Schlacht von Iwojima Insel aus Blut und Asche

Am 19. Februar 1945 stürmten Zehntausende US-Marines Iwojima. Die japanischen Verteidiger hatten die Pazifikinsel zum Bollwerk ausgebaut. Ihr Ziel: So viele Amerikaner wie möglich zu töten. Und am Ende zu sterben.

AP

Von Andreas Spinrath


"Ich muss Ihre Erwartungen enttäuschen", meldet Tadamichi Kuribayashi am 17. März 1945 an das Hauptquartier der Kaiserlich Japanischen Armee. "In Demut und Aufrichtigkeit biete ich Ihnen wiederholt meine Entschuldigungen an." Während Kuribayashi diese Zeilen schreibt, verbirgt er sich in seinem Versteck auf der Insel Iwojima. Mit seinen Truppen wehrt sich der General seit Wochen im blutigen Kampf gegen die Invasion dieses kleinen Stückchens Land inmitten des Pazifiks.

Angesichts der vielen Zehntausend US-Marines, die immer wieder anstürmen, um die unwirtliche Insel zu erobern, war seine Mission von Beginn an aussichtlos. Kuribayashi weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Er hat nur noch eine Mission: möglichst viele Amerikaner mit in den Tod zu nehmen.

Anfang Juni 1944 wurde Kuribayashi nach Iwojima versetzt. Das Eiland ist lediglich rund 20 Quadratkilometer groß, höchster Punkt ist der erloschene Schlackekegel Suribachi mit 161 Metern Höhe. 1200 Kilometer südlich der japanischen Hauptstadt Tokio sollte Kuribayashi halten, was nicht zu halten war: einen strategisch wichtigen Punkt mitten im Pazifik. Iwojima diente den Japanern als Frühwarnsystem vor amerikanischen Luftangriffen, von hier starteten Kampfflugzeuge, um die Bomber der USA abzufangen.

Noch ein anderer Grund bewog das kaiserliche Oberkommando dazu, Iwojima um jeden Preis zu verteidigen: Falls das Eiland mit seinen Startbahnen an die Amerikaner fiel, würde sich die Anflugstrecke der US-Luftwaffe für ihre Attacken auf Tokio, Osaka oder Hiroshima halbieren. Daher war es nur eine Frage der Zeit, bis der Gegner versuchen würde, die Insel einzunehmen.

"Bis zum Ende verteidigen"

Als Verteidiger der Insel wurde Tadamichi Kuribayashi auserkoren. Ein hochdekorierter General von 53 Jahren, der einer Samurai-Familie entstammte. Die USA und ihre überlegene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit hatte er persönlich kennengelernt. Von 1928 bis 1930 lebte der Offizier als Militärattaché in Washington D.C.

Kurz vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 schrieb Kuribayashi seiner Familie: "Es ist hoffnungslos, einen Krieg mit den USA zu beginnen." Nun musste er dieser Übermacht entgegentreten. Binnen Monaten ließ der Befehlshaber seine Soldaten Iwojima zu einer Festung ausbauen. Sie unterminierten das Eiland mit kilometerlangen Tunneln und befestigten rund 5000 Höhlen mit leichten und schweren Geschützen.

Kuribayashi ahnte, dass diese Maßnahmen die Invasoren nicht würden aufhalten können. Damit war aber alles vorbereitet für sein wirkliches Ziel: Die Verluste der US-Truppen zu maximieren. Der General wusste um die Bedeutung, die die amerikanische Öffentlichkeit Verlustraten zumaß. Er plante eine Zermürbungsschlacht. Die Amerikaner sollten so viele Männer auf Iwojima verlieren, dass sie von ihrer geplanten Invasion Japans absehen würden.

Der General diktierte seinen Soldaten ein "tapferes Gelöbnis zur Schlacht": "Wir werden diese Insel mit all unserer Kraft bis zum Ende verteidigen", heißt es darin. "Wir werden nicht sterben, bevor wir zehn unserer Feinde getötet haben." Es sieht keine Kapitulation vor, keine Gefangenen oder Überlebenden.

Hinterhalte und Flammenwerfer

Am 16. Februar 1945 kündigte sich die amerikanische Invasion schließlich mit einem Donnergrollen an. Aus der Luft und von See schlugen Bomben und Granaten auf Iwojima ein, drei Tage lang sollte schwerer Beschuss alles zerstören, was die Japaner nicht vergraben hatten. Auf das Bombardement folgte der Angriff. Am 19. Februar, kurz vor 9 Uhr, landeten 30.000 Marines an den Stränden der Insel. In einer Woche sollte die Schlacht gewonnen sein.

Die Amerikaner erwarteten die oft angewandte Angriffsstrategie der Japaner: Eine menschliche Welle aus Tausenden Soldaten, "human wave attack" genannt, die der Invasionsarmee entgegenrollen würde. Doch die gefürchtete Attacke blieb aus. Unter den Soldaten machten Gerüchte die Runde: Hatte der Artilleriebeschuss die Japaner schon längst getötet? War Iwojima schon erobert worden, bevor ein einziger US-Soldat seinen Fuß auf den Boden der Vulkaninsel gesetzt hatte? Sie täuschten sich.

Als die Amerikaner sich in Richtung des Inselinneren aufmachten, mähten die japanischen Maschinengewehre sie aus den Höhlen reihenweise nieder. Die fanatisierten Soldaten des Kaisers sprangen überfallartig aus ihren Tunneln, es kam zum Kampf um jeden Zentimeter. Mit Flammenwerfern bekämpften die Marineinfanteristen die Japaner in den Höhlen, sie sprengten die Tunneleingänge und begruben die Insassen bei lebendigem Leib. Und immer wieder gerieten die US-Truppen in Hinterhalte. Wie aus dem Nichts standen ihnen plötzlich Feinde gegenüber, die bereit waren zu sterben, solange sie nur die ihnen befohlenen zehn Amerikaner mit sich in den Tod nahmen.

Am 23. Februar hissten US-Soldaten auf dem Gipfel des Suribachi das Sternenbanner. Weil die Flagge zu klein war, pflanzte später ein zweiter Trupp eine größere auf. Hier drückte ein Fotograf im richtigen Augenblick auf den Auslöser und erschuf so eine Ikone der Kriegsberichterstattung. Doch die Schlacht war längst nicht gewonnen, von den sechs Soldaten auf dem Bild sollten noch drei auf Iwojima sterben.

"Ein kluger Bastard"

Anfang März hatten die Amerikaner den Japanern große Teile der Insel abgetrotzt. Um das Blutvergießen zu beenden, forderten sie Kuribayashi per Lautsprecher auf, sich zu ergeben. Verschanzt in einer Schlucht im Norden der Insel, ließ der Japaner per Funk mitteilen, was er davon hielt: "Wir haben über diesen kindlichen Streich gelacht." Sein Gegenüber, General Holland Smith, war beeindruckt seinem Gegenspieler: "Der japanische General, der hier diese Show abzieht, ist ein kluger Bastard."

Das Ende dieses "Bastards" wurde zur Legende: Tage nach seinem Abschiedsbrief an das Kaiserliche Hauptquartier, am 26. März 1945, soll Kuribayashi im Morgengrauen eine kleine Einheit zu einem letzten Angriff in Richtung eines amerikanischen Postens geführt haben. Zumindest vermutet man das, Kuribayashis Leichnam wurde nie identifiziert. Ohne Rangabzeichen, als gewöhnlicher Soldat, überfiel er demnach Amerikaner in ihren Zelten. Und fiel wie fast alle seine Soldaten. Von den über 20.000 japanischen Verteidigern auf Iwojima kamen fast 19.000 um, nur 216 ergaben sich. Am selben Tag erklärten die Befehlshaber Iwojima als "sicher".

Am Ende beklagten die USA rund 6800 Tote und fast 20.000 Verwundete. Nach Iwojima und der noch blutigeren Schlacht im April um die Insel Okinawa war selbst zurückhaltendsten Analysten klar: Die Invasion Japans würde Hunderttausende von Toten fordern.

Kuribayashis zynische Rechnung ging auf: Die massiven US-Verluste auf Iwojima verstärkten die Kritik an einer Invasion der japanischen Hauptinseln. Die USA beendeten den Krieg stattdessen mit einer neuartigen Waffe: Anfang August 1945 warfen die Amerikaner Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ab, zehntausende Menschen starben. Kurz darauf kapitulierte das Kaiserreich. Das Schlachten war vorbei. Iwojima aber hatte sich in ein gut 20 Quadratkilometer großes Massengrab verwandelt.



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Seite 1
Jürgen Schiffmann, 17.02.2015
1.
Bild 9: Iwo Jima war der Stützpunkt der P-51 Begleitjäger und nur Notlandeplatz für beschädigte B-29 Bomber!
Alberto Sabi, 17.02.2015
2. Bombe
Fakt ist, dass ohne die Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki, der Krieg auf den Hauptinseln Japan sehr hart und lang dauern würde , mit viel mehr Opfern als die der Bomben- wenn auch das zynisch klingen mag !
Hans Heckenhauer, 17.02.2015
3. Vergessen wird nur ganz gerne
dass sich Japan quasi schon am ergeben war und es den USA bekannt war. Sie wollten die Atombombe einfach nur testen. Ein Abwurf war eigentlich unnötig. Und so nebenbei. Die Bomben waren ursprünglich für Deutschland bestimmt.
Ludger Wenzelides, 17.02.2015
4. Quellen
Herr Heckenhauer, bitte belegen Sie das doch mal mit Quellen. Nach den Erfahrungen von Iwo Jima und Okinawa konnten die Amerikaner davon ausgehen, dass die Japaner bis zum letzten Mann kämpfen würden. Speziell auf den Hauptinseln, Iwo Jima und Okinawa gehörten ja noch nicht mal zum eigentlichen Kernland.
Bernhard Aufleger, 17.02.2015
5. Schlicht zu klein! Kapitulationsgrund: Kriegseintritt der Sowjetunion
1. "Falls das Eiland mit seinen Startbahnen an die Amerikaner fiel, würde sich die Anflugstrecke der US-Luftwaffe für ihre Attacken auf Tokio, Osaka oder Hiroshima halbieren." Stimmt zwar, war aber kein Aspekt für die US-Invasion. Die US-Bomber flogen bis Kriegsende im wesentlichen von den Marianeninseln Guam, Tinian und Saipan aus. Iwo Jima diente als Notlandeplatz für B-29 und als Basis für die Begleitjäger. Die Insel war schlicht zu klein, um das ganze XXI Bomber Command drauf unterzubringen. Schon Guam, Tinian und Saipan waren von Ende 1944 an ja eigentlich nur noch gigantische Flugplätze. Vor der Invasion hatten japanische Bomber von Iwo Jima aus einige Nachtangriffe auf diese Flugplätze geflogen; außerdem griffen japanische Jagdflugzeuge von dort aus die US-Bomber auf ihrem Weg nach Japan an. Auch deshalb wollte das US-Oberkommando die Insel besetzt haben. 2. Wie die neuere historische Forschung gezeigt hat, war der Hauptgrund für die Kapitulation Japans der Kriegseintritt der Sowjetunion. Um die Opfer unter der Zivilbevölkerung scherten sich die Japanischen Militaristen genausowenig wie die Nazis - seien es Opfer von Atombomben oder von konventionelle Bombenangriffen (in Japan immerhin einige hundertausend Menschen!). Wichtig war dabei auch: Amerika rückte von der Forderung einer "Bedingungslosen Kapitulation" ein klein wenig ab. Der Tenno wurde nicht angetastet.
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