Schlacht von Gallipoli "Ich befehle euch zu sterben"

1915 versuchten Briten und Franzosen, sich den Weg durch die osmanischen Dardanellen freizuschießen. Der Angriff endete im Desaster. Ein kleines Schiff, die "Nusret", bereitete ihnen ein nasses Grab.

Library of Congress/ Royal Navy

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Die Motoren des Schiffes arbeiteten so leise wie möglich, zugleich sollte kaum auffälliger Dampf aus dem Schornstein aufsteigen. Irgendwann in den ersten Stunden des 8. März 1915 erreichte die "Nusret" schließlich ihr Ziel: die Bucht von Erenköy in den osmanischen Dardanellen. Schnell versenkte die Besatzung ihre tödliche Fracht im Wasser: 26 Seeminen. Anschließend verschwand der Minenleger genauso unauffällig, wie er gekommen war - unentdeckt von den zahlreichen britischen und französischen Kriegsschiffen.

Die Armada von über einem Dutzend Schlachtschiffen fuhr am 18. März 1915 aus allen Rohren feuernd immer weiter in die Dardanellen ein. Ihr Ziel war es, die osmanischen Küstenbefestigungen zu zerstören, die die Zufahrt ins Schwarze Meer schützten. Doch die osmanischen Soldaten trafen besser, als es die gegnerischen Admirale für möglich gehalten hatten. "Eure Mütter haben euch nur für diesen Tag geboren", hatte ein türkischer Offizier seine Soldaten angespornt. Den Feinden drohte er an: "Das Meer wird ihr Grab werden."

Schwer beschädigt drehte die britische "HMS Irresistible" bald ab und fuhr in die Bucht von Erenköy ein, um zu wenden - genau wie es die osmanischen Offiziere bei vorherigen Angriffen beobachtet hatten. Bald erschütterte eine Explosion das Kriegsschiff. Sie war in das Minenfeld gefahren und sank. Zuvor war bereits die französische "Bouvet" zum Opfer der Seeminen geworden. Über 600 Seeleute kamen dabei um. Weil die Befehlshaber glaubten, dass Artilleriebeschuss die beiden Schlachtschiffe versenkt hätte, ließen sie die anderen Einheiten ebenfalls in die verhängnisvolle Bucht einfahren.

Drei gewaltige Schlachtschiffe schickte die gerade einmal 40 Meter lange "Nusret" mit ihren Minen an diesem Tag auf den Grund des Meeres, andere erlitten schwere Schäden. Gebaut worden war sie 1911 in Kiel.

"In ein Pulverfass geworfen"

Deutschland und das Osmanische Reich pflegten seit Jahrzehnten eine enge Verbindung. Im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich und Russland hegte das Deutsche Reich in der Region keine territorialen Ambitionen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs blieben die Osmanen noch neutral, umworben nicht nur von Deutschland, sondern auch von Großbritannien und Frankreich. Mit den Dardanellen und dem Bosporus kontrollierten sie die einzige Verbindung zum Schwarzen Meer.

Zwei weitere in Deutschland gebaute Schiffe sollten hingegen bei ihrem Kriegseintritt eine entscheidende Rolle spielen.

Wenige Tage nach Kriegsbeginn im August 1914 liefen die deutschen Kreuzer "Goeben" und "Breslau" auf der Flucht vor der britischen Flotte in Konstantinopel ein. Der deutsche Admiral Wilhelm Souchon kommandierte die beiden Schiffe. Noch mit deutscher Besatzung, aber unter osmanischer Flagge griffen sie auf Souchons Befehl hin Odessa und Sewastopol an, den Sitz der russischen Schwarzmeerflotte. Das Osmanische Reich befand sich damit bald als deutscher Verbündeter im Kriegszustand.

Souchon rühmte sich in seinem Tagebuch: "Ich habe die Türken in ein Pulverfass geworfen und den Krieg zwischen Russland und der Türkei entzündet."

Am 18. März 1915 versuchte schließlich das britisch-französische Geschwader, die osmanische Küstenverteidigung zu vernichten - und erlitt durch die Seeminen der "Nusret" eine vernichtende Niederlage. Ein Vorstoß zu See auf Konstantinopel war damit unmöglich geworden. Genau wie die Versorgung der russischen Alliierten über das Schwarze Meer. Winston Churchill, der als Erster Lord der Admiralität den desaströsen Angriff zu verantworten hatte, schrieb später, der kleine Minenleger "Nusret" habe "die Welt verändert".

"Ich befehle euch zu sterben"

Einen Monat später, am 25. April 1915, landeten als Vorhut australische und neuseeländische Soldaten auf der Halbinsel Gallipoli, um die Dardanellen in einem Landangriff unter ihre Kontrolle zu bringen. Zuvor hatten Kriegsschiffe die osmanischen Stellungen massiv beschossen. Trotzdem erlitten die Angreifer in stundenlangen Kämpfen hohe Verluste, obwohl die Verteidiger ihnen zahlenmäßig unterlegen waren. Schließlich verschanzten sich beide Seiten. Blutige Offensiven sollten zahlreiche Opfer fordern, bis die restlichen Truppen aus Großbritannien, Frankreich, Australien, Neuseeland und Indien Anfang 1916 evakuiert wurden. Etwa 44.000 Soldaten fielen auf Seiten der Entente, rund 56.000 auf osmanischer.

Die erfolgreiche Abwehr der Invasion war auch einem Offizier namens Mustafa Kemal Pascha zu verdanken, der für seine außerordentliche Härte bekannt war. "Ich befehle euch nicht, anzugreifen, ich befehle euch zu sterben", lautete eine seiner Order. Aus Kemal Pascha, später Atatürk, "Vater der Türken" genannt, wurde nach der Abschaffung des osmanischen Sultanats der Gründer und erste Präsident der modernen Türkei.

Die Schlacht von Gallipoli wurde in der Türkei zu einem Mythos, genau wie in Australien und Neuseeland. Jedes Jahr reisen Tausende Schüler aus diesen beiden Ländern auf die Halbinsel und gedenken ihrer dort gefallenen Landsleute.

Das Schiff, das durch seine Nacht-und-Nebel-Aktion die verlustreiche Schlacht verursachte, ist heute gleich zweimal zu besichtigen. Im Marinemuseum der Stadt Cannakale liegt ein Nachbau der berühmt-berüchtigten "Nusret" vor Anker. Das Original befindet sich in der Stadt Tarsus am Golf von Iskenderun. 1962 war der ehemalige Minenleger ausgemustert worden und diente später als Transportschiff. Um 1989 sank der ehemalige Stolz der osmanischen Marine. Gut zehn Jahre später wurde die "Nusret" geborgen. Die von ihren Minen zerstörten Schlachtschiffe ruhen dagegen immer noch auf dem Grund der Dardanellen.



insgesamt 34 Beiträge
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Sebastian Gascard, 15.03.2015
1. dieses Debakel
war der Grund dafür, dass der damalige Marineminister Winston Churchill bald darauf zurücktreten musste. Denn er war der Vater der Idee, durch die Dardanellen durch zu brechen. Er hielt daran fest, obwohl man ihm davon abgeraten hatte.
Norbert Fröhlich, 15.03.2015
2. Diese Desaster sollte man verfilmen -
Statt ständig Kriegs-Heros Verherrlichungen zu verfilmen, sollten die USA und andere sog. Siegermächte derartige Kriegs-Desaster realistisch in Filmen zeigen. Dies wäre ein guter Weg, die Kriegsbegeisterung in diesen Ländern zu reduzieren.
Dirk Kern, 15.03.2015
3. Erinnerung
Mein Urgrossvater war Artillerieoffizier und während des ersten großen Kriegs als Militärberater im osmanischen Reich. Einer der fünf gefallenen Brüder meiner Urgrossmutter ist im syrischen Aleppo begraben. Die Leichtfertigkeit, mit der heute unsere Politiker und die unserer Alliierten über neue Kriegseinsätze reden, erschreckt mich immer wieder.
Harald Schmitt, 15.03.2015
4. ähm
seit 1453 heißt diese Stadt Istanbul!!!
Takeshi Kitano, 15.03.2015
5. Auch noch bemerkenswert zum Thema
Grabrede Atatürks anlässlich des Gedenktages der Toten dieser Schlacht: „Diese Helden, die ihr Blut vergossen und ihr Leben ließen… nun liegt ihr in dem Boden eines freundlichen Landes. Darum ruhet in Frieden. Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen… Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Ländern schickten, wischt weg eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“ – Mustafa Kemal
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