Schlachtfelder des 20. Jahrhunderts Schrecklich schöne Landschaften

Es sind melancholisch-schöne Landschaften, die Peter Hebeisen fotografiert hat. Das Ungewöhnliche an seiner Auswahl: Es sind Orte, an denen Zigtausende starben - Schlachtfelder. Im Interview erklärt er, was er sich dabei gedacht hat.

Peter Hebeisen/ Hatje Cantz Verlag

einestages: Herr Hebeisen, man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Gilt das auch für Orte, an denen Menschen starben?

Hebeisen: Nein, Orte, an denen Tausende von Menschen starben, tragen eine innere Sünde in sich. Ein Verbrechen an Menschheit und Natur. Ground Zero in New York oder Sankt Petersburg haben beispielsweise eine zu dramatische Zäsur erlebt, die auf Generationen hinaus weitergegeben und deshalb nicht vergessen wird.

einestages: Wie kommt man auf die Idee, die Schlachtfelder vergangener Jahrzehnte in fast pastoraler Schönheit zu dokumentieren?

Hebeisen: Die vierjährige Belagerung von Sarajevo hat mich aufgerüttelt und schockiert. Ich suchte bewusst nach einer fotografischen Antwort auf dieses Drama, dies ist mein persönlicher Beitrag. Der Antipode des Schreckens ist die Schönheit. Ich bin mir dieser Provokation sehr bewusst, doch letztendlich wollte ich nicht in die immer wiederkehrende Tristesse der "normalen Kriegsfotografie" einschwenken.

einestages: Wie aufwendig muss man sich so ein Fotoprojekt vorstellen?

Hebeisen: Ich bin in acht Jahren rund 40.000 Kilometer gefahren. Am Anfang mit dem Kombi, später habe ich mir einen Bus gekauft, den ich als Campingbus nutzen konnte. Mit Allradantrieb, damit kam ich dann auch an Orte, wo man normalerweise nicht hinkommt.

einestages: Und wie finanziert man so etwas?

Hebeisen: Ich arbeite als Auftragsfotograf, zum Beispiel in der Werbung. Und gleichzeitig verfolge ich seit zwanzig Jahren meine künstlerischen Projekte. Unter anderem habe ich auch ein sehr großes Projekt zum Thema der Migration konzipiert. "Feindbilder, Flüchtlinge in Europa" wurde in 40 Städten gezeigt. Es wäre schön, wenn mir das mit den Schlachtfeldern wieder gelingt. Ich begreife diese fotografische Arbeit als europäisches Friedensprojekt.

einestages: Was haben Sie an diesen Orten gesucht?

Hebeisen: Mit Hilfe von Historikern und anhand von Kriegsdokumentationen habe ich mich auf jeden Ort intensiv vorbereitet. Es ging mir darum, die treffende Lage und Perspektive festzuhalten. Ich fand es interessant herauszufinden, inwieweit sich diese Orte mit ihrem inhärenten Drama fotografisch darstellen ließen. Jeder von uns trägt diese Namen wie zum Beispiel "Stalingrad" diffus in sich. Ich habe sie porträtiert, und somit sind sie nicht gesichtslos.

einestages: Was empfindet man da: Sind das missbrauchte Orte, denen tatsächlich etwas anhängt?

Hebeisen: Ja, ich denke, diesen Orten hängt etwas an, denn der Ort wurde durch den Krieg gewandelt und ist ab dem Zeitpunkt nicht mehr nur ein Ort, sondern eben auch Kriegsschauplatz. Hierzu eine Gegenfrage: Ist Verdun heute dasselbe Verdun wie damals? Ich denke, wenn ein Krieg wie bei Verdun die Fähigkeit hat, die Landschaft so umzugestalten, dass ganze Dörfer, Wälder und Hügel verschwinden und neu entstehen müssen, dann sprechen wir durchaus von einem besonderen Ort.

einestages: Aber funktioniert das nicht nur, wenn man auch die Geschichte der Orte kennt? Den Landschaften sieht man das doch nicht immer an?

Hebeisen: Wenn man ein Bild vom Skagerrak hat, der Nordsee und Ostsee verbindet, dann muss man wissen, dass da Tausende starben, sonst sieht man nur See. An vielen Orten gibt es Denkmäler, die an die Schlachten erinnern, in Russland sind die riesig. An manchen Orten sieht man die Veränderung, in Ortsbildern oder der Landschaft, an anderen sieht man davon nichts.

einestages: Was unterscheidet den Ort einer Schlacht, die innerhalb der letzten zwei, drei Generationen stattfand, beispielsweise von den Schlachtfeldern der Antike?

Hebeisen: Die Schlachten des 20. Jahrhunderts sind sehr materiell und logistisch geprägt. Panzer, Artillerie, Luftwaffe und länderübergreifende Strategien. Das ist eine klar definierte Epoche, um die es mir in diesem Projekt ging, nämlich um die der industriellen Kriege.

einestages: Hätte es nicht sehr nahe gelegen, die Landschaften mit zeitgenössischen Bildern des Krieges zu kontrastieren? Nicht nur das vordergründig schöne Heute zu zeigen?

Hebeisen: Tatsächlich haben wir einen ersten Entwurf gemacht, der von diesem Konzeptansatz ausging. Letztendlich haben wir uns dann für das vorliegende Konzept entschieden. Ich habe an diesen Orten ja gezielt die Schönheit gesucht, wollte weg von der Abbildung der Verschandelung. Im hinteren Teil des Buches findet man historische Erläuterungen zu den einzelnen Kriegsschauplätzen.

einestages: Was sollte man mitnehmen aus Ihrem Buch?

Hebeisen: Jeder darf sich aus dem Buch mitnehmen, was er oder sie möchte. Sicherlich ist bei jeder kriegerischen Auseinandersetzung die geopolitische, wirtschaftliche Komponente immer sehr entscheidend. Wie zurzeit in der Ostukraine oder Palästina. Darüber zu reflektieren und sich mit dem Thema emotional auseinanderzusetzen, finde ich sehr wichtig.

Die Fragen stellte Frank Patalong

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Sylvia Götting, 19.08.2014
1. Ein netter Reiseführer. Thema verfehlt?
Herr Hebeisen hätte das Kontrast-Konzept damals-heute durchaus verfolgen sollen, um dem Thema "Bezug zu Schlachtfeldern" gerecht zu werden. So ist es nur eine Sammlung aus zwar sehr schönen, aber eben doch nur Touristen-Photos geworden. Und streng genommen, ist Leningrad kein Schlachtfeld, sondern Massengrab, ansonsten müsste jedes KZ mit erwähnt werden, dort fanden auch keine Schlachten, sondern Massentötungen statt. In machen der Photos verlieren sich die Städte, um die es geht, in zu viel Landschaft und/oder zu viel Himmel, um dem Thema gerecht zu werden. Bestes Beispiel ist Bild 9 - Prochorawka: Ich habe das Bild bis zum Browsermaximum vergrößert, aber nicht ein Stück vom "kleinen Ort" (Bildunterschrift) entdecken können. Stalingrad wäre noch ein gutes Beispiel gewesen, oder die Schlachtfelder des 1. WK, wo Landschaften und Orte auf Jahrhunderte hinaus vernichtet, verändert und Millionen Menschen verheizt wurden, dagegen sind die 4000 am Omaha Beach Peanuts, und das meine ich nicht zynisch. Möglich, dass sich diese Beispiele im vorgestellten Buch befinden, was mich zu der Frage bringt: "einestages, wieviel zahlt man euch eigentlich für die Reklame von amazon-Büchern?"
Dieter Hartmann, 19.08.2014
2. Wo sind die deutsche Städte ?
Schade dass man keine Bilder von Dresden, München und Hamburg etc. aufgenommen hat. Sind diese Städte im entsprechenden Licht nicht auch sehenswert, so wie London und St. Petersburg ?
Thilo Schwarz, 19.08.2014
3. Danke
In der Naehe zu einem der letzten und unsinnigsten Schlachtfelder des II. WKs aufgewachsen, kenne ich den persönlichen Blick auf solche Stätten und die unheimliche Wirkung auf Phantasie und Bewusstsein. Als Kinder sind wir Anfang der siebziger Jahre durch die Wälder um Halbe gezogen, der Einschlag des Krieges war noch überall sichtbar und irgendwie auch spürbar - irgendwie hat man nicht gewagt, richtig tief Luft zu holen und frei zu atmen. Angesichts des Wissens, was man heute als Erwachsener z.Bsp. über das Geschehen in Halbe, bzw. Seelow hat, geht es mir, wenn ich mal in der alten Heimat bin, heute noch so. Offenbar geht das auch anderen so, heute lebe ich in Weimar. Die älteren unter den Weimarern wissen noch, das der Buchenwald früher DAS Naherholungsgebiet für die Städter war. Heute ist das ein Ort, den die Stadtbevölkerung meistenteils meidet, da angesichts der schrecklichen Vergangenheit 'unanehmbar' für das tägliche Sein - wohl noch auf Generationen. Evtl sollte man solche Orte so gestalten, das auch die heute Lebenden diese Orte wieder entdecken, ohne den dort Gebliebenen unangemessen aufzutreten. So das die Orte für die Toten und die Lebenden annehmbar werden, sich Gedenken mit Leben verbinden lässt ??
Denny Crane, 19.08.2014
4.
leider gerade in bezug auf den 2.wk etwas unausgewogen was spon in der bilderserie zeigt. man hääte auch durchaus bilder von schlachten zeigen können wo die russen gewütet haben und den deutschen in nichts nachstanden, z.b. der königsberger oder heiligenbeiler kessel... aber so was soll ja aus dem allgemeinen deutschen bewusstsein verdrängt und gelöscht werden.
Jan Trützschler, 19.08.2014
5. Die Idee selbst finde ich interessant,
nur die Fotos aus der Gallerie erscheinen mir reichlich trivial: Standardausschnitt, Standardperspektive, Standardlicht - mal abgesehen von dem, dass es auf das Cover des Buches geschafft hat. Wo hier ein "inhärent[es] Drama fotografisch dargestell[t]" wird, erschließt sich mir überhaupt nicht. Wahrscheinlich hätte man einen beliebigen Touristen an die Orte schicken können und er wäre mit sehr ähnlichen Bildern zurück gekommen. Der fotografische Anspruch kommt fast nirgends über das Niveau von Erinnerungsfotos hinaus.
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