Diphtherie in Alaska Schlittenrennen gegen den Tod

Diphtherie in Alaska: Schlittenrennen gegen den Tod Fotos
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1925 brach in Alaska eine Diphtherie-Epidemie aus. Die letzte Hoffnung für die von Schnee und Eis eingeschlossene Stadt Nome: Antitoxin. Das Medikament war jedoch 1000 Kilometer entfernt. Was folgte, war eine dramatische Rettungsaktion, die das ganze Land wochenlang in Atem hielt - und 150 Hunde zu Stars machte. Von Sarah Levy

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Mitten in der Nacht traf der Schneesturm Gunnar Kaasens Hundeschlitten mit voller Wucht. Eisige Windböen von 110 Stundenkilometern schleuderten Kaasens Gefährt vom Pfad, die angeleinten Huskys wurden mitgerissen, Kaasen stürzte in eine Schneewehe. In der Dunkelheit kroch er zum Schlitten, richtete ihn auf und versuchte, die verknoteten Hundegeschirre zu entwirren. Dann kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Er tastete den Schlittenkorb ab, erst systematisch, dann immer hektischer. Nichts. Kaasens Herz stockte. Hatte ausgerechnet er nach mehr als 1000 grausamen Kilometern das lebenswichtige Paket im Schnee verloren? Würden die Menschen von Nome seinetwegen sterben?

Gunnar Kaasen war einer von 20 Schlittenführern, die im Januar 1925 ihr Leben riskierten. Sie und ihre 150 Hunde waren die letzte Hoffnung der Bewohner der Stadt Nome in Alaska: Nur ihre Hundeschlitten konnten die isolierte Kleinstadt an der rauen Küste des Beringmeers erreichen und die Menschen dort vor einer Diphtherie-Epidemie retten. Für die Schlittenführer waren die 1085 Kilometer nach Nome ein Ritt durch eine eisige Hölle – für die Bewohner von Nome wurde es ein Wettlauf um Leben und Tod.

Nome an der nordwestlichen Küste Alaskas war 1925 ein abgeschiedener Ort mit knapp 1400 Einwohnern. Das ehemalige Goldgräberstädtchen lag zwei Grad südlich des Polarkreises, die Winter dort waren unerbittlich. Jedes Jahr im November gefror das nordpazifische Beringmeer, die Stadt wurde von Schnee und Eis eingeschlossen, See- und Landwege waren unpassierbar. Wer Nome im Oktober nicht verließ, musste sieben Monate mit vielen Stunden Dunkelheit, Temperaturen von minus 50 Grad und gefährlichen Schneestürmen überleben. Im Herbst legte das letzte Schiff ab, danach waren die Menschen von Nome auf sich allein gestellt.

Ein eiliges Telegramm nach Washington

Im Januar 1925 beunruhigte die Abgeschiedenheit vor allem Curtis Welch, den einzigen Arzt der Gegend. Zwei Kinder waren urplötzlich kurz hintereinander gestorben - dabei hatte Welch bei ihnen lediglich Fieber und eine Halsentzündung diagnostiziert. Bei einem weiteren Krankenbesuch starb ein drei Jahre alter Junge vor Welchs Augen. Dicke graue Wundstellen überzogen Nasen- und Rachenschleimhäute, seine Lippen waren lila angelaufen, der Mund voller Blut. Der Junge war grausam erstickt. Welch informierte sofort den Bürgermeister George Maynard: In Nome war die Diphterie ausgebrochen.

Die Krankheit ist höchstansteckend. Werden Atemwege und Herzmuskel stark angegriffen, erstickt man qualvoll oder erleidet einen Herzstillstand. Bei Kindern war die Sterberate in dieser Zeit besonders hoch. Curtis Welch musste handeln, sonst war die gesamte Stadt gefährdet. Das einzige Mittel, das die Diphtherie aufhalten konnte, war ein Gegengift, ein Antitoxin. Aber mit dem letzten Schiff war keines eingetroffen und das wenige Serum, das Welch vorrätig hatte, war schon sechs Jahre alt. Eilig telegrafierte Bürgermeister Maynard an den amerikanischen Kongress in Washington:

Schwere Diphtherie-Epidemie ausgebrochen STOP Kein frisches Antitoxin vorhanden STOP Bitte den Leiter des Gesundheitswesens ansprechen und eine Million Einheiten Antitoxin sofort nach Nome schicken...

Der Bürgermeister verhängte Quarantäne über Nome. Die Stadt, auf deren Straßen es jeden Winter gespenstisch still war, wirkte jetzt wie ausgestorben. Am 24. Januar 1925 zählte Doktor Welch 20 eindeutig Erkrankte und 50 Verdachtsfälle. Doch die nächsten Serumvorräte befanden sich Tausende Kilometer entfernt im Landesinneren. Es gab keine Straße, die nach Nome führte und selbst mit dem Schiff würde der Transport Wochen dauern. Flüge von 1000 Kilometern bei solch frostigen Temperaturen hatte 1925 noch kein Pilot überlebt. Die einzige Möglichkeit, das Antitoxin rechtzeitig nach Nome zu bringen, waren Hundeschlitten.

"Wettlauf nach Nome: Hunde gegen den Tod"

Hundeschlitten gehören zu den ältesten Transportmethoden des Nordens. Die zwischen zwei und vier Meter langen Holzschlitten wurden von bis zu 25 Hunden gezogen und transportierten Post, Waren und Menschen. In der rauen Schnee- und Eislandschaft waren die kälterobusten und treuen Tiere das einzig mögliche Transportmittel.

Die erste verfügbare Serumlieferung würde in wenigen Tagen mit dem Zug die Stadt Nenana im Herzen Alaskas erreichen. Die Bürger von Nome entwickelten einen Plan: Per Telegramm forderten sie die besten Hundeschlittenführer an, die in den Dörfern entlang der Strecke lebten. Sie sollten in Etappen das Serum von Nenana in Richtung Nome bringen, Fahrer aus Nome würden ihnen entgegen kommen. An Rasthäusern, den sogenannten Roadhouses, sollten die Männer aufeinander treffen und das neun Kilogramm schwere Paket an das nächste Gespann übergeben. Wenn jeder nur eine Teilstrecke fuhr, konnte die Lieferung Tag und Nacht unterwegs sein.

In kürzester Zeit verbreitete sich das Schicksal Nomes im ganzen Land. Zeitungen druckten die telegrafierten Hilferufe ab, das ganze Land bangte um das kleine Dorf am Beringmeer und seine mutigen Retter. "Wettlauf nach Nome: Hunde gegen den Tod", titelte die Zeitung "San Francisco Bulletin", Radiosprecher berichteten vom "Rennen gegen den Tod".

Das alles bekamen die Schlittenführer nicht mit. Die 1085 Kilometer wurden für die zwanzig Männer und ihre Hunde zum Alptraum. Die Temperatur fiel auf minus 52 Grad, ein eisiger Schneesturm peitschte erbarmungslos durch die von Schnee und Eis bedeckte Tundra. Viele Männer fuhren ihre Strecke blind und mussten sich auf den Orientierungssinn ihrer Hunde verlassen.

Bill Shannon, der das Serum in Nenana in Empfang genommen hatte, erlitt schwerste Erfrierungen. Seine Hunde hatten blutverschmierte Mäuler, als sie das Ende seiner Etappe erreichten. Die stechende Kälte hatte ihre Blutgefäße platzen lassen. Die 84 Kilometer, die Shannon zurückgelegt hatte, war er zeitweise neben seinem Schlitten her gerannt, um warm zu bleiben. Die Spuren der Erfrierungen entstellten Shannons Gesicht sein Leben lang.

"Verdammt guter Hund!"

Dem 22 Jahre alten Schlittenführer Charlie Evans kollabierten auf seiner Teilstrecke beide Leithunde. Evans legte sie in den Schlittenkorb und spannte sich anschließend selbst vorne in das Hundegeschirr, um die restlichen Tiere die verbleibenden Kilometer anzuführen. Als er am nächsten Roadhouse ankam, waren seine beiden Leithunde tot.

Leonhard Seppala, der Schlittenführer, der am 27. Januar mit 20 sibirischen Huskys aus Nome gestartet war, riskierte sein Leben, als er eine gefrorene Meerenge überquerte, auf der sich das Eis krachend und unberechenbar ineinander schob. Seppala fuhr die längste und gefährlichste Strecke.

Gunnar Kaasen, der mit seinem Gespann in eine Windhose geriet, verlor kurzzeitig das Serum, als sein Schlitten vom Wind umgeworfen wurde. Blind tastete er sich durch das Schneegestöber, bis er das Paket mit dem gut verpackten Serum wiederfand. Als er das Roadhouse erreichte, an dem die Übergabe stattfinden sollte, fand er den nächsten Fahrer schlafend vor. Er weckte ihn nicht, sondern entschied sich, mit seinen erschöpften Hunden die letzten 32 Kilometer mit dem Serum selbst zu fahren.

Nach einer Reise von fünfeinhalb Tagen und mehr als 1000 Kilometern durch Schnee und Eis erreichte das Serum am 2. Februar um halb sechs morgens Nome. Als Kaasen in die Stadt einfuhr, soll er als erstes benommen zu seinem Leithund Balto getorkelt sein und mit letzter Kraft die Worte: "Verdammt guter Hund!" gestammelt haben. Dann brach er erschöpft vor Balto zusammen.

Das Serum dämmte die Epidemie ein und rettete den Schwerkranken zunächst das Leben. Wenige Zeit später erreichte ein ausreichender Vorrat Antitoxin Alaska. Auch diese Lieferung gelangte am 15. Februar, zwei Wochen nach der ersten, mit einer Hundestaffel nach Nome und beendete die Epidemie ein für alle Mal. Die mutigen Retter und ihre treuen Hunde gingen als Helden in die Geschichte der USA ein.

Die Piloten, die mit einem Flugzeug versucht hatten, die Hälfte der zweiten Lieferung von Fairbanks nach Nome zu transportieren, hatten es nicht einmal in die Luft geschafft: Die Technik der zwanziger Jahre war zu anfällig für Temperaturen von 40 Grad unter dem Gefrierpunkt.

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1.
Jens Mährländer 16.11.2012
Nordische Schlittenhunde helfen dem Menschen seit Jahrtausenden dabei, in solch unwirtlichen Gegenden zu überleben. Was für armselige Qualzuchten in deutschen Einkaufsmeilen doch in Handtaschen durch die Gegend getragen werden. Hunde, die im Winter in Deutschland ein Mäntelchen beim Gassigehen benötigen, sollte man eigentlich nicht mehr züchten dürfen.
2.
daniel höhener 17.11.2012
spannend dürfte dieser artikel auch für leute sein, die impfungen für teufelszeug halten. weil dank der impfung die krankheit bei uns kaum mehr vorkommt, haben wir die angst davor leider verloren....
3.
Deter Roosu 17.11.2012
Lieber Mitforist, Sie haben offensichtlich von der Haltung dieser Schlittenhunde NULL Ahnung - es ging mir bis 2008 auch nicht besser. Damals waren wir auf einem norwegischen Campingplatz am Eismeer direkt neben einem Hundehalter. Da wir ein ganz passables Schwedisch sprechen, das in Nordnorwegen noch besser als im Süden verstanden wird, unterhielten wir uns lange und ausführlich mit der Besitzerin der Hunde. Eine Hündin war abgesondert, sie hatte gerade vier etwa drei Wochen alte Junge. Die anderen Hunde waren in einem großen Pferch. Jeder Hund hatte seine eigene Hütte - und war an einer etwa 1 bis 1,5 m langen Kette angelegt!! Da wäre in Deutschland in Nullkommanix der Tierschutz da! Kein Tier konnte ein anderes Tier erreichen. Die maximale Beweglichkeit reichte gerade dazu, dass sich die Hunde auf das Dach der eigenen Hütte legen konnten. Gefüttert wurde irgendein Trockenzeug, das jeder Hund in seinen gefüllten Wassernapf bekam. Ich fragte ganz vorsichtig (meine Formulierungen in der Fremsprache musste ich ganz dezent fassen), wie das mit der Haltung denn so sei. Uns wurde erklärt, dass die Hunde so gehalten werden müssten, damit sie dann, wenn sie gebraucht werden, sozusagen unbändig willig seien, um sich überhaupt bewegen zu können / dürfen. Anerkannt als Alpha-Tier dürfe nur der Hundeführer sein. Deswegen auch keine Kontakte zu anderen Hunden. Gerade einige Stunden zuvor sei der Führer mit etwa der Hälfte der Rotte schwimmen gewesen - ohne jede Leine! Die Tiere betrachten das irgendwie als "Belohnung" und folgen dem Führer freiwillig! Für den nächsten Tag sei der Rest des Rudels vorgesehen zum Schwimmen - so wurde es uns gesagt. Ich halte diese Art von Tiernutzung für eine hochgradige Quälerei - auch wenn sie "seit Jahrtausenden betrieben wird". Wie brutal der Mensch mit den Schlittenhunden besonders früher schon umging, können Sie aus den Berichten von Amundsen (Südpol) lesen. Da waren die Hunde von vornherein zuerst als Zugtiere und dann als Verpflegung für das immer kleiner werdende Rudel eingeplant - und es wurde auch so gehandhabt. Heute werden diese Tiere nur noch zur Unterhaltung der Touristen so quälend gehalten, die es "toll" finden, von diesen armen Kreaturen durchs winterliche Finnland oder Norwegen gezogen zu werden. Während der Besitzer der Hunde längst sich per Schnee-Scooter fortbewegt! Damals waren die Hunde überlebenswichtig - heute ist das anders! Dies nur zur Klarstellung - und im übrigen stimme ich Ihnen bezüglich Ihres Artikels durchaus zu mit den "Mäntelchen" usw. Schönen Abend noch!
4.
Jens Mährländer 17.11.2012
Lieber Mitforist, ich habe selbst Alaskan Malamutes, besuche des öfteren Schlittenhunderennen und bin mit etlichen "Mushern" bekannt. Eine derartige Haltung, wie Sie sie beschreiben, ist mir noch nir begegnet. Die Hunde eines Mushers liegen IMMER beieinander, wenn sie nicht gerade laufen. Der Kontakt zwischen den Tieren ist also stets gewährleistet. Sie haben mit einem Halter gesprochen und dessen Vorstellungen kritiklos als allgemeingültig übernommen. Nun behaupten Sie, ich hätte keine Ahnung? Na schönen Dank auch.
5.
Deter Roosu 19.11.2012
Lieber Mitforist! Es lag und liegt mir fern, Sie etwa beleidigen zu wollen. Dies erst mal zur Klarstellung. Vor nunmehr schon etlichen Jahren erschien im NGS der Bericht von bzw. über Uemura über die erste Nord-Süd-Querung Grönlands. Auch da wurden diese Praktiken beschrieben, allerdings mehr am Rande. So ist es z.B. äußert riskant, wenn eine Hündin im Rudel Junge bekommt. Die werden schneller von den übrigen Rudeltieren gefressen als man gucken kann! Uemura ließ die Hunde-Mami seinerzeit mit dem Wurf ausfliegen. Die Uemura-Expedition war ja ohnehin nicht zu vergleichen mit den früheren "echten" Expeditionen. Ich glaube, man muss hier unterscheiden zwischen "Hobby-Haltern" und echten Profis. Von der Logik her scheint mir die Auskunft der Norwegerin durchaus logisch zu sein - wenn ich das Tier als überlebensnotwendiges "Werkzeug" betrachte. Wir dürfen unsre "modernen" Maßstäbe nicht unbesehen auf die echte Wildnis übertragen. Von einer Nachbarin - sie ist ein regelrechter Finnland-Fan - ließ ich mir Ähnliches berichten. Sie wollte einmal eine Schlitentour machen, spricht ein wenig Finnisch, erkundigte sich vorher über die Haltungsbedingungen der Tiere. Und stornierte dann die Buchung! Irgendwie ist in dieser auch in meinen Augen ziemlich brutalen Haltung ja durchaus eine gewisse Logik vorhanden. Denn die Tiere sollen ja Kraft haben für den Einsatz. Nichts für ungut, aber da scheint es verschiedene Wahrheiten zu geben bei den Schlittenhunden. Einen schönen Sonntag noch! P.S.: Uemura war dieser Japaner, der immer neue Extrem-Unternehmungen durchführte. Seine letzte führte ihn in den bis heute nicht aufgeklärten Tod: Er verschwand, als er im Alleingang den Mount McKinley in Alaska besteigen wollte. Ähnliches von dem US-Amerikaner Steve Fosset, der ja auch auf seinem letzten (nach seinen Begriffen wohl völlig "harmlosen") Flug zunächst spurlos verschwunden war. Seine Leiche wurde ein Jahr später mehr oder minder zufällig gefunden.
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