Schmeling vs. Louis Jahrhundertkampf auf Schallfolie


Max Schmeling gegen Joe Louis 1936 in New York. Ein Jahrhundertkampf. Die Rundfunkreportage über den K.o.-Sieg des Deutschen galt lange als verschollen. Ralf Klee hat die komplette Aufzeichnung entdeckt. Ein einzigartiges Sportdokument - und ein Beispiel für die rassistische Nazi-Progaganda. Von Ralf Klee

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Öffnet man die blaue Pappschachtel, entdeckt man einen unscheinbaren Schatz: Eingebettet zwischen weichen Papierservietten liegen 28 Schallfolien. Der Geruch von muffigem Kunststoff durchzieht die Luft. Auf den halbdurchsichtigen Tonträgern befindet sich die komplette Reportage des Boxkampfes zwischen Joe Louis und Max Schmeling aus dem Jahr 1936. Eine Sensation, denn bisher waren nur Fragmente der Reportage überliefert. Das Deutsche Rundfunkarchiv spricht von einem "bemerkenswerten Fund".

Als die erste der durchnummerierten Folien von einem Tontechniker geschnitten wurde, klingelte in Millionen deutschen Schlafzimmern der Wecker. Es war der 19. Juni 1936, gegen drei Uhr morgens. Hatten die schlaftrunkenen Sportenthusiasten den Frequenzknopf richtig gedreht, meldete sich trotz atmosphärischer Störungen - es gab über dem Atlantik Gewitterfronten - die Stimme des deutschen Sprechers: "Es sind etwa 85.000 Menschen im Yankee-Stadium. Weit draußen in der 161. Straße, im Stadtteil Bronx liegt das Stadion. Dort, wo sonst die Baseballmannschaft der Yankees ihre tollen Kapriolen schießt und wo die Massen zu Zehntausenden herkommen, um dem amerikanischen Nationalsport zu huldigen, da ist heute der Ring zu einem der größten Boxkämpfe dieses Jahrhunderts aufgebaut."

Mit diesen Worten leitete Arno Hellmis einen der berühmtesten Boxkämpfe der Sportgeschichte ein. Das Ergebnis ist bekannt: Max Schmeling schlug Joe Louis nach zwölf Runden K.o. Eine legendäre Sportreportage - und wie die Schallfolien nun belegen, ein Beispiel für die politische Instrumentalisierung des Sports und der Medien.

"Max ist überlegen"

Der Sprecher Arno Hellmis, der auch für das NS-Zentralorgan "Völkischer Beobachter" journalistisch aktiv war, wurde von der "Reichsrundfunkgesellschaft" damals hauptsächlich für Boxsportübertragungen eingesetzt. Mit der Reportage aus New York erreichte er den Höhepunkt seiner Popularität. Kritische Distanz und Objektivität gehörten dabei nicht zu seinem Berufsethos. Wenn er internationale Kämpfe kommentierte, schienen Partei und Parteinahme durch das Flaschenmikrophon zu dringen: "Der Sprecher legt sich immer so auf Schmeling fest, warum macht er das eigentlich? (...) Es liegt wohl daran, dass wir eben nur diesen einen Schmeling haben und alle so grenzenlos stolz sind auf ihn. Wenn der Landsmann boxt, und besonders in Amerika, dann passt man halt nur auf ihn auf, und der Teufel soll die ganze sogenannte sportliche Objektivität holen und unseren berühmten deutschen Objektivitätsvogel", bekannte Hellmis 1938.

Auch beim ersten Schmeling-Louis-Kampf 1936 legte er sich auf den Landsmann fest, obwohl das bei Louis boxerischer Klasse ein Vabanquespiel war. Aus Schmeling wurde nun "Max", aus Louis "der Neger". Am Anfang war Hellmis in seinem Kommentar jedoch noch etwas zurückhaltender, da Volksgenosse Schmeling wiederholt Treffer einstecken musste: "Diese Linke ist böse, die der Neger da abschießt." Als Schmeling jedoch den ersten Ansturm seines Kontrahenten überstanden hatte, konnte Hellmis in der dritten Runde stolz erklären: "Schmeling liefert einen wundervollen Kampf. Respektiert den Neger nicht im Geringsten. Er ist wahrscheinlich der erste Schwergewichtler seit dem Aufstieg von Joe Louis, der ihm einen männlichen Kampf liefert."

Als Schmeling wenig später schwere Treffer landen konnte, überschlug sich die Stimme des Sprechers: "Louis taumelt! Max ist überlegen. Louis ist am Boden. Louis war am Boden, ist wieder auf, stellt sich. Max hat ihn angeknockt. Bravo Max! Bravo Max!" Der Gong rettete Louis damals vor einem früheren K.o. Danach schien Hellmis selber mitzukämpfen: "So ist es richtig Max! Immer schön auf Distanz gehen, sich auf nichts einlassen. Wir haben Zeit. Der Kampf dauert 15 Runden und Herrn Louis erwischen wir noch oft."

"Max fightet jetzt, wie er noch nie gefightet hat"

Später waberten neben der stereotypen Bezeichnung von Louis als "Neger" auch noch rassenideologische Kommentare durch: "Es gibt keinen Menschen mehr in diesem Stadion, der noch einen Pfifferling für Louis Sieg geben würde. Denn der Neger ist noch immer nicht ganz klar, seine Augen sind etwas verglast. Instinktmäßig, mit dem ganzen boxerischen Instinkt seiner Rasse geht er zwar in den Nahkampf, wenn Schmeling angreift. Aber er macht so viele Fehler, dass Max immer wieder die Rechte durch bekommt."

Die Botschaft: Louis Können lag nicht in einem besonderen Talent oder hartem Training begründet, sondern war "rassebedingt". Triumphierend nutzte der Sprecher den Kampfverlauf aus, als er in der sechsten Runde polterte: "Der schwarze Ulan vom Rhein (Schmelings Spitzname) ist da und zeigt den Amerikanern hier, wie man zu kämpfen versteht bei uns." Als der Kampf schließlich in seine dramatische Schlussphase ging, und Joe Louis von einem großartigen Max Schmeling niedergerungen wurde, kommentierte Hellmis: "Er wird buchstäblich zerschlagen, in Grund und Boden geschlagen, jetzt. Wer hätte das gedacht? Der überlegene braune Bomber, der hier keinen einzigen Schlag mehr anbringen kann, der in der neunten Runde von Schmeling behandelt wird, wie ein Schuljunge."

Das Ende des Kampfes und der Reportage sind Legende: "Max fightet jetzt, wie er noch nie gefightet hat. Kämpft buchstäblich bis zum Umfallen. Schlägt dem Neger zur Zeit die Seele aus dem Leibe. Der Neger geht zurück. Wackelt. Kann nicht mehr. Da geht... Ooh... Er ist angeknockt. Schmeling hat ihn zu Boden geschlagen. Er kommt nicht mehr hoch. Er kann nicht mehr hoch. Er schüttelt den Kopf. Er weiß, es geht nicht mehr. Aus-aus-aus-aus-aus-aus."

"Ein deutscher Sieg"

In Deutschland jubelte man, der "Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda" Joseph Goebbels notierte in seinem Tagebuch: "In der zwölften Runde schlägt Schmeling den Neger K.o. Wunderbar, ein dramatischer, erregender Kampf. Schmeling hat für Deutschland gefochten und gesiegt. Der Weiße über den Schwarzen, und der Weiße war ein Deutscher." Schmelings großer Sieg wurde nun nach allen Regeln der Propaganda ausgeschlachtet und instrumentalisiert. Hellmis Reportage wurde als Aufzeichnung im Rundfunk wiederholt, und auch ein Film wurde in kürzester Zeit in die Lichtspielhäuser gebracht. Der Titel "Max Schmelings Sieg - Ein deutscher Sieg" war Programm. Den Kommentar zu dem aus Trainings- und Kampfszenen zusammen geschnittenen Streifen sprach - wer sonst - Arno Hellmis.

Doch auch Teile der US-Medien verhielten sich unrühmlich: Aus Schmeling machte man den "nazi warrior", seine Beliebtheit in den USA sank. Der vertraglich zugesicherte WM-Kampf gegen den klasselosen Champion Jimmy Braddock kam nicht zustande. Man wollte keinen Repräsentanten Deutschlands als Weltmeister. Stattdessen musste Schmeling 1938 noch einmal in den USA gegen Louis antreten. Als er dort in der ersten Runde ausgeknockt wurde, ging auch Hellmis K.o. Verzweifelt krächzte er ins Mikrofon: "Steh´ auf, Max!" Ein bitterer Augenblick für Schmeling, der zuvor auf dem Weg in den Ring mit Aschenbechern, Bananenschalen und Trinkbechern beworfen worden war.

Eine Welt befand sich auf dem Weg in den Krieg. Hellmis, die "braune Stimme aus New York", wurde im folgenden Jahr Kriegsberichterstatter und als Mitglied einer Propagandakompanie 1940 in Frankreich getötet. Seine Reportage ist erhalten geblieben, ein Zeitdokument auf 28 Tonfolien.

Hören Sie:

Original-Ausschnitte aus der Rundfunkreportage von Arno Hellmis

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1.
Andreas Leineweber, 15.11.2007
Vielleicht muß ich hier was Provokatives und politisch Unkorrektes sagen, aber wenn das, was der Reporter gesagt hat repräsentativ für den Rassismus der Nazis gewesen ist, wäre er relativ harmlos gewesen (was er ja nicht war). Deshalb ist für mich diese Reportage kein besonders geeignetes geschichtspolitisches Lehrstück, zu dem es der Autor des Berichts versucht hat zu machen. Klar der Bericht ist latent rassistisch und heute würde man so ganz bestimmt nicht mehr berichten, und das ist auch gut so. Aber z. B. 1. Den Begriff Neger/Negro haben noch Martin Luther King und der Spiegel in den 60ern gebraucht. Das ist also nicht geeignet um den besonderen Rassismus herauszustellen. 2. Kritische Distanz wird auch heute nicht in jeder Sport-Reportage geübt. Habe ich nur nicht richtig gelesen oder sind auch andere dieser Meinung? (Habe mir nicht Originalreportage angehört, aber ich glaube der Autor hat sich schon die "besten" Stellen rausgesucht. Linksrechts
2.
Ralf Bülow, 16.11.2007
Es wäre schön, wenn man auch einmal eine Reportage von William Shirer hören könnte, der 1938ff. als CBS-Reporter in Berlin tätig war und live in die USA funkte (mit einem deutschen Aufpasser im Rundfunk-Studio). Wurde da je etwas aufgezeichnet?
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