto von 1916). Ornes war einst ein wichtiges Dorf für die Region, im 19. Jahrhundert zählte es mehr als 1300 Einwohner. Ornes besaß mehrere Mühlen und Webereien.

Die Ruinen von Ornes: Diese Aufnahme von 1916 zeigt Ornes nach dem Ausbruch der Schlacht. Zahlreiche Gebäude sind zerstört, die Kirche steht noch.

"Gefallen für Frankreich": Heute ist nichts mehr übrig von Ornes, ein Schild erinnert an die Stelle, an der das Dorf einst stand - im Jahr 2013 lebten dort noch sechs Menschen. Die zerstörten Dörfer erhielten nach dem Ersten Weltkrieg den Status "Mort pour la France" ("Gefallen für Frankreich").

Lebendig verschüttet: An dieser Stelle verlief während der Schlacht um Verdun ein französischer Schützengraben - "Unbekannter französischer Soldat" steht auf dem Holzkreuz. Einer (allerdings stark umstrittenen) Legende nach wurden am 12. Juni 1916 in diesem Schützengraben 57 Angehörige des 137. Infanterie-Regiments durch einen Granateneinschlag verschüttet. Nur die Bajonette der Männer sollen noch herausgeschaut haben.

Umkämpft: Rathaus und Kirche von Louvemont-Côte-du-Poivre vor der Schlacht um Verdun. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs lebten dort 183 Einwohner. Am 25. Februar 1916 eroberten die deutschen Angreifer das Dorf. Erst zehn Monate später, am 15. und 16. Dezember, gelang es den Franzosen, das nunmehr komplett zerstörte Louvemont zurückzuerobern.

Die Kapelle von Louvemont: An der Stelle, an der einst die Kirche von Louvemont stand, wurde 1932 eine neu errichtete Kapelle eingeweiht. Noch heute entdecken Förster im Wald immer wieder Knochen, Blindgänger und Granatsplitter aus der Schlacht um Verdun.

Verschwundenes Café: Diese dreisprachige Tafel zeigt an, wo einst in Fleury Café und Lebensmittelladen standen. Es existieren auch andere Plaketten, etwa um die Orte von Bäckerei und Schule zu markieren.

Straße ins Nirgendwo: Die Grande Rue von Bezonvaux. Wo einst die Hauptstraße der Ortschaft verlief, wachsen heute Moos und Bäume. Nach Kriegsende steckten die französischen Behörden in der umkämpften Region um Verdun eine sogenannte rote Zone ab. Noch immer stecken nicht explodierte Granaten im Boden, regelmäßig muss der Räumdienst anrücken, um Blindgänger zu entschärfen.

"Gestorben, um die Welt zu retten": Dieser Gedenkstein markiert die Stelle, an der sich einst das Dorf Vaux befand. Die Inschrift zitiert den ehemaligen französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré, sie lautet: "Spaziergänger, erzähle den anderen Völkern, dass dieses Dorf gestorben ist, um Verdun zu retten - damit Verdun die Welt rettete."

"Keiner kommt durch": Mit diesem 1928 eingeweihten Denkmal wird in Verdun an den massenmörderischen Wahnwitz des Ersten Weltkriegs erinnert. Die fünf französischen Soldaten mit ihren unterschiedlichen Waffen bilden eine undurchdringliche Mauer: "On ne passe pas" (hier kommt keiner durch") geriet zum patriotischen Slogan der französischen Armee, die Verdun vor den deutschen Aggressoren verteidigte.

Krumeich: Auch deshalb hat sich gerade Verdun in der kollektiven Erinnerung tief eingebrannt. Nirgendwo ist das Schlachtfeld noch so großflächig vorhanden wie vor Verdun. Wer einmal dort war, wird den Anblick nie mehr vergessen. Dieses durch ständigen Beschuss wellenförmig aufgeworfene, dünenartige Gelände mit eher zufälligem Baumbewuchs. Unvorstellbar, dass da überhaupt Menschen überleben konnten.

einestages: Schmerz, Einsamkeit, Entmenschlichung - das erfuhren Soldaten auf beiden Seiten der Front. Was war das Schlimmste vor Verdun?

Krumeich: Der Durst! Das gibt es an keiner anderen Front in diesem Maße. Dieses Ausgesetztsein, dieses nicht Wegkönnen. Keinen Meter auch nur wegrobben zu können aus dem Schutzloch, in dem man ist. Weil alles, was man macht, unter der Beobachtung des Feindes steht. Der Feind weiß ganz genau, wo die Quellen sind, wo ich mein Wasser holen muss. Und das liegt unter Beschuss, Dauerbeschuss. Du kommst nicht hin, du verdurstest vor Ort. Und wenn du anfängst, deinen Urin zu trinken oder den deiner Kameraden, dann wird's schlimm. Schlimmer noch ist es, wenn du anfängst, das Kühlwasser der Maschinengewehre zu trinken. Erstens war das kaum zu trinken. Zweitens hattest du dann kein Maschinengewehr mehr.

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einestages: Was ist mit dem Regenwasser?

Krumeich: In den Pfützen der Granattrichter lagen meist Leichen, das Wasser war verseucht. Neben dem Durst trieb die Soldaten am stärksten die Angst um, dass ihnen ein Schrapnell das Gesicht zerfetzt, dass sie durch den Beschuss verschüttet und lebendig begraben werden. Ärzte berichten auch von den Höllenqualen Verwundeter, denen sie die Stiefel auszogen. Die Soldaten hatten sie bis zu drei Monate am Leib - die Schuhe waren mit dem Körper verwachsen.

einestages: Schon im Herbst 1915 hatte es Großoffensiven mit gigantischen Verlusten gegeben. Warum lernten die Generäle nicht dazu und änderten 1916 ihre Taktik?

Krumeich: Auf beiden Seiten glaubte man an schiere materielle Überlegenheit: Wir können siegen, wenn wir es nur schaffen, noch mehr Material heranzuschaffen. Und dazu gehörten Menschen ebenso wie Waffen und Munition. Im März 1914 wurden in Deutschland 15.000 Gewehre pro Monat produziert. Ein Jahr später waren es 150.000, im März 1916 dann über eine Million. Der Glaube an die Industrialisierung des Kriegs war immens. Zudem kannte man erst ab 1919/1920 die genauen Verlustzahlen - was dann einen ungeheuren Schock auslöste.

einestages: Hatten die Heeresleitungen den Bezug zur Realität verloren?

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Krumeich: Wir haben es hier mit einer Generalität zu tun, die sich immer mehr vom Schlachtfeld entfernte. Ein Skandal: Die hohen Herren saßen an ihren reich gedeckten Tischen in Hörweite des Infernos und hatten keinen Schimmer davon, was sich in den Schützengräben abspielte. Diese Trennung von Kommando- und Kampfebene ist heute im Prinzip nicht anders.

einestages: Warum griffen die Deutschen im Februar 1916 ausgerechnet in Verdun an?

Krumeich: Die Kämpfe waren in den Schützengräben erstarrt, die Soldaten frustriert. Das war tödlich für die Moral. In erster Linie wollte Generalstabschef Erich von Falkenhayn wieder Bewegung in den Krieg bringen - und natürlich die Festung Verdun erobern.

einestages: Später verbreitete Falkenhayn jedoch eine ganz andere Version.

Krumeich: In seinen unmittelbar nach dem Krieg verfassten Memoiren präsentierte Falkenhayn die Legende, es sei ihm vor Verdun von Anfang an gar nicht um einen Sieg gegangen, sondern allein darum, die Franzosen dort "weißzubluten". Auf zwei tote deutsche Soldaten sollten fünf Gegner kommen.

einestages: Diese Strategie erläuterte er angeblich in der "Weihnachtsdenkschrift", datiert auf Dezember 1915, also vor Beginn der Schlacht um Verdun.

Krumeich: Ein Dokument, das niemand kennt und das nie gefunden wurde. Es steht einzig und allein in Falkenhayns Memoiren. Ich halte es für eine plumpe Fälschung - so zynisch, dass Jahrzehnte lang keiner an der Echtheit zweifelte.

einestages: Ab wann wurde Verdun zum Mythos verklärt?

Krumeich: Unmittelbar nach Beginn der Schlacht erklärten die französischen Politiker Verdun zum Herz der Nation, um jeden Preis zu verteidigen. Sie gaben die Devise aus: Hier vor Verdun ist Schluss, hier muss ein Zeichen gesetzt werden. Genau so kam es. Den taktischen Sieg erlangten die Franzosen. "Ils n'ont pas passé": Sie (die Deutschen) kamen nicht durch - so lautet die Inschrift des Denkmals auf der umkämpften Höhe "Toter Mann".

einestages: Und der deutsche Verdun-Mythos?

Krumeich: Verdun repräsentiert in gewisser Weise die Sinnlosigkeit des Kriegs, der Mythos ist auf deutscher Seite stark negativ aufgeladen. Verdun war der Verrat am Soldaten, Verdun war die nutzlose Aufopferung derjenigen, die bereit waren, für ihr Vaterland zu sterben. Und das ist es in gewisser Weise geblieben.

Katja Iken/SPIEGEL ONLINE
einestages: Wie kam es, dass nahezu jeder französische Soldat einmal vor Verdun kämpfte?

Krumeich: Um die Deutschen abzuwehren, ersannen die Franzosen ein einzigartiges Rotationsprinzip: die sogenannte Noria. Auf der "Heiligen Straße" von Bar-le-Duc nach Verdun rollten Tag und Nacht Lastwagen, um Soldaten, Waffen, Munition und Verpflegung an die Front zu bringen. Zwei Drittel aller französischen Divisionen kämpften im Wechsel vor Verdun: vier, fünf Tage, dann kam jemand anderes dran. Hinterher hatte jeder französische Soldat das Bewusstsein: "Ich habe vor Verdun dazu beigetragen, dass die Deutschen nicht durchkamen. Ich war dabei." Dagegen kämpften die deutschen Soldaten im Schnitt deutlich länger vor Verdun. Sie wurden, wie man damals sagte, buchstäblich "zu Schlacke verbrannt".

einestages: Die Franzosen wehrten vor Verdun die deutschen Aggressoren ab; den deutschen Soldaten musste das Gemetzel noch sinnloser erscheinen. Warum begehrten sie nicht auf?

Krumeich: Diese Frage treibt mich bis heute um. Woher kommt dieser ungeheure Kampf-Elan? Monat für Monat fliegen dir die Eingeweide deiner Kameraden durch Granatbeschuss um die Ohren, dennoch machst du weiter. Kaum einer der Verdun-Soldaten beging Fahnenflucht, es gab kaum Kriegsgerichtsprozesse. Eine große Rolle spielte damals sicher die Angst vor Ehrverlust. Die Verdun-Soldaten waren tatsächlich von der Sinnhaftigkeit ihres Opfers überzeugt.

einestages: Im Juli 1936 trafen sich 30.000 Verdun-Veteranen aus Deutschland und Frankreich in Douaumont, um einen "Friedensschwur" abzulegen. Dabei hatte Hitler alles andere als Frieden im Sinn.

Krumeich: Viele vertrauten Hitler, weil er den Ersten Weltkrieg selbst als Frontsoldat erlebt hatte. In der Schlacht an der Somme war er im Oktober 1916 auch verwundet worden. Es herrschte die Überzeugung: Wer durch diese Hölle gegangen ist, der kann keinen Krieg mehr wollen. Ein fatales Missverständnis.

einestages: Wie gelang es dem NS-Regime, Verdun für seine Zwecke zu instrumentalisieren?

Krumeich: Hitler stilisierte den Verdun-Kämpfer zur Idealfigur des knallharten Frontsoldaten, mit Stahlhelm und Stahlgesicht: eine Vorwegnahme des SS-Mannes.

einestages: Am 29. Mai treffen sich Kanzlerin Angela Merkel und der französische Premier François Hollande im Beinhaus von Douaumont, wo die Überreste von mehr als 130.000 nicht mehr zu identifizierenden französischen wie deutschen Soldaten ruhen. Was sollte dort passieren?

Krumeich: Seit 20 Jahren kämpfe ich darum, dass auch die deutschen Opfer der Schlacht im Beinhaus mit einer eigenen Gedenktafel gewürdigt werden. Bislang fehlt jeder Hinweis auf sie, das muss sich ändern. Ich habe wegen dieser Forderung fürchterliche Auseinandersetzungen geführt und mich als Militarist beschimpfen lassen müssen. Doch die deutschen Soldaten dürfen einfach nicht vergessen werden. Ich gehe davon aus, dass auch sie im Bewusstsein starben, ihr Vaterland zu verteidigen.

einestages: Welche Lehren müssen wir heute aus Verdun ziehen?

Katja Iken/SPIEGEL ONLINE

Krumeich: Verdun ist für mich der typische Fall eines Krieges, der über sich hinauswächst, der anders wird, als man eigentlich geplant hat. Der Krieg, sagte Clausewitz, ist ein Chamäleon. Er nimmt immer wieder neue Farben und Formen an. Er ist nicht definierbar. Ein Krieg verbirgt den anderen, du kannst ihn nicht zu Ende denken. Also sollst du am besten die Finger überhaupt davon lassen.


"Im Krieg" - die Dokumentation zum 1. Weltkrieg und zur Schlacht von Verdun

Sonntag, 21. Februar, 20.15 Uhr auf SPIEGEL Geschichte, empfangbar bei Sky


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1. Verdun 1971
Frank Burgey, 16.02.2016
im Frühjahr 1971 besuchte ich als 16jähriger mit der Schulklasse Verdun. Das Beinhaus von Douaumont und die Katakomben; die Schilder, die vor der immer noch bestehenden Lebensgefahr durch Munition im Waldboden warnten; die bedrückende Atmosphäre an diesem Ort - das waren für mich weitere Gründe, zwei Jahre später den Kriegsdienst zu verweigern. Anrührend auch ein alter französicher Veteran, der uns als deutsche Jugendliche erkannte und zu uns sagte, dass so etwas nie wieder geschehen dürfe.
2. Unfassbar
Deescala Thor, 16.02.2016
...für meinen Geist kaum oder - wenn ich ehrlich bin - gar nicht zu fassen. Die Beschreibung rund um den Durst und das Verwachsen der Stiefel mit dem Körper lässt mich mehr als nur erschauern...
3. Es ist nicht der Krieg - es sind die Menschen
Ebeck Art, 16.02.2016
Es war eine Zeit in der die Generäle und die Kriegsmacher die größte Stimme in Land hatten. Clausewitz macht Entschuldigungen fuer die geistige und moralische Schwäche der führenden Menschen zu dieser Zeit wenn er schreibt: 'Der Krieg, sagte Clausewitz, ist ein Chamäleon. Er nimmt immer wieder neue Farben und Formen an. Er ist nicht definierbar.' Es ist nicht der Krieg, es sind Menschen welche in führender Stellung landeten ohne Mitgefühl und ohne gesunden Menschenverstand, die also in der Menschlichkeit versagten. Wer diese Leute auf allen Seiten des Krieges waren, kann man im jeden Geschichtsbuch lesen. Ich war bisher nicht in der Lage einen einzigen logischen Grund fuer die Entfaltung des ersten Weltkrieges zu erkunden. Alles was vorgelegt wird ist so unsinnig und oberflächlich dass es als Grund fuer den Massenmord von 10 Millionen Menschen einfach nicht ins Gewicht fällt. Ich fordere die Forumsmitglieder auf handfeste Gründe fuer diesen Krieg zu liefern.
4. Weißbluten
Thomas Schäfer, 16.02.2016
Die Theorie des "Weißblutens" haben auch namhafte deutsche Historiker in Zusammenhang mit 100-Jahren Kriegsbeginn erwähnt; so ganz aus der Luft gegriffen finde ich die Idee dann nicht. Auch wichtig ist der Gründungsmythos: Im Vertrag von Verdun wurde am 10. August 843 die Aufteilung des damaligen Reiches beschlossen; aus der Aufteilung entwickelten sich dann im Laufes der Zeit u.a. Frankreich und Deutschland.
5. Was hat die Menschheit daraus gelernt?
Wolf Klee, 16.02.2016
NICHTS! Einen wesentlichen Unterschied zum WK1 gibt es allerdings ... heute kämpft nicht mehr Soldat gegen Soldat sondern es wird (noch niederträchtiger) die Zivilbevölkerung rücksichtslos abgeschlachtet. Krankenhäuser und Schulen werden bombardiert, Offensichtliche Kriegsverbrechen werden "verurteilt", haben aber keine Folgen für die Verursacher (klar, sind ja die GUTEN und die dürfen das). Die Bevölkerung der reichen Nationen ist abgestumpft, außer der Krieg ist durch Attentate plötzlich bei uns. Dann herrscht Panik und Gezeter.
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